Januar 19, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 18 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #112,. Jan. 2021

von: Jens Störfried

In WidersprĂŒchen denken und handeln zu können – mensch könnte der Ansicht sein, dies trĂ€fe vor allem auf unsere als „postmodern“ beschriebene Gesellschaftsform zu. FrĂŒher wĂ€re hingegen alles klar gewesen. Also beispielsweise, wer die Freund*innen und wer die Feind*innen sind, welcher Weg zur sozialen Revolution fĂŒhrt, wie eine sozial-revolutionĂ€re Bewegung sich organisieren mĂŒsste und dergleichen. Doch wer glaubt, die Dinge wĂ€ren in der Vergangenheit immer klar und eindeutig gewesen, irrt sich gewaltet und unterliegt der RĂŒckprojektion ihrer* Sehnsucht in eine vermeintlich geordnete Welt. Er* ist entweder Romantiker*in und glaubt an das MĂ€rchen einer besseren Vergangenheit oder einer allseits harmonischen, heilen Zukunft. Oder sie* ist Dogmatiker*in und konstruiert Vergangenes und ZukĂŒnftiges nach den zu erreichenden Zielvorstellungen, die in der Regel nicht durch gleichberechtigte Diskussion und Entscheidungen, sondern autoritĂ€r, festgesetzt werden. In beiden FĂ€llen geht es darum, endlich Ordnung in das Chaos zu bringen, indem die bestehende Herrschaftsordnung ĂŒberwunden und eine freiwillige Assoziation eingerichtet werden kann. Es geht auch um die Gewinnung von Handlungsmöglichkeiten, das Nutzen von SpielrĂ€umen, in einer komplizierten, verrĂŒckten und widersprĂŒchlichen Welt.

Die BeschĂ€ftigung mit dem berĂŒhmten italienischen Anarchisten Errico Malatesta kann uns einen Weg aufzeigen, beides zurĂŒck zu weisen: Die Romantik und die Dogmatik. Denn beide gehen an der Wirklichkeit einer komplexen Welt vorbei und fĂŒhren immer wieder dazu, sich entweder in Traumwelten zu isolieren oder anderen die eigenen Vorstellungen aufdrĂŒcken zu wollen. Malatesta ist dagegen durch und durch Pragmatiker – und zwar im eigentlichen Sinne des Wortes. Ï€ÏáŸ¶ÎłÎŒÎ± (pragma) ist griechisch und bedeutet „Handeln“ und „Tun“. Malatesta orientiert sich an den Handlungen die er wahrnimmt und richtet sich nach der Sache aus, die er anstrebt, verstrickt sich dabei jedoch nicht in absurde Spekulationen, idealistische Konstruktionen oder identitĂ€re Positionen. Interessanterweise ist es eben dieser Modus, durch welchen sein Denken offen und zugleich bestimmt erscheint. Weil er mit seiner offensichtlich großen Sehnsucht nach Anarchie pragmatisch umzugehen gelernt hat und sich durch diese vermutlich selbst kennen gelernt hat, war er in der Lage, ĂŒber 50 Jahre lang aktiv in der anarchistischen Bewegung seiner Zeit mitzuwirken.

Schon mit 14 wurde er in seiner sĂŒditalienischen Heimatstadt Capua in Kampagnien das erste Mal festgenommen, weil er sich ĂŒber politische Ungerechtigkeiten beschwerte. Mit 18 flog er von der UniversitĂ€t, weil er an einer Demonstration teilgenommen hatte, trat der Internationalen Arbeiterassoziation bei und traf auf Bakunin, der ihn sehr inspirierte. Mit 24 zettelte er einen kleinen Aufstand in zwei Dörfern an und floh anschließend nach Ägypten. Seit dieser Zeit fĂŒhrte Malatesta ein umtriebiges Leben, dass ihn ĂŒber die Schweiz, RumĂ€nien und Frankreich, fĂŒr 3 Jahre nach Argentinien und viele Jahre nach London fĂŒhrte, wobei er immer wieder nach Italien zurĂŒckkehrte. Nach der Machtergreifung der Faschisten starb er schließlich in Rom unter Hausarrest. WĂ€hrend seiner Lebenszeit propagierte Malatesta den anarchistischen Kommunismus, befand sich fast 10 Jahre lang in Haft, nahm an anarchistischen Konferenzen teil, fĂŒhrte Vortragsreisen durch, bei denen er Leute agitierte und vernetzte und gab vier Zeitungen heraus. Die letzte, Pensiero e VolontĂ , erreichte eine Auflage von 50000 StĂŒck. – Es wĂ€re wunderbar, wenn heute mehr Menschen einen Ă€hnlichen Weg einschlagen und dies mit einer solch undogmatischen GrundĂŒberzeugung tun wĂŒrden.

