Dezember 15, 2020
Von Indymedia
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Es gab ZusammenstĂ¶ĂŸe mit der Polizei in verschiedenen Teilen des spanischen Territoriums wie Murcia, Sevilla, Valencia, Madrid, Burgos, Santander, Bilbao und Barcelona.

Die folgende Reflexion versucht nicht, die mehr als erwiesene Beteiligung und sogar den Aufruf faschistischer Gruppen hinter einigen dieser Proteste zu leugnen. Wir versuchen auch nicht, die Teilnahme der Linken an ihnen zu legitimieren, denn wir sind weit davon entfernt, uns mit dem Nazi-Abschaum auf einer Barrikade sehen zu wollen.

Wir sind erstaunt, wie agil die Linke bereit war, auf die Ereignisse der extremen Rechten hinzuweisen. Es ist klar, dass politische Gewalt von der Demokratie immer als Waffe eingesetzt wird, um “die Extremen” zu delegitimieren (da der Staat der einzige ist, der Gewalt auf legitime und hegemoniale Weise ausĂŒben kann). Um sich als der Neutrale, die Mitte und der Legitimste etablieren zu können. Peinlich ist, dass es bestimmte Gruppen gibt, die sich selbst als Antikapitalisten bezeichnen, die sich an dieser Farce beteiligen.

WĂ€hrend einige faschistische Gruppen (die die Mobilisierungen angestiftet hatten) dem Thema auswichen und die radikale Linke und “Menas” (unbegleitete, migrantische Kinder) fĂŒr die Geschehnisse verantwortlich machten, waren die sozialen Netzwerke voll von Reaktionen der Linken in Form von Artikeln und Bildern.

Ein Teil dieser Reaktionen ist verstĂ€ndlich, da sie auf Aussagen reagieren, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Was fĂŒr uns jedoch nicht fragwĂŒrdig ist, sind die Konfrontationen selbst, die SchĂ€den an multinationalen Konzernen und Banken und die verletzten Polizeibeamt*innen. Auch nicht die GrĂŒnde, die diesen Aufrufen zugrunde liegen, denn der spanische Staat nutzt sie, wie andere auch, um unter dem Vorwand der Pandemie einen immer totalitĂ€reren Polizeistaat zu konsolidieren. Was wir sagen wollen, ist: Wir waren nicht die Anarchist*innen, die dazu anstifteten, in dieser Nacht auf die Straße zu gehen, um zu randalieren. Aber wir hĂ€tten es sein können, und in der Tat wĂŒnschen wir uns, dass wir es an ihrer Stelle getan hĂ€tten.

 

Es ist klar; es gibt vegane Nazis, Nazis, die fĂŒr ihre Arbeitsrechte kĂ€mpfen, und viele gingen auf die Straße, als die Proteste nach der letzten Krise 2008 ausbrachen, obwohl die Aufrufe meist von links kamen und sie immer wieder aus den Protesten rausgeschmissen wurden. Wir können bestimmte Konflikte gegen die Macht mit einigen Sektoren der Rechten teilen, die oft mit “Anti-System”-Diskursen und -Ästhetiken verbreitet werden. Das heißt aber nicht, dass unsere KĂ€mpfe in ihrer Gesamtheit etwas gemeinsam haben. Das ist nichts anderes als eine alte Strategie des Faschismus, die sich als solidarisch, rebellisch und kĂ€mpferisch tarnt. Das UnglĂŒckliche ist, dass wir in dieser Krise, die enorme Ausmaße auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene hat, den Faschisten die Proteste ĂŒberlassen. Aber warum?

Es scheint, dass der spanische Staat jetzt “die fortschrittlichste Regierung der letzten Jahre” hat. Ein Applaus fĂŒr Podemos. Jetzt können wir beruhigt sein, alles ist offensichtlich großartig. Seit dem Beginn dieser Krise gibt es viele Reden aus der Presse und den sozialen Netzwerken, die versuchen, diese Regierung zu schĂŒtzen und jeden möglichen Protest oder Dissens einem Angriff von rechts zuzuschreiben. “Dies ist nicht die Zeit, um zu streiten, wir mĂŒssen vereint sein”, betet die Sozialdemokratie. Die wenigen Proteste, die wir von der Linken sehen konnten, beschrĂ€nkten sich auf bestimmte Gebiete, in denen sie sich gegen die Regionalregierung richten konnten, natĂŒrlich gegen die Rechte. Wir erklĂ€ren uns nicht, dass die sozialen Bewegungen in der Lage sind, mit diesen UmstĂ€nden zu leben, ohne sich als Marionetten der politischen Parteien zu fĂŒhlen.

