September 25, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Gefunden auf biblioteca anarchica, die Übersetzung ist von uns.

Luigi Fabbri, Der europÀische Krieg und die Anarchisten (1916)

Der Text dieses Pamphlets war seit Anfang April fertig, als mehrere Gruppen von GefĂ€hrten sofort das BedĂŒrfnis verspĂŒrten, kategorisch auf das anti-anarchistische Manifest der sogenannten französisch-russischen „Intellektuellen“ zu antworten. Leider hinderten uns materielle Schwierigkeiten aller Art, die sich aus dem Kriegszustand ergaben, der die Freiheit des Denkens unterdrĂŒckte, daran, die Veröffentlichung mit der gewĂŒnschten Schnelligkeit vorzunehmen.

In der Zwischenzeit wurden von verschiedenen Seiten anarchistische Stimmen des Protests gegen diejenigen laut, die fĂ€lschlicherweise fĂŒr die WortfĂŒhrer unserer Ideen gehalten werden. Ohne die Einstimmigen aus den neutralen LĂ€ndern zu zĂ€hlen, vermerken wir hier mit Freude einen lebhaften Artikel von Errico Malatesta, der in den englischen Zeitungen und im Genfer RĂ©veil Anarchiste (A.d.Ü., auf Italienisch Il Risveglio anarchico) erschien und im Libertario aus Spezia vollstĂ€ndig wiedergegeben wurde, eine ErklĂ€rung der Internationalen Anarchistischen Gruppe in London, eine weitere von der Gruppe Temps Nouveaux in Paris, eine dritte von den Pariser Gruppen, deren Organ die Zeitung Le Libertaire war. Leider konnten diese verschiedenen Stimmen kaum gehört werden, da sie durch die Zensur behindert wurden.

Selbst anarchistische Zeitungen, sowohl in Italien als auch in Frankreich, versuchten vergeblich, die Prosa des kriegshetzerischen Manifests zu widerlegen. Die Zensur tĂŒnchte drei Artikel von Sebastiano Faure, der in der Pariser Zeitung „Ce u’il aut dire“ den sechzehn Unterzeichnern des Manifests antwortete, vollstĂ€ndig aus; sie unterdrĂŒckte auch jeden Hinweis auf eine Antwort im Liberatario aus Spezia. Nur „l’Avvenire Anarchico“ („Anarchistische Zukunft“) aus Pisa konnte das Manifest der internationalen Londoner Gruppe, wenn auch verstĂŒmmelt, veröffentlichen.

Aus all diesen GrĂŒnden glauben wir, dass es trotz der Verzögerung, die auch durch den grĂ¶ĂŸeren Umfang dieses Schreibens verursacht wurde, immer noch sinnvoll ist, dieses Pamphlet zu veröffentlichen, das nicht als Antwort auf unsere jĂŒngsten Gegner gedacht ist, sondern als begrĂŒndete BekrĂ€ftigung unserer unverĂ€nderten Überzeugungen.

Die Verleger

TURIN, JUNI 1916

* * * * *

I

WĂ€hrend mit dem FrĂŒhling an allen Fronten des europĂ€ischen Krieges das gegenseitige Abschlachten der Völker zugenommen hat und Blut in Strömen vergossen wird, wĂ€hrend ein GefĂŒhl der BestĂŒrzung die Herzen ergreift und die GemĂŒter nachdenklich macht, haben wir Anarchisten mit tiefer Sorge eine Stimme gehört, die sich gegen den Frieden erhebt: eure Stimme, o Menschen, die wir geliebt haben, weil ihr fĂŒr die Ideen, die uns lieb sind, gekĂ€mpft, gearbeitet und gelitten habt, doch heute vergesst ihr diese Ideen oder verschiebt sie auf eitle und gefĂ€hrliche Illusionen.

Ihr fĂŒrchtet einen „verfrĂŒhten“ Frieden; und ihr erkennt nicht, dass die VerlĂ€ngerung des Krieges den Ausgang des Krieges nicht sicherer macht, weil sie die lebhaftesten GefĂŒhle der unterdrĂŒckten Klassen in allen LĂ€ndern so grausam verletzt. Auf der anderen Seite wird der Frieden dem einen oder anderen Kriegsteilnehmer immer als verfrĂŒht erscheinen, so dass es nur eine Gewissheit gibt: dass die gegenseitige Abnutzung/ZermĂŒrbung, die sich immer mehr in die LĂ€nge zieht, die gegenwĂ€rtige tragische Situation aller Völker bis zur Erschöpfung verschlimmern wird.

Im Pariser Manifest schreibt ihr, dass ihr „die Illusionen mancher unserer Genossen zu teilen, was die friedlichen Absichten derer angeht, die die Geschicke Deutschlands lenken“1. Aber welcher Anarchist könnte jemals solche törichten Illusionen hegen? Wir sind zwar ganz anderer Meinung als ihr, haben aber die gleiche schlechte Meinung von der deutschen Regierung und einem von ihr diktierten Frieden. Wahr ist, dass wir keine ganz andere Meinung von allen anderen Staaten haben! Ihr seid es jedoch, die sich als Opfer der uns zu Unrecht vorgeworfenen Illusion des schweren Unrechts schuldig gemacht haben, indem ihr euch in gewisser Weise zu Garanten eines spĂ€teren Staatsfriedens gemacht habt, der, auch wenn er von den von euch unterstĂŒtzten Regierungen diktiert wird, immer ein verlogener Frieden voller Ungerechtigkeit und mit der Gefahr neuer Konflikte in der Zukunft sein wird.

Der Frieden, der frĂŒher oder spĂ€ter von den Staaten geschlossen wird, wird nicht unser Frieden sein, der wahre Frieden der Völker. Kein noch so zahlreicher internationaler Arbeiterkongress könnte einen Einfluss auf das haben, was ausschließlich durch die Diplomatie bestimmt wird; die Arbeiter werden etwas darĂŒber wissen, wenn alles vorbei ist, bevor sie ĂŒberhaupt die Freiheit behalten haben, zusammenzukommen und ihre Meinung zu Ă€ußern. Ja, es ist ein schwerer Fehler, sich mit Staaten fĂŒr den Krieg zu solidarisieren; aber wir werden einen solchen Fehler nicht machen, denn wir werden Staaten niemals SolidaritĂ€t, Vertrauen oder Waffenstillstand gewĂ€hren, nicht einmal um des frĂŒhesten Friedens willen. Wenn wir Frieden fordern, dann aus SolidaritĂ€t mit der zerrissenen Menschheit und von den Völkern, von denen wir ihn erwarten, nicht von den Regierungen.

Ihr – die Unterzeichner des Manifests – befĂŒrchtet als grĂ¶ĂŸtes Übel, dass sich der Wunsch nach Frieden voreilig durchsetzen könnte, und erklĂ€rt, dass ihr zwar Anarchisten und Antimilitaristen seid, euch aber auf die Seite derjenigen stellt, die Widerstand leisten und kĂ€mpfen. Von wem redet ihr, von den Regierungen oder von den Proletariern? Sicherlich die Regierungen, denn nur vom bourgeoisen und staatlichen Standpunkt aus ist diese willkĂŒrliche Unterscheidung zwischen Verteidigung und Widerstand möglich. Und ihr habt Unrecht, wenn ihr die Ereignisse aus dieser falschen Sichtweise beurteilt! Wenn ihr also nicht von den Regierungen, sondern von der Masse der Proletarier sprechen wollt, die im wahrsten Sinne des Wortes kĂ€mpfen, erscheint es uns zumindest ĂŒberflĂŒssig, dass ihr erklĂ€rt, mit ihnen zu sein, wenn sie (wir sprechen von der Allgemeinheit) keine Freiheit haben, etwas anderes zu tun. Viel interessanter wĂ€re es zu wissen, ob diejenigen, die kĂ€mpfen, mit euch ĂŒbereinstimmen, oder ob sie nicht vielmehr bedauern, dass zu der materiellen Kraft, die sie ins Feuer treibt, die moralische Kraft eurer Zustimmung hinzugekommen ist. Vielleicht sind mehr von uns bei ihnen als von euch!

Ihr erklĂ€rt, dass ihr euch nicht vom Rest der Bevölkerung trennen wollt! 
Aber um euch nicht vom Rest der Bevölkerung zu trennen, war es nicht nötig, eure seltsame Haltung einzunehmen; vielleicht wĂŒrdet ihr ihrem GefĂŒhl nĂ€her kommen, wenn ihr, indem ihr euch hoch erhebt, Worte sprechen wĂŒrdet, die mehr im Einklang mit eurer Vergangenheit und mit den Ideen stehen, zu denen ihr euch zu bekennen behauptet. Ihr verwechselt das sicherlich mit der Stimmung im Volk und der kĂŒnstlichen öffentlichen Meinung, die von einer LĂŒgenpresse geschaffen wird, die als einzige die Freiheit hat, gehört zu werden.

So kann die Presse euch heute mit Blumen bedecken2 und eure Namen benutzen, um uns noch heftiger zu beschimpfen! Passt auf! Das Lob von Feinden ist fast immer ein Beweis dafĂŒr, dass man einen falschen Weg einschlĂ€gt.

II

Ihr seid auf dem falschen Weg. Wir könnten es euch mit denselben Worten beweisen wie einige von euch, indem wir in euren BĂŒchern, FlugblĂ€ttern und Zeitungen blĂ€ttern.

In eurem Manifest erwĂ€hnt ihr die Verantwortung des deutschen Staates fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Krieg. Euer Unrecht beginnt, wenn ihr euch darauf beschrĂ€nkt, nur diese Verantwortung zu sehen, ohne zu erkennen, dass die gleiche Verantwortung auch von allen anderen Staaten getragen wird, einschließlich derer, die ihr verteidigt. Daraus ergibt sich deine gesamte falsche Einstellung.