Es geht immer nur ums Eine: Die soziale Revolution

Wie die meisten Anarchist*innen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Malatesta davon ĂŒberzeugt, dass die Revolution unweigerlich kommen wĂŒrde (S. 125). Demnach stellt er nicht die Frage, wie sie initiiert werden, sondern in welche Richtung sie gelenkt werden kann. Weil sie sich nicht als Avantgardepartei organisieren wollten, stand fĂŒr die kommunistischen Anarchist*innen deswegen allgemein die Propaganda und Bewusstseinsbildung der ausgebeuteten und unterdrĂŒckten Klassen im Vordergrund. Das Erkennen der eigenen Situation ist die Voraussetzung fĂŒr die SelbstermĂ€chtigung und Selbstorganisation der UnterdrĂŒckten. Daher schreibt er:

„Sobald die Arbeiter ihre gesellschaftliche Situation begreifen, ist es unmöglich, dass sie fĂŒr alle Zeiten bereit sind, zu arbeiten, zu leiden und ihr ganzes Leben lang fĂŒr die Unternehmen zu produzieren, mit nichts weiter vor sich als der dĂŒsteren Aussicht auf ein Alter ohne gesichertes Heim und ohne gesicherte Nahrung. [
] Wer heute Proletarier ist, weiß, dass er in der Regel dazu verurteilt ist, sein ganzes Leben Proletarier zu bleiben, es sei denn, es kĂ€me zu einer allgemeinen Änderung der gesellschaftlichen Ordnung. Er weißt, dass diese Änderung nicht ohne die Mitwirkung der anderen Proletarier zustande kommen kann und sucht daher die zu ihrer Durchsetzung erforderliche StĂ€rke in der Einheit aller Proletarier“ (S. 126).

Im Unterschied zu den Marxist*innen betont er jedoch die HeterogenitĂ€t der proletarischen Klassen, welche InteressengegensĂ€tze hervorbringt, die sich auch in den Arbeiterorganisationen widerspiegeln, beispielsweise jene zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen, zwischen privilegierten und prekĂ€ren Arbeiter*innen, zwischen MĂ€nnern und Frauen, einheimischen und migrantischen Arbeiter*innen, zwischen verschiedenen Berufsgruppen die unterschiedlich von nationalökonomischen Entscheidungen betroffen sind usw.. (S. 145). Malatesta bezieht sich auf das Volk als gemeinsame Bezeichnung fĂŒr alle UnterdrĂŒckten und Ausgebeuteten. Dabei meint er aber nicht „Volk“ als abstrakte Kategorie, wie sie von den demokratisch gesinnten Republikaner*innen als Ausgangsbasis genommen wird. Dahingehend möchte er sie

„ernĂŒchtern und davor warnen, nicht eine Abstraktion, ‚das Volk‘, mit der lebendigen RealitĂ€t zu verwechseln, die aus den Menschen mit all ihren unterschiedlichen BedĂŒrfnissen, Leidenschaften und oft widersprĂŒchlichen Bestrebungen besteht“ (S. 170).

Der erwĂ€hnte Pragmatismus fĂŒhrt Malatesta allerdings tatsĂ€chlich nicht dazu, reformistisch zu werden. Kritisiert wurden er und andere jedoch dafĂŒr, dass sie graduelle VerĂ€nderungen anstrebten. Dagegen argumentiert er das Problem lĂ€ge nicht

„darin, ob man schrittweise vorgehen soll oder nicht, sondern darin, herauszufinden, welcher Weg am schnellsten und sichersten zur Verwirklichung unserer Ideale fĂŒhrt“ (S. 180).

Jedenfalls wĂ€re „eine Revolution erforderlich, die den Zustand der Gewalt beendet, in dem wir heute leben, und die friedliche Entwicklung zu immer grĂ¶ĂŸerer Freiheit, Gerechtigkeit und SolidaritĂ€t möglich macht“ (Ebd.). Um eine wirkliche, eine soziale Revolution hervorzubringen mĂŒsste man

„gemeinsam mit allen vorhandenen fortschrittlichen KrĂ€ften, mit allen avantgardistischen Parteien vorgehen, die großen Massen fĂŒr die Bewegung gewinnen, sie aufrĂŒhren und interessieren und es geschehen lassen, dass die Revolution, bei der wir nur ein Faktor unter vielen sein werden, hervorbringt, was sie hervorzubringen vermag“ (S. 181).

Das bedeutet also, dass Malatesta sich mit den anderen Sozialist*innen auseinandersetzt, sie aber eben aus diesem Grund kritisiert. Denn

„wĂ€hrend die Anarchisten wissen und sagen was sie wollen, nĂ€mlich die Zerstörung des Staates und die freie Organisation der Gesellschaft auf der Grundlage ökonomischer Gleichheit, befinden sich die Reformisten im Widerspruch zu sich selbst, da sie sich als Sozialisten bezeichnen, wĂ€hrend sie in Taten darauf abzielen, das kapitalistische System zu humanisieren und es dadurch zu verewigen und somit den Sozialismus negieren, der vor allem Aufhebung der Teilung der Menschen in Proletarier und Besitzende bedeutet“ (S. 127).

Neben den reformistisch orientierten sozialdemokratischen Parteien kristallisierte sich immer stĂ€rker der Typ kommunistischer und spĂ€ter leninistischer Avantgarde-Partei heraus, die auf die Vorstellung der „Diktatur des Proletariats“ (ursprĂŒnglich von François NoĂ«l Babeuf entwickelt) zurĂŒckgriffen und von den Anarchist*innen mit den autoritĂ€ren republikanischen Jakobinern (waren nur MĂ€nner, die RevolutionĂ€rin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges wurde dafĂŒr hingerichtet, dass sie die gleichen Rechte fĂŒr Frauen forderte) in der französischen Revolution verglichen. Malatesta weist diese Vorstellung jedoch auch aus logischen GrĂŒnden zurĂŒck, denn in

„Wirklichkeit könnte niemand die revolutionĂ€re Diktatur errichten, wenn nicht zuvor das Volk die Revolution gemacht und so durch Taten bewiesen hĂ€tte, dass es fĂ€hig ist, sie zu machen; und in diesem Fall wĂŒrde sich die Diktatur nur der Revolution aufpfropfen, sie irreleiten, ersticken und abtöten“ (S. 135).

