September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Die Anarchist*innen in Griechenland kĂ€mpfen unaufhörlich gegen die fortschreitende neoliberale Privatisierung und Kommerzialisierung des Lebens. Über ihre letzten Erfolge, wie z. B. die Wiederbesetzung der „Rosa Nera“ in ChaniĂĄ, schreibt aus ThessalonĂ­ki fĂŒr die GWR Ralf Dreis. (GWR-Red.)

Neun Monate nach der RĂ€umung des zuvor seit 2004 besetzten anarchistischen Zentrums „Rosa Nera“ in ChaniĂĄ auf Kreta wurde das Haus am 5. Juni 2021 erfolgreich wiederbesetzt und ist damit erneut in den HĂ€nden der Bewegung und des emanzipatorischen Teils der Stadtgesellschaft. Die RĂŒckgewinnung des historischen HĂŒgels KastĂ©li ĂŒber dem venezianischen Hafen bedeutet das moralische und praktische Ende der PlĂ€ne der Regierung der NĂ©a DimokratĂ­a (ND), ein Luxushotel im Zentrum ChaniĂĄs zu errichten. Nur zwei Wochen nach der RĂ€umung und Wiederbesetzung des selbstverwalteten Theaters EmprĂłs in Athen ist dies der zweite herbe RĂŒckschlag fĂŒr die reaktionĂ€r-neoliberale ND-Regierung innerhalb kurzer Zeit.
Als klare Absage an den so genannten BĂŒrgerschutzminister MichĂĄlis ChrysochoĂ­dis, aber auch ganz persönlich an den aus ChaniĂĄ stammenden Familienclan des MinisterprĂ€sidenten KyriĂĄkos MitsotĂĄkis muss die Wiederbesetzung des historischen GebĂ€udekomplexes durch Aktivist*innen der „Rosa Nera“ aufgefasst werden. Die „Rosa Nera“ war am 5. September 2020 durch starke Polizeieinheiten erstĂŒrmt und gerĂ€umt worden, womit nach 16-jĂ€hrigem Bestehen eines der wichtigsten selbstverwalteten solidarischen Projekte des Landes zerschlagen werden sollte. Die RĂ€umung war damals nicht nur als Ansage von ChrysochoĂ­dis und MitsotĂĄkis an die anarchistische Bewegung gedacht, mit allen Besetzungen des Landes kurzen Prozess zu machen, sondern in gleichem Maße ein Versprechen an private Kapitalinteressen, da der historische GebĂ€udekomplex der 5. Kretischen Division, auf dem „Balkon von Chaniá“ gelegen, fĂŒr großspurige Investitionen mit privatem Luxushotel, Swimmingpools und eigenem Wachschutz vorgesehen war. Seitdem wurde das gerĂ€umte Zentrum neun Monate lang rund um die Uhr von PolizeikrĂ€ften bewacht. Ein privater Bautrupp hatte auf Anordnung der staatlichen RepressionskrĂ€fte die EingĂ€nge zugemauert, die Fenster mit Metallplatten verschraubt und alle sanitĂ€ren und elektrischen Anlagen in den GebĂ€uden zerstört. Toiletten und Abwasserrohre wurden zubetoniert.