Der deutsche Staat trĂ€gt sicherlich mehr Verantwortung als die anderen, weil er den Krieg ĂŒberhaupt erst begonnen und alle damit verbundenen Schandtaten begangen hat. Aber es möglich gemacht zu haben, es vorbereitet zu haben, es provoziert zu haben, es mehr und mehr unvermeidlich gemacht zu haben, es nicht wirklich und wahrhaftig verhindern zu wollen, ist die kollektive Schuld aller kriegfĂŒhrenden Staaten. Frankreich und Russland waren darauf nicht vorbereitet, heißt es. Stimmt; aber sie bereiteten sich vor, und wenn sie 1914 noch keinen Krieg wollten, kĂŒndigten sie an, dass sie fĂŒr spĂ€ter bereit sein wĂŒrden. Das mitschuldige Großbritannien machte mit und spornte sie an, aus Angst vor Deutschlands Kolonial- und Expansionshunger, wĂ€hrend Italien drei Jahre lang unbewusst den ersten Brandherd im Nahen Osten entfacht hatte, aus dem sich nach und nach ein FlĂ€chenbrand entwickeln sollte.

Seit einigen Jahren verfolgte Frankreich ebenso wie Deutschland eine aggressive Politik; jeder erinnert sich an die kriegerischen Morde von Delcasse, und seit der Wahl von Poincare zum PrÀsidenten der Republik war allen klar, dass dies kurzfristig Krieg bedeutete.

Und dass der taube, noch nicht militĂ€rische Krieg zwischen den großen RĂ€ubern in Afrika und im Nahen Osten lĂ€ngst begonnen hatte; die verschiedenen europĂ€ischen Imperialismen aus Handel und Politik konkurrierten ĂŒberall um koloniale MĂ€rkte, HandelsplĂ€tze, Eisenbahn- und Hafenkonzessionen, sogenannte Einflusszonen: in Marokko und Persien, auf dem Balkan und in Mesopotamien, in der TĂŒrkei und in China, vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Deutschland, das als letztes ankam, reich an Industrie und Waffen, aber arm an Kolonien, versuchte, sich seinen Weg zu bahnen, um
 auch ein wenig zu stehlen; aber seine kolonialen GeschĂ€ftsmĂ€nner (laut einem eurer eigenen) trafen ĂŒberall auf einen gewaltigen Rivalen, die EnglĂ€nder, die ihnen den Weg versperrten3, um ihre maritime Entwicklung zu stoppen und diplomatisch an der Vorbereitung des Krieges zu arbeiten.

Und der Krieg kam, alles andere als unerwartet. Der GefĂ€hrte Domela Nieuwenhuis sprach bereits 1911 davon, dass dies eine sichere Sache sei, ebenso wie die Gewerkschafter/Syndikalisten Merrheim und Delaisi; der Einmarsch in Belgien selbst, ĂŒber den viele 1914 ĂŒberrascht schienen, wurde von ihnen als sicher angesehen4. Das Deutsche Reich wartete nicht darauf, dass seine Feinde sich vorbereiteten, dass Frankreich den Ertrag des Dreijahresgesetzes erhielt, dass Russland die versprochenen Schlachtschiffe und die polnischen strategischen Eisenbahnen baute usw. Sie, die im Moment die stĂ€rksten waren, hĂ€tte versuchen können, die andauernden Streitigkeiten anders zu regeln, anders Zusicherungen fĂŒr die Zukunft zu erhalten, kurzum alle Möglichkeiten zu nutzen, um einen Krieg zu vermeiden. Das haben sie nicht getan, und das ist seine Verurteilung. Stattdessen wollten sie ihr Schwert aus der Scheide ziehen!

Wir haben jedes Recht, den finsteren deutschen Kaiser und seinen verbrecherischen Generalstab zu verfluchen, weil sie die Ereignisse herbeigefĂŒhrt haben, wĂ€hrend es vielleicht möglich war, dass eine populĂ€re Revolution in der Zwischenzeit von irgendeiner der europĂ€ischen Nationen aus dem Lauf der Geschichte eine andere Richtung aufdrĂŒcken konnte. Wir, und nur wir, haben dieses Recht, weil wir von einem nicht-staatlichen, aber revolutionĂ€ren Standpunkt ausgehen. Die Regierungen und ihre ParteigĂ€nger, nein, sie haben nicht das Recht, gegen die deutsche Regierung zu peitschen, denn sie sind alle Komplizen dabei, denn auf dem zwielichtigen Terrain der Staatsdiplomatie kann auch der berĂŒchtigte deutsche Staat seinen Anteil an der Vernunft gegen sie geltend machen.

Wenn das Deutsche Reich auf der höllischen Skala der Verantwortung den ersten und abscheulichsten Platz einnimmt, ist es auch wahr, dass kein Staat vor seinen Untertanen behaupten kann, alles getan zu haben, um die Quittungen des Krieges zu vermeiden. Die GeheimvertrĂ€ge der Allianzen hatten die Oberhand. Bekannte Autoren haben dies vor allem in England nachgewiesen; wir verzichten darauf, diesen Nachweis, der auch allein auf der Grundlage offizieller und diplomatischer Dokumente erfolgen könnte, zu wiederholen, weil die Argumentation zu lange dauern wĂŒrde. Es genĂŒgt, an die Ermordung von John Jaures zu erinnern und an die Worte, die er kurz zuvor ĂŒber den Krieg geĂ€ußert hatte; diese Ermordung ist bereits ein Akt, der eine direkte, nicht nur entfernte, sondern auch unmittelbare, nicht nur negative, sondern auch positive Verantwortung der Hochfinanz und des französischen Nationalismus fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Krieg impliziert.

Wenn ihr sagt, dass es notwendig ist, „die Partei, die Europa seit fĂŒnfundvierzig Jahren5 in ein gigantisches SchĂŒtzengrabenfeld verwandelt hat“ zu besiegen ist habt ihr vollkommen recht; aber um deutlicher zu sein und den Beifall des Figaro und des Corriere della Sera zu vermeiden, hĂ€ttet ihr hinzufĂŒgen sollen (und dabei wiederholen, was einige von euch vor Ausbruch des Krieges gesagt haben6), dass diese Partei in jedem Land existiert und ihre Zentren und ihre wechselseitigen Verzweigungen hat, ĂŒberall mĂ€chtig und ĂŒberall siegreich gegen die Menschen heute sind. Die Tatsache, dass die Verbrecherbande in Berlin 1914 besser vorbereitet war als anderswo, schmĂ€lert nicht die Verantwortung der Letzteren. Vielleicht steigert es sie, denn man könnte sich fragen, was sie mit den Milliarden gemacht haben, die sie dem Volk unter dem Vorwand der militĂ€rischen Vorbereitung entzogen haben.

Aber darauf sollten wir nicht bestehen, denn das geht ĂŒber unseren Standpunkt hinaus und wĂŒrde uns aus unserem Terrain herausfĂŒhren. Schließlich ist der Krieg kein Fechtturnier, bei dem der Kampf erst beginnt, wenn alle bereit sind!

III

All diese Dinge sind und waren seit langem bekannt. Die Tatsachen, die sich vor unseren Augen entfalten, sind von unseren Gegnern und von uns selbst mehrfach als höchst plausible Hypothesen vorgebracht worden; und ihr und wir haben im Laufe unserer Propaganda wiederholt die Interpretation im oben genannten Sinne vorweggenommen. Es ist die realistischste Interpretation, die sich aus unserer libertÀren und revolutionÀren Auffassung von Leben und Kampf ergibt.

Krieg ist die natĂŒrliche Folge der kapitalistischen und staatlichen Ordnung der Gesellschaft. Vor fĂŒnfzig Jahren wurde der Militarismus und die Reaktion in Europa von Napoleon III. verkörpert, heute wird er von Wilhelm II. verkörpert, und in fĂŒnfzig Jahren wird er vom stĂ€rksten Staatsoberhaupt derjenigen der beiden Koalitionen verkörpert, die den gegenwĂ€rtigen Krieg gewinnen werden. Nur wenn die Ausbeutung durch den Arbeitgeber und die UnterdrĂŒckung durch den Staat aufhört, kann dieses Hin und Her der militĂ€rischen Tyrannei von einem Staat zum anderen aufhören; nur dann wird es keinen preußischen oder französischen Militarismus und keine Kriege mehr geben.

„Ah! Ihr wolltet nichts vom Sozialismus wissen? Nun, werdet ihr den Krieg haben, den dreißigjĂ€hrigen Krieg, den fĂŒnfzigjĂ€hrigen Krieg!“, sagte Herzen nach 1848. Und wir haben es; wenn die Kanone fĂŒr einen Moment aufhört, in der Welt zu donnern und zu verschnaufen, um an einem anderen Punkt wieder anzufangen, schlimmer noch, wĂ€hrend der europĂ€ische Krieg – das allgemeine Durcheinander der Völker – uns seit zehn Jahren droht
7“ Einer von euch hat vor dreiunddreißig Jahren so gesprochen, und er hatte recht, ebenso wie Herzen. In all diesen Jahren hat die Kriegsgefahr nur in kurzen AbstĂ€nden aufgehört, wie ein Damoklesschwert ĂŒber Europa zu schweben, und ihr habt, solange ihr die Dinge noch gelassen beurteilen konntet, gesagt, was wir heute wiederholen.

Wenn dieser Krieg vorbei ist, wer auch immer gewinnt, können wir die Warnung von Herzen wiederholen. Der Krieg wird sich selbst reproduzieren, er wird aus seiner Asche wiedergeboren werden, wenn – bevor neue Generationen fĂŒr ein neues Gemetzel bereit sind und bevor der Schrecken dieses Krieges vergessen ist – die Völker nicht Herr ihres eigenen Schicksals geworden sind und den einzig möglichen dauerhaften Frieden auf Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit grĂŒnden.

Aber ihr, die ihr gestern dieselbe Sprache wie wir gesprochen habt, scheint heute dieselbe oberflĂ€chliche und rhetorische Interpretation der Tatsachen zu akzeptieren, die uns seit zwanzig Monaten in all ihren Reden von den verschiedenen Ministern der Entente und ihren mehr oder weniger sozialistischen Handelsreisende aufgetischt wurde – dieselbe, mit einer anderen Anwendung, von den österreichisch-deutschen Ministern und ihren sozialdemokratischen Getreuen, die den Untertanen jenseits des Rheins aufgezwungen wurden. Ihr legt also allergrĂ¶ĂŸten Wert auf diese Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg, als ob alle Kriege in der unmittelbaren materiellen RealitĂ€t nicht immer ein Angriffskrieg auf der einen und ein Verteidigungskrieg auf der anderen Seite wĂ€ren!

