Mai 26, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Matthias Möller
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 138 – Juli | August 2012

#Pogrom

Nicht nur im Osten Deutschlands gab es zu Beginn der 1990er Jahre rassistische Gewalt. Neben heimlichen und von kleineren Gruppen verĂŒbten Taten waren auch offene, von grĂ¶ĂŸeren Menschenmengen getragene Angriffe wie in Hoyerswerda oder Rostock kein alleiniges PhĂ€nomen der neuen BundeslĂ€nder.

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Hinter diesem Zaun in Schönau befand sich die ehemalige Kaserne in der die FlĂŒchtlinge lebten.

Die Schönau, ein Stadtteil von Mannheim, war zu Beginn der 1990er Jahre ein sozial benachteiligtes ArbeiterInnenviertel, das vom Strukturwandel der Industriestadt besonders betroffen war. Hohe Arbeitslosigkeit, geringe Bildung, soziale Probleme und eine von Migration geprÀgte Bevölkerung kennzeichneten damals den knapp 15.000 Menschen umfassenden Stadtteil.

Rassistische Diskurse
Als US-amerikanische StreitkrĂ€fte 1990 die Aufgabe ihrer Schönauer Kaserne bekannt gaben, erhofften sich viele im Viertel von der kĂŒnftigen Nutzung eine Verbesserung der sozialen Infrastruktur. Groß war dagegen die EnttĂ€uschung, als das Land bekannt gab, dass eine Sammelunterkunft fĂŒr ĂŒber 200 FlĂŒchtlinge eingerichtet wĂŒrde. Im Folgenden vermischten sich auf der Schönau kommunale und quartiersbezogene Probleme mit dem damaligen bundespolitischen Diskurs um Asyl, was schließlich in ein versuchtes Pogrom mĂŒndete.

BĂŒrgergewalt
In Mannheim-Schönau gingen nicht zugereiste Neonazis, sondern die »normale« Nachbarschaft gegen das FlĂŒchtlingsheim vor. Abgesehen von dieser Besonderheit folgten die Ereignisse jedoch einem Muster, das typisch fĂŒr den Ablauf von kollektiver Gewalt gegen Minderheiten ist: In einer ersten Phase artikulierte sich schriftlicher Protest gegenĂŒber der Politik in Form von offenen Briefen und Unterschriftenlisten. Wichtige Personen und Institutionen der Schönau, etwa Schul- und Jugendhausleiter, StadtrĂ€te oder ElternbeirĂ€te der Schulen, positionierten sich mit dem Verweis auf die sozialen Probleme des Viertels gegen das geplante Lager. Als dieses im Januar 1992 belegt wurde, verschob sich die Wahrnehmung rasch. Nicht mehr politische Entscheidungen, sondern die anwesenden FlĂŒchtlinge galten als Problem. Sie standen zunehmend unter Beobachtung und GerĂŒchte ĂŒber sie wurden intensiv im Viertel kommuniziert. In dieser zweiten Phase formierten sich breite Teile der lokalen Bevölkerung als eine gegen die FlĂŒchtlinge gerichtete Gemeinschaft von Benachteiligten. Die dritte Phase der offenen Gewalt wurde – wie in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen auch – durch ein GerĂŒcht eingeleitet, das tief verankerte rassistische Vorurteile mit einer akuten Bedrohungssituation verknĂŒpfte: Aufgepeitscht von der Nachricht einer angeblichen Vergewaltigung eines Schönauer MĂ€dchens durch einen schwarzen Bewohner der Unterkunft, zogen ab dem 26. Mai 1992 mit Stöcken bewaffnete Jugendliche vor die Kaserne. Am 28. Mai 1992 wurde diese unzutreffende Anschuldigung zum bestimmenden Thema auf einem Vatertagsfest in der NĂ€he der Unterkunft. Im Anschluss daran zogen zahlreiche BesucherInnen vor die Kaserne, warfen Scheiben ein, skandierten rassistische Parolen und bedrohten FlĂŒchtlinge.

Tagelange Angriffe
Vermutlich hat nur die rasch anrĂŒckende Polizei damals eine ErstĂŒrmung des Heims verhindert. Trotzdem blieb die Kaserne in den folgenden Tagen Aufmarschort aggressiver FlĂŒchtlingsgegnerInnen, von denen sich bis zu 400 allabendlich einfanden, um rassistische Parolen zu rufen. Begleitet waren die bier­seligen AuflĂ€ufe von Versuchen auf das GelĂ€nde vor­zudringen, Bedrohungen und einem versuchten Brandanschlag mit Molotow-Cocktails. Die Polizei schirmte das GebĂ€ude zwar ab, ging aber insgesamt zurĂŒckhaltend vor. Trotz mitgefĂŒhrter Bewaffnung und zahlreicher aus der Menge heraus begangener Straftaten, bei denen auch vereinzelt Beamte verletzt wurden, rĂ€umte sie nur vorsichtig den unmittelbaren Bereich vor der Kaserne. Ebenso nachsichtig zeigten sich Stadtverwaltung und Lokalpresse, die nur empörte und besorgte BĂŒrgerInnen sowie alkoholisierte Krakeeler am Werk sahen. Von rassistischen Übergriffen war dagegen kaum die Rede.

https://www.der-rechte-rand.de/archive/1682/von-lichtenhagen-nach-heidenau/

Protest von AntifaschistInnen
Dies Ă€nderte sich mit dem Eintreffen von antifaschistischen AktivistInnen, die sich mit den FlĂŒchtlingen solidarisierten und den Ansammlungen entgegenstellten. Fortan galt die öffentliche Sicherheit und Ordnung als bedroht. Stadtverwaltung und Polizei reagierten mit Versammlungsverboten und die Presse warnte vor reisenden Chaoten. Der Versuch einer antirassistischen Demonstration endete schließlich am 6. Juni 1992 darin, dass die Polizei sie gewaltsam auflöste und zahlreiche DemonstrantInnen verletzte oder vorĂŒbergehend festnahm. In der Folge ĂŒberlagerte eine Debatte um Polizeigewalt und Demonstrationsfreiheit die rassistischen Mobilisierungen auf der Schönau.

Unpolitische Ereignisse?
Die damaligen Ereignisse wurden im lokalen Kontext hĂ€ufig zu unpolitischer Randale beziehungsweise spontanen Protesten gegen soziale MissstĂ€nde erklĂ€rt. Dahinter steckte auch das Bestreben der Stadtverwaltung, die Stadt nicht mit rassistischer Gewalt in Verbindung zu bringen. Dass auf der Schönau keine organisierten Neonazis auftraten, kam dem entgegen. Der pogromartige Ablauf trat schließlich soweit in den Hintergrund, dass Mannheim-Schönau – anders als Hoyerswerda oder Rostock – weitgehend in Vergessenheit geriet. Dabei zeigte sich dort nicht nur wie sich Anfang der 1990er Jahre eine Pogromstimmung auch im Westen formieren konnte. Ein ebenfalls oft vergessener Aspekt ist die damalige Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Angriffen auf UnterkĂŒnfte von MigrantInnen.

Von Matthias Möller erschien 2007 zu dem Thema: »Ein recht direktes Völkchen«? Mannheim-Schönau und die Darstellung kollektiver Gewalt gegen FlĂŒchtlinge, Frankfurt a. M. 2007.

https://twitter.com/derrechterand



Quelle: Der-rechte-rand.de