Einerseits wollen wir darauf hinweisen, dass der Faschismus die Unzufriedenheit ausnutzt, um zu wachsen, aber auch, dass er es nicht ohne die Hilfe der Linken tut, die versucht, den Dissens unsichtbar zu machen und jede Kritik auf faschistische und Verschwörungstheorien schiebt. Aber wir, von unseren anarchistischen Ideen her, sehen es als dringend notwendig an, einen Diskurs und eine konfrontative Praxis gegen den Staat und die aktuelle Situation vorzuschlagen, die auch dem Faschismus entgegentritt und ihm nicht die Straße ĂŒberlĂ€sst. Das geschieht nicht, indem man so tut, als gĂ€be es Covid nicht, oder indem man die Grenzen der Menschen ĂŒberschreitet, die sich angesichts dieser gesundheitlichen Situation sicher fĂŒhlen mĂŒssen. Wir glauben, dass es darum geht, ein Management aus Autonomie und individueller und kollektiver Verantwortung zu suchen, das nicht den Zumutungen irgendeiner AutoritĂ€t gehorcht und das die Vielfalt der Erfahrungen und BedĂŒrfnisse berĂŒcksichtigt. Aber natĂŒrlich auch, sich den Versuchen der Macht zu stellen, dies in eine Erweiterung ihrer Mechanismen der sozialen Kontrolle zu verwandeln und, wie wir es immer getan haben, jede AutoritĂ€t in Frage zu stellen. In diesem Sinne wollten wir die Gelegenheit nutzen, anarchistische Aktionen und BeitrĂ€ge auf den Straßen der letzten Monate zusammenzutragen.

Als die Regierung uns kaum noch erlaubte, das Haus fĂŒr ein paar Stunden am Tag zu verlassen, konnte man in der Nachbarschaft sehen, wie an verschiedenen Orten regierungsfeindliche Kundgebungen und “Topf-Demonstrationen” entstanden, die meist von hochklassigen Konservativen gefördert und von Faschisten besucht wurden. GlĂŒcklicherweise wurde bei mehreren Gelegenheiten eine Antwort gegeben; oft mit Beteiligung oder Organisation von anarchistischen Gruppen. Aber nicht nur die ranzige oder faschistische Rechte ging auf die Straße, um eine Kritik an der politischen und sozialen Situation sichtbar zu machen, sondern es gab auch einige kleine anarchistische Mobilisierungen in verschiedenen Stadtteilen. Alle von ihnen wurden unter compas organisiert, ohne einen öffentlichen Aufruf zu machen, aber einige von ihnen mit einer spĂ€teren Chronik. (2)

Es ist erwĂ€hnenswert, dass eine dieser Mobilisierungen in LavapiĂ©s, am Ende eine rassistische Polizeirazzia traf, sie mit Tritten und SchlĂ€gen konfrontierte und zusammen mit einigen Migrant*innen, die das Viertel tĂ€glich bewohnen, die Razzia lahmlegte und die Polizei rauswarf, bis sie VerstĂ€rkung holen konnte, um die “Ruhe” des Platzes wiederherzustellen. (3)

In letzter Zeit gab es auch Demonstrationen ohne Genehmigung der Behörden, an denen etwa hundert Menschen teilnahmen und die auf ihrem Weg Zerstörungen in den Schaufenstern von Banken, Immobilien- und WettbĂŒros hinterließen, den Verkehr mit Containern und Mietrollern unterbrachen, in Erwartung möglicher Polizeiaktionen, die in keinem Fall rechtzeitig stattfanden. Eine davon war als Reaktion auf die RĂ€umung des Ateneo Libertario de Vallekas am 23. Oktober; die andere anlĂ€sslich der 20N, nachdem der antiautoritĂ€re Aufruf endete (4), wo die Demonstration nicht nur mehrere Angriffe gegen diese Art von Unternehmen auslöste, sondern auch in eine Gruppe von Nazis geriet, die fliehen mussten und zwei ihrer eigenen Leute verletzt zurĂŒckließ. Und schließlich organisierte vor kurzem eine Gruppe von Anarchist*innen eine SolidaritĂ€tsaktion gegen das CIE, als die dort eingeschlossenen Menschen einen Hungerstreik fĂŒr die Schließung der Einrichtung begannen, die gerade nach der QuarantĂ€ne wieder geöffnet wurde. (5)

