Juli 16, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Hier ein weiterer historischer Text von der anarchistischen Bewegung gegen den Krieg und den Frieden des Kapitalismus, wir haben diesen aus der anarchistischen Bibliothek entnommen, hierbei handelt es sich um einen dieser Texte die keinen Pardon und keine Kompromisse kennen was unsere Ideen und unsere Prinzipien angehen. Denn unsere Ziele sind unsere Ziele, unsere Prinzipien sind unsere Prinzipien und unsere Praxis ist unsere Praxis, daran wird nicht gefeilscht. Was in letzter Zeit vermehrt zu Tage kommt.

Wir veröffentlichten ja schon ein paar Ă€ltere Texte dessen Postulat klar war, gegen die Kriege des Kapitalismus kann nur die Antwort die soziale Revolution folgen. Dieses Mal, handelt es sich um einen Text von Luigi Galleani, geschrieben mitten im Ersten Weltkrieg, 1916. So er wie, kritisierten viele andere aufrechte Anarchistinnen und Anarchisten die „anarchistischen“ Apologeten des Krieges, jene die der Meinung sind (und damals waren) sich auf einer Seite der herrschenden Klasse, sich schlagen zu mĂŒssen. Genauso wie viele vor uns, dasselbe tun auch wir in dem Krieg in der Ukraine, aber auch in jedem Krieg ansonsten auch, es gibt fĂŒr uns keine herrschende Klasse, keine Nation, keinen Volk, keine Fahne und keine Demokratie die es zu verteidigen gibt, sie alle gehören auf den Scheiterhaufen der Geschichte, fĂŒr uns gibt es nur den Klassenkrieg, den sozialen Krieg, die Insurrektion und die soziale Revolution gegen alle Staaten und gegen den Kapitalismus. Einige anarchistische Publikationen und Gruppen hĂ€tten sich in letzter Zeit einen Gefallen getan, sich an solche Texte zu erinnern, anstatt im Opportunismus unĂŒberlegt zu handeln und auf gut GlĂŒck, blind um sich zu schlagen. Weitere historische Texte, wie auch jene die sich mit diesem Krieg, mit Krieg im Allgemeinen, werden wir weiter in Zukunft veröffentlichen. Salud

FĂŒr die klassenlose Gesellschaft! FĂŒr die Anarchie!

Soligruppe fĂŒr Gefangene, Berlin


Luigi Galleani

Gegen den Krieg, gegen den Frieden, fĂŒr die Revolution!

Einleitung (von Franco Bertolucci)

Die vom Krieg gebeutelten Frauen und MĂ€nner begrĂŒĂŸte das Jahr 1916 mit sich verdichtenden finsteren Vorahnungen am Horizont. Der Konflikt, der laut der Strategen auf beiden Seiten von kurzer Dauer sein sollte, hatte sich nach eineinhalb Jahren recht bald in einen zermĂŒrbenden Stellungskrieg mit einem enormen Verschleiß an Menschenleben und Material verwandelt.

Das Jahr 1916 hatte mit der endgĂŒltigen Evakuierung der britischen MilitĂ€rtruppen von der Halbinsel Gallipoli und den Dardanellen begonnen, einer harten Niederlage der Entente, und der Besetzung Montenegros durch das österreich-ungarische Heer. Am 21. Februar begann die Schlacht von Verdun und zwischen dem 11. und 19. MĂ€rz fand an der italienischen Front die fĂŒnfte Schlacht am Isonzo statt, der x-te Vorstoß der von der österreich-ungarischen Verteidigung blockierten italienischen Truppen.

Luigi Galleani, einer der von den nach Nordamerika ausgewanderten Arbeitern meist gehörten italienischen Anarchisten, hatte in der Cronaca sovversiva, eine von ihm 1903 in Barre (Vermont) gegrĂŒndete Zeitschrift, ein hartes journalistisches Gefecht gegen den Krieg und seine UnterstĂŒtzer lanciert. Am 18. MĂ€rz 1916 veröffentlichte er auf den Seiten der eigenen Zeitung einen Artikel mit dem exemplarischen Titel „Gegen den Krieg, gegen den Frieden, fĂŒr die Revolution“. Diese Intervention kann als ein weiteres aussagekrĂ€ftiges Zeugnis jenes Teils der Bewegung betrachtet werden, der sich kohĂ€renterweise gegen das ungeheure Massaker positionierte. Galleani, „ein effizienter, wenn auch manchmal heftiger und exzessiver Polemiker“, war der Hauptvertreter einer Richtung des Anarchismus, die sich als „aktionistischer Individualismus“ definieren lĂ€sst: „Individualismus, weil er die Methode der politischen, permanenten und kollektiven Organisation zurĂŒckweist, aktionistisch deshalb, weil er das Moment der permanenten Revolte gegen die etablierte Ordnung hervorhebt. Daher finden sich in der journalistischen Produktion Galleanis, die ausschließlich in der zeitgenössischen Polemik als ein Akt der Revolte ihren Ort hatte, selten eine ideologische Vertiefung oder programmatische BeitrĂ€ge; eine politische Strategie jenseits einer unablĂ€ssigen Zerstörung autoritĂ€rer Institutionen findet sich fast nicht.“1

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte die Arbeiterbewegung und ihre politischen Avantgarden tief zerrissen. Diese hatten sich in diejenigen, die eine direkte Beteiligung am Konflikt wollten, und in die anderen, die den Prinzipien des Arbeiterinternationalismus getreu gegen den Krieg opponierten, geteilt. Die italienischen Anarchisten – zu zurĂŒckgekehrt von den antimilitaristischen Agitationen, mit denen sie Zentral- und Norditalien zwischen dem 7. und 14. Juni ĂŒberzogen hatten, was spĂ€ter in die Geschichte als „Rote Woche“ einging2 – mobilisierten in den Monaten zwischen August 1914 und Juni 1915 (Eintritt Italiens in den Krieg auf Seite der Entente) gegen die interventionistischen KrĂ€fte3. Obwohl die Mehrheit im Land keinen Krieg wollte, eroberten sich letztere von extremen Minderheitenpositionen aus Monat fĂŒr Monat grĂ¶ĂŸere Zustimmung und drĂ€ngten die öffentliche Meinung zur Entscheidung fĂŒr den Krieg – dank der finanziellen Hilfen von den französischen Freimaurern, der moderaten liberalen Presse, der Industriellen und der Bankiers, bis hin zur UnterstĂŒtzung durch fĂŒhrende Gruppen in der Regierung und der Krone, die den Kriegseintritt Italiens ersehnten. Auch unter den Anarchisten brachen sich, wenn auch in der Minderheit, philo-interventionistische Positionen Bahn, die dazu beitrugen, die Bewegung in politischer Hinsicht zu schwĂ€chen.

Gegen diese politischen Positionen veröffentlichte am 20. MĂ€rz 1915 die Zeitschrift VolontĂ  aus Ancona zeitgleich mit anderen Organen des weltweiten Anarchismus das „Anarchistische internationale Manifest gegen den Krieg“, zum Großteil von Malatesta geschrieben und fĂŒnfunddreißig anderen Anarchisten aus verschiedenen LĂ€ndern unterzeichnet – unter ihnen Alexander Berkman, Luigi Bertoni, Henri Combes, Emma Goldman, Alexander Schapiro, Hyppolyte Havel und Ferdinand Domela Nieuwenhuis –, in dem man bekrĂ€ftigte, dass die Ursache des Krieges einen allgemeinen Charakter habe und in der Natur des Systems der politischen und ökonomischen Ausbeutung selbst, reprĂ€sentiert durch Staat und Kapitalismus, bestehe. Es gebe keine pazifistischen Alternativen, die den Kurs Ă€ndern könnten, der Krieg werde gegen die Völker gefĂŒhrt und diese hĂ€tten nur eine Wahl, die soziale Revolution, wenn sie dieser Situation aus Zerstörung und Tod nicht unterworfen bleiben wollten.

