Dezember 15, 2020
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Gefunden auf Indymedia Barcelona, die Übersetzung ist von uns

Madrid: Die Dystopie jenseits des Coronavirus – oder wie die Linke den Protest dem Faschismus schenkt.

Analyse der Aneignung des Protests durch die Rechte und der Diskurse, die die Linke darĂŒber artikuliert. Anarchistischer Anspruch zu verschiedenen Konfliktsituationen auf der Straße wĂ€hrend der letzten Monate.

Im Morgengrauen des 1. November um 00:00 Uhr begann die Ausgangssperre im spanischen Staat. Gleichzeitig gab es Aufrufe auf den Straßen, diese EinschrĂ€nkung herauszufordern. Die Proteste hatten ein internationales Echo, denn sie endeten mit ZusammenstĂ¶ĂŸen gegen die Polizei, eingeschlagenen Schaufenstern, Barrikaden und vereinzelten PlĂŒnderungen.Die Linke setzte den Ruf bald in den Himmel und zeigte auf die extreme Rechte, die in dieser Nacht weitgehend hinter den Aufrufen stand. Leider war es nicht einfach, sich in dieser Nacht den Protesten anzuschließen und nicht mit einer Gruppe von Nazis zusammenzutreffen, zumindest in Madrid. Es gab aber auch viele andere Menschen, die an diesem Tag auf die Straße gingen, viele waren nicht einmal rechts, und es gab wahrscheinlich mehr als ein Jugendlicher ohne Papiere, die Art, die die Nazis so sehr mögen.1 Es gab Konfrontationen mit der Polizei in verschiedenen Teilen des spanischen Territoriums wie Murcia, Sevilla, Valencia, Madrid, Burgos, Santander, Bilbao und Barcelona.

Die folgende Betrachtung versucht nicht, die mehr als nachgewiesene Beteiligung und sogar den Aufruf von faschistischen Gruppen nach einigen dieser Proteste zu leugnen. Es geht uns auch nicht darum, die Teilnahme der Linken an diesen Protesten zu legitimieren, denn wir sind weit davon entfernt, die Barrikaden mit Nazi-Abschaum zu teilen.

Wir sind erstaunt, wie flink die Linke bereit war, mit dem Finger auf die extreme Rechte zu zeigen, was die Ereignisse angeht. Es ist klar, dass politische Gewalt von der Demokratie immer als Wegwerfwaffe genommen wird, um „die Extremen“ zu delegitimieren (da der Staat der einzige ist, der Gewalt auf legitime und hegemoniale Weise ausĂŒben kann). Um sich als das Neutrale, als der Mittelweg und als das Legitimste aufstellen zu können. Das Peinliche daran ist, dass es bestimmte Kollektive, selbsternannte Antikapitalisten, gibt, die sich an dieser Farce beteiligen.

WĂ€hrend einige faschistische Gruppen (die die Mobilisierungen angezettelt hatten) die Verantwortung von sich schoben und die Antisistemas (A.d.Ü., von den Medien benutzter Begriff fĂŒr Chaoten, Zecken) und die „Menas“ fĂŒr die Geschehnisse verantwortlich machten, fĂŒllten sich die sozialen Netzwerke mit Reaktionen der Linken in Form von Artikeln und Bildern.2 Ein Teil dieser Reaktionen ist verstĂ€ndlich, insofern als sie auf Aussagen reagieren, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen.

Was fĂŒr uns jedoch nicht in Frage steht, sind die Auseinandersetzungen selbst, die SchĂ€den an multinationalen Unternehmen und Banken und die verletzten Polizisten. Auch nicht die GrĂŒnde, die hinter diesen Aufrufen stehen, denn der spanische Staat nutzt sie, wie andere auch, um unter dem Vorwand der Pandemie einen zunehmend totalitĂ€ren Polizeistaat zu konsolidieren.

Was wir sagen wollen, ist: Es waren nicht die Anarchisten, die in dieser Nacht auf die Straße gegangen sind, um Unruhe zu stiften. Aber es hĂ€tte sein können, und in der Tat wĂ€re es wĂŒnschenswert gewesen, dass wir es gewesen wĂ€ren und nicht sie.

