September 21, 2021
Von Contraste
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Seit Anfang des Jahres ist in Österreich das Thema Lobau-Autobahn wieder hochaktuell. Ein »Hainburg 2.0« steht im Raum, der Begriff verweist auf die erfolgreiche Besetzung der Hainburger Au Mitte der Achtzigerjahre, die Geburtsstunde der österreichischen Umweltbewegung.

#lobaubleibt

Damals demonstrierten tausende Menschen trotz winterlicher KĂ€lte fĂŒr den Erhalt einzigartiger Natur, die durch den Bau des Donaukraftwerks Hainburg zerstört worden wĂ€re. Auch die Auseinandersetzung rund um die Lobau-Autobahn ist nicht neu: Seit ungefĂ€hr 20 Jahren kĂ€mpfen UmweltschĂŒtzer*innen gegen den Bau der 19 Kilometer langen Nordost-Umfahrung von Wien, die als Teil des transeuropĂ€ischen Straßennetzes den Schwer- und Fernverkehr von Gdansk an der Ostsee bis nach Wien bringen soll. Ein acht Kilometer langer Tunnel soll durch den breitesten Abschnitt des Nationalparks Donau-Auen, die »Lobau«, fĂŒhren. Bei dem Protest gegen die Lobau-Autobahn geht es aber lĂ€ngst nicht mehr nur um 19 km Asphalt, es geht um den Kampf fĂŒr Klimagerechtigkeit auf unserem Planeten, die Notwendigkeit einer solidarischen Weltgemeinschaft und die Tatsache, dass veraltete Infrastrukturkonzepte einem klimagerechten Wertewandel gegenĂŒberstehen.

Naturschutzgebiet Lobau – aktueller Stand

Die Lobau ist eines der schönsten Naherholungsgebiete Wiens. Sie gehört zu den letzten intakten Augebieten Europas. Der Nationalpark Donau-Auen, zu dem die Lobau gehört, beheimatet mehr als 30 SĂ€ugetier- und 100 Brutvogelarten, acht Reptilien- und 13 Amphibienarten, rund 60 Fischarten und 800 Pflanzenarten. Die Lobau ist ein Naturjuwel mitten in einer Millionenstadt und trĂ€gt dazu bei, dass diese eine der lebenswertesten GroßstĂ€dte der Welt ist.

Da die Lobau-Autobahn zur Zeit vom Umweltministerium unter Leonore Gewessler durch eine Klimaschutz-VertrĂ€glichkeitsprĂŒfung evaluiert wird, liegt das Vorhaben vorerst auf Eis. Ein Ergebnis wird diesen Herbst erwartet. Trotz der laufenden Evaluierung hat die Stadt Wien bereits an mehreren Stellen mit dem Bau der zum Gesamtprojekt gehörenden Stadtstraße begonnen, die ohne die Lobau-Autobahn keinen Sinn ergibt. Aktivist*innen von Extinction Rebellion und anderen Klimabewegungen werfen Wiens BĂŒrgermeister Michael Ludwig vor, er wolle damit Tatsachen schaffen und so den Druck auf das Umweltministerium erhöhen.

Die Autobahn und Schnellstraßen Finanzierungs Aktien Gesellschaft ASFiNAG und die Stadt Wien behaupten, trotz gegenteiliger Expert*innenmeinungen, dass die Wiener Lobau-Autobahn zu einer Verkehrs­entlastung der parallel liegenden Autobahn »SĂŒdosttangente«, des Marchfeldes, sowie des Bezirks Donaustadt fĂŒhre. Außerdem sei sie eine wichtige Anbindung an die schnell wachsenden Bezirke jenseits der Donau, sowie des nordöstlichen Umfelds von Wien.

Alle fĂŒr die Lobau: Aktivist*innen organisieren seit Anfang des Jahres vermehrt Demonstrationen und unangemeldete Aktionen, um einen Autobahnbau durch das Augebiet zu verhindern. Fotos: #lobaubleibt

Gemeinsamer Protest

Seit Anfang des Jahres finden vermehrt Demonstrationen und unangemeldete Versammlungen in Wien gegen dieses »rĂŒckwĂ€rtsgerichtete Monsterprojekt«, wie es der Naturschutzbund Österreich nennt, statt. Unter dem Motto »Alle fĂŒr die Lobau« bildet sich erstmals in Österreich eine Allianz mehrerer Umweltbewegungen, darunter Fridays For Future, Extinction Rebellion, System Change Not Climate Change, Greenpeace, der Jugendrat, sowie BĂŒrger*innen­initiativen wie »Rettet die Lobau« und »Hirschstetten Retten« und vielen weiteren Kleingruppen. Ihre Forderung ist klar: Die Lobau-Autobahn ist mit Österreichs Klimazielen unvereinbar und darf nicht gebaut werden!

Durch die Lobau-Autobahn wĂŒrden sich die CO2-Emissionen im Raum um Wien um 105.000 Tonnen CO2-Äquivalente jĂ€hrlich steigern, die Wiener Trinkwasserreserven in der Lobau könnten gefĂ€hrdet werden, und es wĂŒrde noch mehr Transit- und Schwerverkehr durch Österreich ziehen. Außerdem wĂŒrden alte Ortsteile und Nachbarschaften zerschnitten werden und hochwertige landwirtschaftliche FlĂ€chen wĂŒrden durch die Bodenversiegelung fĂŒr immer verloren gehen. Auf dem Spiel steht der Erhalt des ökologischen Gleichgewichts im Naturschutzgebiet Donau-Auen, denn der Tunnel wirkt wie ein unterirdischer Staudamm. Dieser wĂŒrde auf der einen Seite zum Aufstauen des Grundwassers fĂŒhren, auf der anderen zum Austrocknen.

Neben den Folgen fĂŒr Natur und Umwelt sehen KlimaschĂŒtzer*innen in der Lobau-Autobahn ein Milliardengrab. Laut der ASFiNAG, die den Bau koordiniert, belaufen sich die Projektkosten auf 1,9 Milliarden Euro. Andere SchĂ€tzungen gehen von mindestens vier Milliarden aus. Dieses Geld könnte man wesentlich effizienter nutzen, indem man klima­freundliche MobilitĂ€t fördert, insbesondere in den Wiener Randgebieten, um wirkliche MobilitĂ€tslösungen fĂŒr Pendler*innen zu ermöglichen.

Wird gebaut, wird besetzt

Mit dem Bau der Lobau-Autobahn stellt sich BĂŒrgermeister Michael Ludwig klar gegen die Klimagerechtigkeitsbewegung und das Forum Wissenschaft und Umwelt in Österreich. Sie hoffen, dass er seine Meinung noch Ă€ndert und das Projekt endgĂŒltig ad acta legt. Sollte er dies nicht tun, riskiert er ein zweites Hainburg und damit Bilder von vielen jungen Menschen, die durch die Polizei von Baggern entfernt werden, weil sie nach zahlreichen Protesten die ins Leere laufen, in Besetzungen ihre einzige Chance sehen, fĂŒr eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten zu kĂ€mpfen.

Links:

Zum Hintergrund: fridaysforfuture.at/lobaubleibt
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Quelle: Contraste.org