Die kompromisslose Linie Malatestas und eines Großteils der Bewegung wurde dann von einem in die Geschichte als „Le Manifeste des Seize“ [Das Manifest der Sechzehn] eingegangenen Manifest zur Diskussion gestellt, das Peter Kropotkin und Jean Grave am 28. Februar 1916 verfassten und das am 14. April 1916 in der Tageszeitung La Bataille zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Unterzeichnet hatten es fĂŒnfzehn libertĂ€re Persönlichkeiten, unter ihnen Christiaan Cornelissen, Charles Malato, Paul Reclus und Warlaam Tscherkesoff — alle als Vertreter einer Position fĂŒr die Entente. In einer Woge von Emotionen aufgrund der militĂ€rischen Erfolge Deutschlands sowie Österreich-Ungarns und aufgrund eines möglichen Friedens, der den Status quo zugunsten dieser beiden Reiche sanktionieren wĂŒrde, schrieben sie:

„Unserer tiefsten Überzeugung nach ist die deutsche Aggression eine – in die Tat umgesetzte – Bedrohung nicht nur unserer Emanzipationshoffnungen, sondern der menschlichen Entwicklung schlechthin. Deshalb haben wir Anarchisten, wir Antimilitaristen, wir Kriegsgegner, wir leidenschaftlichen BefĂŒrworter des Friedens und des brĂŒderlichen Miteinanders der Völker, uns auf die Seite des Wiederstandes gestellt, in dem Glauben, unser Schicksal nicht von dem der ĂŒbrigen Bevölkerung trennen zu dĂŒrfen. Wir halten es fĂŒr ĂŒberflĂŒssig zu betonen, dass wir es lieber gesehen hĂ€tten, dass diese Bevölkerung ihre Selbstverteidigung in die eigenen HĂ€nde nimmt. Da dies unmöglich war, blieb nur, sich in das UnabĂ€nderliche zu fĂŒgen. Und mit denen, die kĂ€mpfen, sind wir der Meinung, dass solange die deutsche Bevölkerung nicht zu vernĂŒnftigeren Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit zurĂŒckkehrt und endlich aufhört, sich als Werkzeug pangermanischer HerrschaftsplĂ€ne missbrauchen zu lassen, von Frieden keine Rede sein kann. Trotz des Krieges, trotz des Gemetzels haben wir natĂŒrlich nicht vergessen, dass wir Internationalisten sind, dass wir die Einheit der Völker wollen, das Verschwinden der Grenzen. Und gerade, weil wir die Versöhnung der Völker, einschließlich des deutschen Volkes, wollen, sind wir der Auffassung, dass man einem Aggressor widerstehen muss, der die Auslöschung all unserer emanzipatorischen Hoffnungen verkörpert. Von Frieden zu sprechen, so lange die Partei, die Europa seit fĂŒnfundvierzig Jahren in ein befestigtes Heerlager verwandelt, in der Lage ist, ihre Bedingungen zu diktieren, wĂ€re der schlimmste Fehler, den man begehen könnte. Widerstand zu leisten und ihre PlĂ€ne zum Scheitern zu bringen, heißt, dem vernĂŒnftig gebliebenen Teil der deutschen Bevölkerung den Weg zu bereiten und ihm die Möglichkeit zu verschaffen, sich dieser Partei zu entledigen.“4

Malatesta, zu dieser Zeit im Londoner Exil, antwortete den Pro-Entente-Anarchisten mit den folgenden Worten:

„Die Maxime ihres Handelns ist den Anarchisten durch die unerbittliche Logik ihrer Ziele eindeutig vorgegeben. Der Krieg hĂ€tte durch die Revolution verhindert werden mĂŒssen oder zumindest durch die Angst der Regierungen vor einer drohenden Revolution. Die StĂ€rke und das Geschick, die dazu notwendig gewesen wĂ€ren, haben gefehlt. Der Frieden muss durch die Revolution erzwungen werden, oder zumindest durch den Versuch, sie herbeizufĂŒhren. Dazu fehlt es derzeit wiederum an StĂ€rke und Geschick. Nun gut! Es gibt nur einen Ausweg: es in der Zukunft besser zu machen. (
) Bis dahin halte ich es fĂŒr ein Verbrechen, auch nur das Geringste zu unternehmen, was diesen Krieg verlĂ€ngern könnte, der Menschen mordet, Wohlstand vernichtet und das Wiederaufleben des Kampfes um Befreiung verhindert. Ich denke, dass wer einen ,Krieg bis zum Äußersten‘ propagiert, in Wahrheit das Spiel der Regierenden in Deutschland betreibt, die ihre Untertanen tĂ€uschen und ihren Kampfesmut anstacheln, indem sie ihnen einreden, ihre Gegner wollten das deutschen Volk unterwerfen und knechten. Jetzt, wie seit jeher, muss unsere Devise lauten: ,Nieder mit den Kapitalisten und den Regierungen, allen Kapitalisten und allen Regierungen!’“5

In Italien erschien als Antwort auf das Manifest der Pro-Entente-Anarchisten ein klandestines Heft mit dem Titel Der europĂ€ische Krieg und die Anarchisten, unterzeichnet von einer Gruppe von Anarchisten, aber eigentlich von Luigi Fabbri geschrieben. Der Text, eine klar formulierte Antwort auf die Argumentation der Gruppe des „Manifests der Sechzehn“, verwarf die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg; er rief sowohl die Verantwortung Deutschlands als auch aller anderen fĂŒr den Ausbruch des Konflikts in Erinnerung wie auch, dass sich von einer grausamen Auseinandersetzung zwischen Staaten nichts Gutes und noch viel weniger das spontane Ausbrechen einer Revolution erwarten ließe. Wenn letztere ĂŒberhaupt hĂ€tte ausgelöst werden können, hĂ€tte sie den Weg zu tatsĂ€chlichen sozialen Umwandlungen nur finden können, wenn sich im Vorhinein der Zusammenhalt und die Zielstrebigkeit revolutionĂ€rer Bewegungen wie der anarchistischen mit zersetzender und nicht kollaborationistischer Haltung auf internationalem Niveau erhalten hĂ€tte.

Der Kriegseintritt Italiens, mit der Einberufung tausender Proletarier und Bauern, unter ihnen unzĂ€hlige libertĂ€re Aktivisten, fĂŒhrte zu einem autoritĂ€ren Vorgehen der Regierung. Die bĂŒrgerlichen Freiheiten und politischen Kundgebungen wurden stark eingeschrĂ€nkt, was dazu fĂŒhrte, dass die libertĂ€re Bewegung 1916 de facto gezwungen war, sich in einer halb klandestinen Weise einschließlich eines internationalen anarchistischen Aktionskomitees mit Koordinationsfunktionen fĂŒr PropagandaaktivitĂ€ten zu organisieren. Wie in allen kriegsfĂŒhrenden LĂ€ndern war in dieser Zeit die Presse, vor allem die der Opposition, strengen restriktiven Maßnahmen unterworfen, und viele Zeitungen wurden von den Behörden geschlossen. Zu Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 schloss eine anarchistische Zeitung nach der anderen, wie La LibertĂ  aus Mailand, Il Cavatore aus Carrara und VolontĂ  aus Ancona, wĂ€hrend Guerra di classe, das Organ der italienischen Gewerkschaftsunion, seine Ausgaben im September aussetzte. Die einzige libertĂ€re Wochenzeitung von nationaler Reichweite, die weiter regelmĂ€ĂŸig veröffentlichte und auf eine einigermaßen umfangreiche Verbreitung zĂ€hlen konnte, war L’avvenire anarchico aus Pisa, wĂ€hrend Il Libertario aus La Spezia das erste Mal zwischen Mai und Ende Juli 1915 und dann von Mai 1917 bis Februar 1919 aussetzen musste. Im Ausland gab es hauptsĂ€chlich zwei Publikationsorgane in italienischer Sprache, die kontinuierlich erschienen und einen gewissen Einfluss nicht nur in den italienischen Auswanderercommunities, sondern auch auf die Ausrichtung der wichtigen aktiven Gruppen in Italien ausĂŒbten: Die Cronaca sovversiva, wie schon gesagt von Luigi Galleani6 in den USA herausgegeben und Il Resveglio, von Luigi Bertoni7 in der Schweiz publiziert. Dies sind die Zeitungen, die auf internationalem Niveau die Positionen der italienischen Anarchisten zum Krieg bekannt machten.