Dies geschah in einer geschlossenen Nachbarschaft und unter Umgehung der staatlichen Restriktionen, die es nicht erlauben, sich in Gruppen von mehr als 6 Personen zu versammeln. Auch in einem geschlossenen Aufruf, der nicht veröffentlicht wurde und unter einigen wenigen VerbĂŒndeten zirkulierte. (6)

 

FĂŒr einige Anarchist*innen hat es nichts damit zu tun, die Macht um ZugestĂ€ndnisse zu bitten, wenn sie auf die Straße gehen. Wir geben auch nicht vor, zu zeigen, dass wir viele sind, dass sind wir offensichtlich nicht. FĂŒr uns ist es eine legitime Sache an sich, die stattfindenden KĂ€mpfe sichtbar zu machen, und wenn dieses Vorgehen möglich ist, zielt unser Vorschlag immer darauf ab, den Staat und den Kapitalismus auf alle möglichen Arten anzugreifen und den sozialen Frieden zu brechen, der das Leid und die Armut vieler Menschen mit sich zieht. Aus diesem Grund hĂ€tten wir gerne hinter den Aufrufen gestanden, die die Ausgangssperre in Frage stellten, jedes Schaufenster auf der Gran VĂ­a einschlugen und drei oder viel mehr Bullen verletzten. Das Bedauerlichste an dieser Sache ist, dass der Faschismus nicht auf die Konfrontation stĂ¶ĂŸt, die wir ihm geben sollten. Wir werden weiterhin die Macht angreifen, so gut wir können, und versuchen, mit dieser ungerechten RealitĂ€t zu brechen. Wenn wir den Aufrufen der nachgebenden Linken folgen, werden wir dabei den Konflikt antreiben, wie wir es schon in Vallekas und bei vielen anderen Demonstrationen, Zeiten und Orten getan haben.(7)

Und wir werden auch versuchen, unsere eigenen Aufrufe und spontanen Mobilisierungen gegen den “Frieden” und das Schweigen, das sie dieser immer schlimmer werdenden Situation aufzwingen wollen, zu generieren. So wie wir es in den letzten Monaten getan haben, zunehmend in der Überzeugung, dass wir keine massiven Aktionen brauchen und auch nicht die Zustimmung der Linken und der Politik.

Dezember 2020, Madrid,

Einige Anarchist*innen.

 (1) https://elpais.com/espana/madrid/2020-10-15/manifestacion-ultra-en-madrid-al-grito-de-san-blas-sera-la-tumba-de-los-menas.html

(2) https://contramadriz.espivblogs.net/2020/06/17/madrid-la-pandemia-es-la-obediencia-recuperemos-la-calle-pequena-intervencion-en-las-calles-de-vallekas/

 (3) https://www.elmundo.es/madrid/2020/06/28/5ef8e30d21efa0d3488b45a9.html

 (4) https://contramadriz.espivblogs.net/2020/11/24/algo-despierta-en-madrid-cronica-de-un-20n-antiautoritario/

 Der 20. November ist ein traditionelles Datum von Protesten, weil es der Todestag von Franco ist, zu dem sowohl Faschisten als auch Antifas aufrufen. In der Vergangenheit gab es daher oft ZusammenstĂ¶ĂŸe, auch mit den Bullen, an diesem Tag.

(5) https://contramadriz.espivblogs.net/2020/11/03/madrid-comunicado-sobre-las-detenciones-el-pasado-27-de-octubre-frente-al-cie/

(6) http://www.telemadrid.es/programas/telenoticias-fin-de-semana/Vandalismo-barricadas-concentracion-antifascista-Latina-2-2288791099–20201121023508.html

(7) https://de.indymedia.org/node/110341




Quelle: De.indymedia.org