Wir haben gesehen, wie oberflĂ€chlich diese Unterscheidung ist. Oft ist das, was als Angreifer erscheint, nichts anderes als der schwĂ€chere oder weniger glĂŒckliche Angreifer; oft ist das, was als Angreifer erscheint, nichts anderes als derjenige, der angegriffen werden soll und sich im Voraus verteidigt, indem er zuerst angreift. Fast immer hat dann jeder Staat, sowohl der Angreifer als auch der Angegriffene, vom Standpunkt seiner nationalen Interessen aus stichhaltige Argumente, um zu behaupten, dass er zur Selbstverteidigung gehandelt hat. In Wirklichkeit sind sie alle richtig und falsch zugleich, und es gibt nur einen mehr oder weniger großen Unterschied zwischen ihnen, den wir nicht beurteilen können, denn sie sind alle gleichermaßen unsere Feinde, und selbst wenn wir es wollten, wĂŒrden uns die Elemente fehlen. Denn was wissen wir schon ĂŒber sie? Das Wissen um geheime VertrĂ€ge, die Geheimnisse der Diplomatie und der Finanzen könnte jede bisherige Hypothese umstoßen.

Ungeachtet unserer unterschiedlichen Sympathien und Vorlieben halten wir es daher fĂŒr höchst verfehlt und im Widerspruch zu den grundlegenden GrĂŒnden anarchistischer Ideen und den nahen und fernen Notwendigkeiten der Revolution, uns in unserem Urteil und in unserer Haltung gegenĂŒber dem Krieg von dem vereinfachenden Kriterium leiten zu lassen, das Aggression von Widerstand unterscheidet, das die KriegfĂŒhrenden in Engel und DĂ€monen einteilt und den Ersteren alle GrĂŒnde und den Letzteren alle Ungerechtigkeiten zuschreibt. Wenn euer Kriterium akzeptiert wĂŒrde, wĂ€re unsere gesamte internationalistische und staatsfeindliche Propaganda der letzten vierzig Jahre falsch – denn in keinem Krieg könnten Anarchisten ein einheitliches, brĂŒderliches, internationales Auftreten an den Tag legen, da es immer eine angegriffene Nation gĂ€be, mit deren Regierung sich die Anarchisten solidarisch zeigen mĂŒssten.

Euer heutiges Kriterium ist genau das, das bis gestern von den demokratischen Sozialisten der verschiedenen LĂ€nder vertreten wurde, die jede Idee eines Generalstreiks im Kriegsfall, jede konkrete gemeinsame Aktion ablehnten, die zuerst von uns Anarchisten und dann von ihren revolutionĂ€reren Minderheiten vorgeschlagen wurde, eben weil sie behaupteten, dass jedes Volk, das angegriffen wird, zuerst daran denken muss, sich selbst zu verteidigen, und dass die Sozialisten die Pflicht hĂ€tten, sich an der Verteidigung zu beteiligen. Wir haben ihnen immer gesagt, dass dies Opportunismus ist, dass ihre internationale SolidaritĂ€t beim ersten Windstoß zusammenbrechen wĂŒrde, und wir hatten Recht.

Leider haben die Sozialisten einiger Nationen – die Guesses, die Sudekums, die Vanderweldes, die Adlers – diesen Opportunismus in der Praxis noch weiter getrieben und ihren Prinzipien noch mehr widersprochen, als vorgesehen war; aber ihre Inkonsequenz ist weniger ĂŒberraschend als die eure.

IV

Wir haben bereits gesagt, dass wir uns keine Illusionen ĂŒber die friedlichen Absichten der deutschen Regierung machen und dass wir, selbst wenn es sie gĂ€be, keine Hoffnung auf Gutes in sie setzen wĂŒrden, noch wĂŒrden wir uns in sie einmischen oder sie beeinflussen wollen. Es besteht also keine Gefahr, dass wir – um einen unsympathischen Ausdruck aus eurem Manifest zu verwenden – das Spiel von BĂŒlow und seinen Agenten spielen, genauso wenig wie wir das Spiel von Briands Agenten spielen wollen. Die beiden Spiele wĂŒrden gleichgesetzt werden.

Ihr seid vielmehr die ersten unter uns, die ĂŒber die hypothetischen deutschen Friedensbedingungen diskutieren, die eine Schweizer Zeitung aufgestellt hat. Wir erwĂ€hnen sie nur, weil ihr ĂŒber sie gesprochen habt, und es fĂ€llt uns nicht schwer zuzustimmen, dass sie grotesk und parteiisch sind. Aber auch wenn viele eurer Bedenken in dieser Hinsicht verstĂ€ndlich und berechtigt sind, besteht euer Fehler darin, dass ihr nicht erkennt, dass der Krieg euch nicht von ihnen befreien wird, sondern nur andere, aus eurer Sicht ebenso ernste Bedenken mit sich bringt. Denn selbst wenn die Staaten, die ihr favorisiert, gewinnen, wird keine der wichtigsten Fragen, die heute auf dem Spiel stehen (NationalitĂ€ten, Militarismus oder AbrĂŒstung usw.), gelöst werden. Denn Krieg ist ein Mittel, das die schwerwiegendsten Fragen nicht löst, sondern sie verkompliziert, verschlimmert, verdrĂ€ngt oder auf einen spĂ€teren Zeitpunkt fĂŒr einen weiteren Krieg verschiebt.

Dass gerade die Staaten, zu denen ihr als AnhĂ€nger/Verfechteer angehört, in jeder Hinsicht viele EnttĂ€uschungen fĂŒr euch vorbereiten, zeigen die Fehler in der KriegsfĂŒhrung, die sich die verschiedenen Regierungen in ihrer inoffiziellen Presse jetzt nicht so sehr vorwerfen. Die anglo-russischen RivalitĂ€ten um die Dardanellen, die italienisch-griechische Feindschaft und vor allem das Balkan-Durcheinander, das im serbisch-bulgarischen Krieg gipfelte, offenbarten ein egoistisches, geschĂ€ftliches und imperialistisches Substrat in der Arbeit der verschiedenen Staaten, das zwar weniger brutal, aber nicht weniger offensichtlich ist als das des deutschen Verhaltens.

In dieser Hinsicht sind die ErklĂ€rungen, die die Minister der beiden Kriegsparteien gelegentlich austauschen, aufschlussreich. Ein deutscher Minister spricht in Berlin? Gleich danach wird er von einem Minister aus London beantwortet! NatĂŒrlich wollen alle Europa Frieden geben. Es ist mĂŒĂŸig zu zeigen, wie zynisch und verlogen die Stimme aus Berlin ist; die gesamte Presse unserer LĂ€nder ist voll von ihrer Widerlegung, und wir sind da der gleichen Meinung. Aber ihr hört mit einem anderen Geist auf die Stimme, die aus London kommt und die euch verfĂŒhrt, obwohl sie keine Sirene ist. In letzter Zeit beteuert Minister Asquith, er wolle nur die Ruhe in Europa durch einen Sieg sichern, er wolle nur den preußischen Militarismus ausrotten und nicht die nationale Existenz der Germanen bedrohen oder sich in die AusĂŒbung ihrer friedlichen Arbeit einmischen.

Ausgezeichnete Absichten! Aber am nĂ€chsten Tag8 erweiterte [Eyre] Crowe im englischen Oberhaus in Beantwortung einer Frage im Namen der Regierung das Konzept des Krieges gegen den preußischen Militarismus wie folgt: „
 dass es Deutschland in Zukunft nicht erlaubt sein sollte, die gleiche Handelspolitik wie bisher fortzusetzen
 Es ist unmöglich, einen Unterschied zwischen deutschem Handel und preußischem Militarismus zu machen. Also
 lasst uns den deutschen Handel zerstören!“ Was sagt ihr, ihr Unterzeichner des Manifests, die ihr befĂŒrchtet, dass ein deutscher Frieden ökonomische Unterwerfung bedeuten könnte? Ist das nicht dasselbe, als wĂŒrde man den Deutschen mit einem englischen Frieden drohen?

Es ist ein neuer Krieg, der innerhalb des aktuellen Krieges vorbereitet wird. Der englische Schriftsteller Richard Bagot demonstrierte dies am Abend des 12. April in Florenz auf einer in Italien viel diskutierten Konferenz. Er zeigte u.a., dass nach dem Frieden der Handelskrieg beginnen wird, der seiner Meinung nach der wahre Krieg sein wird – auch der um Zivilisation, Freiheit usw. usw. Wir wissen nicht, wie viel Beachtung Bagot verdient; aber was er sagt, scheint gar nicht so weit hergeholt zu sein, wenn man die Arbeitsweise der internationalen Finanzklassen auf dem einen und auf dem anderen Gebiet beobachtet. Schon vor ein paar Monaten war von Versöhnungen der Industrie- und Bankenhaie Deutschlands und Österreich-Ungarns die Rede; seit einiger Zeit werden sogar nach dem Krieg ökonomische Konferenzen von den Geiern der englischen, russischen, französischen und italienischen Hochfinanz organisiert.

Diese dunklen Morde des Kapitalismus scheinen uns Anarchisten genauso zu beunruhigen wie die offene Gewalt des preußischen Militarismus. Wir sehen stattdessen, dass ihr euch in eurem Manifest eher um die belgischen und französischen Kolonien und das Schicksal der achtzehn Milliarden sorgt, die Frankreich an Russland verliehen hat, um die Revolution von 1905 zu unterdrĂŒcken und Waffen zu liefern. Es erscheint uns unwahrscheinlich, dass ihr glaubt, dass es sich lohnt, den Krieg fortzusetzen – d.h. in einem Menschenleben dieselben Milliarden zu verpulvern, die ihr fĂŒrchtet, zu verlieren – unter dem Druck solcher Sorgen, die nichts mit der Sache der Zivilisation und der Freiheit zu tun haben!

Aber wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, hier mit euch ĂŒber die Grundlagen eines Friedens zwischen Regierungen zu diskutieren, den die Regierungen ohne uns und ohne euch, gegen uns und gegen euch schließen werden.