So oder so war der Krieg dazu bestimmt, tief in das Leben Luigi Galleanis einzuschneiden. Entschieden gegen den Krieg zögerte er nicht, sich mit den interventionistischen Anarchisten auseinanderzusetzen, auch wenn unter ihnen einige der beliebtesten Exponenten der Bewegung waren, wie Kropotkin oder Cipriani, dem er besonders verbunden war.

Galleanis am 18. MĂ€rz 1916 in der Cronaca sovversiva veröffentlichter Artikel „Contro la guerra, contro la pace, per la rivoluzione“, formuliert, jenseits des typisch rhetorischen und feierlichen Stils des piemontesischen Autors, mittels einer knappklaren Untersuchung der Ursachen fĂŒr den Krieg und seiner FortfĂŒhrung eine scharfe Kritik an den Konzepten von Kultur, Nation und Vaterland, wie sie sich seit der industriellen Revolution herausgebildet haben, und an der militaristischen Logik des Krieges als einer Menschlichkeit und Wohlergehen zerstörenden Höllenmaschine. Galleani, wie die anderen bekannten Anarchisten, Malatesta zum Beispiel, setze der Hypothese eines Friedens, der vom deutschen Militarismus und von einer Lösung der Weltkrise nach kapitalistischem Modell beherrscht wĂŒrde, die einer sozialen Revolution entgegen, die einzige mögliche Alternative fĂŒr einen anarchistischen Aktivisten und fĂŒr eine Zukunft ohne Kriege. FĂŒr Galleani wie fĂŒr Malatesta und die Anarchisten, die sich gegen den Krieg wandten, wussten die Unterzeichner des „Manifests der Sechzehn“ sehr wohl, dass ihre ErklĂ€rung nicht an dem Punkt vollkommen anti-anarchistisch wird, an dem sie den absoluten Pazifismus ablehnt und ihm die Idee der Gerechtigkeit gegenĂŒberstellt, welche dem Frieden ĂŒbergeordnet sein mĂŒsse, da es sich beim Frieden nicht um einen der wichtigsten Werte handelt. TatsĂ€chlich war es nicht anti-anarchistisch, den Frieden als einen relativen Wert zu betrachten und also auch diesen Krieg als etwas, das akzeptiert werden konnte, falls eine Fortsetzung durch höherer Werte wie Gerechtigkeit und Freiheit gerechtfertigt wĂŒrde. Es war selbst nicht anti-anarchistisch, einer internationalen Idee von Gerechtigkeit zuzustimmen, nach der die Aggressoren (in diesem Fall Deutschland) in die Lage gebracht wĂŒrden, nicht mehr schaden zu können. Das, was anti-anarchistisch war, fĂŒr Galleani wie fĂŒr Malatesta, war die entscheidende Tatsache, dass der Krieg trotz allem vornehmlich ein Ausdruck der AktivitĂ€t von Staaten war, weshalb die UnterstĂŒtzung der „moralischen GrĂŒnde“ des Krieges letztlich bedeutete, die Politik der Institution des autoritĂ€ren Prinzips zu unterstĂŒtzen. Hier liegt der grundlegende Fehler der Unterzeichnenden. Denn wenn es richtig war, dass Österreich-Ungarn und Deutschland die grĂ¶ĂŸte Schuld am Ausbruch des Krieges trugen, so hatte es keine Grundlage, alle anderen am Krieg beteiligten MĂ€chte der Verantwortung zu entheben. Hieraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass man nicht annehmen konnte, den deutschen Militarismus zu stoppen, indem man sich mit Regierungen verbĂŒndete, auch wenn man zugesteht, dass allein Deutschland fĂŒr den Krieg verantwortlich war. Dies hĂ€tte nur eine soziale und proletarische Revolution vermocht. Ansonsten wĂŒrde man damit enden, dem Ă€hnlich zu werden, das man bekĂ€mpfte, und de facto hĂ€tte sich die Bewegung den sozialdemokratischen KrĂ€ften eingereiht, die den Kriegskrediten zugestimmt und die internationalistischen Prinzipien verworfen hatten8.

Galleanis Propaganda gegen den Krieg und gegen die Wehrpflicht, die er auf vielen öffentlichen Konferenzen und in unzĂ€hligen Artikeln betrieb, sowie seine in sich geschlossene libertĂ€re und subversive Position provozierten letztendlich die Behörden der Vereinigten Staaten – auch sie in das Kriegsgeschehen verwickelt9. Ein Gesetz vom Oktober 1917 verpflichtete alle in einer Fremdsprache publizierten Zeitungen dazu, Übersetzungen der Artikel abzuliefern, die sich auf den Krieg bezogen. Nach und nach wurden die Redaktionen und subversiven Gruppierungen unter eine strenge Kontrolle mit Durchsuchungen und Verhaftungen gestellt. Cronaca sovversiva entschied daraufhin, die Veröffentlichungen einzustellen und nur noch einige klandestine Nummern, ebenfalls unter der Redaktion Galleanis, herauszugeben. Doch die Zeit der garantierten BĂŒrgerrechte fand in Amerika ihren Schlussakkord in den Abschiebeverfahren aller unerwĂŒnschten und als antinational verdĂ€chtigten Subjekte. Die italienische Regierung hatte ihr Erstaunen gegenĂŒber den amerikanischen Behörden darĂŒber ausgedrĂŒckt, dass sie wĂ€hrend des laufenden Krieges ein so gefĂ€hrliches Element wie Galleani nach Italien zurĂŒckfĂŒhren wollten. Doch am Ende erklĂ€rte sie sich einverstanden. Paradoxerweise wurde seine Abschiebung als unerwĂŒnschter auslĂ€ndischer BĂŒrger erst dann erlassen, als der Krieg in Europa schon seit einigen Monaten beendet war. Galleani wurde zusammen mit anderen Subversiven per Dekret auf ein Schiff nach Genua verfrachtet, wo er im Juli 1919 ankam. Diese Abschiebung war fĂŒr Galleanis GefĂŒhle und Gesundheit ein harter Schlag: Nach circa zwanzigjĂ€hrigem Aufenthalt in den USA war er gezwungen, seine GefĂ€hrtin, die eigenen Kinder und Freunde zurĂŒckzulassen.

Trotz seines Alters und seiner Gebrechen beteiligte sich Galleani nach seiner RĂŒckkehr in Italien weiter aktiv an den ArbeiterkĂ€mpfen des Biennio rosso10 und wurde ein zĂ€her Gegner des Faschismus. Er wurde verfolgt und im November 1926 fĂŒr drei Jahre in polizeiliche Verbannung geschickt. Am 4. November 1931 verstarb er plötzlich in Caprigiola, einem kleinen Dorf in der Provinz Massa Carrara, wohin er sich gemeinsam mit den Freunden Pasquale Binazzi und Zelmira Peroni zurĂŒckgezogen hatte.


Luigi Galleani

Gegen den Krieg, gegen den Frieden, fĂŒr die Revolution!11

La vĂ©ritĂ© est en marche et rien ne l’arretera.12 E. ZOLA

Sie steigt auf und legt in die absolut reinen HĂ€nde die Fackeln und Palmwedel der Gerechtigkeit. Doch da sie sich nun nicht mal zu den Stirnen von Galileo13 und Bruno14 leuchtend und erbarmungslos gegen die die göttliche MajestĂ€t der Dogmen und Konzile aufschwingt; auch wenn sie demĂŒtig, diskret und bescheiden keine andere Ernte erhĂ€lt und bewacht als die der tĂ€glichen und universellen Erfahrung, muss sie die Steigung nach Golgatha nehmen!15 Sie wird keinen anderen Weg finden.

Oh, ihr erinnert es!

