Juni 1, 2022
Von Contraste
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Vor zwei Jahren kam mir eine alte Bekannte auf dem Fahrradweg entgegen und erzĂ€hlte mir, dass sie jetzt einen wirklich einfĂŒhlsamen und liebevollen Freund gefunden habe, der sie bald zu sich nach Florida holen wĂŒrde. Er sei ein bekannter amerikanischen Filmschauspieler, der sie erst persönlich kennenlernen möchte, wenn sie finanziell abgesichert sei. Deswegen habe er sie in einer amerikanischen KĂŒnstlerkasse angemeldet, die Geld von ihren Mitglieder sammelt, an BedĂŒrftige von ihnen weitergibt und ihr bald einen Scheck ĂŒber 50.000 Dollar zurĂŒck ĂŒberweisen werde.

Unsere Kolumne: Blick vom MaulwurfshĂŒgel
Illustration: Eva Sempere

Seitdem traf ich sie öfter – der »Freund« war noch immer nicht gekommen, aber sie hatte immer wieder Geld in Form von Geschenkgutscheinen ĂŒberwiesen. FĂŒr mich stand fest, dass sie das Opfer eines Love-Scamming-Rings geworden war. Solche BetrĂŒgerringe sind der Polizei bekannt. Sie arbeiten als kleine professionelle Teams meist von West-Afrika aus, benutzen Fotos aus dem Internet, um mit einer fingierten IdentitĂ€t dort Kontakte zu finden. Wenn sie eine vertrauliche, liebevolle Beziehung aufgebaut haben, bringen sie ihre Opfer dazu, mehr oder weniger große Geldsummen zu ĂŒberweisen. Das Versprechen neben der Liebesbeziehung ist die RĂŒckzahlung einer grĂ¶ĂŸeren Geldsumme, die dem Opfer ein gutes GeschĂ€ft verspricht.

Die enge Verbindung von Geld und Emotionen kennen wir aus der Werbung. Beim Love-Scamming kommt noch die persönliche Bindung und das großartige Geldversprechen hinzu. Die vorprogrammierte EnttĂ€uschung ist damit besonders schmerzhaft. Die Scham, in seinen intimsten BedĂŒrfnissen und Fantasien betrogen worden und auf das Geldversprechen hereingefallen zu sein, hĂ€lt die Opfer jahrelang in fast unauflösbarer AbhĂ€ngigkeit, aus der sie sich »von außen« nicht befreien lassen wollen.

Heiratsschwindel ist sicher kein modernes PhĂ€nomen. Neu ist allerdings die brutale Ausnutzung der modernen SehnsĂŒchte der Menschen. Durch den vorgetĂ€uschten intensiven Kontakt erleben die Opfer Resonanz (Hartmut Rosa). Sie glauben, echte Liebe und Dankbarkeit zu spĂŒren und fĂŒr jemanden ganz wichtig zu sein. Jede hart abgesparte Geldsumme hindert sie dann zusĂ€tzlich daran, den Betrug fĂŒr sich zu erkennen und einzugestehen. Die Verbindung von Liebe und Geld ist so stark, dass die BetrĂŒger*innen sich auch die unwahrscheinlichsten Versprechen erlauben können.

Dass ein bekannter amerikanischer Filmschauspieler und MillionĂ€r gerade eine unbekannte Frau aus Deutschland zu seiner fernen Geliebten auserkoren hat: Eine solch absurde Liebesgeschichte wĂ€re fĂŒr die Menschen in vormoderner Zeit nur als MĂ€rchen vorstellbar gewesen. Erst der moderne narzisstische GrĂ¶ĂŸenwahn erlaubt es Menschen, sich in der Fantasie so weit von ihren realen Erfahrungen wegzubewegen.

Immer wieder versuchte ich meine Bekannte auf den Betrug hinzuweisen, gab ihr polizeiliche Empfehlungen und Erfahrungsberichte. Aber sie antwortete stets: »Ich bin sicher, dass mein Freund mich nicht im Stich lĂ€sst. Er kĂ€mpft dafĂŒr, dass ich mein Geld bekomme und er mich dann persönlich kennenlernen kann.«

Uli Frank




Quelle: Contraste.org