V

Eure Behauptung, dass „das deutsche Volk seine Regierung in ihren EroberungsgelĂŒsten unterstĂŒtzt“, bedeutet nichts. Das kann man immer sagen, fĂŒr alle Völker, fĂŒr alle Regierungen, fĂŒr alle Eroberungen, selbst fĂŒr die schĂ€ndlichsten!

Ihr wisst, dass sich Mehrheiten leider – in allen LĂ€ndern, nicht nur in Deutschland – leicht an vollendete Tatsachen anpassen und der Meinung des StĂ€rkeren, desjenigen, der die Macht und den Reichtum besitzt, sind oder zu sein scheinen – solange die gegnerischen Minderheiten nicht in der Lage sind, das Umfeld zu verĂ€ndern. FĂŒr uns zĂ€hlen also die Avantgarde in der Minderheit, und auf sie mĂŒssen wir unseren Blick richten, um die intimen und tief sitzenden Tendenzen eines Volkes zu erkennen.

Um dem deutschen Proletariat gegenĂŒber fair zu sein9, ist es auf jeden Fall nicht schlecht, sich daran zu erinnern, dass bis zum ersten Ausbruch der Feindseligkeiten, d.h. bis der Kriegszustand jede Freiheit unterdrĂŒckte, in allen deutschen StĂ€dten Hunderte von Antikriegskundgebungen mit der Zustimmung und Beteiligung von Millionen von Menschen stattfanden. Dann wurde die Stimme des Volkes von der militĂ€rischen Reaktion und der verlogenen Presse mit der Komplizenschaft der mit der Regierung verbĂŒndeten sozialistischen AnfĂŒhrer im Keim erstickt; die Proletarier, die gezwungen waren, schweigend zu gehorchen, wurden zur Schlachtbank getrieben. Das beweist, dass sie zu schwach und machtlos waren, um die Verbrechen ihrer Regierung zu verhindern; es beweist auch den enormen Fehler des Legalitarismus und Autoritarismus, mit dem ihre Opposition gegen die Bourgeoisie in der Vergangenheit gefĂŒhrt wurde; aber es reicht nicht aus, um sie fĂŒr die staatlichen Schandtaten mitverantwortlich zu machen.

Das Gleiche gilt fĂŒr die Proletarier aller Nationen im Krieg. Überall sind die autoritĂ€ren Sozialisten mitverantwortlich fĂŒr die PassivitĂ€t des Volkes, die auf die legalistische Erziehung der Mehrheit des in Parteien und Gewerkschaften/Syndikate organisierten Proletariats zurĂŒckzufĂŒhren ist. Nicht einmal Frankreich ist eine Ausnahme, wo sich der Gewerkschaftsbund in letzter Zeit auf einen sehr reformistischen Korporativismus zubewegt hat, was einige von euch nicht ĂŒbersehen und beklagt haben. Überall scheinen die Staaten daher die Zustimmung ihrer Völker zu allen ihren Handlungen zu haben, auch zu den schlechten, bis die Stimme des Volkes wieder durch den Mund der wiedererstarkenden oppositionellen Minderheiten gehört wird.

Diese Stimme wurde bereits in jeder Nation erhoben, in Deutschland wie in euren LĂ€ndern.

Ihr wisst bereits, dass die deutschen Anarchisten immer gegen den Krieg und seine Urheber geblieben sind und dass ihre Opposition – die in einem vor langer Zeit veröffentlichten Manifest festgehalten wurde – sich nur wegen ihres zahlenmĂ€ĂŸigen Mangels und der polizeilichen Verfolgung, fĂŒr die ihre gesamte Presse unterdrĂŒckt und viele GefĂ€hrten inhaftiert wurden, nicht Ă€ußern konnte; so wisst ihr auch, dass viele von ihnen in die Schweiz und nach DĂ€nemark geflĂŒchtet sind, um nicht in den Krieg zu ziehen10. Das Gleiche gilt fĂŒr die revolutionĂ€ren Gewerkschaftler/Syndikalisten des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Leider stellen die einen und die anderen eine zu schwache Minderheit dar, um die Fakten zu beeinflussen, aber wir Anarchisten haben die Pflicht, sie nicht zu vergessen.

So dĂŒrfen wir das Verhalten von Karl Liebknecht nicht vergessen und trotz unseres Antiparlamentarismus seine Bedeutung und Aufrichtigkeit nicht verschweigen.

Die parlamentarische Opposition der Minderheit der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten, die seit etwa zehn Monaten Gestalt annimmt, hat eine andere Bedeutung. Wir wissen heute, dass etwa ein Drittel der einhundertzehn sozialistischen Abgeordneten gegen die Regierung sind, obwohl nur etwa zwanzig es gewagt haben, sich von der Mehrheit zu lösen, die sogenannte Disziplin zu brechen und in die Opposition zu gehen. Wir wollen ihre GutglĂ€ubigkeit nicht in Frage stellen, aber wir sollten auch nicht das wahltaktische Wesen ihres Sozialismus vergessen. Egal, ob der parlamentarische Opportunismus sie am 4. August 1914 dazu brachte, fĂŒr den Krieg zu stimmen oder ihre abweichende Meinung zum Schweigen zu bringen, es ist sicher, dass ihre heutige Opposition vor allem auf die Entwicklung des Oppositionsgeistes unter den Massen zurĂŒckzufĂŒhren ist, von dem sich ihre Mandate ableiten. TatsĂ€chlich wissen wir, dass in mehreren deutschen StĂ€dten sozialistische Vollversammlungen ihr Verhalten billigten, so wie andere Vollversammlungen Liebknechts Verhalten billigten.

Es ist dieser Teil des Volkes, der von den deutschen Delegierten auf der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Zimmerwald im September letzten Jahres vertreten wurde. Ihr liegt also falsch, wenn ihr behauptet, dass es an einer Vertretung der deutschen Arbeiter gemangelt hat, und wenn ihr davon ausgeht, dass der gesamte Widerstand der deutschen Arbeiter sich auf ein paar Unruhen wegen der steigenden Lebensmittelpreise beschrÀnkt hat. In Zimmerwald erklÀrten Vertreter der deutschen Arbeiter, dass sie genau das wollen, von dem ihr glaubt, dass sie es nicht wollen: einen Frieden ohne Annexionen, ohne KriegsentschÀdigungen, ohne ökonomische Versklavung11.

Ihr seht also, dass es im Gegensatz zu dem, was ihr sagt, keinen Mangel an Aufbruchsstimmung im deutschen Volk gibt.

Ihr wendet ein, dass die Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten und der organisierten Arbeiter – trotz allem, was wir gesagt haben – auf der Seite ihrer Regierung steht. Das bedeutet, dass wir und ihr in der Vergangenheit zu Recht mit den Schultern gezuckt habt, als wir uns mit den Abermillionen organisierter und wĂ€hlender deutscher Sozialisten brĂŒsteten. Jetzt haben wir den Beweis fĂŒr das, was wir frĂŒher sagten: dass sie grĂ¶ĂŸtenteils keine Sozialisten waren, sondern nur zum Zweck des unmittelbaren materiellen Nutzens reglementiert wurden. Der Krieg hat sie in die passive Mehrheit der Bevölkerung zurĂŒckgetrieben, die wĂ€hlt, gehorcht und zahlt. Die Davids, die [Carl] Legiens, die [Albert] Sudekums sind ihre wĂŒrdigen Hirten
 fĂŒr den Moment.

Denn es ist nicht sicher, ob nicht auch diese unbewusste Masse unter dem Peitschenhieb der Ereignisse die Opposition allmĂ€hlich anschwellen und in eine Revolution verwandeln wird. Das ist eure Hoffnung – und unsere!

Aber inmitten der Entfesselung des nationalen Hasses durch diesen Krieg ist eure Sprache sicher nicht die geeignetste, um von den deutschen Arbeitern gehört zu werden, an die ihr euer Manifest auch richtet. Erstens klingt sie zu sehr nach der Sprache eurer patriotischen Landsleute, und ihr werdet merken, dass die deutschen Arbeiter um des Patriotismus willen lieber die Sprache ihres eigenen Landes hören werden. Ein Schaden statt ein Vorteil! Vielleicht war das nicht eure Absicht, aber der Ton eures Manifests wurde euch von euren Schmeichlern im nationalistischen und konservativen Journalismus mitgeteilt. Es stimmt, dass eine Revolution in Deutschland durch den Schmerz und das Leid der Niederlage ausgelöst werden könnte, aber wenn ihr an der Seite derer steht, die diese Schmerzen und dieses Leid ĂŒber das deutsche Volk bringen, wie soll es dann auf eure Worte des Widerstands oder der Revolte hören?

Eure parteiische Haltung, anstatt die Entwicklung der Opposition in Deutschland zu begĂŒnstigen, könnte sie in Verlegenheit bringen und behindern, genauso wie es unserer Sache schaden wĂŒrde, wenn die deutschen patriotischen Sozialisten, die in einer Sprache, die der euren sehr Ă€hnlich ist, stĂ€ndig fĂŒr eine französische, russische oder englische Niederlage stimmen, zum Widerstand gegen die Regierungen der Intensiven aufrufen wĂŒrden. Noch weniger könnt ihr es den deutschen Arbeitern mit eurem System erleichtern, sich bei ihren eigenen Machthabern Gehör zu verschaffen – selbst wenn eure letztgenannte Hypothese nicht, wie es uns scheint, völlig inakzeptabel wĂ€re.

Kurz gesagt, der Rat, den ihr – gewissermaßen von oben herab, wie die Propheten des auserwĂ€hlten Volkes an das götzendienerische Volk biblischen GedĂ€chtnisses – den deutschen Arbeitern gebt, mag an sich gut sein, aber er hat den Fehler, dass er nicht auf gleicher Augenhöhe gegeben wird. Um ihnen effektiv zu sagen, dass sie ihre eigene Regierung bekĂ€mpfen sollen, dĂŒrft ihr euch nicht mit eurer Regierung solidarisieren.

Ihr solltet euch stattdessen an unsere anarchistischen GefĂ€hrten wenden, die unseren Ideen treu geblieben sind; ihr solltet euch an die oppositionellen Minderheiten wenden, die die Möglichkeit haben, frĂŒher oder spĂ€ter die Massen in ihre Mitte zu ziehen, aber nicht, indem ihr vorgebt, sie zu ignorieren oder versucht, ihre Bedeutung zu schmĂ€lern, sondern indem ihr ihre Absichten und Ideen fair zur Kenntnis nehmt und euch der Schwierigkeiten bewusst seid, denen sie gegenĂŒberstehen.

