Dezember 30, 2020
Von Anarchosyndikalismus
346 ansichten


Das Wiener Arbeiter*innen-Syndikat (https://wiensyndikat.wordpress.com) hat den folgenden Aufruf ĂŒbersetzt und auf seinem Blog veröffentlicht:


SolidaritĂ€t mit den Bergarbeitern in Touissit/Marokko, die ihre Mine besetzen!

Schickt Emails an den GeschĂ€ftsfĂŒhrer, um die BergarbeiterInnen in ihren Forderungen zu unterstĂŒtzen.

FĂŒr Respekt und WĂŒrde ergreifen die Bergarbeiter von Touissit Direkte Aktionen und besetzen ihre Mine: SolidaritĂ€t!

Über unsere französische Schwestergewerkschaft CNT-AIT besteht ein Kontakt zu den kĂ€mpfenden KollegInnen in Marokko, welche vor Ort von FreundInnen der CNT-AIT unterstĂŒtzt werden. Es handelt sich um normale HacklerInnen [= Malocher*innen, Anm. ASN], die bis zum 21. Dezember ihre Mine besetzt haben und von der dortigen Systemgewerkschaft im Stich gelassen, sogar verarscht, werden. Daher brauchen sie unser aller SolidaritĂ€t, um ihre Interessen (Forderungen) der Firmenleitung gegenĂŒber durchsetzen zu können.


Gruppe streikender Bergleute unter Tage

Dem Minister fĂŒr Energie, Bergbau und Umwelt Aziz Rebbah zufolge, ist „der Bergbausektor eine SĂ€ule der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes“. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung hat er vielleicht recht, mit der sozialen sicher nicht. Die Arbeitsbedingungen in den Minen sind oft primitiv – ob in Bezug auf Löhne, Gesundheit oder Sicherheit.

Ein Beispiel dafĂŒr ist die Mine Mont AouĂąm (Jbel AouĂąm) in Mrirt, der zweiten Gemeinde in der Provinz Khenifra, im marokkanischen Mittleren Atlas. Sie gehört zur Bergbaugesellschaft Compagnie Miniere de Touissit (CMT), der marokkanischen MarktfĂŒhrerin in der Produktion von Silber-Blei-Konzentraten. Es ist an der Börse von Casablanca notiert, zu ihren HauptaktionĂ€ren gehört das Unternehmen OSEAD MAROC MINING, selbst eine Tochtergesellschaft des OSEAD FUND, sowie der CIMR (Pensionsfond fĂŒr Privatangestellte). Man könnte also erwarten, dass ein Unternehmen mit einem AktionĂ€r, der aus einem Pensionsfonds besteht, seine ArbeiterInnen gut behandeln wĂŒrde. Aber weit gefehlt!

Bereits 2019 mussten die BergarbeiterInnen dieser Mine eine Protestbewegung aufgrund grundlegender AnsprĂŒche starten: die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und ihrer sozialen Situation sowie die GewĂ€hrleistung der fĂŒr die Arbeit in den Minen unerlĂ€sslichen Sicherheitsmaßnahmen. Die Gewerkschaften hatten sich beeilt, die Bewegung zu begleiten, und hatten mit der GeschĂ€ftsfĂŒhrung ausgehandelt, dass zumindest endlich die Arbeitsbedingungen und Gesundheit der minderjĂ€hrigen BergarbeiterInnen berĂŒcksichtigt werden sollen.

Um die Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit dieser Vereinbarung zu betonen, reiste sogar ein Vertreter des Bergbauministers an, um die Unterschrift zu beglaubigen und damit zu signalisieren, dass der Minister, welcher auch Mitglied der PJD (Partei fĂŒr Gerechtigkeit und Entwicklung, Islamistisch) ist, auf die Umsetzung achten wĂŒrde. Im Gegenzug mussten sich die ArbeiterInnen – natĂŒrlich – dazu verpflichten ihre ProduktivitĂ€t zu steigern und höhere Produktionsziele zu erreichen. ArbeitgeberInnen geben nie etwas umsonst her und versuchen immer, ihren Profit und damit unsere Ausbeutung zu steigern 


Ein Jahr nach der Vereinbarung zwischen Gewerkschaft und Chef haben die ArbeiterInnen folgende Bilanz gezogen: Sie haben ihr Wort gehalten und trotz eines schweren Jahres aufgrund der Covid-Krise 98% der im Protokoll festgelegten Produktionsziele erreicht. Die Bilanz des Chefs sieht dagegen mager aus. Er hat keine seiner Versprechen umgesetzt 


Am 10. Dezember 2020 haben die Bergarbeiter genug gehabt und eine Direkte Aktion gestartet. Sie haben die Produktionsmittel besetzt, um Druck auf den Chef auszuĂŒben: 100 streikende BergarbeiterInnen haben die Mine gehalten, 700 Meter unter der Erde. 200 andere blieben an der OberflĂ€che und wechselten zwischen Demonstrationen und SolidaritĂ€ts-Sitzblockaden, um den Streik öffentlich zu machen und die Logistik sowie Versorgung der Besetzer zu organisieren. Die Sturheit und Tyrannei der Verwaltung ging nĂ€mlich so weit, dass den Streikenden in der Mine die Versorgung mit Lebensmitteln untersagt wurde.