Mit der rein politischen Revolution wird immer eine neue Herrschaft errichtet.

„Bei einer sozialen Revolution jedoch, in der sĂ€mtliche Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens umgewĂ€lzt werden, in der die absolut notwendige Produktion sofort zum Nutzen und Vorteil der Arbeiter wiederaufgenommen werden muss, in der die Verteilung unverzĂŒglich nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit geregelt werden muss, hĂ€tte eine Diktatur keinerlei Funktion. Entweder wĂŒrde das Volk in den verschiedenen Gemeinden und Industrien selbst alles in die Hand nehmen oder aber die Revolution wĂ€re gescheitert“ (S. 136).

So verlogen die Demokratie auch sei, weil es keinen Sinn ergĂ€be, dass das Volk ĂŒber sich selbst herrschen wĂŒrde, wobei eigentlich nur die privilegierten Klassen davon profitieren wĂŒrden, lehnt Malatesta konsequent jede Diktatur ab:

„Die Demokratie ist eine LĂŒge, ist UnterdrĂŒckung, ist in Wirklichkeit Oligarchie, das heißt Regierung Weniger zum Vorteil einer privilegierten Klasse. Wir [also die Anarchist*innen] jedoch können sie im Namen der Freiheit und der Gleichheit bekĂ€mpfen, nicht etwas diejenigen, die etwas Schlimmeres an ihre Stelle gesetzt haben oder setzen wollen“ (S. 169).

In seinem Text Zerstörung – und was kommt dann? erlĂ€utert Malatesta, dass die soziale Revolution konstruktiv sein muss. Das kapitalistische Monopol soll abgeschafft werden – wenn die öffentliche Versorgung gewĂ€hrleistet werden kann. GefĂ€ngnisse braucht es nicht – wenn einen Umgang mit pĂ€dophilen GewalttĂ€tern gefunden wird, die sonst neue Opfer finden und schließlich vom Mob gelyncht werden. Ebenso ist die Prostitution abzuschaffen – was aber nur gelingen kann, wenn Lebensbedingungen fĂŒr Frauen hergestellt werden, damit sie sich nicht mehr prostituieren mĂŒssen. Schließlich propagiert er auch die

„Abschaffung des Gendarmen, der mit Gewalt alle Privilegien schĂŒtzt und lebendiges Symbol des Staates ist: absolut einverstanden. Um ihn jedoch fĂŒr immer abschaffen zu können und nicht unter anderem Namen und in anderer Uniform erneut entstehen zu sehen, muss man imstande sein, ohne ihn zu leben, das heißt, ohne Gewalt, ohne Übergriffe, ohne Ungerechtigkeiten, ohne Privilegien“ (S. 197).

Somit weist Malatesta darauf hin, dass Anarchist*innen ihre Ziele nicht umsetzen können, wenn sie nicht darĂŒber nachdenken, welche anderen Institutionen und Beziehungen sie jenen in der Herrschaftsordnung entgegensetzen. Zusammenfassend schreibt er:

„‘Den Nachkommen eine Erde ohne Privilegien, ohne Kirchen, ohne Gerichte, ohne FreudenhĂ€user, ohne Kasernen, ohne Unwissenheit, ohne törichte Ängste hinterlassen.‘ Ja, das ist unser Traum, und fĂŒr seine Verwirklichung kĂ€mpfen wir. Aber das bedeutet, dass man ihnen eine neue gesellschaftliche Organisation, neue und bessere moralische und materielle Bedingungen hinterlassen muss. Man kann das Terrain nicht freimachen und es leer lassen, wenn drauf Menschen leben sollen: man kann das Böse nicht zerstören, ohne an seine Stelle das Gute oder zumindest etwas weniger Schlechtes zu setzen“ (Ebd.).

Das heißt entweder

„denken wir alle an die Neuorganisation, denken die Arbeiter sofort, wĂ€hrend sie das Alte zerstören, an die Neuorganisation, und es wird eine menschlichere, gerechtere, fĂŒr alle zukĂŒnftigen Fortschritte offenere Gesellschaft entstehen; oder aber die ‚FĂŒhrer‘ werden daran denken, und dann werden wir eine neue Regierung haben, die das tun wird, was alle Regierungen stets getan haben, nĂ€mlich die Masse fĂŒr ihre klĂ€glichen, schlechten Dienste bezahlen lassen, ihr die Freiheit nehmen und sie von Parasiten und Privilegierten aller Art ausbeuten lassen“ (S. 199).

Wie fĂŒr alle kommunistischen Anarchist*innen, etwa Peter Kropotkin, Emma Goldman oder Johann Most, spielt fĂŒr Malatesta dahingehend die Abschaffung des Privateigentums und seine Vergesellschaftung eine entscheidende Rolle.

