MĂ€rz 4, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Mit meinen Behinderungen zu leben ist mindestens schwierig, um es milde auszudrĂŒcken. Nicht weil ich in unserer vergifteten, standardisierten Welt nicht funktionieren kann, sondern weil von mir erwartet wird, es zu tun. Meine “Probleme” werden von den Unwissenden nicht bemerkt. Sie sind so gut wie immer da. In meinem frakturierten Geist und Körper. Ich habe Osteogenesis Imperfecta (OI) und DID, das bedeutet ich habe die Glasknochenkrankheit und eine dissoziative IdentitĂ€tsstörung.

Nein, sprich nicht M. Night Shyamalans Split oder Glass an.

Osteogenesis Imperfecta hat meine ZĂ€hne geschwĂ€cht, meine Gelenke ruiniert und meine Muskeln verwĂŒstet. Ich habe das GlĂŒck, bisher noch keinen Knochen gebrochen zu haben und ich befinde mich in meinen 20ern. Einige werden von dieser Behinderung in ihrer Kindheit getötet, andere leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, dass sie sie haben.

Dissoziative IdentitĂ€tsstörung macht sich bei denen, die es mit ihr zu tun haben, frĂŒh bemerkbar. Sie besteht aus der Anwesenheit zweier oder mehr ausgeprĂ€gten PersönlichkeitszustĂ€nden, zusammen mit einem Erinnerungsverlust zwischen den beiden ZustĂ€nden. Wenn beispielsweise ich [Artxmis] die Kontrolle ĂŒber den Körper habe [fronting], dann weiß eine andere IdentitĂ€t nicht, was ich in dieser Zeit getan, gefĂŒhlt oder gedacht habe. Das gilt fĂŒr beide Seiten. Es gibt Zeiten, in denen mir Sekunden an Erinnerung fehlen oder Monate. Ich kann mich an den Großteil meiner Unterstufe in der Highschool nicht erinnern.

All das zusammen fĂŒhrt zu einem beinahe unsichtbaren Leiden. Ich muss damit kĂ€mpfen Stufen zu erklimmen und stabile Beziehungen zu fĂŒhren.

Aber trotzdem lehne ich Zivilisation, Technologie und Domestizierung ab.

Ich erhöhe trotzdem Wildnis, begehre nach einer Verwilderung und hasse die moderne Medizin.

Ich tue das nicht, weil ich selbsthassend wÀre oder ableistisch, sondern aus dem Gegenteil. Ich hoffe, dass diejenigen, die mit mentalen und körperlichen Krankheiten kÀmpfen, in der Wildnis Zuspruch finden können und auf der Asche der Zivilisation tanzen. Am Rande bemerkt: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Wanderung eine Depression heilt.

Zivilisation ist eine standardisierende Kraft. Sie nimmt Individuen und versucht diese zu organisieren, kategorisieren und zu beherrschen. Sie prĂ€sentiert auch eine enge Matrix »idealer« Mitglieder. Denjenigen, die nicht in diese Kategorie passen, bleiben zwei Optionen: sich anpassen oder verstoßen werden. Darin liegt oft die Rolle der modernen Medizin. Sie behandelt viele der Außenseiter*innen der Zivilisation. Sie kann am besten als ein Filtersystem betrachtet werden.

(Mit moderner Medizin beziehe ich mich in den meisten FĂ€llen auf die westliche/koloniale Medizin. Allerdings kann man allgemein argumentieren, dass die mit dem Aufstieg jeder Zivilisation entstandene Medizin auf die gleiche Art und Weise kritisiert werden kann.)

Sowie die Zivilisation wĂ€chst, benötigt sie eine grĂ¶ĂŸere Arbeitskraft. Das ist der grĂ¶ĂŸte Effekt vieler Rechtebewegungen. Frauenrechte verschafften neben anderen legalen und sozialen Möglichkeiten fĂŒr Frauen ihnen vor allem einen breiteren Zugang zur Arbeitskraft der Zivilisation. Medizin in ihrer modernen Form funktioniert auf eine Ă€hnliche Art und Weise. Wenn man nicht in die Zivilisation [den Techno-Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, sozialistische Experimente, etc.] hineinpasst, muss man sich anpassen.

