September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Liebe Leser*innen,
Am 15. Juli trafen sich in WrocƂaw zwei LiteraturnobelpreistrĂ€gerinnen: Swetlana Alexijewitsch und Olga Tokarczuk. Das Treffen trug den Titel „Protest“ vor dem Hintergrund der Demonstrationen gegen Lukaschenkos Regime in Belarus und der Massenproteste gegen die VerschĂ€rfung des Abtreibungsgesetzes in Polen. Außer ĂŒber Literatur sprachen die beiden u. a. ĂŒber die Rolle der Frauen in den beiden LĂ€ndern und die damit einhergehenden Herausforderungen. Die in Berlin lebende Alexijewitsch, die aktuell an einem Buch ĂŒber die Bewegung der „weißen Tage von Minsk“ arbeitet, betonte die Bedeutung des gewaltfreien Widerstands, der von Frauen in Belarus als Protestform gewĂ€hlt wurde. Sie ergĂ€nzte, dass wir im 21. Jahrhundert andere Widerstandsformen brauchen. Tokarczuk stimmte ihr zu: „Es gibt keine Demokratie ohne das Recht auf Protest; inzwischen habe ich den Eindruck, dass viele Formen des Protests ĂŒberholt sind (
). (W)ir sollten die Frage beantworten, welche neuen Formen des Protests im 21. Jahrhundert erfunden werden können, was wir tun können, damit es kein Blutvergießen gibt, aber es effektiv ist, damit die Menschen nicht riskieren, ins GefĂ€ngnis zu gehen, damit sie nicht ihr ganzes Leben riskieren mĂŒssen“.
In Bezug auf die Covid-19-Pandemie fĂŒhrte Alexijewitsch aus: „Es ist notwendig, so schnell wie möglich die Philosophie der neuen Zeit zu definieren. (
) (W)ir mĂŒssen unser GefĂŒhl, uns selbst in der Welt neu erschaffen. Plötzlich stellten wir fest, dass nicht wir groß sind, sondern eine Mikrobe, die mĂ€chtiger ist als jede Armee. Wir haben vor der Pandemie in einer solchen kulturellen Arroganz gelebt; dieses Bild der Welt vor der Pandemie ist bereits zerrĂŒttet, zerstört. Dieses GefĂŒhl hatte ich zum ersten Mal in Tschernobyl, als man nicht mehr in den Fluss konnte, keine Blume pflĂŒcken konnte, keinen Apfel pflĂŒcken konnte – scheinbar ist diese Welt noch dieselbe, und doch ist sie ganz anders.“

Realistische Dystopie?

Um ihr eigenes Leben und fĂŒr eine nicht im Blut ertrinkende Welt kĂ€mpfen auch die Menschen in Afghanistan, das von den religiösen Fanatikern der Taliban ĂŒbernommen wurde. In den kommenden Monaten werden Tausende von Menschen ihr Leben verlieren durch die Hinrichtungen und SĂ€uberungen des neuen Taliban-Regimes. Hunderttausende versuchen, aus dem Land zu fliehen, der Rest wird dem Terror unterworfen. Wie immer werden Frauen den höchsten Preis bezahlen mĂŒssen: Versklavung, Unterwerfung, Bevormundung und Gewalt. Ein feuchter Traum mancher katholischer Fundamentalisten und Rechts-Konservativer aus Europa wird in Afghanistan zur RealitĂ€t. UnwillkĂŒrlich fĂŒhlen wir uns an Margaret Atwoods dystopischen Roman The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd) erinnert.

Rechtzeitige Warnung?