Es ist klar, es gibt vegane Nazis, Nazis, die fĂŒr ihre Arbeitsrechte kĂ€mpfen, und viele gingen auf die Straße, als die Proteste nach der letzten Krise 2008 ausbrachen, obwohl die Aufrufe meist von Links kamen und sie immer wieder von den Protesten vertrieben wurden. Wir können bestimmte Konflikte gegen die Macht mit einigen Sektoren der Rechten teilen, die oft mit „Anti-System“-Diskursen und Ästhetik erweitert werden. Und das bedeutet nicht, dass unsere KĂ€mpfe in ihrer Gesamtheit das Geringste gemeinsam haben.

Dies ist nichts anderes als eine alte Strategie des Faschismus, die sich als unterstĂŒtzend, rebellisch und kĂ€mpferisch tarnt. Das Bedauerliche ist, dass wir in dieser Krise, die gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch von enormer Tragweite ist, den Faschisten die Proteste ĂŒberlassen. Warum?

Es scheint, dass der spanische Staat nun „die fortschrittlichste Regierung der letzten Jahre“ hat. Einen herzlichen Applaus fĂŒr Podemos. Jetzt mĂŒssen wir ruhig sein, wir mĂŒssen es nur sehen. Seit Beginn dieser Krise gab es viele Äußerungen in der Presse und in den sozialen Netzwerken, die versuchten, diese Regierung zu schĂŒtzen und jeden möglichen Protest oder jede Dissidenz einem Angriff von Rechts zuzuschreiben. „Dies ist nicht die Zeit, um zu streiten, wir mĂŒssen uns einig sein.“ Die wenigen Proteste, die wir von der Linken gesehen haben, waren auf bestimmte Gebiete beschrĂ€nkt, wo sie sich gegen die Regionalregierung richten konnten, natĂŒrlich von der Rechten. Wir können uns nicht erklĂ€ren, dass die sozialen Bewegungen in der Lage sind, mit diesen UmstĂ€nden zu leben, ohne sich als Marionetten der politischen Parteien zu fĂŒhlen.

Einerseits wollen wir darauf hinweisen, dass der Faschismus die Unzufriedenheit ausnutzt, um zu wachsen, aber auch, dass er dies nicht ohne die Hilfe der Linken tut, die versucht, Dissidenz unsichtbar zu machen und alle Kritik auf faschistische und konspirative Diskurse schiebt. Aber wir sehen von unseren anarchistischen Ideen her die dringende Notwendigkeit eines konfrontativen Diskurses und einer konfrontativen Praxis gegen den Staat und die gegenwĂ€rtige Situation, die auch dem Faschismus die Stirn bietet und ihm nicht die Straßen ĂŒberlĂ€sst. Das bedeutet nicht, so zu tun, als gĂ€be es das Covid nicht oder ĂŒber die Grenzen der Menschen zu gehen, die sich angesichts dieser gesundheitlichen Situation sicher fĂŒhlen mĂŒssen. Wir glauben, dass es notwendig ist, nach einer Verwaltung (A.d.Ü. der KĂ€mpfe) zu suchen, das auf Autonomie und individueller und kollektiver Verantwortung basiert, das nicht den Auferlegungen irgendeiner AutoritĂ€t gehorcht und das die Vielfalt der Erfahrungen und BedĂŒrfnisse berĂŒcksichtigt. Aber natĂŒrlich, angesichts der Versuche der Macht, dies in eine Erweiterung ihrer sozialen Kontrollmechanismen zu verwandeln und, wie wir es immer getan haben, jede AutoritĂ€t in Frage zu stellen. In diesem Sinne wollten wir die Gelegenheit nutzen, eine Zusammenstellung von anarchistischen Aktionen und BeitrĂ€gen auf der Straße in den letzten Monaten zu machen.

Als die Regierung uns kaum noch erlaubte, das Haus fĂŒr ein paar Stunden am Tag zu verlassen, konnte man in den Vierteln an verschiedenen Orten regierungsfeindliche Kundgebungen und Pöbeleien entstehen sehen, die meist von einkommensstarken Konservativen gefördert und von Faschisten besucht wurden. GlĂŒcklicherweise gab es bei mehreren Gelegenheiten eine Antwort, oft mit der Beteiligung oder Organisation von anarchistischen Gruppen.

