Mai 5, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Diese Woche jĂ€hren sich die Haymarket Riots von 1886 in Chicago. AnlĂ€sslich dessen hat ZĂŒndlumpen (Nr. 12, MĂŒnchen, 4.05.2019) das Letzte Wort des Anarchisten Louis Lingg, der infolgedessen zum Tode verurteilt wurde, ins Deutsche ĂŒbersetzt. ZĂŒndlumpen erschien das jedenfalls passender, als von den 1. Mai Protesten in MĂŒnchen zu berichten, die mit ihrem historischen Vorbild so gar nichts mehr zu tun haben. Aber vielleicht inspiriert Lingg ja die:den eine:n oder andere:n.

UrsprĂŒnglich veröffentlicht von ZĂŒndlumpen.

LOUIS LINGG: AN DAS GERICHT, 1886

Gerichtshof! Mit der gleichen Ironie, mit der ihr meine Versuche, in diesem „freien Land von Amerika“ eine menschenwĂŒrdige Lebensgrundlage aufzubauen, betrachtet habt, gesteht ihr mir nun, da ihr mich zum Tode verurteilt habt, die Freiheit des letzten Wortes zu.

Ich nehme euer ZugestĂ€ndnis an; aber nur, um die Ungertechtigkeiten, die Verleumdungen und die GewalttĂ€tigkeiten, die mir angetan wurden zu enthĂŒllen.

Ihr habt mich des Mordes angeklagt und mich verurteilt: Welche Beweise habt ihr vorgelegt, die meine Schuld bezeugen?

ZunĂ€chst habt ihr den Burschen Seliger dazu gebracht, gegen mich auszusagen. Ihm habe ich geholfen, Bomben herzustellen. Weiter habt ihr bewiesen, dass ich mit der Hilfe eines*r anderen, diese Bomben in die Nr. 58 der Clybourn Avenue gebracht habe. Was ihr aber nicht bewiesen habt – nicht einmal mit der Hilfe des von euch gekauften „VerrĂ€ters“ Seliger, der so eine prominente Rolle in der Angelegenheit gespielt zu haben scheint – ist, dass irgendeine dieser Bomben zum Haymarket gebracht wurden.

Einige Chemiker*innen, die hier als Spezialist*innen vorgeladen wurden, konnten nur aussagen, dass das Metall, aus dem die Haymarket-Bombe gemacht war, eine gewisse Ähnlichkeit zu meinen Bomben aufwies, und euer Mr. Ingham hat sich völlig vergeblich bemĂŒht, zu leugnen, dass die Bomben völlig verschieden waren. Er musste zugeben, dass es einen Unterschied von einem ganzen Zoll hinsichtlich des Durchmessers gab, auch wenn er die Tatsache verschwieg, dass es außerdem einen Unterschied von einem Viertelzoll hinsichtlich der Dicke der HĂŒlle gab. Das ist die Art von Beweis, auf dessen Basis ihr mich verurteilt habt.

Allerdings habt ihr mich nicht wegen Mordes verurteilt. Der Richter hat das heute morgen kurz in seinem ResĂŒmee des Falls betont und Grinnell hat wiederholt behauptet, dass wir nicht wegen Mordes vor Gericht stĂŒnden, sondern wegen Anarchismus, also ist mein Verbrechen, dass ich ein Anarchist bin!

Was ist Anarchismus? Das ist ein Thema, das meine Genossen bereits mit hinreichender Deutlichkeit erlĂ€utert haben und es erscheint mir unnötig, dass ich darauf noch einmal eingehe. Sie haben euch deutlich genug erklĂ€rt, was unsere Ziele sind. Der Staatsanwalt hat euch das jedenfalls nicht erklĂ€rt. Er hat nicht unsere Ideale des Anarchismus, sondern lediglich unsere Methoden, mit denen wir diese praktisch umsetzen wollen, kritisiert und verurteilt, und selbst hier konnte er nur verlegen schweigen, angesichts der Tatsache, dass uns diese Methoden durch die BrutalitĂ€t der Polizei aufgezwungen wurden. Grinnells eigener Lösungsvorschlag fĂŒr unsere MissstĂ€nde ist die Wahl in Kombination mit Gewerkschaften und Ingham hat sogar seinen Wunsch nach einer Sechs-Stunden-Bewegung geĂ€ußert! Aber Tatsache ist, dass jeder Versuch, von unserem Wahlrecht Gebrauch zu machen, in dem Bestreben, die Bestrebungen der Arbeiter*innen zu vereinen, mit der brutalen Gewalt der PolizeiknĂŒppel beantwortet wurde, und das ist der Grund, warum ich rohe Gewalt zur Verteidigung gegen die noch rohere Gewalt der Polizei empfahl.

