MĂ€rz 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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In einem noblen Vorort von Paris findet sich das pompöse Grab von Louise Michel (1830-1905). Eine BĂŒste von ihr thront hier und zeigt das Gesicht einer nicht mehr ganz jungen Frau. Die damals 40jĂ€hrige Lehrerin einer in Montmartre gelegenen Schule, der Dichter wie Victor Hugo („Viro Major“) Gedichte widmeten, nahm am 18. MĂ€rz 1871 – wie viele andere Frauen auch – am Aufstand der Commune teil. Sie trug dabei die Uniform der Nationalgarde, eine damals MĂ€nnern vorbehaltene Kleidung. Diese scheinbar belanglose Kleinigkeit ist in mehrfacher Hinsicht relevant – einerseits wurde es zum Gegenstand der Verhandlung gegen sie (1), andererseits trug sie sicherlich zu jenem viel zitierten, nicht-unproblematischen Vergleich mit Jeanne d‘Arc bei.

Louise Michel wird heute in vielen Publikationen ĂŒber revolutionĂ€re Frauen als Beispiel herangezogen. Neben der Stilisierung zur RevolutionĂ€rin findet sich aber auch hĂ€ufig eine WĂŒrdigung von Louise Michel als VorlĂ€uferin oder frĂŒhe Vertreterin des erst gut 100 Jahre spĂ€ter aufkommenden Anarchafeminismus. (2) Ihre bekannte Reflexion ĂŒber ihre Hinwendung zum Anarchismus – ein in Bezug auf das RĂ€tesystem der Commune kaum beachteter Kritikpunkt – machte sie hierfĂŒr anschlussfĂ€hig. „Anarchistin wurde ich wĂ€hrend der Deportationsfahrt nach Neukaledonien. [
] FĂŒr jeden Menschen, der zur Macht gelangt, ist der Staat letztendlich Widerspieglung seiner selbst, er betrachtet ihn wie der Hund den Knochen, den er zernagt, und nur zu seinem eigenen Vorteil verteidigt er ihn. So wie die Macht hart, egoistisch und grausam macht, so erniedrigt Sklaverei, und nur die Anarchie kann es vollbringen, dass der Mensch frei und glĂŒcklich lebt. [
] Damit das entrechtete Volk nicht lĂ€nger mit seinem eigenen Blut die trĂŒgerischen SchimĂ€ren – Parteien und Staaten – am Leben erhĂ€lt, mĂŒssen wir fĂŒr die Verwirklichung der Anarchie kĂ€mpfen, und weil ich Zwang und UnterdrĂŒckung ablehne, bin ich Anarchistin.“ (3)

Zu Beginn der Commune war sie hingegen noch eine AnhĂ€ngerin des mit Louis-Auguste Blanqui assoziierten Sozialismus, einer autoritĂ€ren Spielart des Sozialismus mit Überschneidungen zum Marx‘schen Staatskommunismus. Ihr mythenhafter Wandel vom Saulus zum Paulus erfolgte erst im Rahmen der Commune. Sie begann in der Folge die Werke bekannter Vertreter*innen der Strömung wie Peter Kropotkin zu lesen und stand im Austausch mit anderen namhaften Anarchist*innen wie dem PĂ€dagogen Francisco Ferrer oder der amerikanischen Aktivistin Emma Goldman. Weiterhin gab sie gemeinsam mit SĂ©bastien Faure die Zeitschrift „Le Libertaire“ heraus. Ihre Erfahrungen und Reflexionen ĂŒber die Commune verarbeitete sie in einer Reihe von Texten – ihren Memoiren (4), einer Studie ĂŒber die Commune und mehreren, heute kaum noch rezipierten Dramen. Sie prĂ€gen allerdings nur rudimentĂ€r den anarchistischen Diskurs ĂŒber die Commune, da zum Zeitpunkt der Publikation (1886) wesentliche Bestandsaufnahmen bekannter Anarchist*innen bereits publiziert waren.

Zu ihrem anarchistischen Engagement gehörte auch die Agitation. Sie hielt Reden gegen den Militarismus und fĂŒr den Ausbau der Frauenrechte. Beide Themen waren bereits vor ihrer Hinwendung zum Anarchismus ein wichtiger Bestandteil ihres Wirkens gewesen – u.a. organisierte sie kostenlose Bildungsangebote fĂŒr MĂ€dchen und Frauen.

Ein kritischer Aspekt aus gewaltfreier Sicht ist ihre militĂ€rische Funktion und Rolle in der Commune. Sie kommandierte das Frauenbataillon der Commune und drohte im Konflikt mit der Reaktion u.a. mit der Erschießung von Geiseln, was sie selber im Gerichtsverfahren als „hohle Drohungen“ herunterspielte (5). Das tut ihrer generellen Bedeutung fĂŒr den Anarchismus keinen Abbruch – und eine Ă€hnliche Situation findet sich in Bezug auf die zeitweilige Abkehr vom Pazifismus bei der jĂŒdischen Philosophin Simone Weil im Rahmen des spanischen BĂŒrgerkrieges.

Louise Michel starb 1905 im Alter von 74 Jahren in Marseille, wo lange Zeit an ihrem letzten Wohnort eine Gedenktafel an sie als Kommunardin und aktive Anarchistin erinnerte, ihr Leichnam wurde aber nach Paris ĂŒberfĂŒhrt. StrömungsĂŒbergreifend wird sie heute in Frankreich gewĂŒrdigt – u.a. hat die französische Post ihr eine Briefmarke gewidmet und ein kleiner Park in Montmartre ist nach ihr benannt.




Quelle: Graswurzel.net