Vor nun zwanzig Monaten, zu Ausbruch des Krieges, ermahnten wir schlicht und aufrichtig die Genossen, deren Bewusstsein, Zuversicht und Erwartung ein zwischen Donau und Schelde wirbelnder Zyklon verwirrte und drohte, weit und breit alles in das schlimmste Verderben zu ziehen:

„Wenn euch ein Strahl der Wahrheit mit einem Kuss im dĂŒsteren Limbus der gemeinen Knechtschaft traf – diese Freude und diesen Stolz, tauscht sie doch nicht gegen die Bitterkeit der morbiden Begeisterung, die jenseits des flĂŒchtigen Rausches des Augenblicks im Bittersten, in der unglĂŒcklichsten aller ErnĂŒchterungen versinkt; gebt diese Freude nicht auf, auch wenn zu allen Seiten um euch herum die Einsamkeit durch VernachlĂ€ssigung lauert, die dunklen Phalangen desertieren und zum Feind ĂŒberlaufen, die AnfĂŒhrer und die Boten; auch dort nicht, wo auf den blassen Gesichtern die blinde Wut des Pöbels und der Fluch der zĂŒrnenden Oberpriester tobt
 wenn euch ein Strahl der Wahrheit im dĂŒsteren Limbus der gemeinen Knechtschaft mit einem Kuss traf.

Nicht der feige Schlag der Menschen entscheidet das Schicksal der Welt! Unsere Stunde wird zurĂŒckkommen, verzweifelt nicht, gebt die Vorposten nicht auf, die mit so viel Kraft erreicht und so sorgsam bewacht wurden; verratet nicht die heilige Sache der gemeinsamen Befreiung fĂŒr die Restauration des Regimes, gegen das ihr euch erhoben habt. Verratet die Revolution nicht fĂŒr den Krieg!

Ein unmoralisches Entern von Piraten, eine Raserei von Schakalen, ein ZĂŒrnen von Taschendieben, die sich ĂŒber den Wucher Ă€rgern, von KrĂ€mern, Priestern, Zulieferern und Spielhöllenbesitzern, die nach der Dividende, dem Zehnten und dem schnellen Geld lechzen, ist der Krieg! Zivilisation, Vaterland, Freiheit und Fortschritt sind nur die Fahne, mit der sich der Schmuggel behĂ€ngt und unter der sich der schamlose Betrug versteckt, um fĂŒr die eigene Tasche, fĂŒr ein Kopfgeld oder fĂŒr das GlĂŒck der großen Diebe den nötigen Tribut an Energie und Blut einzufahren, den allein das Proletariat zollen kann, und den es – wenn auch fĂŒgsam und begriffsstutzig – andernfalls nicht mit der Begeisterung, dem Opferwillen und blinden Eifer zollte, alles wesentliche Voraussetzungen zum Erfolg.“

Schrieben wir dies nicht vor fast zwei Jahren bei Ausbruch des Krieges?

Fluch!

Mehr noch erinnert ihr!

Von jeder Wegkreuzung, aus jeder Höhle, jedem Nest, von jeder Kanzel, aus allen MĂŒndern, aus den bekĂŒmmerten der anstĂ€ndigen Leute und denen der schamlosen Killer, aus dem vernebelten GemĂŒt des Packs und im spöttischen Grinsen der DuckmĂ€user schallt voller Schmeicheleien, Mitleidsbekundungen, Drohungen, Spott, Hetze und Ängste ein Ausbund an Beschimpfungen und Abscheulichkeiten: als Verlorene fĂŒr die einen, Bastarde fĂŒr die anderen, Unschuldige fĂŒr diese, als Verkaufte fĂŒr jene, vom Weg abgekommene Sturköpfe oder WagemĂŒter fĂŒr die ĂŒbrigen, haben wir zwanzig Monate die schmerzlich langsame unfehlbare Gerechtigkeit der Dinge und der Zeit im Graben erwartet, in vom innersten Bewusstsein und von schmerzvoller Erfahrung gestĂ€hlter Zuversicht, wĂ€hrend wir die rĂ€cherische Morgenröte der unbezwingbaren Wahrheit, die heute dĂ€mmert, herbeisehnten.

Sie dĂ€mmert noch sehr zaghaft; doch es reicht, um den Tag vorherzusagen, den Lauf des grauenvollen paradoxalen Betrugs zu durchdringen, das erschreckende Geflecht aus Kalkulationen, Verwicklungen, Ironie und Zynismus zu erhellen und so die UnglĂŒcklichen zu erbauen, die sich unbefleckte Fahnen einer höheren Zivilisation von diesem Krieg erwarteten, die BekrĂ€nzung des großen Vaterlandes, das blutige Banner der Freiheit, jegliche FĂŒlle an Überfluss und Wohlergehen und die geweissagte Erneuerung des Menschengeschlechts im hyperbolischen Blutbad, das ihm seine Konstitution stĂ€rken sollte, den Willen, die Hoffnung und die Absichten, wĂ€hrend es sich mehr schlecht als recht mit der Heuchelei tröstet, dass dieser Krieg wenigstens den ungewöhnlichen Vorteil hat, der letzte der Geschichte zu sein, wenn schon der Krieg das grĂ¶ĂŸte UnglĂŒck bedeutet.

Die Zivilisation

Wenn sich die Fortschritte der Zivilisation an den Siegen des Rechts ĂŒber die WillkĂŒr bemessen, des Verstandes ĂŒber die Gewalt, des Willens ĂŒber den Verzicht, des Bewusstseins ĂŒber das Vorurteil, des Stolzes ĂŒber die TrĂ€gheit, des Menschen ĂŒber das Raubtier oder das körperhafte Tier im Allgemeinen, dann gibt es keinen Zweifel: Der Krieg hat das Recht, die Vernunft, die Wahrheit, die WĂŒrde und jeglichen tiefsten und gerechtfertigten Stolz mit seinen Massen an Freiwilligen, den erzwungenen Rekrutierungen, mit den systematischen Gemetzeln, der blinden Zerstörung, mit der Schließung der Schulen, der gewaltsamen Verhinderung jedes Geisteslebens und mit der geplanten Restauration von Kirche und Kaserne – lĂ€ngst die einzigen Garanten eines gemeinen Lebenslaufes – zerstört. Der Krieg hat uns in jedem Land in die Finsternis des Mittelalters zurĂŒckgeworfen, in die dĂŒsterste Stunde seiner Barbarei.

Die Nation

Wenn die Nation nicht mehr die ÜberwĂ€ltigung der „corveables et taillables Ă  merci“16 des alten Regimes und der abgeschafften adeligen Monarchien ist, sondern seit der großen Revolution die Gesamtheit der BĂŒrger, die Ursprung, Tradition, Geschichte und Umgangsformen teilen, kann auch hier kein Zweifel sein: Der Krieg ist das am wenigsten Nationale, was man sich vorstellen kann.

Denn eins von beiden: entweder verleugnen sich diese anthropologischen Sophistereien – und das wĂ€re angesichts der Unmöglichkeit, heute, nach Millionen Jahren der verschiedenen Paarungen und der verbreiteten PromiskuitĂ€t, die Unterscheidungsmerkmale der einzelnen ethnischen Gruppen nachzuzeichnen, nicht unvernĂŒnftig; und folglich ist der kriegerische Aufruf im Namen des Stammes Schmeichelei und Idiotie. Oder man akzeptiert, und dann muss man auch die Konsequenz akzeptieren und anerkennen, dass es von den Hochebenen des Punjab durch das ganze sĂŒdliche Russland, durch Ungarn, Bayern, die Loraine, Norditalien, die östlichen Departments Frankreichs und den Großteil Belgiens nur Kelten gibt, die allesamt die gleiche Abstammung teilen, so wie wir im Norden Preußen, Schotten und Iren haben, die alle Teutonen sind, alle StammesbrĂŒder, nur durch den Zufall auf die eine oder die andere Seite der Grenze geschlagen, und die sich heute in Flandern, in den Vogesen und in SĂŒdtirol abstechen, im Namen des eigenen Stammes mit brĂŒderlichstem Enthusiasmus.

So konnte Sir Ray Lankester – einer der einflussreichsten Anthropologen – in einer neuerlichen Studie zu dem Schluss kommen, dass „wenn verschiedene Ambitionen und Interessen zum Krieg bei[tragen], der Rasseninstinkt jedoch keiner von ihnen ist“17.

