November 23, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Im ersten Corona-Jahr hat die Polizei deutlich mehr FĂ€lle von hĂ€uslicher Gewalt registriert. Das geht aus Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik fĂŒr 2020 hervor, die das Autonome Frauenzentrum Potsdam am Montag bekanntgab. Insgesamt sind in Brandenburg 2020 demnach 5235 Straftaten im Zusammenhang mit hĂ€uslicher Gewalt von der Polizei registriert worden, ein Plus um 19,8 Prozent oder 864 FĂ€lle im Vergleich zum Jahr davor. Die TatverdĂ€chtigen waren in drei von vier FĂ€llen MĂ€nner. 

Die KriminalitĂ€tshĂ€ufigkeitszahl – die Zahl der bekannt gewordenen FĂ€lle bezogen auf 100.000 Einwohner – lag landesweit bei 208, nach 174 im Jahr davor. In Potsdam war die Zunahme sogar noch etwas deutlicher: Die zustĂ€ndige Polizeiinspektion registrierte 516 FĂ€lle, das sind 22,3 Prozent oder 94 FĂ€lle mehr als 2019. Bezogen auf die Einwohner liegt die Landeshauptstadt bei hĂ€uslicher Gewalt mit einer KriminalitĂ€tshĂ€ufigkeitszahl von 178 aber noch unter dem Landesschnitt. Bei diesen Zahlen handele es sich nur um das „Hellfeld“, betont Heiderose Gerber, die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Autonomen Frauenzentrums. Von einer Dunkelziffer ist auszugehen.

Heiderose Gerber, die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Autonomen Frauenzentrums.Foto: Ottmar Winter PNN

Netzwerk drĂ€ngt auf gesicherte Finanzierung der FrauenhĂ€user

Im Vorfeld des internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen an diesem Donnerstag drĂ€ngt das Netzwerk Brandenburgischer FrauenhĂ€user e.V. auf eine gesicherte Finanzierung der FrauenhĂ€user und Beratungseinrichtungen im Land. Bislang mĂŒssen die finanziellen Mittel in den insgesamt 24 Einrichtungen jedes Jahr neu beantragt werden. Das erschwere die Anwerbung von FachkrĂ€ften, erklĂ€rte Stefanie Streit vom Netzwerk am Montag vor der Presse. 

Stefanie Streit.Foto: Ottmar Winter

Untertarifliche Bezahlung an vielen Orten und die Unsicherheit fĂŒr die Einrichtungen, die lediglich als „freiwillige Aufgabe“ vom Land und Kommunen mitfinanziert werden, machten es schon jetzt schwierig, freiwerdende Stellen noch nachzubesetzen. Das ist angesichts der Pensionierung mehrerer Kolleginnen aber verstĂ€rkt nötig. „Wenn es so weitergeht, werden in Brandenburg in den nĂ€chsten Jahren HĂ€user schließen mĂŒssen“, warnte Laura Kapp vom Netzwerk. Sie schĂ€tzt, dass das jede dritte Einrichtung betreffen könnte.

FamilienplÀtze in FrauenhÀusern ausbauen

Das Netzwerk drĂ€ngt zudem darauf, die Istanbul-Konvention zur BekĂ€mpfung von Gewalt gegen Frauen umzusetzen, die Deutschland vor vier Jahren unterzeichnet hat. Darin vorgesehen sei unter anderem je 10.000 Einwohner ein Familienplatz in einer Schutzeinrichtung: FĂŒr Brandenburg wĂŒrde das 252 FamilienplĂ€tze in FrauenhĂ€usern bedeuten – tatsĂ€chlich vorhanden seien aber nur 127, so Stefanie Streit. Zu diesem Ergebnis kam auch ein im Auftrag des Landessozialministeriums erarbeitetes und in diesem Jahr vorgelegtes Gutachten zur Weiterentwicklung des Landesaktionsplanes von Gewalt gegen Frauen.

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Wichtig seien auch feste Ansprechpartner bei Ämtern und Behörden wie zum Beispiel bei Jobcentern, JugendĂ€mtern oder AuslĂ€nderbehörden, die mit den besonderen Anforderungen fĂŒr Frauen aus gewalttĂ€tigen Beziehungen vertraut sind, erklĂ€rte Stefanie Streit. Momentan funktioniere das zwar in einigen Orten im Land gut, aber nur wegen persönlichen Engagements: „Das steht und fĂ€llt mit einzelnen Personen“, sagt Streit.

Hoffen auf ein Zeichen der Ampel-KoalitionĂ€re

Die FrauenhĂ€user hoffen indes auf ein Zeichen der Ampel-KoalitionĂ€re auf Bundesebene. Man erwarte mit Spannung, ob die neue Regierung fĂŒr Frauen einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Schutzeinrichtung vorsieht, sagte Heiderose Gerber. Auch wenn damit noch kein Modus zur Finanzierung verbunden wĂ€re, wĂŒrde das die Arbeit der FrauenhĂ€user – insbesondere angesichts des Corona-Sparkurses an vielen Stellen – auf sicherere FĂŒĂŸe stellen. Laura Kapp zeigte sich auch optimistisch: In der Coronakrise sei es gesellschaftlich und politisch Konsens geworden, dass hĂ€usliche Gewalt nicht Privatsache sei, sondern ein gesellschaftliches Problem, das strukturell angegangen werden mĂŒsse: „Das ist eine Chance.“

Corona sei fĂŒr die Arbeit in den HĂ€usern eine besondere Herausforderung, berichtete Lili Schipurow vom Potsdamer Frauenhaus. Im ersten Lockdown 2020 seien die Anfragen zunĂ€chst sogar zurĂŒckgegangen. Betroffenen Frauen sei dadurch, dass die MĂ€nner nun rund um die Uhr zuhause sowie Kinder zu betreuen waren, kaum SpielrĂ€ume, die Beratung ĂŒberhaupt aufzusuchen. Zudem seien die Betroffenen oft nicht mit entsprechender Technik ausgestattet, um digitale Angebote nutzen zu können. 

Lili Schipurow vom Potsdamer Frauenhaus.Foto: Ottmar Winter

Auch die Angst, sich in einer Gemeinschaftseinrichtung mit dem Coronavirus anzustecken, mag eine Rolle gespielt haben. In Potsdam, wo im Frauenhaus in vier Wohnungen Platz fĂŒr zwölf Frauen und ihre Kinder ist, habe man bei Covid-FĂ€llen dank der guten Zusammenarbeit mit der Stadt immer eine alternative Unterbringung gefunden, betonte Schipurow.




Quelle: Inforiot.de