Ich habt mich beschuldigt, „Recht und Ordnung“ zu verachten. Worauf lĂ€uft euer „Recht und Ordnung“ hinaus? Seine ReprĂ€sentant*innen sind die Polizist*innen und die haben Diebe in ihren Reihen. Hier sitzt Captain Schaack. Er selbst hat mir gegenĂŒber zugegeben, dass mein Hut und meine BĂŒcher aus seinem BĂŒro gestohlen wurden, gestohlen von Polizist*innen. Das sind die Verteidiger*innen eurer Eigentumsrechte! Die Kommissare, die mich verhaftet haben, haben sich den Zugang zu meinem Zimmer wie Einbrecher*innen erschlichen, indem sie vorgaben ein Schreiner namens Lorenz aus der Burlington Street zu sein. Sie haben geschworen, dass ich alleine in meinem Zimmer war und begingen damit Meineid. Ich habt diese Frau, die anwesend war, Mrs. Klein, nicht vorgeladen. Sie hĂ€tte das gerade gesagte bezeugen können, dass die Kommissare unter falschen Angaben in mein Zimmer eingebrochen sind und ihre Zeugenaussagen erlogen sind.

Aber lasst uns noch einen Schritt weiter gehen. Mit Schaack haben wir einen Polizeihauptmann, der selbst ebenfalls Meineid begangen hat. Er hat geschworen, dass ich ihm gegenĂŒber eingerĂ€umt hĂ€tte, dass ich bei der Versammlung in der Montagnacht anwesend war, obwohl ich ihn zweifelsfall davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass ich bei einem Zimmerertreffen in der Zepf’s Hall war. Er hat geschworen, dass ich ihm erzĂ€hlt hatte, dass ich aus Herrn Mosts Buch gelernt habe, wie man Bomben baut. Das ist ebenfalls ein Meineid.

Lasst uns noch einen Schritt weiter nach oben in der Hierarchie dieser ReprĂ€sentanten von „Recht und Ordnung“ gehen. Grinnell und seine Angestellten haben Meineid begangen, und ich behaupte, dass sie es wissentlich getan haben. Der Beweis wurde von meinem Anwalt herangezogen und ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, dass Grinnell Gilmer acht Tage, bevor er in den Zeugenstand gerufen wurde, die Personen zeigte, gegen die er aussagen sollte.

WĂ€hrend ich, wie ich bereits sagte, an Gewalt glaube, zum Zwecke der Erreichung von LebensumstĂ€nden, die menschenwĂŒrdig sind fĂŒr mich und meine GefĂ€hrt*innen unter den Arberiter*innen glaube, hat Grinnell auf der anderen Seite seine Polizisten und andere Schurken dazu angestiftet, Meineid zu begehen, um sieben MĂ€nner, darunter auch ich, zu ermorden. Grinnell besaß den erbĂ€rmlichen Mut, mich hier im Gerichtssaal, wo ich mich nicht selbst wehren konnte, einen Feigling zu nennen! Dieser Wicht! Ein Bursche, der sich mit einem Haufen niedertrĂ€chtiger Tagelöhner verbĂŒndet hat, um mich an den Galgen zu bringen. Warum? FĂŒr nichts als verachtenswerte SelbstsĂŒchtigkeit – dem Wunsch „reich und berĂŒhmt“ zu werden, fĂŒrwahr.

Dieser Schuft, der mittels des Meineides anderer Schuften sieben MĂ€nner ermorden wird – ist der Kerl, der mich einen „Feigling“ nennt! Und ihr legt mir zulast, dass ich solche „Verteidiger des Gesetzes“, solche unsĂ€glichen Heuchler verachte!