Man kann sagen, dass wir ohnehin schon in einer dystopischen Welt leben. Klimakrise und Kriege, befeuert vom neoliberalen Kapitalismus, zerstören das Leben von Millionen von Menschen. Haben die Kollapsolog*innen recht, wenn sie mögliche Szenarien fĂŒr das dĂŒstere Ende ausmalen? Bleibt noch genug Zeit, um unsere libertĂ€re Utopie zu verwirklichen? Wie könnte ein utopisches Zusammenleben im Einklang mit der Natur aussehen? Und schließlich: Warum brauchen wir ĂŒberhaupt Utopien und Dystopien? Auf diese Fragen antworten in dieser Ausgabe der Graswurzelrevolution u. a. Kerstin Wilhelms, Elisabeth Voß, Jochen Knoblauch, Daniel Korth und Lou Marin. Der Schwerpunkt zu „Utopie und Dystopie“ wird in der Kolumne „Stichworte zum Anarchismus“ und in den Buchbesprechungen weitergefĂŒhrt. Auch der Artikel von Lisa Knoke fĂŒgt sich hier ein, da sie die ZusammenhĂ€nge von Pandemie und Tierindustrie beschreibt.
Steff Brenner berichtet ĂŒber seine Teilnahme an der Friedensdelegation #Delegation4Peace in der Autonomen Region Kurdistan. In seiner Reportage schreibt er ĂŒber die Reise nach Irakisch-Kurdistan, die EindrĂŒcke vor Ort sowie ĂŒber die Repression, die die Delegationsteilnehmer*innen bei ihrer RĂŒckkehr nach Deutschland erfahren haben. Auch hier treffen utopische AnsĂ€tze einer kommunalistischen Politik auf eine dystopisch anmutende repressive und von MilitĂ€r geprĂ€gte RealitĂ€t.

In dieser Ausgabe der Graswurzelrevolution findet ihr des Weiteren einen Artikel zur Situation in Chile von Stephan Ruderer, der vor Ort lebt. Die internationale Rubrik wird um die Artikel ĂŒber die sozialen Bewegungen in Griechenland und Belarus ergĂ€nzt. Das erste Mal in der GWR veröffentlichen wir einen ausfĂŒhrlichen Artikel ĂŒber Fußball (sic!). In seinem Text beschreibt Jacek Drozda die Bedeutung der EM 2020 angesichts der andauernden Covid-19-Pandemie aus kapitalismuskritischer Perspektive. In diesem Kontext setzt er sich auch mit der Geschichte des Fußballs als beliebter Sportart der Arbeiter*innenklasse auseinander. Die Zeitschrift Gǎi DĂ o, das Presseorgan der Anarchistischen Föderation, wird nach 10 Jahren eingestellt. In zwei Artikeln wird nicht nur an die Entstehung, Redaktionsarbeit und Herausforderungen erinnert, sondern auch die Bedeutung und Reichweite von Gǎi DĂ o fĂŒr die anarchistische Szene reflektiert. Wir wĂŒnschen Euch viel Spaß beim Lesen!

Wir bedanken uns herzlich bei der bisherigen Redaktion fĂŒr ihre hervorragende Arbeit in der Übergangsphase. Wir wĂŒnschen Daniel alles Gute und neue spannende Herausforderungen! Danke fĂŒr deine unermĂŒdliche UnterstĂŒtzung, phantasievolle BodenstĂ€ndigkeit, ansteckende Gelassenheit und deinen undogmatischen Sinn fĂŒr Humor 😉

Monika und Silke fĂŒr die
Redaktion der Graswurzelrevolution

P. S.:
An dieser Stelle wollen wir noch auf den 40. Jahrestag einer gewaltfreien Massenbewegung hinweisen, die versuchte, eine Utopie praktisch werden zu lassen: Ab SpĂ€tsommer 1981 verliehen Zehntausende Frauen rund um das Greenham Common WomenÊŒs Peace Camp ihrer Vision einer friedlichen Welt und eines solidarischen Miteinanders mit zahlreichen ProtestmĂ€rschen gegen Krieg und AufrĂŒstung und mit Blockaden von MilitĂ€reinrichtungen Ausdruck. Damit inspirierten sie die gewaltfreie Bewegungen und Friedensinitiativen weltweit. Wir sagen an dieser Stelle: Happy Anniversary, Greenham Common WomenÊŒs Peace Camp!




Quelle: Graswurzel.net