Das Vaterland

Halten wir uns ruhig von einem solch unsicheren und unzuverlĂ€ssigen Feld fern, das sich in die Grenzen des Vaterlandes quetscht, das geboren wurde mit der „ErklĂ€rung der Menschenrechte“ und dem BĂŒrger, der als sein Eckpfeiler ihm Geschichte und Ruhm erbauen sollte.

Des Vaterlandes, das – gleich dem BĂŒrger, der in freier AusĂŒbung seiner anerkannten Rechte stets die gleichen Rechte seines Nachbarn schĂŒtzt – in Anspruch nimmt, sich in der territorialen IntegritĂ€t der ihm von der Natur und der Geschichte zugesprochenen Grenzen autonom, den eigenen Traditionen, Gesetzen, Gewohnheiten folgend und ohne Fremdeinmischungen zu regieren, davon ausgenommen nur die nötige Anerkennung des gleichen Rechts der anderen Völker, der anderen Nationen.

Denn nur in der gegenseitigen Anerkennung der gleichen Rechte besteht das Fundament der VaterlĂ€nder. Zerreißt ihr dieses Band, erniedrigt ihr dieses Recht bei euren Nachbarn durch Unterwerfung eines weniger zahlreichen und weniger starken Vaterlandes, so wird euer Recht auf die IntegritĂ€t einer gleichen nationalen Existenz ungĂŒltig und löst sich auf.

Italien, um sich auf ein aktuelles und praktisches Beispiel zu beziehen, fordert von Österreich die RĂŒckgabe Trentos und Triests; nun gut. Aber Italien hĂ€lt unter seiner Knute Eritrea, Benadir, Tripolitanien und Kyreneika, es steht mit einem Fuß im Dodekanes und mit dem anderen in Albanien: es tritt also bei diesen Bevölkerungen das Recht mit FĂŒĂŸen, das es gegenĂŒber Österreich ins Feld fĂŒhrt. Um die nationale IntegritĂ€t geltend zu machen, schickt es unsere Söhne in die Julischen und RĂ€tischen Alpen. Diese sind gerade erst davon zurĂŒckgekehrt, den islamischen Bevölkerungen Afrikas oder der griechischen der ÄgĂ€is, mit denen sie weder Ursprung noch Tradition, Sprache oder Glauben gemeinsam haben, die Rechte und Bestrebungen streitig zu machen, die ihr Vaterland bezĂŒglich Trento und Triest anzuerkennen fordert.

Offensichtlich kann man das gleiche, was man ĂŒber Italien sagt, genauso und mitunter mit grĂ¶ĂŸerer Berechtigung ĂŒber Österreich, Deutschland, England, Russland und Frankreich sagen, deren Macht sich im Hass hunderter Nationen zeigt, gleichermaßen unterworfen und ausgeblutet. Eigentlich ist es ĂŒberflĂŒssig zu zeigen, dass man von den GrĂŒnden fĂŒr den Krieg nicht nur den Antagonismus zwischen Rassen, sondern vor allem die zivilen Sorgen und die „befreiende“ Aufrichtigkeit der vielen verschiedenen Regierungen ausschließen muss, die ihn seit Jahren ausbrĂŒten und zu einem gĂŒnstigen Zeitpunkt in all seinem wilden WĂŒten zum Ausbruch gebracht haben.

Die RealitÀt ist eine recht andere.

TatsĂ€chlich ist das Vaterland in der neueren Geschichte des letzten Jahrhunderts nicht mehr als eine Stichflamme: es existiert nicht mehr, fĂŒr niemanden.

Die Befreiung des Eigentums von den adeligen Privilegien und die Erhebung des Dritten Standes zur FĂŒhrung des Landes, des Dörflers und Handwerkers zum BĂŒrger, die Revolution, die ErklĂ€rung der Rechte, der Terror und die großen Kriege der Republik – all das hatte das Vaterland, die Nation hervorgebracht. Von den Sansculotten in alle LĂ€nder gebracht, traten die Prinzipien von 178918 dort eine Reihe nationaler Forderungen und Revolutionen los, von denen das 19. Jahrhundert leuchtet, das unseren Erinnerungen besonders teuer zwischen 1848 und 1870 als Epilog der konstitutionellen Bewegungen von 1821 die Erhebung eines freien Italiens auf dem Kapitolsplatz sah19.

Im Vaterland vereinigten unsere Alten, die seinen Bau mit Blut zementierten, alle Bestrebungen nach Freiheit und Wohlergehen.

Doch, kaum geboren, schwand das Vaterland im Spott der einen und in der ErnĂŒchterung der anderen.

Das BĂŒrgertum empfand seine Grenzen angesichts des Übermaßes seiner Produkte und der Anforderungen seines Verkehrs als zu eng, und es ĂŒberschritt sie zur Eroberung der MĂ€rkte der Welt; es verstreute das Vaterland ĂŒberall, es fand es unter jedem Himmel wieder, der mit unverhofften Profiten die eigene Unternehmerlust und den eigenen Eifer segnete: sein Vaterland war die Welt. Das Proletariat seinerseits sah, nachdem es vergeblich von den wechselnden politischen KĂ€mpfen eine Befreiung samt der Aneignung der Produktionsmittel gefordert hatte, im Vaterland nichts als die habgierigste Reorganisation der Privilegien, von denen es fĂ€lschlich angenommen hatte, sie fĂŒr immer unter den Ruinen der Bastille20 und zu FĂŒĂŸen der Guillotine begraben zu haben. Es ging in die Verbannung, da es die Erfahrung machen musste, dass jedes Vaterland sich gleicht, dass sich Sprache und BrĂ€uche manchmal unterscheiden, dass es aber ĂŒberall Herren und Knechte gibt, UnterdrĂŒcker und UnterdrĂŒckte, Reiche und Arme, ErwĂ€hlte und Verdammte. Vor allem Verdammte, mit denen es Schmerzen, Ketten und Miseren teilte. Es verschob die Grenzen des Vaterlandes, dorthin, wo es fĂŒr den Schweiß auf der Stirn das Ă€rmliche Brot auftrieb, ĂŒber die kurze Frist hinaus, die die Tradition zwischen Wiege und Leichenstandarte gespannt hatte, weit fort, jeden Tag weiter fort, ĂŒber die Alpen, ĂŒber das Meer mit seinem weiten Horizont. WĂ€hrend seines trostlosen Pilgerns stolperte es nur ĂŒber eine einzige Grenze, tief, uralt und unverĂ€ndert: die Grenze, die sich zieht zwischen dem, der MĂŒĂŸiggang pflegt, und dem, der arbeitet, zwischen dem, der schwelgt, und dem, der stöhnt: sein Vaterland war die Welt.

Das kleine Vaterland ist tot: die Wahrheit ist im Anmarsch!

Ohne Zuversicht!

Es schlagen sich da unten, an verschiedenen Fronten, zwanzig Millionen Proletarier. Doch ohne Glauben, nur auf Befehl und aus Angst.

Warum sie sich abstechen, wissen sie nicht.

Das deutsche Volk, welches – hört man auf den General von Bernhardi21, der sich dessen rĂŒhmt und auf die VerbĂŒndeten, die ihn verhöhnen – seit vierzig Jahren mit weiser Hingabe in den KindergĂ€rten, Schulen, Vereinen, in den Kirchen und Kasernen erzogen und gestĂ€hlt werde zur großen Auseinandersetzung, die â€žĂŒber alles“ das alte Deutschland zur Herrscherin erheben soll, fĂ€hrt laut eines seiner unvoreingenommeneren Interpreten des „VorwĂ€rts“22 fort sich zu fragen: „Warum? FĂŒr welche Sache gibt es sein Blut? Was ist das Ziel des Krieges?“23, und dies mit einer solchen Beharrlichkeit, dass die Reichskanzlei das indiskrete sozialistische Tagesblatt ohne Wimpernzucken unterdrĂŒckt.