„Dies mĂŒsste die Aufgabe der bevorstehenden Revolution sein, und darauf mĂŒssen unsere BemĂŒhungen abzielen. Aber da das gesellschaftliche Leben keine Unterbrechungen gestattet, muss man gleichzeitig daran denken, wie die Gemeinbesitz gewordenen GĂŒter praktisch genutzt und wie allen Mitgliedern der Gesellschaft der Genuss gleicher Rechte garantiert werden kann. Das Problem der EigentumsverhĂ€ltnisse wird sich somit genau in dem Augenblick stellen, in dem die Enteignung vorgenommen wird“ (S. 216).

Meiner Ansicht nach interessant ist in diesem Zusammenhang wiederum Malatestas Pragmatismus, mit dem er davon ausgeht, dass wĂ€hrend der Revolution vermutlich eine Weile verschiedene Produktions- und Eigentumsformen eine Weile nebeneinander her bestehen. Denn wĂŒrde

„diese Gesellschaft nicht von allen möglichen Formen freiwilliger Assoziationen und Kooperationen korrigiert und zusammengehalten, wĂ€re sie nicht einmal von vorĂŒbergehendem Bestand. Das Dilemma einer jeden Revolution heißt stets: entweder freiwillige Organisation zum Nutzen aller oder zwangsweise Organisation durch eine Regierung zum Nutzen einer herrschenden Klasse“ (S. 220).

Es geht also um Selbstorganisation und kollektive ErmĂ€chtigung ohne eine Avantgarde-Partei, welche glaubt „den“ Kommunismus „einfĂŒhren“ zu können.

„Um in großem Umfang eine kommunistische Gesellschaft zu organisieren, mĂŒsste eine radikale Umgestaltung des ökonomischen Lebens, das heißt der Produktions-, Tausch- und Konsumweisen, vorausgehen. Dies kann jedoch nur schrittweise geschehen, in dem Maße, wie die objektiven UmstĂ€nde es gestatten und die Masse die Vorteile begreifen und selbst die Dinge in die Hand nehmen wĂŒrde [
 Denn] da diese neue Macht die unendlich verschiedenen und oft widersprĂŒchlichen BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche nicht befriedigen könnte und da sie sich auch nicht als ĂŒberflĂŒssig erklĂ€ren will, indem sie den Betroffenen die Freiheit lĂ€sst, zu handeln wie sie wollen und können, wĂŒrde sie erneut einen Staat herstellen, der, wie alle Staaten, auf die MilitĂ€r- und Polizeimacht gegrĂŒndet wĂ€re und – sollte er sich halten können – die alten Herren nur durch neue und fanatischere ersetzen wĂŒrde. Unter dem Vorwand und vielleicht sogar mit der ehrlichen und aufrichtigen Absicht, die Welt durch ein neues Evangelium zu erneuern, wĂŒrde man allen eine einzige Regel aufzwingen wollen, wĂŒrde man jede Freiheit unterdrĂŒcken, jede freie Initiative ersticken“ (S. 221f.).

Organisieren und Debattieren im Widerstreit

Malatesta setzte sich also mit den reformistischen sozialistischen Parteien auseinander, ebenso wie mit den kommunistischen Kader-KlĂŒngeln, die einen Umsturz und eine MachtĂŒbernahme anstrebten. Er wendete sich jedoch ebenfalls gegen die weit verbreitete Ansicht unter Anarchist*innen, diese brĂ€uchten sich keine Gedanken ĂŒber eine zukĂŒnftige Gesellschaft machen, entweder, weil sich diese ohnehin nicht vorstellen lasse, oder, weil dadurch allein schon wieder autoritĂ€re FĂŒhrungsansprĂŒche aufkommen wĂŒrden. Dagegen plĂ€diert Malatesta dafĂŒr, Verantwortung zu ĂŒbernehmen, denn es abzulehnen, sich Gedanken ĂŒber die Zukunft zu machen, bedeutet letztendlich immer nur reaktiv zu handeln, die Entwicklungen nicht mitzugestalten, sondern anderen das Feld zu ĂŒberlassen, sodass die soziale Revolution zum Erliegen kommt und letztendlich wieder ein Staat errichtet wird.

Eine FĂ€higkeit, welche die* Pragmatiker*in auszeichnet, ist, die Perspektive wechseln zu können ohne deswegen die eigene Position aufzugeben. Daher hört Malatesta zu. Er lĂ€sst sich die Geschichten von Land- und Fabrikarbeiter*innen erzĂ€hlen, die von Handwerker*innen, Prostituierten und Obdachlosen. Er möchte verstehen, welche BedĂŒrfnisse und Interessen alle diese verschiedenen Leute haben, nicht jedoch, um sie anzufĂŒhren, sondern, um sie in die eigene Praxis einzubauen und den Leuten widerzuspiegeln, in welcher Situation sie sich befinden, damit sie sich zusammen schließen und gemeinsam fĂŒr eine bessere Gesellschaft kĂ€mpfen können.

