MĂ€rz 7, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Lucy Parsons war eine fĂŒhrende Figur des amerikanischen Anarchismus und der radikalen Arbeiterbewegung. Als Sklavin in der NĂ€he von Waco, Texas, geboren, heiratete sie Albert R. Parsons, der ein weißer radikaler Republikaner geworden war, nachdem er zunĂ€chst als Soldat der Konföderierten gedient hatte. 1873 zogen Albert und Lucy nach Chicago, wo sie sich in der radikalen Arbeiterbewegung engagierten. Dreizehn Jahre spĂ€ter erlangte sie nationale BerĂŒhmtheit, als sie sich auf eine Vortragsreise begab, um Geld fĂŒr ihren Mann zu sammeln, der einer von neun MĂ€nnern war, die nach der Haymarket-AffĂ€re angeklagt und zur Hinrichtung verurteilt wurden.

Lucy Parsons blieb auch nach der Hinrichtung Alberts eine Aktivistin und grĂŒndete 1892 die Zeitung Freedom, die Themen wie Arbeiterorganisation, Lynchjustiz und Schwarze Leibeigenschaft in den SĂŒdstaaten aufgriff. Im Jahr 1905 war Parsons die einzige Frau, die auf dem GrĂŒndungskongress der Industrial Workers of the World (IWW) sprach. In den frĂŒhen 1930er Jahren beteiligte sich Parsons an der Verteidigung der Scottsboro Boys und Angelo Herndon. Parsons starb 1942 in einem Unfall bei einem Hausbrand. Der Text einer ihrer Reden erschien im Kansas City Journal vom 21. Dezember 1886. Die Rede ist im Folgenden abgedruckt.


Ich bin eine Anarchistin

Ich bin eine Anarchistin. Ich nehme an, ihr seid hierher gekommen, die meisten von euch, um zu sehen, wie eine echte, lebende Anarchistin aussieht. Ich nehme an, einige von euch haben erwartet, mich mit einer Bombe in der einen und einer brennenden Fackel in der anderen Hand zu sehen, sind aber enttĂ€uscht, keines von beidem zu sehen. Wenn das eure Vorstellungen von Anarchist:innen waren, habt ihr es verdient, enttĂ€uscht zu werden. Anarchist:innen sind friedfertige Menschen. Was meinen Anarchist:innen, wenn sie von Anarchie sprechen? Webster gibt dem Begriff zwei Definitionen: „Chaos“ und „der Zustand ohne politische Herrschaft“. Wir klammern uns an die letztere Definition. Unsere Feind:innen behaupten, dass wir nur an die erste glauben.

Wundert es euch, dass es in diesem Land Anarchist:innen gibt, in diesem großen Land der Freiheit, wie ihr es so gerne nennt? Geht nach New York. Geht durch die Seitenstraßen und Gassen dieser großen Stadt. ZĂ€hlt die Myriaden, die hungern; zĂ€hlt die vielen Tausende, die obdachlos sind; zĂ€hlt diejenigen, die hĂ€rter arbeiten als Sklav:innen und von weniger leben und weniger Annehmlichkeiten haben als die niedertrĂ€chtigsten Sklav:innen. Ihr werdet ĂŒber eure Entdeckungen verblĂŒfft sein, ihr, die ihr diesen Armen keine Aufmerksamkeit geschenkt habt, außer als Objekte der Almosen und des Mitleids. Sie sind keine Objekte der Almosen, sie sind die Opfer der großen Ungerechtigkeit, die das System der Regierung und der politischen Ökonomie durchdringt, das vom Atlantik bis zum Pazifik herrscht. Seine UnterdrĂŒckung, das Elend, das es verursacht, das Elend, das es gebiert, findet eins in New York in grĂ¶ĂŸerem Maße als anderswo. In New York, wo vor wenigen Tagen zwei Regierungen gemeinsam eine Freiheitsstatue enthĂŒllten, wo hundert Musikkapellen die Hymne der Freiheit, die Marseillaise, spielten. Aber fast das Gleiche findet eins bei den Bergleuten des Westens, die im Elend leben und Lumpen tragen, damit die Kapitalist:innen, die die Erde beherrschen, die fĂŒr alle frei sein sollte, ihre Millionen noch weiter vermehren können! Oh, es gibt viele GrĂŒnde fĂŒr die Existenz von Anarchist:innen.

