August 19, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

Eine wirklich unspektakulĂ€re, aber interessante Kurzgeschichte: Da war ich neulich bei einer linken Institution – keine Namen, keine Strukturen! – weil ich erfuhr, dass sie ihre Bibliothek auflösen. Weil fĂŒr sie der Gebrauchswert ihrer gesammelten Werke im Vordergrund stand, wollten sie den Kram also an Interessierte weitergeben. Und da an dem Ort an dem ich aktuell etwas aktiv bin, BĂŒcher rumstehen, dachte ich, dort könnten noch ein paar mehr hinzugefĂŒgt werden. Nicht, dass in den letzten Monaten unter Pandemie-Bedingungen tatsĂ€chlich jemand etwas ausgeliehen hĂ€tte. Aber man weiß ja nie


In diesem Zusammenhang frage ich mich, ob ĂŒberhaupt noch viele BĂŒcher gelesen werden. Immerhin gibt es die sozialen Medien, welche aufgrund ihrer Bilder, Videos und Interaktionsmöglichkeiten einfach haptischer sind – und gleichzeitig doch nicht so haptisch, weil ein Buch in den HĂ€nden. Und dann gibt es ja auch noch die praktische mobile Musik: Wer heute in der Straßenbahn zur Arbeit sitzt oder auf einen Besuch in eine andere Stadt fĂ€hrt, klinkt sich dann doch gerne mal mit dem mp3-player bzw. smartphone aus. Naheliegend und verstĂ€ndlich. Doch auch das geht zu Lasten der Zeit zum BĂŒcherlesen.

Dennoch werden es offensichtlich nicht weniger BĂŒcher in der Summe. Der Literaturmarkt verweist auf Gegenteiliges: Zwar haben es kleine Verlage schwerer und schwerer. Dass der BĂŒcherverkauf stagniert kann hingegen wirklich nicht behauptet werden. Menschen haben BĂŒcher – auch wenn sie des Öfteren schneller an BĂŒcher kommen, als sie Zeit haben, diese dann auch zu lesen. Man hat sie sicherlich auch als Prestigeobjekte – und dahingehend gibt es eigentlich keine großen Unterschiede zu frĂŒheren Jahrzehnten. Die Antwort ist vermutlich, dass weniger Menschen mehr lesen. Also, dass die Anzahl der BĂŒcherlesenden schrittweise rĂŒcklĂ€ufig ist, diese jedoch im Durchschnitt einen höheren BĂŒcherkonsum haben, als in frĂŒheren Zeiten.

Ich meine, ein gutes Buch kann niemand verwehren – aber da schließe ich natĂŒrlich von mir auf andere, erstens mit dieser Aussage ĂŒberhaupt und zweitens dann mit der Definition, was ich als „gut“ und lesenswert ansehe. Ich habe wenige richtig schlechte BĂŒcher gelesen. Wenn ein Buch schlecht war, dann legte ich es nach den ersten zehn bis dreißig Seiten weg. Allerdings gibt es einen kritischen Punkt bei der HĂ€lfte oder sogar noch kurz vor der HĂ€lfte. Wenn ich diesen ĂŒberschritten habe, packt mich die Wut und ich will das Buch zu Ende lesen. Vielleicht wegen der Hoffnung, dass es doch noch besser werden muss. Vielleicht wegen dem Ärger ĂŒber die verschwendete Zeit, die ich dann zur Strafe voll machen und also zu Ende lesen muss. Vielleicht aber auch, weil das Buch sonst wie ein angebissener Apfel wirkt, der im Fensterbrett steht und sonst anfĂ€ngt zu schimmeln. Das sind alles dumme GrĂŒnde, aber so ist es nun einmal.