Außerdem solltet ihr nicht die beispiellosen Schandtaten vergessen, die die deutsche Regierung mit ihren Armeen begangen hat, und dass sie dasselbe getan hĂ€tten, wenn es ihnen gelungen wĂ€re, auf feindlichem Boden zu kĂ€mpfen, wenn sie die Seewege des Feindes abgefangen hĂ€tten usw.

Man muss sich nur an vergangene Kriege erinnern, und zwar an alle, um sich davon zu ĂŒberzeugen, dass die Konventionen, die von den Staaten in Friedenszeiten gebilligt werden, eine dumme Heuchelei sind; in Kriegszeiten berufen sich nur die Schwachen auf sie, wĂ€hrend die Starken sie mit FĂŒĂŸen treten oder sie nur im Rahmen ihres eigenen Vorteils respektieren. Wie oft haben wir das in der Vergangenheit nicht schon gesagt und uns ĂŒber zwischenstaatliche, pazifistische und humanitĂ€re Kongresse lustig gemacht?

Dass alle Staaten die gleiche FĂ€higkeit haben, Verbrechen zu begehen, und dass nur Ă€ußere UmstĂ€nde den einen weniger stark erscheinen lassen als den anderen, beweist die Erinnerung an BĂŒrgerkriege (Paris, erinnere dich an dein 1848 und dein 1871!), es beweist die Erinnerung an den russischen Einmarsch in Preußen und Galizien, es beweist vor allem die ganze Geschichte der Kolonialkriege, in denen ausnahmslos jeder Staat der Menschheit und der Zivilisation entsetzlichen Schaden zugefĂŒgt hat. Wenn im Kongo, auf Madagaskar, in Tripolitanien usw. keine Kathedralen oder UniversitĂ€ten zerstört wurden, wie in Reims und Löwen, dann nur, weil es dort keine gab!

VI

Weil wir all das denken und sagen – also alles, was wir seit vierzig Jahren sagen – werden wir von der bourgeoisen Presse als Handlanger der Deutschen verunglimpft. Trotz der verleumderischen Absicht lĂ€sst uns das gleichgĂŒltig, genauso wie es einem Atheisten gleichgĂŒltig sein kann, wenn eine Begine (A.d.Ü. Beginen und Begarden waren Mitglieder von religiösen Laiengemeinschaften in weiten Teilen Europas vom Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert. Sie richteten ihr Leben am Armuts- und Bußideal in der Nachfolge Jesu Christi aus und verrichteten vor allem karitative TĂ€tigkeiten fĂŒr Kranke, Arme und Sterbende.) auf die Idee kommt, ihn zu beleidigen, indem sie ihn einen Juden oder einen Freund der Juden nennt.

Wir können euch jedoch unsere Seele öffnen und sagen, dass der Krieg in uns ganz Ă€hnliche GefĂŒhle weckt wie in euch. Wir alle hatten einen Moment Ă€ngstlicher Beklemmung, als die deutsche rohe Gewalt 1914 Paris erreichen sollte. Selbst wenn man andere mehr oder weniger unbewusste Elemente, die in uns gewirkt haben könnten, außer Acht lĂ€sst, reichten die Arroganz der Invasion und die in Belgien und Nordfrankreich begangenen GrĂ€uel aus, um uns das preußische militaristische Monster in diesem Moment mehr als alles andere hassen zu lassen. Diese Haltung stand keineswegs im Widerspruch zu unseren idealistischen Überzeugungen – wir, die wir in der Vergangenheit nie mit unserer Sympathie fĂŒr unterdrĂŒckte NationalitĂ€ten gespart und oft die militaristische Gefahr angeprangert hatten, die von Deutschlands politischen Institutionen ausging.

Aber wir merkten bald, wie die natĂŒrliche und spontane Stimmung der Mehrheit von den Feinden der Revolution und der Freiheit kunstvoll ausgenutzt wurde, um sie in diametral entgegengesetzte Richtungen zu lenken. Sogar bei einigen Sozialisten, Gewerkschaftern/Syndikalisten und Anarchisten ersetzte dieses GefĂŒhl in seiner Erregung den lebendigen, aber oberflĂ€chlichen Eindruck des Augenblicks durch eine synthetische Vision der RealitĂ€t. Es ließ sie die Vergangenheit vergessen und die Zukunft vernachlĂ€ssigen, was zu Schlussfolgerungen fĂŒhrte, die all unserer bisherigen Propaganda und den Grundlagen unserer revolutionĂ€ren und libertĂ€ren Ideale widersprachen.

Einige, die Bakunin und Marx vergaßen, beriefen sich auf Victor Hugo und Mazzini, um die Idee des Vaterlandes zu rehabilitieren; andere trennten die soziale Frage von der nationalen und ordneten sie ihr unter, indem sie sich um Elsass und Lothringen, Trient und Triest usw. sorgten. Einige, zumindest in Italien, gingen so weit, sich den Expansionsabsichten der Bourgeoisie anzuschließen. Manche nannten die Gegenwart einen Befreiungskrieg, sie nannten sie sogar einen revolutionĂ€ren Krieg! Viele KriegsbefĂŒrworter schĂŒrten wĂŒtend den National- und Rassenhass, den sie noch wenige Monate zuvor beklagt hatten. Und in den neutralen LĂ€ndern gab es diejenigen, die die traurige Verantwortung ĂŒbernahmen, ihre eigene Regierung selbst in den Krieg zu treiben!

Wir wissen nicht, ob ihr die Arbeit und die Ideen all dieser Leute gutheißt, die auch eure Namen tragen und sich in ihrer Propaganda eurer SolidaritĂ€t rĂŒhmen. Wir wĂŒrden gerne glauben, dass dem nicht so ist. Aber ihr mĂŒsst verstehen, dass wir angesichts all dessen nicht schweigen konnten. Unter dem Vorwand Belgiens oder Frankreichs, unter dem Deckmantel einer edlen Gesinnung, die allen gemeinsam ist, haben wir gesehen, dass ĂŒberall ein völlig reaktionĂ€rer, militaristischer, tyrannischer Zustand und Geist geschaffen wird. Ihr selbst tragt dazu bei, trotz all eurer gegenteiligen Absichten, mit einer Haltung, die euch automatisch auf die Seite fast aller unserer Feinde stellt und euch von den meisten eurer GefĂ€hrten in der ganzen Welt entfernt.

Daraus ergibt sich die absolute Notwendigkeit – ohne unser primitives GefĂŒhl zu leugnen oder zu schmĂ€lern – gegen die Abweichungen und Übertreibungen dieses GefĂŒhls vorzugehen. Die Tatsache, dass auch Menschen wie ihr von der Straße gezerrt werden könnten, hat uns neben einer tiefen Trauer auch das BedĂŒrfnis geweckt, Tendenzen einzudĂ€mmen, die die Zukunft zu untergraben und unsere Ideen zu ĂŒberwĂ€ltigen drohen. Diese Bedrohung ist nicht weniger gefĂ€hrlich als die des preußischen Militarismus. Beobachtet um euch herum, wie jede Form von geistiger Reaktion und Despotismus durch Krieg wiedergeboren und gestĂ€rkt wird, und denkt daran, dass keine Sklaverei dauerhafter und hartnĂ€ckiger ist als die, die durch eine mehr oder weniger stillschweigende Zustimmung der Untertanen aufrechterhalten wird.

Aber, so könnten einige von euch sagen, um den moralischen Schaden und die despotischen Formen des Kriegszustandes nicht zu tolerieren, mussten wir uns von den Ulanen des Kaisers unterdrĂŒcken und abschlachten lassen?

Wir können euch mit euren Worten aus anderen Zeiten antworten, als ihr dem gleichen Einwand der bourgeoisen Journalisten ein ganz klares Programm entgegensetzte: Die Revolution beginnen und das Territorium verteidigen, um sie fortzusetzen. Mach die Revolution und renne zu den Grenzen. Das Gewehr in die Hand nehmen, ABER NICHT ALS SOLDATEN DER BOURGEOISIE, SONDERN ALS SOLDATEN DER REVOLUTION12
 Unter Androhung eines UNVERBINDLICHEN TODES eine revolutionĂ€re Situation gegen die Hochfinanz heraufbeschwören13
 Mutig sein und den Menschen zeigen, dass das FĂŒhren eines Krieges aus ProfitgrĂŒnden und unter der Leitung einer Oligarchie neue Katastrophen begĂŒnstigt
 eine schnelle SĂ€uberung, einige große soziale Maßnahmen, die im ersten Impuls beschlossen und angewendet werden, und gleichzeitig die Organisation der Verteidigung fortsetzen, Ă€ndert sich die Situation; und das PrĂ€ludium zur sozialen Revolution14.

VII

Leider war das nicht möglich, weil der Staat ĂŒberall stĂ€rker war – in Deutschland wie in Frankreich, in Belgien wie in Italien, in Russland wie in Österreich – und weil die RevolutionĂ€re wieder einmal mit sehr guten Ideen im Kopf, aber ohne jede praktische und materielle Vorbereitung von den Ereignissen ĂŒberrascht wurden. Aber etwas nicht tun zu können, bedeutet nicht, dass man das Gegenteil rechtfertigen und tun sollte!
 Auf jeden Fall kann man jetzt, wo die Ereignisse vorbei sind, sagen, was vorher nicht gut zu sagen war – als es vielleicht ein Schlupfloch war, um sich selbst vom Handeln zu befreien, oder ein Grund zur Entmutigung, um den Initiativgeist anderer zu unterdrĂŒcken -, dass der Anlass eines Krieges, auch wenn man nicht ausschließt, dass man versuchen sollte, ihn trotz der ungĂŒnstigen UmstĂ€nde auszunutzen, der denkbar schlechteste fĂŒr eine siegreiche Insurrektion ist15.