Damit liegt es auch Nahe, dass Malatesta sich konsequent trans- und antinational orientiert und sich damit gegen Rassismus, Nationalismus und Patriotismus richtet. Weil Menschen anhand ihrer Herkunft oder ihres Aussehens gegeneinander ausgespielt und aufgehetzt werden, besteht

„die Aufgabe derer, die wie wir das Ende jeglicher UnterdrĂŒckung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anstreben, [
] darin, ein Bewusstsein des Interessenantagonismus zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Arbeitern zu wecken und innerhalb eines jeden Landes den Klassenkampf sowie die grenzĂŒberschreitende SolidaritĂ€t aller Arbeiter zu entfalten, gegen jegliches Vorurteil und jegliche Begeisterung fĂŒr Rasse und NationalitĂ€t. Und wir haben dies schon immer getan. Wie haben immer propagiert, dass die Arbeiter aller LĂ€nder BrĂŒder sind und dass der Feind – der ‚Fremde‘ – der Ausbeuter ist, ob er nun in der NĂ€he oder in einem fernen Land geboren ist, ob er dieselbe Sprache oder irgendeine andere spricht. Wir haben unsere Freunde, unsere KampfgefĂ€hrten, ebenso wie unsere Feinde immer nach den von ihnen vertretenen Ideen und ihrer Position im sozialen Kampf, niemals aber mit Blick auf Rasse oder NationalitĂ€t bestimmt. Wir haben den Patriotismus, ein Relikt der Vergangenheit, das den Interessen der UnterdrĂŒcker gute Dienste leistet, immer bekĂ€mpft; und wir waren stolz darauf, nicht nur in Worten, sondern im Tiefsten unserer Seele Internationalisten zu sein“ (113).

Um sich auf gleichberechtigter Ebene zusammenschließen zu können, reflektiert Malatesta ĂŒber die anarchistische Bewegung und darĂŒber, was Menschen zum Anarchismus fĂŒhrt. Auf dieser Basis lĂ€sst sich dann auch streiten und Kritik formulieren. Dies betrifft zum Beispiel die anti-autoritĂ€ren Reflexe, welche noch keine Selbstbestimmung darstellen:

„Die anarchistische Bewegung begann als Reaktion gegen den autoritĂ€ren Geist, der in der Zivilgesellschaft sowie in allen Parteien und allen Arbeiterorganisationen vorherrschte, und sie hat sich fortschreitend durch all die Revolten vergrĂ¶ĂŸert, die sich gegen die autoritĂ€ren und zentralistischen Tendenzen erhoben haben. So war es natĂŒrlich, dass viele Anarchisten von diesem Kampf gegen die AutoritĂ€t wie hypnotisiert waren, und dass sie, weil sie aufgrund der Beeinflussung durch die eigene autoritĂ€re Erziehung glaubten, dass die AutoritĂ€t die Seele der gesellschaftlichen Organisation sei, um jene zu bekĂ€mpfen, diese bekĂ€mpften und verneinten“ (S. 49).

In diesem Zusammenhang verwendet er klare Worte und benennt den fundamentalen

„Irrtum der Anarchisten, die Gegner der Organisation sind, [.. im] Glaube[n], dass ein Organisieren ohne AutoritĂ€t nicht möglich sei – und, die Hypothese einmal angenommen, es vorziehen, lieber auf jede Organisation zu verzichten als die kleinste AutoritĂ€t zu akzeptieren“ (S. 51f.).

Letztendlich fĂŒhrt diese Fehlannahme dazu vereinzelt

„zu bleiben, jeder fĂŒr sich zu agieren oder agieren zu wollen, ohne sich mit anderen zu verstĂ€ndigen, ohne sich vorzubereiten, ohne in einem mĂ€chtigen Strang die schwachen KrĂ€fte der Einzelnen zu vereinen, [es] bedeutet, sich zur Machtlosigkeit zu verurteilen, die eigene Energie in kleinen Taten ohne Effizienz zu verschleißen, recht bald den Glauben an das Ziel zu verlieren und in die vollstĂ€ndige UntĂ€tigkeit zu sinken“ (S. 55).

Im Gegenteil sei es so, dass sich der Ursprung und die Rechtfertigung fĂŒr Herrschaft gerade aufgrund von fehlender gesellschaftlicher Organisation ergĂ€be und die Individuen sich somit von AutoritĂ€ten abhĂ€ngig machen wĂŒrden (S. 58). Doch

„Freiheit ist kein abstraktes Recht, sondern die Möglichkeit etwas zu tun: dies gilt zwischen uns wie in der allgemeinen Gesellschaft. Es ist in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen, dass der Mensch die Mittel findet, seine AktivitĂ€t und Kraft zur Initiative zu entfalten“ (S. 60).

In diesem Sinne lassen sich gemeinsame Zwecke durch wechselseitige Verpflichtungen erreichen.

Das Argument, Organisationen könnten von Repression betroffen sein, wĂ€hrend informelle Gruppen eher ungreifbarer wĂ€ren, lĂ€sst er nicht gelten, sondern sieht es eher umgekehrt, dass Repression dann am stĂ€rksten ist, wenn Anarchist*innen vereinzelt agieren. Das wichtigste aber ist, dass Malatesta Organisationen allgemein nicht als Selbstzwecke ansieht, sondern sie gegrĂŒndet und aufrecht erhalten werden, um bestimmte Ziele zu verfolgen. Deswegen sei es

„es natĂŒrlich, dass die Organisation die Formen annimmt, die die UmstĂ€nde nahe- und auferlegen. Das Wichtigste ist nicht so sehr die formale Organisation als der Geist der Organisation“ (S. 61).