Das englische Parlament ist gezwungen, um das Auseinanderfallen und das Desaster zu vermeiden, die irischen Untertanen vom Compulsory Act24 auszuschließen und in Ägypten die rebellischen Hindu-Garnisonen angesichts des Feindes niederzuschießen. Die französischen Soldaten schreien PoincarĂ©25 ins Gesicht, dass sie vom Krieg „en ont assez soupĂ©â€œ26. Von der Begeisterung fĂŒr die RĂŒckangliederung italienischer Gebiete unter fremder Herrschaft in den ersten Tagen sind in Italien bewaffneter Ungehorsam und Massenerschießungen geblieben – letztere verstĂ€rkten jedoch nicht den Ungehorsam. WĂ€hrenddessen ziehen den Krieg verfluchend in Wien und Petersburg die Ausgehungerten BĂ€ckereien plĂŒndernd durch die Straßen und fordern so die BestialitĂ€t und das Blei der imperialen Kosaken heraus.

Immer noch schlagen sich einundzwanzig Millionen Menschen an verschiedenen Fronten – doch ohne Zuversicht, allein auf Befehl und aus Angst.

Wenn sie sich schlagen! In den Statistiken der „Peace Society“ aus London finden sich einige Zahlen, die eine GegenĂŒberstellung veranlassen.

Die Zahl der Kriegsopfer des letzten Jahrhunderts, vom englischen Krieg in Indien 1800 bis zu den Kriegen des Transvaal im Jahr 1899, summiert sich insgesamt auf zehn Millionen; die Gesamtausgaben der an den Kriegen beteiligten Nationen belaufen sich auf hundertdreiundzwanzig Milliarden Franken.

Die Opfer dieser zwanzig Monate Krieg erreichen heute laut offizieller Zahlen der verbĂŒndeten Regierungen und laut der SchĂ€tzungen Österreich-Ungarns und Deutschlands vierzehn Millionen neunhundertsechzig Tausend Menschen, wĂ€hrend die Gesamtsumme der Schulden, also der neuen Schulden, die sich aufgrund des Krieges in diesen zwanzig Monaten ergeben haben, die Zahl von hundertfĂŒnfundvierzig Milliarden Franken erreichen.

Wir haben noch nicht die HĂ€lfte der Wegstrecke zurĂŒckgelegt?

Ohne Zuversicht! Das glaubt niemand!

Quos vult perdere dementat deus! rief einst ein Dichter: „der gute Gott nimmt denen die Sinne, die er ins Verderben stĂŒrzen will“27. WĂ€hrend die Geschichtsschreiber am Hof, die höfischen Dichter, der Papst in seinen Enzykliken und die gierigen Schmarotzer des nationalen Strebertums sich in SĂ€len, auf Jahrmarktsfesten, bei Messen und in den heiligen KrĂ€merlĂ€den abmĂŒhen, zum bedrohten Glauben, zum Vaterland und zur Zivilisation aufzurufen, zur GrĂ¶ĂŸe und Zukunft des Stammes, zu Tributen und Brandopfern, ist jedes Land ein Ozean grausamer Handelskriege.

Wollt ihr ein sehr bescheidenes Maß anlegen, dann geht ihr von nur sechs Prozent fĂŒr die Provision aus, die die Bankiers sich auf die verschiedenen nationalen Anleihen genommen haben, und ihr seht, dass sich mindestens drei Milliarden Franken – dank des begeisternden Krieges – in ihren Taschen versteckt haben.

Wollt ihr nur ein Auge öffnen fĂŒr die Wahrheit, die in der Tagesberichterstattung der großen Zeitungen durchscheint? Dann mĂŒsst ihr zugeben, dass die öffentliche Empörung lĂ€ngst nur noch ein Thema und ein Verbrechen kennt, und die Gerichte verschiedener Nationen beschĂ€ftigen sich mit nichts anderem mehr als dem Betrug bei Lieferungen, Schuhen aus Pappe, entrahmter Milch, Decken aus Brennnesseln und Jahrhunderte alten Konservendosen, die an die Soldaten im Krieg unter der Komplizenschaft der Kommandeure, Senatoren, Abgeordneten und der mit Orden Ausgezeichneten ausgeteilt werden, die wie die Schakale beim Aas stets bei einer Krise und öffentlichen Schwierigkeiten auftauchen. WĂ€hrend alle den GĂŒrtel enger schnallen, das Mittag- oder Abendessen ausfallen lassen, um die Geschicke des Vaterlandes zu nĂ€hren, singen euch die Börsenberichte von Milliardengewinnen Krupps und Schneiders, der Navigazione Generale, von Terni, Barklay Co. und der Capital & County Bank, die nie zuvor so fruchtbare und glĂŒckliche WeingĂ€rten besaßen!

Das in FlĂŒssen, in den Schluchten der Alpen, in den flĂ€mischen DĂŒnen und auf allen Schlachtfeldern Europas vergossene Blut der Elenden nĂ€hrt kein anderes GlĂŒck als das der Finanz- und Industriepiraten.

Da mĂŒsste man wirklich gutglĂ€ubig sein!

Der Frieden

Sie schlagen sich dennoch weiterhin!

Es ist erniedrigend; sagen wir es ganz ehrlich, die Wut steigt uns in die Kehle, wenn wir an das enorme Gemetzel der Gladiatoren denken, die – wie ihre Vorfahren im Kolosseum – ohne Grund und ohne Hass, auf Rechnung, fĂŒr eine Laune oder zur Entspannung der Herrschenden und der Taschendiebe sich mit blinder Wut an allen Grenzen des alten Kontinents abschlachten.

Doch sie bleibt in der Kehle stecken.

Warum sollten sie sich nicht schlagen?

Aus der Liebe zum Leben? Zur Freiheit? Zum Frieden?

Ich werde es mein Leben lang erinnern. Ich erkundete gemeinsam mit einem Genossen, einem alten Bergarbeiter, eines der großen Bergwerke von Illinois. Am Rand des „Platzes“ hielt ich inne, um einen der Tragbalken zu betrachten, der unter dem enormen Druck des Felsens zu zerbersten drohte.

„Mir scheint, dass er durchbrechen wird.“

„Nicht heute. Der wird sicher noch bis morgen halten.“ „Doch wenn es ihm einfiele, einige Stunden vorher zu brechen, wer wird uns dann ausgraben?“

„Oh, was das betrifft, hat man nicht viel Zeit, sich etwas vorzumachen, den ein oder anderen Tag muss es so enden!“, knurrte mein Genosse, wĂ€hrend er sich im Dreck streckte, um mit seiner Spitzhacke den Fels auszuhöhlen. Weiter sagte er nichts, doch die Spitzhacke hatte den ununterbrochenen Dialog wieder aufgenommen und hĂ€mmerte in mein GemĂŒt:

„Lohnt sie tatsĂ€chlich die MĂŒhe, gelebt und bewacht zu werden, diese blinde, eingesperrte und eintönige Existenz, zu der wir verurteilt sind? Dieses Leben, das die ZĂ€rtlichkeiten der Liebe nicht kennt, nicht das Fiebern nach Wissen, noch Empfindungen des Stolzes auf die Freiheit, auch nicht die Waffenruhe der Rente und nicht die Versprechungen eines Morgen? Das Leben, das eine DĂŒsternis ist, ein Elend, nur Angst und Leiden, und das der Hakenwurm und die Tuberkulose langsam dahinrafft? Das ein leiser Bergrutsch erstickt oder das das Grubengas mit seinen flammenden Turbinen zerschmettert? Lohnt es sich? Wenn es in unserem Dasein kein freudiges LĂ€cheln gibt, dann ist im Krieg oder auf der Straße zu sterben, zu verbluten oder mit einer Ladung Blei alles eins. Die Strenge und die VerstĂŒmmelungen durch Disziplin sind als Zuchthausregime der Fabrik und der Arbeit am erniedrigendsten: wir haben nie erfahren, was Freiheit bedeutet. Die Unannehmlichkeiten, die PrĂŒfungen, die Risiken und die Schrecken des Krieges sind nicht grĂ¶ĂŸer noch schlimmer als die des Friedens, die Sorgen der Alten, die BeschrĂ€nkungen der Jungen nicht bitterer und die Drohungen des Morgens nicht finsterer: Wir haben nie erfahren, was Frieden bedeutet!“

Und sie schlagen sich.