In Bibliotheken hingegen vergeht mir dann manchmal erst mal die Lust zu lesen. Ich mag Bibliotheken meistens als Ort, weil es da in der Regel ruhig und man theoretisch mit den dort lĂ€nger Anwesenden interessante GesprĂ€che fĂŒhren könnte. Könnte. Das stelle ich mir wenigstens vor, was nicht heißt, dass es so ist. Und wenn es so wĂ€re, dass es sich ergibt. Möglicherweise ist es auch umgekehrt so, dass ich aus bestimmten GrĂŒnden eine gute Zeit in Bibliotheken zugebracht habe und mir auf diese Weise rĂŒckwirkend schönreden möchte, was ich dort getan habe, wĂ€hrend andere auf Weltreisen waren, das Leben genossen, Drogen nahmen, Sport trieben oder Freundschaften pflegten. Sich intensiv mit BĂŒchern abzugeben und Bibliotheken aufzusuchen schwankt zwischen Selbstkasteiung und Lustgewinn. Man versagt sich die Welt, um sich eine neue zu erschließen – und manchmal sogar ein StĂŒck zu erschaffen. Das kann sehr aufregend sein. Zumindest seit ich – juristisch betrachtet – erwachsen war, war es fĂŒr immer aufregender, als etwa Computer zu spielen.

Doch eigentlich wollte ich von der besagten Bibliothek berichten, die aufgelöst wurde. Leider muss ich zugeben, dass ich etwas enttĂ€uscht war, was die Beute betraf. Ich hatte mir ein Limit gesetzt und am Ende wohl auch zweieinhalb Stunden dort zugebracht. Zur Geschichte sozialer Bewegungen war da nicht viel zu finden. Die alten DDR-BestĂ€nde waren hingegen gut gefĂŒllt. Ein Pamphlet in dem die Neue Linke in der Linie der ML-Doktrin kritisiert wurde, nahm ich mal mit. Schadet ja nicht zu wissen, was die „Argumente“ dieser verblendeten Propagandisten waren in den Siebzigern. Und dann halt noch wenige BĂŒcher privat, deren Titel ich kannte und in die ich thematisch ohnehin mal rein schauen wollte. Aber Gesamtausgabe von Gramscis GefĂ€ngnisheften beispielsweise ließ ich dann einfach stehen.

Kann man aber auch haben. So besitzen, meine ich. Stelle ich mir auch schön vor, in einem Regel zu Hause zu besitzen und mit einem Glas Wein in der Hand mir mal einen Band davon heraus zu ziehen. Aber da ich kein Zuhause habe und es scheinbar noch eine gute Weile dauern wird, bis ich eines finden werde auf dieser Welt, setze ich derlei Vorstellungen eben nicht in die Tat um. Daher wird es sicherlich Leute geben, welche besser mit der Gramsci-Reihe ausgestattet werden sollten. Das trifft dann auch auf die ganze DDR-Philosophie zu. Vieles davon ist einfach tatsĂ€chlich vollkommen veraltet. Klar verwerfe ich auch den ideologischen Standpunkt dahinter, aber darĂŒber hinaus gibt es in diesen Linien einfach auch Weiterentwicklungen. Und wissenssoziologisch gehe ich nun nicht unbedingt an Themen heran, um bestimmte Diskurse etc. nachzuzeichnen.

SelbstverstĂ€ndlich waren auch einige FundstĂŒcke dabei, die ich tatsĂ€chlich ganz schön fand, aber bei denen ich mich letztendlich dagegen entschied, sie mitzunehmen. So etwa ein schwerer Band zur Geschichte der Arbeiter*innenbewegung von Chemnitz. Das Thema anhand eines bestimmten Ortes aufzubereiten und diesen als Paradigma zu diskutieren ist doch eine gelungene Herangehensweise. Aber es ist eben nicht mein Thema – und wird es in absehbarer Zeit auch nicht. An den Ort, fĂŒr den ich mich beauftragt habe, auf die Suche zu gehen, wĂŒrde das wohl niemand lesen. Also was soll ich zu hamstern anfangen? Wenn ich gewusst hĂ€tte, das morgen alles im Container landet, hĂ€tte ich das zweifellos getan. Aus Prinzip hĂ€tte ich mir so einiges unter den Nagel gerissen, was mir irgendwie verwertbar erschienen wĂ€re. Vielleicht sogar einfach online verkaufbar – denn dann hĂ€tten die BĂŒcher mit grĂ¶ĂŸerer Wahrscheinlichkeit immer noch ihre Wege zu potenziell Interessieren gefunden.