Mit diesem Ansatz geht es ihm – im Unterschied zu den Parteisozialist*innen, Plattformist*innen oder Syndikalist*innen nicht darum, alle Anarchist*innen in einer Organisation zu versammeln. Es geht Malatesta darum, sich ĂŒberhaupt zu organisieren. Er hĂ€tte

„gern, dass alle sich verstĂŒnden und man in einem starken Strang alle KrĂ€fte des Anarchismus vereinigen könnte; doch glauben wir nicht an die BestĂ€ndigkeit von Organisationen, die unter Zwang auf ZugestĂ€ndnisse und Unausgesprochenem gegrĂŒndet werden und in denen es zwischen den Mitgliedern kein reales EinverstĂ€ndnis oder keine Sympathie gibt. Besser unvereint als schlecht vereint. Aber wir möchten, dass jeder sich mit seinen Freunden vereine und dass es keine isolierten KrĂ€fte gebe, verlorene KrĂ€fte“ (S. 62).

Mit diesen Überlegungen richtet sich Malatesta also gegen die Individualanarchist*innen und verurteilt auch den „individuellen Terror“ in seinem Text Der individualistische Amoralismus und die Anarchie, wobei er sich nie gegen die Anwendung von Militanz als Mittel ausgesprochen hat. Letzteres wird beispielsweise auch in seinem Text Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen deutlich, mit welchem er sich gegen die UnterstĂŒtzung einer der StaatenbĂŒndnisse im Ersten Weltkrieg richtet, fĂŒr welche sich eine Anzahl prominenter Anarchist*innen aussprachen:

„Ich bin kein ‚Pazifist‘. Ich kĂ€mpfe, wie wir alle, fĂŒr den Triumph von Frieden und BrĂŒderlichkeit unter allen Menschen; doch ich weiß, dass der Wunsch, nicht zu kĂ€mpfen, nur dann erfĂŒllt werden kann, wenn keine Seite dies tun möchte, und dass, solange es Menschen gibt, die die Freiheiten anderer verletzten, diese anderen sich verteidigen mĂŒssen, wenn sie nicht ewig geschlagen werden wollen; und ebenso weiß ich, dass Angriff hĂ€ufig die beste, oder die einzige Verteidigung ist. Außerdem denke ich, dass die UnterdrĂŒckten immer ein Recht haben, die UnterdrĂŒcker anzugreifen. [
] Doch was hat der gegenwĂ€rtige Krieg mit der menschlichen Emanzipation gemein, um die es geht?“ (112).

Pragmatismus heißt fĂŒr Malatesta also keineswegs, aus Notwendigkeit das schlechtere Übel zu wĂ€hlen und sich etwa in diesem Fall auf eine Seite kriegsfĂŒhrender Staaten zu stellen. Im gleichen Modus stellt er sich auch nicht auf die alleinige Seite einer bestimmten Fraktion oder Strömung innerhalb des Anarchismus.

Ohnehin bringt es ihm nichts, sich dort in GrabenkĂ€mpfen zu verstricken, denn es gibt weit mehr. Malatesta setzt sich deswegen auch mit der Arbeiter*innenbewegung und den Gewerkschaften auseinander. Seiner Ansicht nach gilt es, in diese hinein zu gehen, ohne deswegen die eigenstĂ€ndigen anarchistischen Gruppen aufzugeben. Ein Ansatz, der ziemlich viel Sinn ergibt und heute auch in Hinblick auf die Klimagerechtigkeitsbewegung, feministische BĂŒndnisse oder im Bereich des Antifaschismus sinnvoll angewendet werden könnte. Pragmatisch sucht Malatesta in den sozialen Bewegungen nach dem VerĂ€nderungspotenzial, welches diese mit sich bringen. Dahingehend sieht er in den Arbeiter*innenorganisationen große Chancen, weil in ihnen viele Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen kommen und sie vom Interesse der Verbesserung ihrer Lebenssituationen ausgehen, anstatt von Zielvorstellungen wie der Anarchie, welche den meisten lediglich als abstraktes Ideal erscheint. Zugleich sind die Gewerkschaften keineswegs per se als sozial-revolutionĂ€r anzusehen, weswegen es umso mehr fĂŒr Anarchist*innen gilt, ihre Vorstellungen dort hinein zu tragen. Hierbei ĂŒbt Malatesta eine Selbstkritik an der anarchistischen Bewegung. Er meint, „wir“ haben

„aufgrund unserer kritischen Einstellung und unserer seit jeher mangelnden FĂ€higkeiten, uns mit dem Vorhandenen zu begnĂŒgen, nicht immer den besonderen Charakter, die unvermeidlichen ZwĂ€nge eines naturgemĂ€ĂŸ in einer bĂŒrgerlichen Ordnung gefĂŒhrten Arbeitskampfes erkannt. Wir haben es nicht verstanden, unsere Taktik als Anarchisten mit diesen ZwĂ€ngen in Einklang zu bringen und haben zusammenhangslos und unschlĂŒssig gehandelt mit dem Ergebnis, dass wir wir in der Bewegung nicht einen der Überlegenheit unserer Ideen und unserem Initiativgeist entsprechenden Einfluss ausgeĂŒbt haben und oft erleben mussten, dass andere aus der von uns begonnenen Arbeit Nutzen zogen“ (140).