Ihr selbst sagt in eurem Manifest, dass „(
) wir es lieber gesehen hĂ€tten, dass diese Bevölkerung ihre Selbstverteidigung in die eigenen HĂ€nde nimmt. Da dies unmöglich war, blieb nur, sich in das UnabĂ€nderliche zu fĂŒgen.“ Und in der Tat, wenn ihr, besiegt auf unserem revolutionĂ€ren und libertĂ€ren Boden, die Ereignisse nur „erlitten“ hĂ€ttet, hĂ€tten wir heute nichts zu sagen. Aber ihr habt nicht nur „ertragen“, sondern auch die vollendeten Tatsachen akzeptiert, bis hin zur journalistischen Zusammenarbeit mit unseren Feinden, die an einigen Orten wie Italien nicht wenig dazu beigetragen hat, genau das zu verhindern, was ihr einst vorausgesagt habt.

Heute kĂŒmmert es euch nicht mehr, dass diejenigen, die kĂ€mpfen, Soldaten der Bourgeoisie und nicht der Revolution sind; und ihr habt ohne Frage erklĂ€rt, dass ihr auf ihrer Seite seid. Indem ihr die ErklĂ€rung fĂŒr die Ursachen von Kriegen, die ihr bis vor zwei Jahren gegeben habt, ins Gegenteil verkehrt habt, habt ihr euch auf die Seite der KriegfĂŒhrenden gestellt, die sich unter der Leitung und zum Profit einer Oligarchie verteidigen: etwas, das ihr einst als katastrophal und als Ursache fĂŒr einen nicht wiedergutzumachenden Verfall fĂŒr uns vorausgesehen habt. Ihr seid sogar so weit gegangen, euer neuestes Manifest zu veröffentlichen, das (abgesehen von den Fehlern, die wir versucht haben zu widerlegen) nur sagt, was unseren Feinden gefĂ€llt und sie nicht so sehr gegen Ă€ußere Feinde verteidigt, sondern gegen die sozialistische und libertĂ€re Opposition, die von innen heraus entsteht.

Das widerspricht vielleicht eurer Absicht, denn ihr glaubt, dass ihr nur von eurem Recht Gebrauch macht, eure Meinung zu sagen. Niemand spricht euch dieses Recht ab; wir können uns höchstens darĂŒber beschweren, dass wir es nicht in gleichem Maße nutzen können, nur weil wir anders denken. In Italien wie in Frankreich hindert uns die Zensur daran, eure Ideen mit unseren zu widerlegen – so wie sie uns daran gehindert hat, euer Manifest zu widerlegen. Das zeigt sehr deutlich, dass die Haltung, die in eurem Manifest zum Ausdruck kommt, nicht die von jemandem ist, der nur leidet, sondern die von jemandem, der sich anpasst, bis hin zu einer echten Zusammenarbeit.

Viele unserer Leute wurden durch staatliche Gewalt und die UmstÀnde gezwungen, entgegen ihren eigenen Vorstellungen zu handeln
 All das ist menschlich; sie haben unter den Auswirkungen unserer Niederlage gelitten. Wir erlauben uns daher nicht, uns zu ihren Zensoren zu erheben, weil sie als Soldaten des Staates in den Kampf gezwungen worden sind.

FĂŒr diejenigen, die in den regulĂ€ren Armeen kĂ€mpfen, und das ist die Mehrheit – auch wir können jederzeit dazugehören -, können wir sehr gut erklĂ€ren, wie sie in eine ungewollte Situation geraten sind, aus der sie nicht entkommen konnten.

Aber ihr Verhalten zu erklĂ€ren, vielleicht zu zeigen, dass sie nicht anders handeln konnten, bedeutet nicht, dass wir als Anarchisten und RevolutionĂ€re solidarisch sind. Selbst in Friedenszeiten wurden so manche GefĂ€hrten eingezogen, und niemand beschuldigt sie, wenn sie keine andere Möglichkeit darĂŒber hinaus hatten; aber niemand denkt auch nur im Traum daran, mit ihnen zu sympathisieren. Wir können nicht – wie ihr sagt – sagen, dass wir „auf der Seite der KĂ€mpfenden stehen“, denn sie sind nicht Herr ihres eigenen Handelns und kĂ€mpfen unter dem Befehl von Leuten, von denen wir wissen, dass sie der Feind des Proletariats und unserer Ideen von Gleichheit und Freiheit sind, mehr noch als die Deutschen.

VIII

Gestehen wir lieber ein, dass wir ĂŒberall in Europa besiegt wurden, bevor wir gekĂ€mpft haben, und dass wir gezwungen waren, uns dem Gesetz des Siegers zu unterwerfen, gegen unsere wertvollsten Überzeugungen zu handeln und unser Blut fĂŒr die Sache eines anderen zu geben; aber rĂŒhmen wir uns nicht unseres erzwungenen und widersprĂŒchlichen Handelns, als ob es anarchisch wĂ€re, versuchen wir nicht, uns einzureden, dass wir den Brudermord, an dem wir teilnehmen, gegen die Verteidigung der Freiheit der Völker eintauschen!

Die Rhetorik der britischen Minister spekuliert auf das Entsetzen, das wir alle ĂŒber die deutschen Schandtaten in Belgien empfinden, um einen totalen Krieg anzuzetteln. Aber wenn ein Krieg bis zum bitteren Ende den Wunsch der belgischen Regierung und der Bourgeoisie nach territorialer und finanzieller EntschĂ€digung befriedigen kann, ist es zumindest zweifelhaft, ob die unglĂŒckliche Bevölkerung es nicht vorziehen wĂŒrde, Frieden zu schließen und das Land zu rĂ€umen, bevor die französisch-englischen Befreier ihren Vormarsch beginnen, der durch die Notwendigkeit des Krieges alles zerstören muss, was die deutsche Armee noch nicht zerstört hat. Die letztgenannte Hypothese, die auch von einem britischen Politiker geĂ€ußert wurde, ist leider nicht weit hergeholt, wenn man das System der KriegsfĂŒhrung bedenkt und die Tatsache, dass die deutsche FĂŒhrung Belgien in ein riesiges verschanztes Lager verwandelt hat.

UngefĂ€hr dieselben Überlegungen könnten fĂŒr alle Territorien angestellt werden, von denen der eine oder andere Staat behauptet, sie zu „befreien“. Und wir erwĂ€hnen dies nicht, um den Regierungen, die nicht auf uns hören und von denen nichts Gutes zu erwarten ist, eine Lösung zu empfehlen, sondern einfach, um zu zeigen, wie ĂŒbertrieben ihre Sprache ist und wie ihre Ziele nie mit den populĂ€ren Interessen und Bestrebungen ĂŒbereinstimmen.

Das gilt auch in Bezug auf nationale Themen. In der Tat wird unser MitgefĂŒhl fĂŒr unterdrĂŒckte NationalitĂ€ten heute nur noch sehr wenig in Anspruch genommen. Ganz abgesehen davon, dass in Kriegszeiten jedes Territorium, auf dem Krieg gefĂŒhrt wird, als unterdrĂŒckt angesehen werden kann, ist es eine Tatsache, dass im gegenwĂ€rtigen Krieg keine der beiden Krieg fĂŒhrenden Koalitionen behaupten kann, die Befreiung von NationalitĂ€ten zu wollen, weil es auf beiden Seiten welche gibt. Staaten, die LĂ€nder anderer NationalitĂ€ten als ihrer eigenen heftig unterdrĂŒcken. Auf der anderen Seite ist die Frage, die in vielen FĂ€llen eine umstrittene Frage der Grenzen und modern veraltet, (mit der möglichen Ausnahme von Russland) weil nationale AnsprĂŒche von sozialen AnsprĂŒchen absorbiert und mit ihnen verwechselt wurden16. Nationale Freiheiten können daher nur zusammen mit allen anderen Freiheiten von Individuen und Gruppen durch die soziale Revolution und nicht durch staatliche Kriege eingefordert werden. Genauso können Grenzfragen – die ebenso auf militĂ€rische GrĂŒnde und staatliche RivalitĂ€ten zurĂŒckzufĂŒhren sind wie auf die Schwierigkeit, eine genaue Grenze festzulegen, wo sich Rassen, BrĂ€uche und Sprachen vermischen und ĂŒberschneiden – nur durch die direkte Intervention der Völker gelöst werden, die alle kĂŒnstlichen Barrieren nutzlos macht, mit der revolutionĂ€ren UnterdrĂŒckung der staatlichen AutoritĂ€t und der Ausbeutung durch den Staat.

Wenn wir so reden, sagt man, wir seien Utopisten – als ob es nicht viel utopischer wĂ€re, vom bourgeoisen Staat, der so utilitaristisch und tyrannisch ist, eine befreiende Aktion zu erwarten! Als ob es nicht viel utopischer wĂ€re, aus Hass auf den germanischen Militarismus (einen Hass, den wir teilen), die Funktion, uns zu befreien, dem französisch-russischen Militarismus anzuvertrauen! Als ob wir nicht wĂŒssten, dass es dem Letzteren nicht gelingen wird, den Ersteren zu vernichten, es sei denn, er wird stĂ€rker als der Letztere und schafft damit eine neue Gefahr fĂŒr die Zukunft, die genauso bedrohlich ist wie der Erstere.

Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass unsere feste Überzeugung, dass nur eine direkte und revolutionĂ€re Aktion des Volkes all diese Fragen lösen kann, von denen, die uns nicht kennen, fĂŒr GleichgĂŒltigkeit angesichts so vieler Qualen, so vieler beschnittener Freiheiten und so vieler Bedrohungen fĂŒr die Zukunft gehalten wird! Stattdessen empfinden wir nur noch grĂ¶ĂŸere Angst, nicht nur, weil wir im Lager der Alliierten genauso viel Schande und Leid sehen, sondern auch und vor allem, weil wir nicht einmal den Trost haben – so irrefĂŒhrend und gefĂ€hrlich das auch sein mag -, auf irgendetwas Gutes vom Sieg des einen statt des anderen zu hoffen. Sicherlich spĂŒren wir unsere gegenwĂ€rtige Hilflosigkeit viel stĂ€rker als ihr, die ihr eure Hoffnungen auf die Anstrengungen von vier mĂ€chtigen bewaffneten Armeen stĂŒtzt, wĂ€hrend wir keine andere Rettung sehen als das Handeln eines Volkes, das noch immer versklavt, geteilt und unbewaffnet ist


Doch wir glauben, dass wir Recht haben, nicht nur im Hinblick auf die formale KohĂ€renz mit den Lehren der Anarchie, sondern vor allem auf dem Boden der RealitĂ€t. Wir glauben jedenfalls, dass eure Illusionen fĂŒr die Zukunft und fĂŒr die Freiheit gefĂ€hrlicher sind, als unsere Vergangenheit, sagen wir der Masse des Volkes: Rette dich! Nur durch deine eigene Kraft, nur durch deine eigenen Anstrengungen kannst du dich selbst und mit dir die Menschheit retten!