Aber in Chicago sind sie der Meinung, dass Anarchist:innen ĂŒberhaupt kein Existenzrecht haben. Sie wollen sie dort aufhĂ€ngen, legal oder illegal. Ihr habt von einem gewissen Haymarket-Treffen gehört. Ihr habt von einer Bombe gehört. Ihr habt von Verhaftungen gehört und von nachfolgenden Verhaftungen, die von Detektiven durchgefĂŒhrt wurden. Diese Detektive! Es gibt eine Reihe von MĂ€nnern, nein, Biestern fĂŒr euch! Pinkerton-Detektive! Die wĂŒrden alles tun. Die Kapitalist:innen wollten sicher, dass jemand die Bombe auf dem Haymarket wirft und die Anarchist:innen dafĂŒr verantwortlich macht. Pinkerton hĂ€tte das fĂŒr sie bewerkstelligen können. Ihr habt schon viel ĂŒber Bomben gehört. Ihr habt gehört, dass die Anarchist:innen viel ĂŒber Dynamit gesprochen haben. Ihr habt gehört, dass Lingg Bomben gebaut hat. Er hat gegen kein Gesetz verstoßen. Dynamitbomben können töten, können morden, genauso wie Gatling-RepetiergeschĂŒtze. Angenommen, die Bombe wĂ€re von einem Anarchisten*einer Anarchistin geworfen worden. Die Verfassung besagt, dass es bestimmte unverĂ€ußerliche Rechte gibt, darunter Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit. Den BĂŒrger:innen dieses großartigen Landes gibt die Verfassung das Recht, den unrechtmĂ€ĂŸigen Eingriff in diese Rechte abzuwehren. Die Versammlung am Haymarket Square war eine friedliche Versammlung. Angenommen, ein:e Anarchist:in hĂ€tte die Bombe geworfen, als er:sie sah, dass die Polizei mit Mordgedanken anrĂŒckte, um die Versammlung aufzulösen; er:sie hĂ€tte kein Gesetz verletzt. Das wird das Urteil eurer Kinder sein. WĂ€re ich dort gewesen, hĂ€tte ich diese mörderische Polizei herankommen sehen, hĂ€tte ich den unverschĂ€mten Befehl gehört, sich zu zerstreuen, hĂ€tte ich Fielden sagen hören: „Captain, dies ist eine friedliche Versammlung“, hĂ€tte ich gesehen, wie die Freiheiten meiner Landsleute mit FĂŒĂŸen getreten wurden, hĂ€tte ich die Bombe selbst geworfen. Ich hĂ€tte kein Gesetz gebrochen, sondern die Verfassung aufrechterhalten.

Wenn die Anarchist:innen geplant hatten, die Stadt Chicago zu zerstören und die Polizei zu masÂŹsakrieren, warum hatten sie dann nur zwei oder drei Bomben in der Hand? Das war nicht ihre Absicht. Es war eine friedliche Versammlung. Carter Harrison, der BĂŒrgermeister von Chicago, war dort. Er sagte, es sei ein ruhiges Treffen gewesen. Er wies Bonfield [Captain John Bonfield, Kommandant der Polizeistation Desplaines] an, die Polizei auf ihre verschiedenen Reviere zu schicken. Ich stehe nicht hier, um mich ĂŒber den Mord an diesen Bullen zu freuen. Ich verabscheue Mord. Aber wenn eine Kugel aus dem Revolver eines Bullen tötet, ist das genauso ein Mord, wie wenn der Tod durch eine Bombe eintritt.

Die Polizei stĂŒrmte die Versammlung, als sie sich gerade auflösen wollte. Mr. Simonson sprach mit Bonfield ĂŒber das Treffen. Bonfield sagte, er wolle die Anarchist:innen fertig machen. Parsons ging zu dem Treffen. Er nahm seine Frau, zwei Damen und seine zwei Kinder mit. Gegen Ende der Versammlung sagte er: ‚Ich glaube, es wird regnen. Lasst uns in Zephs Halle gehen.‘ Fielden sagte, er sei mit seiner Rede fast fertig und wĂŒrde sie sofort schließen. Die Leute fingen an, sich zu zerstreuen, tausend der Begeisterten hielten sich trotz des Regens noch auf. Parsons und diejenigen, die ihn begleiteten, machten sich auf den Heimweg. Sie waren bis zur Polizeistation in der Desplaine Street gekommen, als sie sahen, wie die Polizei im Eiltempo losfuhr. Parsons hielt an, um zu sehen, was das Problem war. Die 200 Bullen stĂŒrmten los, um die Anarchist:innen zu erledigen. Dann gingen wir weiter. Ich war in Zephs Halle, als ich die schreckliche Detonation hörte. Eins hörte es auf der ganzen Welt. Die Tyrann:innen zitterten und spĂŒrten, dass etwas nicht stimmte.