Anarchismus bedeutet, dass kein Mensch ĂŒber einen anderen Menschen herrscht oder bestimmt, und ihr nennt das eine „Störung“. Ein System, das keine solche „Ordnung“ befĂŒrwortet, zu deren Durchsetzung es der Dienste von Schurken und Dieben bedarf, bezeichnet ihr als „Störung“.

Der Richter selbst musste zugeben, dass der Staatsanwalt nicht in der Lage gewesen war, mich in Verbindung mit dem Bombenanschlag zu bringen. NatĂŒrlich weiß letzterer, wie er das umgehen kann. Er beschuldigt mich, ein „Mitverschwörer“ zu sein. Wie beweist er das? Ganz einfach: Er erklĂ€rt die International Working People’s Association [(eine damalige anarchistische Organisation Ă€hnlich der Internationale)] zu einer „Verschwörung“. Ich war Mitglied dieser Organisation, also kann er mir diesen Vorwurf sicher anhĂ€ngen. Wunderbar! Keine Aufgabe ist zu schwer fĂŒr das Genie eines Staatsanwalts!

Es fĂ€llt mir schwer, die Beziehung, die ich zu meinen GefĂ€hrten in diesem UnglĂŒck habe, in Worte zu fassen. Ich kann offen und ehrlich behaupten, dass ich mit meinen Mitgefangenen nicht so vertraut bin, wie mit Captain Schaack.

Das allgemeine Elend, die VerwĂŒstungen der kapitalistischen HyĂ€ne haben uns in unserer Agitation zusammengebracht, nicht als Menschen, sondern als KöÀmpfer fĂŒr die gleiche Sache. Von dieser Art ist die „Verschwörung“, derer ihr mich verurteilt habt.

Ich protestiere gegen diese Verurteilung, gegen die Entscheidung des Gerichts. Ich erkenne euer Gesetz nicht an, durcheinandergewĂŒrfelt, als wĂ€re es von den Niemanden vergangener Jahrhunderte, und ich erkenne die Entscheidung des Gerichts nicht an. Mein eigener Anwalt hat durch die Urteile gleichrangiger Gerichte schließlich bewiesen, dass uns ein neues Verfahren gewĂ€hrt werden muss. Die Staatswanwaltschaft zitierte dreimal so viele Entscheidungen von möglicherweise höheren Gerichten, um das Gegenteil zu beweisen, und ich bin ĂŒberzeugt davon, dass wenn diese Urteile von 21 Instanzen bestĂ€tigt werden wĂŒrden, sie 100 zum Beweis des Gegenteils heranziehen wĂŒrden, wenn es darum geht, Anarchist*innen vor Gericht zu bringen. Und nicht einmal unter einer solchen Gesetzgebung, einer Gesetzgebung die jeder Schuljunge verachten muss, nicht einmal mit solchen Methoden war es ihnen möglich, uns „legal“ zu verurteilen.

Sie haben zum Meineid angestiftet, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Ich sage euch offen und Ehrlich: Ich bin fĂŒr Gewalt. Ich habe es bereits zu Captain Schaack gesagt, „wenn sie Schusswaffen gegen uns einsetzen, werden wir Dynamit gegen sie einsetzen.“ Ich wiederhole, dass ich ein Feind der heutigen „Ordnung“ bin, und ich wiederhole, dass ich mich mit all meiner Macht, solange ich atme, verteidigen werde. Ich erklĂ€re erneut, ehrlich und offen, dass ich fĂŒr den Einsatz von Gewalt bin. Ich habe Captain Schaack gesagt, und dabei bleibe ich, „Wenn ihr auf uns schießt, sprengen wir euch in die Luft“. Ihr lacht! Vielleicht denkt ihr „du wirst keine weitern Bomben werfen“, aber lasst mich euch versichern, dass ich unbeschwert am Galgen hĂ€ngen werde, so sicher bin ich mir, dass sich die hunderten und tausenden, zu denen ich gesprochen habe, an meine Worte erinnern werden. Und wenn ihr uns hĂ€ngen solltet, dann werden sie – erinnert euch an meine Worte – Bomben werfen! In dieser Hoffnung sage ich euch: Ich verachte euch. Ich verachte eure Ordnung, eure Gesetze, eure gewaltgestĂŒtzte Herrschaft. HĂ€ngt mich dafĂŒr!

Übersetzung des englischen Originals â€žAddress to the Court“ von Louis Lingg.

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Quelle: Abc-wien.net