Mai 1, 2022
Von La Presse
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Wir wurden zum Grillen eingeladen. Mit vier jungen MĂ€nnern aus der Territorialen Selbstverteidigung verbringen wir einen schönen Abend. Sitzen auf der Eckbank einer liebevoll ausgebauten Garage, eines verwinkelten Blechgaragenkomplex. Werkzeuge an der Wand, dicke Bretter auf der Grube. Ein Werbeplakat fĂŒr Motoröl aus Polen zeigt eine barbusige Frau. Es wir gegrillt, gelacht und sich ĂŒber die auffĂ€llig abnehmende QualitĂ€t neu eingefĂŒhrter Biermarken unterhalten. Frauen sind kein Thema.

Da die Zeit vorangeschritten ist und Ausgangssperre herrscht, schlafen wir bei unserem Gastgeber Oleg. Oleg ist Volkswirt und arbeitet fĂŒr ein Privatunternehmen, dass Kraftstoffe in den Baltischen Staaten kauft und damit ukranische Tankstellen beliefert. Am 25. Februar, einen Tag nach Kriegsbeginn, begleitete er seine fĂŒnfjĂ€hrige Tochter Maria und Frau Karina an die polnische Grenze. Dort haben die beiden eine Unterkunft bei Verwandten bekommen. Karina ist professionelle Barrista und in einem CafĂ© fĂŒr die Zubereitung des Kaffees zustĂ€ndig. Seit einer Woche arbeitet sie in einer polnischen Verpackungsfabrik. Die kleine Maria geht in den Kindergarten.

Es wurde bei uns Abends nicht viel ĂŒber GefĂŒhle geredet. Dennoch fĂ€llt auf, dass Oleg jede freie Minute auf sein Handy schaut. Er zeigt uns wie die kleine, langhaarige Maria auf einem Spielplatz rhythmisch ein Rad dreht und singt. Beim zu Bett gehen, holt er den wachgewordenen Hamster. Wir sind mĂŒde und uns fĂ€llt das nicht weiter auf. Wir schlafen in einem leeren Kinderzimmer. Morgens besuchen uns zwei andere vom gestrigen Abend. Sie haben FrĂŒhstĂŒck von der selbstorganiserten KĂŒche mitgebracht. Ich kann nicht essen, sitze auf dem Balkon und laufen TrĂ€nen ĂŒber die Wangen. Als ich die Fassung gewinne, gehe ich rein und frage Oleg was er, angesichts des Kinderzimmers, empfindet. »Ich habe das GefĂŒhl, dass das ganze weibliche Geschlecht unseren Ortsteil verlassen hat. Ich war mit meiner Familie drei Tage an die polnische Grenze unterwegs. Als ich in die leere Wohnung kam, konnte ich hier nicht bleiben. Ich schlief einige Wochen woanders.« Ich mußte ihn unterbrechen, weil der nĂ€chste Termin anstand.

Abends sitzen wir bei Viktor. Viktor verkauft Kommunikationstechnik an den ukrainischen Markt. »Das dritte Mal verheiratet – aber das dritte Mal ist das beste Mal.« Er hat drei erwachsene Kinder. Zusammen mit seiner Frau bewohnt er ein großzĂŒgiges Haus am Rande von Kyiv. »Meine Frau befindet sich 200 Kilometer in diese Richtung. Aus SicherheitsgrĂŒnden.« Er dreht sich gekonnt um die eigene Achse und zeigt irgendwo hin.

Wir trafen Viktor zur Recherche eines anderen Themas: »Territoriale Verteidigung und Territoriale Selbstverteidigung«. Wir verbrachten mit ihm und einem PĂ€rchen auf dem Schießplatz. »Pazifist? NatĂŒrlich bin ich Pazifist. Solange niemand mein selbst gebautes Haus zerstören und mich umbringen will« Viktor weiß wovon er redet. Beim Angriff auf Kyiv wurde er er am Bein verletzt. Erst kĂŒrzlich aus dem Krankenhaus entlassen und schon wieder mit dem vollen Herzen dabei. Er dient bei der »Territorialen Verteidigung«. Diese ist, entgegen der »Territorialen Selbstverteidigung«, staatlich unterstĂŒtzt. Warum er Schießen mit einem PĂ€rchen der »Territorialen Selbstverteidigung« trainiert und uns daran teilhaben lĂ€sst? »Wir sind Ukrainer.«

Er zeigt uns sein Handy. Darauf zu sehen, Knochen und Skelette auf einem Feld. Daneben gelbe Spurenmarker mit Nummern versehen. Es scheinen seine Gegner gewesen zu sein. Wir fragen nicht weiter. »PĂŒnktlich zum FrĂŒhling kann meine Frau zurĂŒck. Sie kĂŒmmert sich um den Vorgarten – also sie sagt den Leuten wie sie es gerne hĂ€tte.« Wir entschließen uns hier zu bleiben. Im Bulli ist noch Grillgut von Gestern und »ich habe einen guten irischen Whiskey« lacht er. „Da hinten ist die Sauna. Kennt ihr die Ukrainische Art?




Quelle: La-presse.org