Ort der Freiheit

Hunderte Menschen setzten diesem Zustand am Samstag, dem 5. Juni 2021 mit der erfolgreichen Wiederbesetzung um 12 Uhr mittags ein Ende. Die PolizeikrĂ€fte konnten in Anbetracht der KrĂ€fteverhĂ€ltnisse ohne Auseinandersetzung vertrieben werden. Dann wurden EingĂ€nge und Fenster geöffnet und mit der sofortigen Instandsetzung begonnen. Schon um 17 Uhr desselben Tages nahmen mehr als 1.200 Menschen an der ersten öffentlichen Vollversammlung mit anschließendem Fest auf dem „Balkon von Chaniá“ vor der „Rosa Nera“ teil. Seit dem 6. Juni finden tĂ€glich Veranstaltungen und öffentliche Plena statt, und die Reparatur der vom Staat hervorgerufenen SchĂ€den schreitet voran. In ihrem ersten Text zur Wiederbesetzung erinnern die Besetzer*innen an die Geschichte der GebĂ€ude und betonen, dass „nur wenn sie niemandem gehören, können sie allen gehören“.
„Wir fordern ganz konkret, dass dieser Ort erneut ein Ort der Freiheit und des Kampfes fĂŒr das Leben wird. Denn nur so kann es uns gelingen, seine Umwandlung in einen Hotelkomplex und seine Kommerzialisierung zu verhindern. Nur wenn er in die HĂ€nde der Gesellschaft ĂŒbergeht, kann es Gleichberechtigung in der Entscheidung ĂŒber seine Zukunft geben. All die offiziellen und inoffiziellen Wichtigtuer, die stĂ€ndig ĂŒber die Zukunft des HĂŒgels von KastĂ©li reden, haben noch nie jemanden ohne bekannten Namen als gleichberechtigten GesprĂ€chspartner anerkannt.“
Beim HĂŒgel von KastĂ©li, genau ĂŒber dem venezianischen Hafen von ChaniĂĄ gelegen, handelt es sich um den wichtigsten topografischen Punkt der Stadt. Dort befinden sich die drei ehemaligen GebĂ€ude (Kommandantur, GefĂ€ngnis, Kaserne) der 5. Kretischen Division, die 1986 mit Geldern des Bildungsministeriums vom Verteidigungsministerium erworben wurden. Sie wurden der Polytechnischen UniversitĂ€t Kretas zur DurchfĂŒhrung des Hochschulbetriebs gespendet, was jegliche Privatnutzung nach Artikel 109 der griechischen Verfassung als verfassungswidrig ausschließt. Trotzdem verscherbelte sie der ehemalige Uni-Dekan, MitsotĂĄkis-Vertraute und spĂ€tere NĂ©a-DimokratĂ­a-Parlamentarier und StaatssekretĂ€r im Bildungsministerium, WasĂ­lis DigalĂĄkis, in einem undurchsichtigen Verfahren zu einem Schleuderpreis an das private Konsortium Belvedere zwecks Errichtung einer Luxushotelanlage. Erst durch die Veröffentlichung der BauplĂ€ne durch die Besetzer*innen der „Rosa Nera“ wurden die PlĂ€ne der Investor*innen in ihrem ganzen Ausmaß bekannt: Private Luxushotelanlagen mit Swimmingpools und Wachschutz im historischen Zentrum der Altstadt ohne Zugang fĂŒr die Bewohner*innen der Stadt. Ein Plan, den der aus ChaniĂĄ stammende MinisterprĂ€sident KyriĂĄkos MitsotĂĄkis (ND) persönlich noch in seiner Zeit als OppositionsfĂŒhrer lobte und durch Artikel in der Presse vorantrieb. Eigene PlĂ€ne der Stadt (Stadtbibliothek, historisches Archiv) blieben unberĂŒcksichtigt. Wichtiger Teil des jahrelangen Widerstands war die „BĂŒrgerinitiative gegen das Hotel auf dem HĂŒgel von KastĂ©li“ und das Besetzer*innen-Kollektiv der „Rosa Nera“, die durch ihre stĂ€ndigen Interventionen bei allen politisch relevanten Themen in der Stadt fĂŒr den öffentlichen Charakter der GebĂ€ude kĂ€mpften und diesen zugleich durch hunderte öffentlicher Veranstaltungen im besetzten Zentrum in den letzten 16 Jahren verwirklichten. Die erfolgreiche Wiederbesetzung der „Rosa Nera“ stellt insofern einen empfindlichen Schlag fĂŒr die neoliberale ErzĂ€hlung der erfolgreichen Privatisierungen in Griechenland dar. DĂłra BakogiĂĄnni, ND-Politikerin, Ex-Außenministerin und große Schwester von MitsotĂĄkis, forderte deshalb ebenso wie der fĂŒr den Verkauf verantwortliche DigalĂĄkis die sofortige erneute RĂ€umung der „Rosa Nera“, was bei den momentanen KrĂ€fteverhĂ€ltnissen in ChaniĂĄ schwierig werden dĂŒrfte.