Diese Situation war fĂŒr die Gewerkschaften nicht tragbar: Die Nichteinhaltung der Vereinbarung durch den Chef – wĂ€hrend der ProduktivitĂ€tssteigerung der ArbeiterInnen –zeigt deutlich die Nutzlosigkeit (und sogar Verderbtheit) der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Chef. Die Tatsache, dass sich die ArbeiterInnen fĂŒr eine Direkte Aktion entschlossen haben, um Druck auf den Chef auszuĂŒben, könnte einen Einfluss auf andere ArbeiterInnen haben, falls ihr Kampf erfolgreich ist, und ihnen die Vorteile von Selbstorganisation gegenĂŒber reformistischen Gewerkschaften zeigen 
 die UMT (Marokkanische Gewerkschaft) und ihre internationale Organisation (Industriall Global Union) haben sich daher dringend an den Premierminister gewandt, um ihn auf die Gefahr der Situation hinzuweisen und sie durch die Aufnahme weiterer Verhandlungen zu entschĂ€rfen.

Die Botschaft fruchtete und Miloudi Moukharik, der GeneralsekretĂ€r der UMT, kam persönlich fĂŒr ein GesprĂ€ch mit dem Direktor der Mine 
 NatĂŒrlich war das erste, was die Gewerkschaft von den Streikenden vor der Aufnahme von Verhandlungen verlangte, ihren Sitzstreik zu beenden. Sie haben daher am 21. Dezember, nach zehn schwierigen Tagen der Besetzung, das Bergwerk verlassen.

Der Vorsitzende der Industriall Global Union hat daraufhin der UMT und den ArbeiterInnen seine GlĂŒckwĂŒnsche zu „den erzielten Fortschritten“ gesendet: „Wir begrĂŒĂŸen die wichtigen Schritte zur Aufnahme von Verhandlungen. Wir fordern das Unternehmen auf, die Gelegenheit zu nutzen, um einen echten Dialog mit der Gewerkschaft fĂŒr eine nachhaltige Produktion und die Achtung der legitimen Rechte der Arbeiter zu fĂŒhren.“. Er fordert das Unternehmen also auf, die Gelegenheit fĂŒr einen Dialog zu nutzen. Mit anderen Worten: Die Gewerkschaft fleht den Chef um ein GesprĂ€ch an, ohne jedoch bis jetzt etwas bekommen zu haben.

Es wird erwartet, dass am 24. Dezember ein neues Treffen zur Wiederaufnahme der Verhandlungen stattfinden wird, bei dem die Forderungen nach Lohnerhöhungen, verbesserten Arbeitsbedingungen in der Mine, die Frage der Leih- und Zeitarbeiter sowie die Zusage der GeschĂ€ftsfĂŒhrung, das Recht der freien Vereinigung zu respektieren und die Streikenden nicht zu entlassen, diskutiert werden sollen.

Die BergarbeiterInnen haben beispielhaften Mut und StĂ€rke bewiesen, indem sie ihre Mine 700 Meter unter der Erde besetzt haben – unter Bedingungen, die fĂŒr ihre Gesundheit gefĂ€hrlich sind. Hoffentlich werden sie bei den Verhandlungen nicht erneut von den Gewerkschaften verraten.

In der Zwischenzeit sollten wir ihnen so viel UnterstĂŒtzung wie möglich geben. Zum Beispiel, indem wir E-Mails an die CMT-GeschĂ€ftsfĂŒhrung mit folgenden Forderungen schicken:

  • Respekt und WĂŒrde fĂŒr die BergarbeiterInnen, welche die alleinigen SchöpferInnen des Wohlstands in der CMT sind.
  • Angemessene Löhne, die allen ArbeiterInnen – unabhĂ€ngig von ihrem Status – einen Lebensunterhalt ermöglichen.
  • WĂŒrdige Arbeitsbedingungen, unter Einhaltung internationaler Standards fĂŒr Arbeitssicherheit und Umwelt.
  • Respekt fĂŒr das Vereinigungs- sowie das Streikrecht und die Meinungsfreiheit.

Zur Kontaktaufnahme mit der GeschĂ€ftsfĂŒhrung des Unternehmens:

Fax Generaldirektion: + 212 5 22 78 68 71
E-Mail: siege.cmt@cmt.ma
Telefon: +212 6 61 31 32 95 / +212 5 22 78 68 61


Quelle:
https://wiensyndikat.wordpress.com/2020/12/29/solidaritaet-mit-den-bergarbeitern-in-touissit-marokko-die-ihre-mine-besetzen/




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org