Dass es in breit aufgestellten Gewerkschaft unterschiedliche Ansichten und politische Vorstellungen gĂ€be, wĂŒrden die Syndikalist*innen ignorieren, welchen das wichtigste ist, dass alle Gewerkschaftsmitglieder werden. Die Parteisozialist*innen wiederum versuchen die Gewerkschaften als ökonomische Kampforganisation fĂŒr ihre parteipolitischen Ziele einzuspannen, Ă€hnlich, wie auch die Kommunist*innen. Dass es dort verschiedene Positionen gĂ€be und Anarchist*innen ihre eigene hinein bringen könnten und sollten, widerspricht sich fĂŒr Malatesta jedoch nicht. Aber klar, es bedeutet, sich mit anderen Ansichten auseinander zu setzen und den leichten Weg der IdentitĂ€ts-bezogenen Rechthaberei zu verlassen, also in den Auseinandersetzungen um Einfluss, dennoch eine respektvolle Grundlage aufrecht zu erhalten – um gemeinsame Ziele verwirklichen zu können. Wie weit die Zusammenarbeit geht und wo sie fĂŒr Anarchist*innen nicht mehr geht, ist dabei eine Frage, die sich abhĂ€ngig von der jeweiligen Konstellation stellt. Beispielsweise können Arbeiter*innenorganisationen genauso korrumpieren und reine Interessenvertretungen werden, anstatt eine andere Gesellschaft erkĂ€mpfen zu wollen. Sie bringen oftmals BĂŒrokratien hervor und können die individuelle Initiative lĂ€hmen. Sich an ihnen jedoch nicht zu beteiligen, wĂŒrde den Verzicht auf ihre Beeinflussung bedeuten und diese anderen Fraktionen ĂŒberlassen.

Die bereits erwĂ€hnte Herausbildung von Klassenbewusstsein ist fĂŒr Malatesta aus anarcho-kommunistischer Perspektive die hauptsĂ€chliche Errungenschaft, welche durch die Gewerkschaften möglich werden. Ein „echtes“ Klassenbewusstsein, was die Proletarisierten selbst entwickeln, stehe demnach sinngemĂ€ĂŸ auch seiner ideologischen Verordnung als Parteidoktrin entgegen. In seinen Worten:

„Die fĂŒr den Widerstand gegen die Unternehmer gebildeten Arbeiterorganisationen sind das beste Mittel, vielleicht das einzige, das allen zugĂ€nglich ist, um in stĂ€ndigen Kontakt mit den großen Massen zu gelangen, um die Propaganda unserer Ideen zu betreiben, um sie fĂŒr die Revolution vorzubereiten und fĂŒr jede vorbereitende oder entscheidende Aktion auf die Straße zu bringen. Sie vermitteln den noch gelehrigen und unterwĂŒrfigen UnterdrĂŒckten ein Bewusstsein ihrer Rechte und der StĂ€rke, die sie in der Einheit mit ihren GefĂ€hrten finden können. In diesen Organisationen begreifen sie, dass der Unternehmer ihr Feind ist, dass die Regierung, schon ihrem Wesen nach Dieb und UnterdrĂŒcker, stets bereit ist, die Unternehmer zu schĂŒtzen und bereiten sich geistig auf den totalen Umsturz der herrschenden Gesellschaftsordnung vor“ (S. 147).

In Bewegung bleiben mit Anarchie als Methode

Propaganda in Massenorganisationen, Beeinflussung der Gewerkschaften durch die Anarchist*innen, politische Arbeit in breiten BĂŒndnissen, trotzdem eigenstĂ€ndige anarchistische Organisationen, die aber keine Kadergruppen sein sollen – das klingt alles ziemlich durchstrukturiert und zielorientiert. Es ist auf jeden Fall ein Stil, der wenige Menschen auch in heutigen politischen Gruppen sehr anspricht, weil sie sich davon ein effektives Handeln erwarten und eine reflektierte Praxis mit einem weiten Horizont, welche sich nicht stĂ€ndig um die Beteiligten einer Gruppe selbst kreist. Viele Menschen in heutigen „linken Szenen“ (was das sein soll ist ein anderes Thema
) hingegen wĂŒrden sich von Malatesta zunĂ€chst ebenfalls angesprochen, dann aber schnell ĂŒberrumpelt fĂŒhlen.

Denn Malatesta ist ein anarchistischer RevolutionĂ€r – und zwar eine*r der allerbesten. Er ist in der Lage, anderen zuzuhören, sich in sie hinein zu versetzen, verschiedene Strömungen zusammen zu bringen, historisch und transnational zu denken, sein Handeln auf das große Ziel hin auszurichten und sich nicht zu scheuen, WidersprĂŒche zuzugeben und zu benennen, dass es bestimmte Dinge zu tun gilt. Auch wenn er sicherlich hier und da Schaffensfreude empfunden und vielleicht begeistert und berĂŒhrt war von Genoss*innen, die er in verschiedenen LĂ€ndern und Jahrzehnten ĂŒber seine TĂ€tigkeiten kennenlernte, ordnete er seine eigenen BedĂŒrfnisse dem Kampf in der sozialen Revolution unter. Malatesta war ein wirklicher Anti-Politiker. Jemand, der in-zwischen-gegen die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse und politisch-sozialen KrĂ€ftekonstellationen handelte und sich dabei immer weiter entwickelte. Deswegen konnte er auch seine eigenen Ansichten entwickeln und trat konsequent fĂŒr diese ein. Anstatt sich nach aktuell populĂ€ren Meinungen zu richten, um beliebt oder mĂ€chtig zu werden, ging er seinen eigenen Weg und dachte dabei ganz viele andere mit. Er blieb bei der anarchistischen Bewegung und zielte auf die VerĂ€nderung des großen Ganzen ab, anstatt sich dem Syndikalismus unterzuordnen, Parteipolitik zu machen, sich allein in KleingruppenaktivitĂ€ten zu verlieren oder sich ins kleinbĂŒrgerliche Leben zurĂŒck zu ziehen.