Das „freie, selbstverwaltete
Theater Emprós“ in Athen

Kopfzerbrechen dĂŒrfte die Wiederbesetzung der „Rosa Nera“ der Regierung auch deshalb bereiten, weil sie nur zwei Wochen nach dem Desaster der versuchten RĂ€umung des EmprĂłs-Theaters in Athen erfolgte. Seit der EmprĂłs-Besetzung 2011 im Rahmen der KĂ€mpfe gegen die von der so genannten Troika aus Internationalem WĂ€hrungsfonds, EuropĂ€ischer Zentralbank und EU-Kommission oktroyierten Spardiktate sind Hunderte KĂŒnstler*innen dort aufgetreten. Über 400 verschiedene TheaterstĂŒcke in mehr als 2.000 Vorstellungen wurden aufgefĂŒhrt. Mehr als 450 Konzerte, 300 VortrĂ€ge und unzĂ€hlige Veranstaltungen zur UnterstĂŒtzung selbstorganisierter Projekte, von GeflĂŒchteten, von Hungerstreiks, Kunstgruppen und Filminitiativen fanden statt, zudem Hunderte von Versammlungen, Plena, Ausstellungen, Gedichtabende, Literaturfestivals und Workshops.
Das 1933 erbaute, seit 1989 als Beispiel der Architektur der Zwischenkriegszeit unter Denkmalschutz stehende schlichte IndustriegebĂ€ude diente zunĂ€chst als Druckerei fĂŒr die gleichnamige Zeitung. Von 1988 bis 2007 diente es als Sitz des Theaterensembles MorfĂ©s und anschließend als Sitz des Theaters EmprĂłs. Nach fast fĂŒnf Jahren Leerstand besetzte im November 2011 die KĂŒnstler- und KĂŒnstlerinnen-Initiative MavĂ­li das GebĂ€ude mit UnterstĂŒtzung der BĂŒrgerinitiative PsyrĂ­ und erfĂŒllte es mit neuem Leben.
2012 ĂŒbernahm die wöchentlich stattfindende offene Vollversammlung die Verantwortung fĂŒr den Betrieb und die Verwaltung des Theaters. Polizeiliche RĂ€umungsversuche in den Jahren 2013 und 2016 konnten mit Massenmobilisierungen abgewehrt werden. Im Zuge der nationalistischen Kampagnen zum inzwischen beigelegten Namensstreit mit der Nachbarrepublik Nordmazedonien verĂŒbten Nazis 2018 einen Brandanschlag auf das Theater. Bei einer Ă€hnlichen Nazi-Demonstration in ThessalonĂ­ki wurde das besetzte anarchistische Zentrum „Libertatia“ bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Es wird inzwischen von den Be-setzer*innen wiederaufgebaut. Am 19. Mai 2021 wurde das EmprĂłs im Morgengrauen von starken PolizeikrĂ€ften gerĂ€umt und zugemauert. Doch der Plan der Regierung und ihres BĂŒrgerschutzministers ChrysochoĂ­dis, das in der Covid-19-Pandemie geschlossene EmprĂłs ohne Widerstand zu rĂ€umen, ging nicht auf. Nach einem ersten allgemeinen Aufschrei der Empörung, Solikundgebungen in anderen StĂ€dten und kritischen Äußerungen vieler Kulturschaffender versammelten sich am Nachmittag des 22. Mai mehrere Tausend Menschen zur Protestdemonstration, um mit Musikbegleitung zum zugemauerten EmprĂłs zu ziehen. Unter großem Jubel, kĂ€mpferischen Parolen und der Musik der 150 Musiker und Musikerinnen der „Support Art Workers“ wurden mit VorschlaghĂ€mmern die zugemauerten EingĂ€nge geöffnet. Das GebĂ€ude wurde mit einer Riesenparty erneut besetzt, und die Vollversammlung gab die dauerhafte Wiederbesetzung bekannt. In der Folge wurden erste Unstimmigkeiten innerhalb der Regierungspartei und im Familienclan des MinisterprĂ€sidenten deutlich. Ein erneuter RĂ€umungsversuch der Polizei am 24. Mai scheiterte an der Intervention der linken Stadtverordnetenfraktion AnoichtĂ­ PĂłli/AntarsĂ­a, da die PolizeikrĂ€fte wie am 19. Mai erneut nicht ĂŒber die nötige VerĂ€nderungsgenehmigung der zustĂ€ndigen Behörde fĂŒr zeitgenössische BaudenkmĂ€ler verfĂŒgten. Der Versuch, das GebĂ€ude diesmal mit Eisengittern abzusperren, musste nach einer Strafanzeige von AnoichtĂ­ PĂłli/AntarsĂ­a abgebrochen werden. Die landesweite KĂŒnstler*innen-Vereinigung Potha verurteilte „dieses unmögliche Unternehmen des erneuten RĂ€umungsversuchs“ und forderte ein „entschiedenes Eingreifen des Kulturministeriums und der Stadt Athen“. Daraufhin meldete sich der BĂŒrgermeister von Athen und Neffe des MinisterprĂ€sidenten, KĂłstas BakogiĂĄnnis (ND), zu Wort. Er schlug der EigentĂŒmerin des EmprĂłs, der staatlichen Gesellschaft zur Verwaltung öffentlicher GebĂ€ude (Etad), vor, es der Stadt Athen zu ĂŒberlassen. Damit wolle Athen „den kĂŒnstlerischen Ausdruck und die KĂŒnstler der Stadt unterstĂŒtzen“. Die Vollversammlung des EmprĂłs zeigte sich davon unbeeindruckt: „Ob uns eine staatliche oder eine stĂ€dtische Behörde zumauern will, ist uns egal. Wir werden das EmprĂłs in jedem Fall selbstverwaltet und kĂ€mpferisch weiterbetreiben.“
Aktivist*innen in ThessalonĂ­ki warten nach den Wiederbesetzungen in Athen und ChaniĂĄ auf die weiteren Entwicklungen in ihrer Stadt. Dort wurde im August 2020 das anarchistische Zentrum „Terra Incognita“ gerĂ€umt, zugemauert und seitdem rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Wie ChaniĂĄ zeigt, muss das kein Hindernis sein.




Quelle: Graswurzel.net