Und das fĂŒhrt mich dann zum Kern dieser ErzĂ€hlung: Als ich dort stand, in diesem Raum, mit seinen zusammengestellten drei Tischen in der Mitte und den vier WĂ€nden voller Regale wurde mir einmal wieder bewusst, wie die Zeit vergeht und welche Zeitspanne ich selbst miterlebe und mitgestalte. Oder auch nicht. Da waren Menschen vor mir – ihr Wissen und ihre Erfahrungen, zum Teil die Art, wie sie waren, ist aufgespeichert in Medien, manchmal auf Papierseiten. Darin sind ihre Gedanken formuliert. Und die meisten von ihnen – vor allem der Autor*innen in diesem Raum -, sind seit einer ganzen Weile tot. Was von ihn blieb sind diese BĂŒcher. Sicherlich nicht allein, aber als greifbarer Ausdruck und auch öffentlicher Beitrag, schon.

Man kann sie aus dem Regal ziehen und ihre Formulierungen nachvollziehen, lesen, was Menschen vor uns gedacht und getan haben, wie sie gedacht, warum und auf welche Weise sie etwas getan haben. Und also muss man das Rad nicht dauernd neu erfinden, sondern kann sich auch Rat bei Menschen holen, die zeitlich oder geografisch nicht am eigenen Standpunkt sind. Das ist sehr praktisch. Und gleichzeitig frage ich mich dann aber auch, warum gewisse Vorstellungen so lange bestehen konnten und nicht umgestĂŒrzt wurden. Das denke ich bei den ML-Doktrinen beispielsweise, die teilweise hanebĂŒchenen Quatsch darstellen, der völlig unfruchtbar ist, da in einem hermetisch abgeschlossenen Weltbild entwickelt wird, in welchem abweichende Ansichten bestraft werden.

Und so vergeht die Geschichte, insbesondere auch die linke Geschichte. In besagter Bibliothek sieht man am Bestand, dass es eine BeschĂ€ftigung mit dem Scheitern gegeben haben muss und dies auch aus verschiedenen Perspektiven. Warum ging die DDR nieder? Warum gab es eine stalinistische Konterrevolution? Warum schlug die Sozialdemokratie einen reformistischen Kurs ein, durch den sie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zum Staat im Staate wurde? Über die Alternativen hingegen war wenig zu finden: Der Anarchismus kam praktisch nicht vor, wurde totgeschwiegen. Die kritische Theorie offenbar auch wenig beachtet. Von feministischen und ökologischen Themen gab es kaum Spuren. Letztendlich hatte ich es doch mit einer Grabkammer zu tun, wurde mir da klar. Darin saß ein vergreister, verzweifelter Mensch, der sich an bessere Zeiten erinnerte, der sein Scheitern begriffen hatte, sich aber immer noch krampfhaft mit den Ursachen der Niederlage beschĂ€ftigen musste. Der aber zu alt war, um neu aufzubrechen, auszubrechen und einen Neuanfang zu wagen


SelbstverstĂ€ndlich hat es diese NeuanfĂ€nge gegeben und es gibt sie immer noch. Menschen bewegen sich, sind fĂŒr die Emanzipation engagiert, gestalten ihre Leben ihren eigenen AnsprĂŒchen entsprechend, wirken politisch, wirken in ihrem Umfeld. Sie machen Geschichte. Und sie bilden sich auch. Die besagte Bibliothek war nicht reprĂ€sentativ. Die Menschen in der Institution hatten viele updates mitgemacht – nicht nur theoretische und inhaltliche, sondern solche aufgrund ihrer Erfahrungen in der Gesellschaft, in welcher sie leben. So ist die Bibliotheksauflösung dennoch Zeichen der Zerstreuung einer Tradition. Die Historiker*innen werden die Werke noch in den Archiven der staatlichen Bibliotheken aufspĂŒren können. Hier aber trennt sich eine linke Institution von ihrer Vergangenheit. Beziehungsweise macht sie die vollzogene Trennung deutlich, bekennt sich gewissermaßen zu ihr. Und das mag nicht das Schlechteste sein.




Quelle: Paradox-a.de