Dezember 1, 2021
Von Contraste
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Ja stimmt: Ich bin wieder mal in einer Medi­tationsgruppe eingeschlafen. Ich gehe ja auch nicht fĂŒr mich selbst auf die Matte, sondern fĂŒr die lieben Anderen. Ich fahre viel lieber Fahrrad – am besten auf einem Fahrradweg, der nichts mit Straßenverkehr und Autos zu tun hat. Dort stoße ich schon mal Freudenschreie aus, weil ich so glĂŒcklich bin. Noch schöner, wenn ich dabei mit anderen Bikern ins GesprĂ€ch komme oder wenigstens freundliche Blicke, kleine Bemerkungen oder Gesten zur BegrĂŒĂŸung bekomme.

Unsere Kolumne: Blick vom MaulwurfshĂŒgel – Illustration: Eva Sempere

Meditieren soll die chemischen Reaktionen des Gehirns positiv beeinflussen. Also bleibe ich drinnen bei den Anderen und halte meine Augen geschlossen. Was mich unwiderstehlich ablenkt: Draußen scheint die Sonne – im Herbst eine Kostbarkeit. Immerhin habe ich mich schon soweit emanzipiert, dass ich gar nicht erst versuche, im Lotussitz oder ohne RĂŒckenlehne auf dem Hintern zu sitzen. Monika, die die Meditation anleitet, spricht so leise, dass ich fast nichts verstehe. Und ich lasse mich von mir fremden spirituellen Begriffen irritieren, wie zum Beispiel »heiliger Raum«, »Erleuchtung«, »Energie«, »innere Stimme«, »wahres Ich«, »Selbstliebe«.

Ganz hier und jetzt im Augenblick zu leben, erscheint mir als ein Zustand, der mir eher peinlich ist, weil ich ihn nicht besonders sozial finde. Menschen sind nun mal Gesellschaftswesen; sie leben von Kommunikation, Austausch und viel Empathie, die mir die Anstrengung abverlangt, den Augenblick zu ĂŒberschreiten, mich in andere hineinzuversetzen und vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts zu reflektieren.

Ein Freund von mir ist ein ehemaliger buddhistischer Mönch. Er lebte ein Jahr in einem Kloster in Thailand. Ihm war die Hektik in seinem Berufsleben als Bauleiter zu viel geworden. Jetzt lebt und arbeitet er bei freier Kost und Logis als Wanderhandwerker und Architekt in Spanien, Portugal und Brasilien, wo er wunderbare originelle HĂ€user baut. Ich kenne keinen Menschen, der so unauffĂ€llig selbstbewusst, bescheiden und glĂŒcklich in sich selbst ruht und gleichzeitig stĂ€ndig plant, konstruiert und gestaltet. Aber ich weiß nicht, ob es damit zusammenhĂ€ngt, dass er meditieren gelernt hat oder mit seiner ganzen Energie und KreativitĂ€t HĂ€user konstruiert und baut. Vielleicht könnte man sein Leben als »meditatives Schaffen« beschreiben, denn er ist unermĂŒdlich aktiv. Seine aktuelle Werkstatt besteht aus alten Fenstern, durch die er beim Arbeiten weit ĂŒber die Berge der Algarve bis Spanien schauen kann. Seine Projekte wĂ€hlt er sorgfĂ€ltig aus, und sie sind auch unbezahlbar. FĂŒr Geld arbeitet er schon lange nicht mehr.

Um nichts Falsches zu schreiben, rufe ich ihn an: »Du hast Meditieren im Kloster gelernt – was bedeutet das fĂŒr dich?« Meditieren habe er nur als Lernprozess gebraucht. Die allabendlichen Meditationen in dem thailĂ€ndischen Kloster hĂ€tten ihm zu völliger Ruhe und Konzentration verholfen. Heute sei sein ganzes Leben so: konzentriertes und ruhiges TĂ€tigsein.

Etwas neidisch lege ich mein Handy weg.

Uli Frank




Quelle: Contraste.org