IX

Aber wir sind nicht absolut pessimistisch, sondern nur relativ in Bezug auf die TĂ€tigkeit der Regierungen und ihre Absichten. Aber wir schließen nicht aus, dass aus so viel Bösem ein Motiv und ein Prinzip des Guten entstehen kann, unabhĂ€ngig vom Willen der Herrschenden. Die aktuellen Ereignisse sind so neu in der Geschichte und so gewaltig, dass sogar das Unvorhersehbare eine wichtige Rolle dabei spielen könnte.

Da wir davon ĂŒberzeugt sind, dass die wahre Freiheit vergeblich von den Regierungen erhofft wird, scheint es uns sinnlos, dem einen oder dem anderen etwas zu wĂŒnschen. Aber da wir einen eigenen Weg wĂ€hlen mĂŒssen, ohne uns auf unsere Feinde zu verlassen und ohne nutzlose Berechnungen ĂŒber Unvorhergesehenes anzustellen, scheint es unsere Aufgabe zu sein, uns an den bekannten Tatsachen zu orientieren, an dem, was wir fĂŒr die Wahrheit halten, und im Licht unserer Ideen den Weg zu gehen, den wir fĂŒr uns selbst vorgezeichnet haben, als wir die anarchistische Idee angenommen haben. Wir bleiben uns und unserer Flagge treu.

Aus dem europĂ€ischen Krieg und seiner VerlĂ€ngerung oder aus einem ĂŒberstĂŒrzten Frieden könnten sich UmstĂ€nde ergeben, die auch in unserem Sinne ausgenutzt werden könnten. Aber damit dies möglich ist, ist es das Wichtigste, sich nicht auf die Seite dieser oder jener staatlichen Koalition zu stellen, wie es so viele Sozialisten getan haben und wie ihr es getan habt, sondern zu versuchen, den Geist der sozialistischen und libertĂ€ren Opposition an jedem Ort lebendig zu halten, um das proletarische Gewissen und die Liebe zur Freiheit so weit wie möglich zu wecken, gegen National- und Rassenhass vorzugehen, jede Tendenz zur SolidaritĂ€t zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu verhindern, die heute zahlreichsten Opfer der zivilen und militĂ€rischen Reaktion zu verteidigen und schließlich bereit zu sein und andere anzustacheln, sich darauf vorzubereiten, aus den Ereignissen, wie auch immer sie sich entfalten oder ĂŒberstĂŒrzen, Nutzen zu ziehen.

Dies, so scheint es uns, sollte die eigentliche Funktion von Anarchisten sein; ihr spezifisches parteiliches (A.d.Ü., im Sinne von Partei ergreifen) Handeln sollte auf dieser Richtlinie beruhen, unabhĂ€ngig davon, was jeder Einzelne persönlich in einem anderen Sinne zu tun gezwungen sein mag, wenn er in das RĂ€derwerk von Ereignissen gerĂ€t, die er nicht will. Die anarchistische Sprache, wenn Anarchisten es fĂŒr richtig hielten, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, hĂ€tte von dieser Richtung geprĂ€gt sein sollen, um unseren Glauben zu trösten und zu beleben, wo immer ihr Wort ankommt, um auf das tiefe und innige GefĂŒhl der GefĂ€hrten in allen LĂ€ndern einzugehen. Es hĂ€tte eine ausschließlich anarchistische, revolutionĂ€re, internationalistische Sprache sein mĂŒssen, die uns nicht spaltet, sondern zu einem zĂ€heren BĂŒndel von Herzen und Willen vereint.

Stattdessen habt ihr es vorgezogen, euch zu spalten, euch zu unterscheiden. Niemand stellt euer Recht in Frage, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, welchen Schaden ihr bei uns angerichtet habt. Die praktische Wirkung eurer Worte war fast gleich null, zumindest bei uns, denn unsere Reihen lichteten sich nicht und nur sehr wenige Einzelpersonen machten es euch nach. Aber im Gegenzug habt ihr viele Herzen, die euch liebten, tief verwundet, ihr habt Bitterkeit und einen Grund zur Skepsis unter unsere bescheidensten und eifrigsten GefĂ€hrten gestreut; ihr habt unseren schlimmsten und heimtĂŒckischsten Gegnern eine weitere Waffe gegeben, mit der sie uns angreifen können, den ganzen Anschein eurer SolidaritĂ€t in einer Kampagne der Verunglimpfung und Verleumdung gegen uns, die seit zwanzig Monaten andauert. Jedes Mal, wenn wir versucht haben, uns zu verteidigen, wurden uns eure Namen als Vorwurf ins Gesicht geworfen, fast schon als Empörung. Daran seid ihr vielleicht nicht schuld, aber das ist eine Folge eurer Haltung, die, wenn sie ĂŒberhaupt ein praktisches Ergebnis hatte, genau das war, was ihr nicht wolltet.

Denn wenn wir die absurde Hypothese zulassen, dass ihr Recht haben könntet, glaubt ihr dann, dass die Armeen der Staaten, die ihr verteidigt, weniger gewinnen oder verlieren werden, nur weil unsere kleine Minderheit von Anarchisten so und nicht anders denkt? Der Krieg wird von den Regierungen gefĂŒhrt und von den großen Staaten organisiert; der Kriegszustand nimmt alle Macht in ihre HĂ€nde, und ihr Handeln entzieht sich unserer Kontrolle und selbst dem entfernten und indirekten Einfluss, den wir in normalen Zeiten durch Propaganda ausĂŒben könnten. Wir wissen nur wenig ĂŒber den Verlauf des Krieges, außer im Nachhinein; wir kennen die Wahrheit nicht einmal ĂŒber die wichtigsten Ereignisse, die es in unserem Interesse ist, vor uns zu verbergen. Wir selbst mĂŒssen, ob wir wollen oder nicht, als Soldaten gehen, wenn es unser Alter zulĂ€sst, vom Ersten bis zum Letzten!

Wir sind nicht unsere eigenen Herren, wir können nicht alles sagen, was wir denken; die Diplomatie arbeitet im Verborgenen und wird völlig unabhĂ€ngig von uns Frieden schließen oder den Krieg fortsetzen, ohne sich ĂŒberhaupt um unsere Existenz und unsere Meinung zu kĂŒmmern. Erscheint es euch nicht wie die Fliege, die sich auf dem Kopf eines Ochsen niederlĂ€sst, der am Pflug hĂ€ngt, und großspurig sagt: „Wir pflĂŒgen“, wenn sie sich einmischt und sagt: „Wir sind auch da!“ Warum sollten wir unsere Funktion als Minderheit – die eine Funktion der Opposition ist – aufgeben, um den Standpunkt der Regierungen zu vertreten, wenn dies nur uns und unserer Sache schadet? Wenn dies der Zukunft schadet und Kompromisse eingeht, ohne die Gegenwart zu verĂ€ndern? Wenn es also nur die Regierungen gegen die ihnen unterworfenen Völker stĂ€rkt?

X

Man sagt man wolle das das geringere Übel aus dem heutigen Konflikt herausholen. UnabhĂ€ngig von unserer militĂ€rischen und diplomatischen Ohnmacht mĂŒssen wir bedenken, dass selbst das „geringere Übel“ in der gegenwĂ€rtigen Tragödie das Schrecklichste ist und seine Folgen auch morgen noch eine enorme Ansammlung von Schmerzen sein werden. Und wir mĂŒssen im Interesse unserer Sache in der Lage sein, uns den Menschen morgen frei von jeglicher moralischen Verantwortung fĂŒr die schmerzhaften Ergebnisse des Krieges als Anarchisten zu prĂ€sentieren. Es wĂ€re sehr seltsam, dass wir nach vierzig Jahren, in denen wir jeden anderen Kontakt als Feindseligkeit mit den AutoritĂ€ten vermieden haben, ihnen gerade dann vertrauen, wenn ihre AutoritĂ€t am absolutesten und willkĂŒrlichsten ist; dass wir uns an das reformistische Kriterium des am wenigsten Schlimmen halten, gerade in einer Situation, in der nichts unsicherer ist als die tatsĂ€chlich am wenigsten katastrophale Lösung – wenn wir nur sicher wissen, dass eine solche Lösung das Proletariat enorme Opfer kosten wird.

Zwischen diesen beiden Lösungen – einem sofortigen Frieden oder der Fortsetzung des Krieges – habt ihr euch zu Verfechtern der letzteren gemacht. Ob ihr die Befreiung der unterdrĂŒckten NationalitĂ€ten oder das Ende des Militarismus wollt, wir haben euch bereits gesagt, dass ihr euch etwas vormacht. Aber habt ihr noch nicht begriffen, dass in diesem Wettlauf auf Leben und Tod ganz Europas die grĂ¶ĂŸte Wahrscheinlichkeit darin besteht, dass es keiner der Krieg fĂŒhrenden Koalitionen gelingen wird, den Gegner zu vernichten, dass es am Ende weder Gewinner noch Verlierer geben wird?

Wir können uns natĂŒrlich irren, aber der Irrtum ist wahrscheinlich der unsere und hat keine Folgen, weil wir unsere Haltung nicht von Vorhersagen ĂŒber den Fortgang und das Ende des Krieges abhĂ€ngig machen. Wir antworten auf euer Manifest fĂŒr die Fortsetzung des Krieges nicht mit einer ErklĂ€rung fĂŒr einen sofortigen Frieden, eben weil wir uns nicht zu Komplizen der Regierungen machen wollen, auch nicht – wie wir bereits gesagt haben – mit einem Werk fĂŒr den Frieden, das, ob sofort oder nicht, zweifellos andere Schandtaten und andere Schikanen sanktionieren wĂŒrde. Unsere Haltung, die nichts mit dem Pazifismus der bourgeoisen Philanthropie gemein hat und sich scharf vom Neutralismus der autoritĂ€ren Sozialisten unterscheidet – wir sind keine Neutralisten, sondern feindselig gegenĂŒber beiden StaatenbĂŒndnissen – ist völlig unabhĂ€ngig von den beiden Lösungen, denn wir wollen auf dem Terrain der revolutionĂ€ren und libertĂ€ren Aktion gegen die staatliche Bourgeoisie bleiben, egal ob der Krieg weitergeht oder der Frieden geschlossen wird.