Aber nicht nur die ranzige oder parteiische Rechte ging auf die Straße, um eine Kritik an der politischen und sozialen Situation sichtbar zu machen, und es gab einige kleine anarchistische AufmĂ€rsche in verschiedenen Vierteln. Alle wurden unter den GefĂ€hrt*innen organisiert, ohne einen öffentlichen Aufruf zu machen, aber einige von ihnen wurden spĂ€ter festgehalten.3 Es ist erwĂ€hnenswert, dass eine dieser UmzĂŒge in LavapiĂ©s mit einem rassistischen Überfall endete, der mit Tritten und SchlĂ€gen beantwortet wurde, und zusammen mit einigen Migrant*innen, die tĂ€glich in der Nachbarschaft leben, wurde der Überfall gestoppt und die Polizei rausgeworfen, bis sie VerstĂ€rkung bringen konnte, um die „Ruhe“ des Platzes wiederherzustellen.4

In letzter Zeit gab es auch Demonstrationen, die von den Behörden nicht genehmigt wurden und an denen etwa hundert Menschen teilnahmen, die Schaufenster von Banken, ImmobilienbĂŒros und WettbĂŒros zertrĂŒmmerten und den Verkehr mit Containern und gemieteten MotorrĂ€dern hinter sich abschnitten, auf der Hut vor möglichen PolizeieinsĂ€tzen, die in keinem Fall rechtzeitig stattfanden. Eine davon fand als Reaktion auf die RĂ€umung des Ateneo Libertario in Vallekas am 23. Oktober statt; die andere anlĂ€sslich der 20N, nachdem der antiautoritĂ€re Aufruf abgesagt worden war5 , wo die Demonstration nicht nur mehrere Angriffe gegen diese Art von Unternehmen provozierte, sondern auch auf eine Gruppe von Nazis stieß, die fliehen musste und zwei der ihrer verwundet zurĂŒckließ.

Und schließlich organisierte kĂŒrzlich eine Gruppe von Anarchisten eine SolidaritĂ€tsaktion vor dem Abschiebeknast, als die dort eingesperrten Menschen einen Hungerstreik fĂŒr die Schließung der Einrichtung begannen, nachdem diese nach der QuarantĂ€ne wieder geöffnet wurde. Dies geschah in einer in QuarantĂ€ne gesteckten Nachbarschaft und unter Missachtung der staatlichen BeschrĂ€nkungen, die eine Ansammlung in Gruppen von mehr als 6 Personen nicht zulassen. Dies geschah auch in einem geschlossenen Aufruf, der nicht veröffentlicht wurde und unter wenigen Personen stattfand die untereinander AffinitĂ€t teilen.6

FĂŒr einige Anarchisten hat es nichts damit zu tun, auf die Straße zu gehen, um ZugestĂ€ndnisse von der Macht zu verlangen. Wir haben auch nicht die Absicht zu zeigen, dass wir viele sind, das sind wir natĂŒrlich nicht. FĂŒr uns ist das Sichtbarmachen der stattfindenden KĂ€mpfe eine legitime Sache an sich, und wenn dies möglich ist, zielt unser Vorschlag immer darauf ab, den Staat und den Kapitalismus in all seinen möglichen Formen anzugreifen und den sozialen Frieden zu brechen, der das Leid und die Armut vieler Menschen nach sich zieht. Aus diesem Grund wĂ€ren wir gerne hinter den Anrufen gestanden, die die Ausgangssperre in Frage stellten, jedes Fenster auf der Gran VĂ­a zerstörten und drei oder viele weitere Polizisten verletzten. Das Bedauerlichste an diesem Thema ist, dass der Faschismus nicht die Konfrontation findet, die wir finden sollten.

Wir werden weiterhin die Macht angreifen, so weit wir können, und versuchen, mit dieser ungerechten RealitĂ€t zu brechen. Wenn wir den Aufrufen der Linken folgen, die aufgeben, werden wir den Konflikt vor uns herschieben, wie wir es in Vallekas7 und in vielen anderen Demonstrationen, Momenten und Orten getan haben. Und wir werden auch versuchen, unsere eigenen Aufrufe und spontanen Mobilisierungen gegen den „Frieden“ und das Schweigen, das sie dieser immer schlimmer werdenden Situation auferlegen wollen, zu generieren. Wie schon in den letzten Monaten sind wir zunehmend davon ĂŒberzeugt, dass wir weder Massenaktionen noch die Duldung der Linken und der Politik brauchen.

Dezember 2020, Madrid,
Einige Anarchisten.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org