Ich muss zugeben, dass mich Malatestas Denken und Leben ziemlich ansprechen. Allerdings ich bin auch gestört. Ich weiß, dass ich und andere eine bessere Gesellschaft brauchen und ich strecke mich nach der Anarchie aus. Dazu stehe ich, aber ich darf das nicht und kann das auch gar nicht anderen Menschen aufdrĂŒcken – nicht irgendwelchen Leuten in sozialen Bewegungen, genauso wenig jedoch meinen Genoss*innen oder engsten GefĂ€hrt*innen. Sich sozial-revolutionĂ€r im anarchistischen Sinne auszurichten bedeutet auch immer, ĂŒber sich selbst zu reflektieren, andere nicht zu ĂŒbergehen und ihre NĂ€he zu suchen, auch wenn die eigene Position eine sehr spezielle und oftmals unverstandene ist. Ich kann mir vorstellen, damit habe ich wiederum etwas mit Malatesta gemeinsam. Denn sowas lernt man, wenn man keine Heimat hat, aber es auch nicht lassen kann, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen, wenn man im Ă€ußeren oder inneren GefĂ€ngnis war, fliehen musste, oder in den Abgrund geschaut hat.

Ich feiere es, wie Malatesta seinen Stil durchzieht und selbst im kommunistischen Anarchismus ein Quergeist darstellt, anstatt diesen als DogmengebÀude zu akzeptieren. Daher bezeichnet er sich als Kommunisten,

„weil der Kommunismus mir als Ideal erscheint, dem die Menschheit sich in dem Maße annĂ€hern wird, wie die Liebe unter den Menschen und der Überfluss in der Produktion sie von der Angst und vor dem Hunger befreien und so das hauptsĂ€chliche Hindernis fĂŒr ihre VerbrĂŒderung zerstören werden. Doch wichtiger als die praktischen Formen der ökonomischen Organisation, welche sich zwangslĂ€ufig den UmstĂ€nden anpassen mĂŒssen und sich in stĂ€ndiger Entwicklung befinden werden, ist der Geist, der diese Organisation beseelt und die Methode, mit der man das Ziel verwirklicht: wichtig ist, dass sie sich vom Geist der Gerechtigkeit und vom Wunsch nach dem Wohl aller leiten lassen und dass man sie stets frei und freiwillig verwirklicht“ (S. 217f.).

Es geht ihm also immer um die große Sache – auch wenn es sicherlich geteilte Ansichten darĂŒber gibt, inwiefern sein humanistisches Anliegen, dass alle Menschen sich liebende Geschwister werden sollen, wirklich erstrebenswert ist.

Anarchie ist fĂŒr ihn zwar Name und somit auch ProjektionsflĂ€che der ganz anderen Gesellschaft, gleichzeitig aber etwas ganz Konkretes – eine Form sich horizontal, freiwillig, autonom und dezentral zu organisieren und dabei dennoch gemeinsam zu werden. Und diese Organisationsweise als Methode soll den Vorstellungen entsprechen, die angestrebt werden. In seiner Grundlagenschrift von 1907 schreibt er daher:

„Im Grunde genommen kann ein Programm, das die Grundlagen der Gesellschaft berĂŒhrt, nichts anderes tun, als daß es eine Methode andeutet. Und es ist hauptsĂ€chlich die Methode, die den Unterschied zwischen den Parteien ausmacht und ihre Wichtigkeit in der menschlichen Geschichte bestimmt. Abgesehen von der Methode, behaupten alle Parteien, daß sie das GlĂŒck der Menschheit anstreben — und viele wollen dies sogar aufrichtig; aber jede meint, dies auf einem anderen Wege zu erreichen und organisiert ihre Bestrebungen in einer bestimmten Richtung. Also mĂŒssen wir den Anarchismus — die Herrschaftslosigkeit — auch vor allem als eine Methode betrachten“ (Anarchie, S. 139).

Quellen

Philippe Kellermann (Hrsg.), Errico Malatesta. Anarchistische Interventionen. AusgewĂ€hlte Schriften (1892-1931), MĂŒnster 2014, darin:

  • Die Organisation (1897), S. 49-62
  • Der individualistische Amoralismus und die Anarchie (1913/14), S. 95-110
  • Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen (1916), S. 111-116
  • Die beiden Wege: Reformen oder Revolution? Freiheit oder Diktatur (1920), S. 125-137
  • – Die Anarchisten in der Arbeiterbewegung (1921), S. 150-161
  • – Syndikalismus und Anarchismus (1922), S. 150-161
  • – Demokratie und Anarchie (1924), S. 168-172
  • Gradualismus (1925), S. 177-184
  • Kommunismus und Individualismus (1926), S. 185-192
  • Zerstörung – und was kommt dann? (1926), S. 193-199
  • Einige Betrachtungen ĂŒber die EigentumsverhĂ€ltnisse nach der Revolution (1929), S. 215-223
  • Errico Malatesta, Anarchie (1907/08); verfĂŒgbar auf: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/errico-malatesta/6639-errico-malatesta-anarchie
  • Errico Malatesta. Ungeschriebene Autobiografie, Hamburg 2009.



Quelle: Paradox-a.de