Januar 28, 2022
Von Graswurzel Revolution
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Daniel de Roulet: Zehn unbekĂŒmmerte Anarchistinnen. Roman. Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle, Limmat Verlag, ZĂŒrich 2018, 182 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-85791-839-1

Der neue Roman von Daniel de Roulet, einem Autor aus der französischsprachigen Schweiz, erinnert an die europĂ€ischen AuswanderInnen Mitte des 19. Jahrhunderts: “Zehn unbekĂŒmmerte Anarchistinnen”.

Es geht um den Mut der Frauen, um die Verzweiflung aber auch die Hoffnungen und die Lust, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.

In zehn Kapiteln werden die Abenteuer und der “Existenzkampf in der Fremde” von acht Frauen samt Kindern erzĂ€hlt. Sie wanderten auf den Spuren von zwei Frauen, die sich zuvor sauf den Weg nach (SĂŒd-)Amerika machten, um dort ein neues Leben aufzubauen, welches glĂŒcklicher und reicher sein sollte als jenes arbeitsreiche und mĂŒhevolle Leben im Schweizer Jura. Dieses neue Leben sollte aber auch anarchistisches Leben sein.

Daniel de Roulet, geboren 1944 in Genf, gehört in den frĂŒhen 1980er Jahren zum Umkreis der ZĂŒrcher HausbesetzerInnenszene und beginnt seine schriftstellerische Karriere u.a. mit P.M. und Thomas Geiger im Umfeld des Paranoia City Buchladen und Verlags. Nachdem er als Architekt und Informatiker gearbeitet hat, ist er seit 1997 als freier Schriftsteller tĂ€tig. In seinen Romanen und Essays, die in Frankreich und der französischen Schweiz wesentlich bekannter sind als im deutschen Sprachraum, ist eine gewisse libertĂ€re Grundhaltung erkennbar.

Als historisches Datum setzt de Roulet 1872, als Bakunin, Malatesta u.a. in St. Imier VortrĂ€ge hielten, die auch unsere Roman-Heldinnen besuchten. Malatesta, der hier als “Benjamin” auftritt, begleitet die Frauen durch Briefkontakt auf ihrer Auswanderung nach Patagonien, einem anarchistischen Experiment auf der Robinson Crusoe-Insel, ĂŒber Tahiti zurĂŒck nach Argentinien, bzw. Buenos Aires. Mit allen Höhen und Tiefen dieses jahrzehntelangen Umherwanderns, wo Kinder geboren werden und andere sterben, mit wechselnden Begleitern und immer auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben, der “Liquidation der patriarchalen Gesellschaft” nach “Liebe und ein bisschen Anarchie”.

Interessant sind fĂŒr mich die Parallelen zur heutigen Zeit mit ihren sogenannten “WirtschaftsflĂŒchtlingen”. GrĂŒnde fĂŒr AuswanderInnen damals waren nicht nur politisch oder religiös, sondern vor allem auch die Suche nach einem anderen Leben, welches in der Fremde versprochen wurde. Oder: Eine Witwe mit zwei Kinder, die durch die Gemeinde unterstĂŒtzt wurde, sollte ausreisen und nie wieder kommen. Die Gemeinde fand es einfacher der Frau und ihren Kindern eine Passage nach SĂŒdamerika zu bezahlen, als ein Leben lang zu finanzieren – Abschiebung mal anders.

Der Roman ist ein Dokument, geschrieben aus der Perspektive der Protagonistin Valentine Grimm und geprĂ€gt durch einfache Schilderungen der Ereignisse. Schnörkellos geht es um Liebe, Sehnsucht und Anarchie. Jahrzehnte des Existenzkampfes werden auf relativ wenigen Seiten im Parforceritt abgehandelt. An manchen Stellen irritierte es mich, dass de Roulet aus der Sicht einer Frau schrieb, und nicht etwa aus der Sicht eines der mĂ€nnlichen Kinder, die die “unbekĂŒmmerten Frauen” begleiteten. Aber alles in allem ist es ein kurzweiliger Roman ĂŒber die Suche nach der Anarchie, einer Freiheit fĂŒr alle und dem Wunsch nach schöneren Kleidern. Das sollte kein Widerspruch sein.

ZurĂŒck bleibt ein GefĂŒhl vom Mut der selbstbewussten Frauen, die nichts zu verlieren, aber reichlich zu gewinnen hatten.




Quelle: Graswurzel.net