Die Entdeckung des Dynamits und seine Verwendung durch Anarchist:innen ist eine Wiederholung der Geschichte. Als das Schießpulver entdeckt wurde, befand sich das Feudalsystem auf dem Höhepunkt seiner Macht. Seine Entdeckung und Verwendung machte das BĂŒrgertum. Seine erste Entladung lĂ€utete die Totenglocke des Feudalsystems. Die Bombe in ChiÂŹcago lĂ€utete den Untergang des Lohnsystems des 19. Jahrhunderts ein. Und warum? Weil ich weiß, dass sich kein intelligentes Volk dem Despotismus unterwirft. Das erste Mittel ist die Verbreitung von Kraft. Ich sage niemandem, er:sie soll sie nutzen. Aber es war die Errungenschaft der Wissenschaft, nicht der Anarchie, und wĂŒrde fĂŒr die Massen reichen. Die Presse wird wohl sagen, ich hĂ€tte Hochverrat begangen. Wenn ich gegen ein Gesetz verstoßen habe, verhaftet mich, macht mir den Prozess und bestraft mich, aber lasst den nĂ€chsten Anarchisten, der daherkommt, seine Ansichten ungehindert Ă€ußern.

Nun, die Bombe explodierte, die Verhaftungen wurden vorgenommen und dann kam die große Justizfarce, die am 21. Juni begann. Die Geschworenen wurden geladen. Gibt es hier einen Ritter der Arbeit? Dann wisst ihr, dass ein Ritter der Arbeit nicht als kompetent genug angesehen wurde, um in der Jury zu sitzen. ‚Sind Sie ein Ritter der Arbeit?‘ ‚Haben Sie irgendwelche Sympathien fĂŒr Arbeiterorganisationen?‘ waren die Fragen, die jedem gestellt wurden. Wurde eine bejahende Antwort gegeben, wurde derjenige geprellt. Die Frage lautete nicht: „Sind Sie ein Freimaurer, ein Tempelritter?“ Oh, nein! Ich sehe, ihr lest die Zeichen der Zeit an diesem Ausdruck. Der Henker Gary, auch Richter genannt, entschied, dass ein Mann, der gegen die Angeklagten voreingenommen ist, nicht unfĂ€hig ist, in der Jury zu sitzen. Denn ein solcher Mann, sagte Henker Gary, wĂŒrde dem Gesetz und den Beweisen mehr Aufmerksamkeit schenken und wĂ€re eher geneigt, ein Urteil fĂŒr die Verteidigung zu fĂ€llen. Gibt es hier einen Anwalt? Wenn ja, dann weiß er, dass eine solche Entscheidung ohne PrĂ€zedenzfall ist und gegen jedes Gesetz, jede Vernunft und jeden gesunden Menschenverstand verstĂ¶ĂŸt.

In der Hitze des Patriotismus vergießt der amerikanische BĂŒrger manchmal eine TrĂ€ne fĂŒr den Nihilisten in Russland. Sie sagen, dass der Nihilist keine Gerechtigkeit bekommen kann, dass er ohne Prozess verurteilt wird. Wie viel mehr sollte er um seinen Nachbarn, den Anarchisten, weinen, der nach einem solchen Urteil die Form eines Prozesses erhĂ€lt.