***

Warum sollten sie sich nicht schlagen? Wenn selbst jene, die mehr wissen, die studiert, Erfahrungen gesammelt und in den tausendjĂ€hrigen Ablagerungen der Geschichte die unheilvolle Wurzel des Übels entdeckt und durch den bleiernen Dunst der unglĂŒcklichen Gegenwart die Schimmer einer glĂŒcklichen Zukunft ausgemacht haben; wenn selbst diejenigen, die mitten unter den Armen – gegen alle Tyrannei – VerwĂŒnschungen und EntrĂŒstung beseitigt haben, die zum Gegenschlag Arme, Herzen und Eifer zusammenschlossen und die mit den prometheischen Revolten Gott, den König und die Herren blendeten28; wenn diese dann das unnachgiebige Programm abstreitend – schamlose PharisĂ€er29 – mit dem Feind unter einer Decke zu den Fahnen riefen? Wenn selbst diejenigen, die unter den Elenden lebten und ihrer Seele Blut, ihre Geisteskraft, heldenhafte Aufopferung und glĂŒhende Leidenschaft jeden Tag gaben, die immer und alles gaben, ohne jemals etwas zu fordern:

Wenn sich selbst diese zur tragischen Stunde, in der es dringend nötig war, gegen die wilde Raserei der LĂŒgen, der TĂ€uschungen, der Abschwörungen und des Verrats einen Damm aus verbĂŒndeter Verwegenheit zu errichten, voller BestĂŒrzung, verloren, uneins und feige gebeugt haben, als ein elendes Wrack in den FĂ€ngen des unwiderstehlichen und frevelhaften Zyklons?

Nicht vergebens

Sie schlagen sich. Jedes Tal und jede DĂŒne ist eine Fleischbank, eine eingetrocknete Blutlache jeder Hals, ein Knochenberg jeder Gipfel. Doch gingen die zwanzig Monate nicht vergebens vorĂŒber, wenn die Elenden aller LĂ€nder Erfahrung gesammelt haben, wenn in all dem Unrat, der massig zwischen den umkĂ€mpften SchĂŒtzengrĂ€ben gĂ€rt, unter ihren aufgerissenen Pupillen die ironische Machtlosigkeit Gottes, der Aberglaube an Erlöser, die MajestĂ€t der Halbgötter, alle Ölgötzen der sozialen Ordnung verwesen; wenn das Proletariat diese grauenhafte Probe ĂŒbersteht mit der verzweifelten Gewissheit, dass man sich nicht zur Rettung der Schutzpatronen und -geister schlug, nicht fĂŒr Ruhm oder Brot, noch fĂŒr Kultur oder Freiheit, sondern dass man sich nur schlug, um dem Goldenen Kalb den Tempel und das GlĂŒck zu erneuern und um den armseligen HĂŒtten und Nacken der Elenden ein grausameres und habgierigeres Joch der rĂ€uberischen Maßlosigkeit aufzuerlegen; wenn im vom letzten Verrat geschundenen GemĂŒt des Proletariats das Flehen, das aus verlassenen Feldern, zerstörten StĂ€dten, knurrenden MĂ€gen und blutenden Herzen emporsteigt und auf den Stirnen der gekrönten und dickbĂ€uchigen Mörder bedrohlich den neuen Sturm der Geschichte zusammenbraut, ein derartiges Echo findet, dass Nikolaus II. von Romanow30, Viktor Emanuel von Savoyen31 und Wilhelm II. von Hohenzollern32 keinen anderen Unterschlupf finden als das Generalquartier, zwischen einer Schar von Bajonetten und Horden von LeibwĂ€chtern, wĂ€hrend Joffre33, der von seiner eigenen ZĂ€higkeit ausgehend zuversichtlich den letztlichen Sieg der Republikanischen Adler voraussieht, dazu gezwungen ist, euch mit schmalen Lippen und bitteren Worten zu sagen, dass „er nicht weiß, ob das Proletariat in England, Frankreich oder in Italien seinerseits standhalten wird; was aber wesentlich ist.“34

Nicht vergeblich.

Die Erfahrung weicht aus dem Boden, und in diesem Boden blĂŒht das Unkraut der UntĂ€tigkeit nur, weil niemand andere Samen streute. Leiden, Angst, Resignation und UntĂ€tigkeit treiben zur Verzweiflung nur, weil die Verantwortlichen sich entziehen, man Energien und KrĂ€fte nicht kennt und das Ende nicht abzusehen ist. Doch gebt den Verantwortlichen ein Gesicht, fĂŒhrt euch die eigene Kraft zu Bewusstsein, gebt ein bisschen Licht und ein Ziel, und ihr werdet aus der Verzweiflung Wagemut gemacht haben, aus der Resignation Heldentum, aus der UntĂ€tigkeit die Revolte, aus dem Vasallen einen Sansculott, aus den „lettres de cachet“ eine Hand voll Asche35, aus der Bastille einen Haufen aus Ruinen und aus dem Krieg der Taschendiebe die soziale Revolution.

Verantwortlichkeit und Verantwortliche nehmen seit zwanzig Monaten tĂ€glich klarere und prĂ€zisere ZĂŒge an, wĂ€hrend die StĂ€rke, die unerschöpflich aus Millionen Herzen bebt, seit zwanzig Monaten sich als unbezwinglich zeigt.

Die HĂ€lfte? Wer wird den aus dem Ruder gelaufenen erobernden Gewalten das Ziel weisen?

Wer wird dem Zyklop ein Auge geben?

Der Krieg und die Revolution

Die Anarchisten, die nicht mitten in das Grauen von Hass und Blut abgedriftet sind und jeden Tag und jedes Ereignis der finsteren Iliasgeschichte36 mit Sorgen verfolgen und erleben, bereiten sich darauf vor, die eigene Revanche zu fordern, sobald der Krieg zu Ende sein wird. Sie fragen sich verzweifelt, in welche der großen Spalten sie als erstes eine Ladung Dynamit stecken, um die ungleiche soziale Ordnung umzustĂŒrzen. Viele Genossen, und zwar von den Besten, fragen uns, quasi als jeden Schlenker des Schicksals kennende Wahrsagerinnen, ob dies wirklich die passende Gelegenheit ist und was wir tĂ€ten. Als ob sie sich von uns mehr als eine spĂ€rliche und bescheidene Vorhersage erwarten könnten, die in Wirklichkeit stark einer wohlwollenden Bestandsaufnahme unterworfen ist, einigen Urteilen, die, wenn auch maßvoll, eher vom innigen Wunsch und von der brennenden Erwartung als von unvermeidlichen Unvorhersehbarkeiten verzerrt sind.

Wir glauben aufrichtig, dass dies nun die richtige Gelegenheit ist, dass wir an einem harschen „tournant de l’histoire“37 sind, auch wenn der Krieg zu Ende gehen muss, oder vielmehr – sollte es euch auch als Paradox erscheinen – wir uns nicht vorstellen können, wie der Krieg anders enden könnte.

Wer erwartet, den Epilog aufgrund von Erschöpfung hereinbrechen zu sehen, wird wohl noch ein ganzes Weilchen warten mĂŒssen! Denn von der Erschöpfung ausschließlich einer der kriegsfĂŒhrenden Gruppen zum Wohle der anderen kann man nicht ausgehen, sondern man muss sich vernĂŒnftigerweise wohl eingestehen, dass sie auf beiden Seiten mit gleichem oder proportionalem Niederschlag eintreten wird. FĂŒr den Weg der Erschöpfung mĂŒsste die Lösung des Konflikts mehr oder weniger darin bestehen, dass sich das Menschengeschlecht aufbraucht. Ein bisschen zu spĂ€t also, wenn man erst nach Kriegsende den Psalm der Revolution anstimmen soll.

Der Aufstand wird der Waffenruhe vorausgehen, er wird gar hereinbrechen, um zu verhindern, dass der Frieden auf den Kriegsruinen wieder die soziale Ordnung errichtet, die die Grauen und die Schande des Krieges hat ausbrechen lassen.

Er muss ihr vorausgehen! Mit den Waffen in der erschöpften Faust muss der Aufstand die erlauchte internationale Schurkenbande, die fĂŒr eine Handvoll GoldmĂŒnzen, fĂŒr einen Zipfel Land oder fĂŒr eine Krone auf dem Altar des Molochs das glĂŒhendste und reinste Blut der Welt eintauschte, ĂŒberraschend in den RĂŒcken und in die Nieren treffen. Und fragt nicht nach Sonnenschein, wenn der Moloch als Aufwiegler zu all diesem Verfall ĂŒber uns hinweg tost.