Und es ist unsere moralische StĂ€rke, mit der ganzen ZĂ€higkeit unseres Willens an unserem unnachgiebigen Flagge festzuhalten, um nicht ĂŒberwĂ€ltigt zu werden. Man wird sagen, dass dies wenig praktische Auswirkungen hat; das mag stimmen. Aber wĂ€hrend wir materiell von den Tatsachen besiegt und wie Sklaven an den Wagen des kriegerischen Staates gefesselt wurden, kann unsere StĂ€rke nur eine moralische sein. Nur wenn wir diese StĂ€rke beibehalten, können wir auf eine mehr oder weniger baldige zukĂŒnftige Rache hoffen. Wir wĂ€ren doppelt besiegt, wenn wir zu unserer erzwungenen materiellen Einhaltung der blutigen Staatspolitik auch noch jegliche moralische Einhaltung hinzufĂŒgen wĂŒrden!

Deshalb hat uns euer Manifest geschmerzt. Es erschien uns wie die AbtrĂŒnnigkeit eines Teils von uns – eines kleinen Teils zwar, der aber im Angesicht des Feindes viel grĂ¶ĂŸer erscheint und uns deshalb mehr geschadet hat. Ihr, wegen eures Namens, wegen eurer Vergangenheit, wegen eurer Werke, wegen der Zuneigung all eurer GefĂ€hrten zu euch, wegen des Respekts, mit dem ihr von euren Gegnern umgeben wart, trotz eurer selbst und trotz uns, seid ihr in den Augen der Öffentlichkeit, in Ermangelung einer stabilen Organisation, fast als die Vertreter unserer Idee und unserer kĂ€mpferischen KollektivitĂ€t erschienen17. Ihr wart sicher nicht verpflichtet, ĂŒber eure Gedanken zu schweigen, die von unseren abwichen, aber euer Prestige erhöhte eure Verantwortung fĂŒr die Zukunft.

Denkt an die schrecklichen Folgen dieses unendlichen Krieges der Erschöpfung, der Verlierer und Sieger erschöpft zurĂŒcklassen wird, und denkt an die einzigen wahren Verlierer, die Proletarier aller LĂ€nder! Wie traurig, dass die Hinterbliebenen, die VerstĂŒmmelten, die Witwen und MĂŒtter dann das Recht haben sollen zu sagen: „Vor drei Monaten, sechs Monaten, einem Jahr hat jemand vorgeschlagen, aufzuhören; und unter denen, die Nein gesagt haben, waren Anarchisten!“

Aber seid ihr immer noch Anarchisten? Wir ignorieren es. Sicherlich ist eure aktuelle bourgeoise und staatliche Sprache die schÀrfste Verneinung des Anarchismus.

XI

Glaubt nicht, dass wir versuchen, sentimental zu sein, um von eurem Herzen oder von denen, die uns lesen, die Zustimmung zu bekommen, die uns die Vernunft verweigern wĂŒrde.

Wir haben bisher vor allem versucht, zu argumentieren und uns stark zu machen, wenn wir statt des trockenen Arguments aus unserer Seele lieber den Protest hervorgebracht hĂ€tten. Vielmehr sind es unsere Gegner, die fast alle und fast immer der Diskussion ausweichen. Ohne Ideen und Argumente ziehen sie es vor, alle, die nicht so denken wie sie, fĂŒr böse zu halten und fĂŒllen die Zeitungen mit leichter Ironie und Sarkasmus, mit witzigen Bemerkungen, Unterstellungen, LĂŒgen, Beleidigungen und Verleumdungen. Wir kĂŒmmern uns nicht um sie. Aber es gibt auch andere, die Aufrichtigen und Guten, die sich der Vernunft verweigern, nur weil die Leidenschaft in ihnen den Verstand trĂŒbt und sie von den Tatsachen nur bestimmte Details und BruchstĂŒcke wahrnehmen, die sie am meisten bewegen und ihr Urteil oberflĂ€chlich und ungerecht machen.

Die einen und die anderen sehen ihre Propaganda also sowohl durch die interessierte Parteilichkeit der Regierungen als auch durch die Veranlagung eines Umfelds begĂŒnstigt, das durch die einfache und falsche journalistische Kultur, von der sich die Mehrheiten in unseren LĂ€ndern ernĂ€hren, getrĂŒbt ist.

Der Vorwurf der „SentimentalitĂ€t“ konnte uns also keinesfalls treffen. Wir könnten ihnen antworten: Arzt, heile dich selbst! Aber lasst uns mehr sagen; lasst uns sagen, dass wir, nachdem wir die Frage, die uns interessiert, mit Vernunft, auf der Grundlage von Tatsachen und mit unseren eigenen Taten als Richtschnur erörtert haben, und nachdem wir gezeigt haben, dass angesichts des gegenwĂ€rtigen Krieges der Regierungen nichts Gutes kommen und nichts Böses gemildert werden kann, und dass, wenn irgendeine Hoffnung fĂŒr die Sache der Arbeit und der Freiheit bleibt, sie ausschließlich entweder auf dem Unvorhergesehenen oder auf der direkten und autonomen Intervention der Arbeiterklasse beruht, – wir haben das Recht, auch die Stimme der GefĂŒhle zu hören. Wir haben das Recht zu fordern, dass wir in der Waage der Verantwortung, in der AbwĂ€gung von Pro- und Anti-Krieg, all das Blut, das vergossen wird, all den Schmerz, der erzeugt wird, all die Leben, die verstĂŒmmelt werden, all die TrĂ€nen, die in erzwungenem Schweigen von den Ehepartnern, MĂŒttern und Töchtern der Opfer vergossen werden, fĂŒr etwas abwĂ€gen!

Wir sind RevolutionĂ€re und dĂŒrfen daher nicht vor der Vision von Risiko und Opfer zurĂŒckschrecken. Wir wissen auch, dass man fĂŒr eine gute Sache kĂ€mpfen muss, ohne sich durch den Schmerz, den der Kampf bei unseren Lieben verursacht, schwĂ€chen zu lassen. Aber hier steht keine gute Sache auf dem Spiel; im Gegenteil, die gute Sache wird beschĂ€digt. Das Blut der Arbeiter und die TrĂ€nen ihrer Frauen werden gegen ihren Willen entsorgt, zum Nachteil ihrer Freiheit und ihrer Klasseninteressen. Wir haben daher das Recht, unseren Protestschrei zu erheben, der der Schrei der Menschheit ist, die im Fleisch ihrer Kinder und ihrer Hoffnungen fĂŒr die Zukunft zerrissen ist.

Glaubt ihr, dass die Formel des Krieges bis zum Sieg, des Krieges bis zum Erreichen des Ziels es ist – welches Ziel denn? Seid ihr euch selbst sicher, was ihr vernĂŒnftigerweise erhoffen könnt – dieser Wettlauf zu einem immer weiter entfernten Ziel – könnte der einzige Weg fĂŒr die Regierungen sowohl der zentralen Reiche als auch der Entente sein, um der schrecklichen Verantwortung zu entkommen, die sie fĂŒr sich selbst geschaffen haben? Vielleicht haben sie bereits erkannt, in welchen Abgrund sie sich selbst hineingegraben haben, und versuchen, ihn zu vermeiden, indem sie den Krieg fortsetzen, bis sie den jĂŒngsten und stĂ€rksten Teil des Proletariats los sind. Auf diese Weise ersparen sie sich, spĂ€ter bei den absehbaren Repressionen, von denen sie nicht wissen, dass sie so sicher ausgehen werden wie in der Vergangenheit, „Blut“ aus dem Volk zu schöpfen. Kurz gesagt, die Fortsetzung des Krieges kann bedeuten, dass die Staaten den Tag des redde rationem verschieben und die Kraft, die sie in den HĂ€nden halten, nutzen, um die Richter von morgen loszuwerden.

Und ihr wagt es, von einem verhĂ€ngnisvollen Fehler zu sprechen, was die GerĂŒchte ĂŒber den Frieden angeht! Aber was fĂŒr ein verhĂ€ngnisvollerer Fehler als euer – wir, die wir die Regierungen nicht um Frieden bitten – was fĂŒr ein törichterer Fehler als der, den ihr macht, indem ihr die Politik der Fortsetzung des Krieges verteidigt? Ihr sprecht selbstgefĂ€llig vom FrĂŒhling, in dem die Regierungen, die ihr verteidigt, neue Armeen, neue Munition und neue und stĂ€rkere Artillerie einsetzen können! Aber denkt ihr nicht auch an den FrĂŒhling, wenn das Leben in seinen schönsten Knospen erdrĂŒckt wird? Meint ihr nicht, dass Anarchisten die Aufgabe, die ihr ĂŒbernommen habt, anderen ĂŒberlassen sollten, um das Recht zu wahren, eines Tages wieder von Freiheit und Liebe, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und BrĂŒderlichkeit zu sprechen?

Wir verstehen euch heute so wenig, dass wir die Möglichkeit nicht ausschließen, dass ihr uns fĂŒr immer verlassen habt, weil ihr eure Vorstellungen komplett geĂ€ndert habt. Wenn dem so ist, wird es nicht lange dauern, bis ihr selbst dies erkennt und es offen sagt, in eurer LoyalitĂ€t. Aber wenn es nicht so ist, werdet ihr uns vielleicht eines Tages mit der gleichen LoyalitĂ€t dafĂŒr danken, dass wir euch heute widersprochen haben, dass wir euch daran gehindert haben, die Wege der Zukunft fĂŒr die Anarchie zu ebnen.

Italien, April 1916

EINE GRUPPE VON ANARCHISTEN





Quelle: Panopticon.blackblogs.org