Es gab „Petzer“, die als Zeugen fĂŒr die Anklage eingefĂŒhrt wurden. Es waren drei von ihnen. Jeder einzelne musste zugeben, dass sie von der Staatsanwaltschaft gekauft und eingeschĂŒchtert worden waren. Dennoch hielt Henker Gary ihre Aussagen fĂŒr kompetent. Im Prozess stellte sich heraus, dass die Haymarket-Versammlung nicht das Ergebnis eines Komplotts war, sondern auf diese Weise verursacht wurde. Am Tag bevor die Lohnsklav:innen in McCormicks Fabrik fĂŒr acht Stunden Arbeit gestreikt hatten, entließ McCormick von seinem luxuriösen BĂŒro aus mit einem Federstrich seiner mĂŒĂŸigen, beringten Finger 4000 Menschen aus der Arbeit. Einige versammelten sich und steinigten die Fabrik. Deshalb seien sie Anarchist:innen, sagte die Presse. Aber Anarchist:innen sind nicht nĂ€rrisch; nur Narren steinigen GebĂ€ude. Die Polizei wurde losgeschickt, und sie töteten sechs Lohnsklaven. Ihr wusstet das nicht. Die kapitalistische Presse hat es verschwiegen, aber sie hat eine große Aufregung ĂŒber die Tötung einiger Bullen gemacht. Dann dachten diese verrĂŒckten Anarchist:innen, wie sie genannt werden, dass eine Versammlung abgehalten werden sollte, um die Tötung von sechs BrĂŒdern zu berĂŒcksichtigen und die Acht-Stunden-Bewegung zu diskutieren. Die Versammlung wurde abgehalten. Sie verlief friedlich. Als Bonfield der Polizei befahl, diese friedlichen Anarchist:innen anzugreifen, riss er die amerikanische Flagge herunter und hĂ€tte auf der Stelle erschossen werden sollen.

WĂ€hrend der gerichtlichen Farce wurden die roten und schwarzen Fahnen ins Gericht gebracht, um zu beweisen, dass die Anarchist:innen die Bombe geworfen hatten. Sie wurden an den WĂ€nden angebracht und hingen dort als schreckliche Gespenster vor den Geschworenen. Was bedeutet die schwarze Flagge? Wenn ein Überseetelegramm sagt, dass sie durch die Straßen einer europĂ€ischen Stadt getragen wurde, bedeutet das, dass das Volk leidet – dass die MĂ€nner ohne Arbeit sind, die Frauen hungern, die Kinder barfĂŒĂŸig sind. Aber, so sagt ihr, das ist in Europa. Wie sieht es in Amerika aus? Die Chicago Tribune sagte, dass es in dieser Stadt 30.000 MĂ€nner gibt, die nichts zu tun haben. Eine andere Behörde sprach von 10.000 barfĂŒĂŸigen Kindern mitten im Winter. Die Polizei sagte, dass Hunderte keinen Platz zum Schlafen oder WĂ€rmen hatten. Dann gab PrĂ€sident Cleveland seine Thanksgiving-Proklamation heraus und die Anarchist:innen formierten sich in einer Prozession und trugen die schwarze Flagge, um zu zeigen, dass diese Tausende nichts hatten, wofĂŒr sie sich bedanken konnten. Als das Board of Trade, diese Spielhölle, mit einem Bankett eingeweiht wurde, 30 Dollar pro Teller, wurde wieder die schwarze Flagge getragen, um zu signalisieren, dass es Tausende gab, die nicht einmal ein 2-Cent-Essen genießen konnten.

Aber die rote Fahne, die schreckliche rote Fahne, was soll das bedeuten? Nicht, dass die Straßen mit Blut fließen sollten, sondern dass dasselbe rote Blut durch die Adern der ganzen menschlichen Spezies fließt. * Es bedeutet die Geschwisterlichkeit der Menschen. Wenn die rote Flagge ĂŒber der Welt weht, werden die UnbeschĂ€ftigten zur Arbeit gerufen. Es wird ein Ende der Prostitution fĂŒr Frauen, der Sklaverei fĂŒr MĂ€nner, des Hungers fĂŒr Kinder geben.

Die Freiheit wurde als Anarchie bezeichnet. Wenn dieses Urteil vollstreckt wird, ist das die Totenglocke fĂŒr Amerikas Freiheit. Ihr und eure Kinder werdet Sklav:innen sein. Ihr werdet Freiheit haben, wenn ihr dafĂŒr bezahlen könnt. Wenn dieses Urteil vollstreckt wird, setzt die Flagge unseres Landes auf Halbmast und schreibt auf jede Falte „Schande“. Lasst unsere Flagge in den Staub fallen. Lasst die Kinder der WerktĂ€tigen Lorbeeren auf die Stirn dieser modernen Held:innen legen, denn sie haben kein Verbrechen begangen. Brecht das zweifache Joch. Brot ist Freiheit und Freiheit ist Brot.


Einleitung und Essay im Englischen zu finden auf BLACKPAST

anarchist*feminist*queer*vegan*somewhat anti-civ

~ Burn this world to build a new. ~

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Elany
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Quelle: Schwarzerpfeil.de