Kein Seher hat jemals der Geschichte ihren Herzschlag oder ihren Gang vorausbestimmt, und unser Glaube in die soziale Astrologie ist ziemlich schwach, sodass wir sie nie nach den Zeichen und Zahlen der Zukunft befragt haben. Zahlreich schlĂ€ngeln sie sich unter unseren Augen, schlimm, beharrlich, dringlich oder aufeinandertreffend genauso wie die GrĂŒnde, die ein Gesicht haben und auch eine Sprache: sie sprechen fĂŒr sich. Im Schmelztiegel eines jeden Landes brodeln unter der Schlacke verschiedentlicher Resignation vergiftete EnttĂ€uschungen, angehĂ€ufte Empörung und uralter unbefriedeter Hass: im alten Deutschland, das mit jedem Herzschlag und jedem Krumen Brot das beste Heer der Welt ernĂ€hrt hat, damit es ihm zusammen mit einem leichten Sieg die rĂ€umliche Hegemonie in der Welt bereite, das verĂ€ngstigt, gebrochen, verhasst und von allen Seiten angegriffen die Tage der grausamen Agonie zĂ€hlt; im alten republikanischen Gallien, das in AbwĂ€gung eines entfernten und unsicheren Sieges das Opfer fĂŒr nicht der Revanche entsprechend hĂ€lt; im alten England, schlĂŒpfrige Wucherhöhle, dem die gewitzten liberalen und pietistischen Scheinheiligkeiten nur als spĂ€rliches Feigenblatt dienen; im alten Vaterland, das den Stolz, sich eher fĂŒr die fragwĂŒrdige Erlösung anderer als der eigenen auszubluten, den von Pellagra38 befallenen Schultern als nicht angemessen empfindet; in Österreich, Russland und in der TĂŒrkei, wo die WĂ€hrung der Grundherren und der Sklaven nicht miteinander vereinbar ist: ĂŒberall gibt es ein StĂŒck Boden, eine HĂŒtte, ein Magen, eine Dachkammer, ein Kind, eine Liebe oder eine Hoffnung, alles GrĂŒnde, die drĂ€ngen, die hĂ€mmern, und dicht aufeinanderfolgen, wenn sie sich in einem dichten Netz von Ängsten, PrĂŒfungen, Qualen, gemeinsamen VerwĂŒnschungen, der Nötigkeiten, der SehnsĂŒchte, Hoffnungen und gemeinsamen Vorhaben verknoten. Wir sagen ganz einfach, dass diese GrĂŒnde Konsequenzen zeitigen.

Wir können ohne TollkĂŒhnheit hinzufĂŒgen, dass diese GrĂŒnde – die ĂŒber und jenseits des grĂ¶ĂŸten Zwists, den die Welt je gesehen hat, hinaus zusammenlaufen – unter vielen verschiedenen und komplexen Folgen eine allgemeine Konsequenz zur BlĂŒte bringen werden. Angenommen, dass in der Geschichte AufstĂ€nde von allgemeinem Charakter den Namen Revolution unter der Bedingung annehmen, dass sie nach der Überwindung der unstimmigen VerhĂ€ltnisse StĂ€rkung und Kompass fĂŒr einen neuen und besseren Weg mit sich bringen, so lĂ€sst sich ebenso sagen, dass wir nicht nur die AufstĂ€nde und die Revolution vor der TĂŒr haben, sondern auch die klare und prĂ€zise Aufgabe, die diese fĂŒr die Avantgarden bedeuten.

Die Vesper39

Die Avantgarden wissen aus alter und neuer Erfahrung, dass die Revolution nicht die Kirchen, Sekten oder Parteien machen, sondern – in den meisten FĂ€llen unbewusst – die großen Massen, durch Wut und Not entbrannt, so sehr, dass sie sich normalerweise an der ersten Etappe beruhigen, sobald die Empörung nachlĂ€sst und man die Not stillt. Allein ein Eingreifen der Avantgarde kann dafĂŒr sorgen, dass die unerbittliche Axt eine gute Bresche schlĂ€gt und dass die gotteslĂ€sterliche Fackel in jeder Bastille und in jeder Höhle der LĂŒge und des Privilegs den ausgleichenden Brand entzĂŒndet.

Zu Hause und im SchĂŒtzengraben, unter Kanonenhagel oder unter dem Biss der Armut werden die Zerlumpten aller verwĂŒsteten LĂ€nder heute oder morgen des Krieges mĂŒde werden: heute oder morgen werden in Deutschland, Frankreich, Russland und Asien wie im letzten Jahrhundert ĂŒbereilte Koalitionen entstehen und die sofortige Aussöhnung der Habsburger, des Hauses Savoyen, Hohenzollern und Romanows bestimmen, wenn wir es nicht in jedem Land verstehen, die zentrale Macht durch Enthauptung zu zerstreuen und die herrschende Klasse auseinanderzujagen, indem wir ihr die teuersten Geiseln entreißen, d.h. ohne Gnade all diejenigen eliminieren, die fĂŒr den Lauf des Aufstandes einen Hinterhalt, ZĂŒgel oder Schranken darstellen können; wenn wir nicht jedem AufstĂ€ndischen eine Waffe und ein Brot geben, wenn wir nach dem Zerschneiden der konservativen Seilschaften nicht siegreich die Kommunikation und die Mittel zur revolutionĂ€ren Organisierung und Mobilisierung sicherstellen; wenn wir uns nicht ĂŒber die GrĂ¶ĂŸe der Aufgabe, die wir zu erledigen haben, bewusst sind, wenn wir nicht eine klare Vision von unserem Ziel haben, wenn wir es nicht verstehen, aus der unermĂŒdlichen Vielfalt an Ressourcen, die uns die ersten wagemutigen AnstĂŒrme zu VerfĂŒgung stellen, Gewinn zu schlagen; wenn wir es nicht schaffen, den Zweifelnden, Unsicheren und Entmutigten die, wenn auch ungewöhnlichen, Vorteile des neuen Regimes zu garantieren; wenn wir zu den dazugehörigen und erschreckenden Verantwortlichkeiten keinen heldenhaften Mut haben; und vor allem wenn wir nicht an die Gerechtigkeit unserer Sache und an den Triumph unseres Rechtes glauben; wenn wir mit diesem Glauben nicht das Brot und Blut trĂ€nken, die KĂŒhnheit und ZĂ€higkeit eines jeden LegionĂ€rs der Revolution.

Niemals ist der Moment gĂŒnstiger!

Nie wieder ist man zur innigen Revolte gegen die fatale Verbindung von Abscheulichkeit, Grausamkeit und Zynismus des Regimes in den Herzen so einig; nie wieder ist die im Schmerz verbĂŒndete Internationale untergrĂŒndig an allen Fronten so prĂ€sent, verbĂŒndet im Sehnen und Wollen, hoch in den LĂŒften der Hoffnung. In den Gesetzen wird sie nie wieder so lebendig, so glĂŒhend sein wie heute in den Herzen, heute, da ihr eine Gruppe lumpiger Handlanger, die besseres Futter in den Futterkrippen des Feindes fand, den Tod Vorhersagen. WĂ€hrenddessen erheben sich vom mondbeschienen Horizont unendlich viele rosige KinderhĂ€nde, ausgedörrte Gesichter von Alten, beharrte Arme der Titanen, KrĂ€mpfe und Schluchzer trauender MĂŒtter, um aus einem Herzen und aus einer Furcht heraus den vernichtenden Krieg und den schmachvollen Frieden zu verfluchen und von Angst und einer Stimme gedrĂ€ngt rufen sie zur Vesper, zur erwarteten Vesper der Befreiung.

Der Moment kommt nicht wieder!

Zur Vesper, zur Vesper! Zur Vesper, die keinen Frieden gibt und keine Gnade kennt.

(Aus dem Italienischen von Tina DĂŒspohl)





Quelle: Panopticon.blackblogs.org