Wenn wir diese vorangehende Feststellung ĂŒbernehmen, können wir anfangen zu verstehen, dass es der modernen Wissenschaft nicht darum geht, Menschen zu helfen oder sie zu ermĂ€chtigen, sondern um die Anpassung von allem und jedem, um der Mainstream-Gesellschaft nĂŒtzlich zu werden. Viele werden auf genetische Krankheiten oder Erkrankungen wie Krebs verweisen. Das Evolution Institute behauptet neben anderen, dass es einen Widerspruch zwischen unseren evolutionĂ€ren Merkmalen und unserer derzeitigen Umwelt gibt. Fehlendes Ausgesetztsein von Bakterien und Krankheiten als Kinder hat verheerende Auswirkungen auf unser Immunsystem. Landwirtschaft bringt unsere ZĂ€hne und unser Verdauungssystem komplett durcheinander. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren hat neue Krankheiten erschaffen, die unserer Spezies zuvor unbekannt waren.

Selbst die GebÀrkultur hat einen Einfluss auf Brustkrebs! Das Evolution Institute behauptet, »moderne Fortpflanzungsmuster tragen auch zum Brustkrebsrisiko bei. In JÀger*innen/Sammler*innen-Bevölkerungen beginnen Frauen in der Regel mit etwa 18 Jahren Kinder zu haben, haben durchschnittlich 5 Kinder und stillen diese mit ungefÀhr drei Jahren ab. Das unterscheidet sich erheblich von modernen Bevölkerungen, in denen Frauen typischerweise mit etwa 26 Jahren Kinder bekommen, durchschnittlich 1,86 Kinder bekommen und sie typischerweise vor dem 6. Monat abstillen. Unsere Vorfahren hatten vermutlich Fortpflanzungsmuster, die denen heutiger JÀger*innen/Sammler*innen gleichen, und hatten daher weit weniger Menstruationszyklen als wir modernen Menschen. Moderne Fortpflanzungsmuster wie diese sind mit einem höheren Risiko hormoninduzierten Brustkrebses verbunden.«

ZusĂ€tzlich dazu, wie man die Effekte der Zivilisation wĂ€hrend der eigenen Lebenszeit wahrnimmt, mögen diese sogar Einfluss auf die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Krankheiten vor der Geburt haben. Epigenetik wird folgendermaßen definiert: »Epigenetik ist die Wissenschaft vererblicher VerĂ€nderungen der Genexpression (aktive vs. passive Gene), die keine VerĂ€nderung der zugrundeliegenden DNA-Sequenz beinhalten – eine VerĂ€nderung des PhĂ€notyps ohne eine VerĂ€nderung des Genotyps –, die umgekehrt beeinflussen, wie die Zellen die Gene lesen«, aus What Is Epigenetics.

Beispielsweise sind diejenigen, die in dichten urbanen Regionen leben, besonders um bestimmte Schadstoffquellen wie Luft- und Wasserverschmutzungen herum, einem höheren Risiko fĂŒr kardiovaskulĂ€ren Krankheiten [Herzkrankheiten; Anm. d. Übers.] und Krebs ausgesetzt. Das gilt einer Studie von 2017 namens »Epigenetics and Health Disparities« zufolge besonders fĂŒr afroamerikanische Gemeinschaften.

Eine Studie von 2009 mit dem Titel »Epigenetic mechanisms in schizophrenia« behauptet, dass urbane Umgebungen eine Rolle bei psychischen Störungen spielen. Die Studie kam zu folgendem Schluss: »Statistiken legen nahe, dass sich Psychosen in urbanen Umgebungen und in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen anhĂ€ufen. Beispielsweise haben afro-karibische Immigrant*innen im Vereinigten Königreich und besonders ihre Nachkommen ein ungefĂ€hr 10-fach grĂ¶ĂŸeres Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ethnische Minderheiten in Großbritannien haben immerhin ein 3-fach grĂ¶ĂŸeres Risiko fĂŒr Schizophrenie. Diese Beobachtungen haben manche dazu veranlasst vorzuschlagen, dass Schizophrenie eine Krankheit epidemiologischer Übertragung sein könnte, oder in anderen Worten eine Krankheit, deren Wahrscheinlichkeit mit der Entwicklung einer Gesellschaft ansteigt.«

Die moderne Medizin ist auch eine zentralisierte Praxis. Sie versucht sich selbst auf ein Gefilde der Gesellschaft zu beschrĂ€nken – die »tatsĂ€chliche medizinische Verwendung«. Damit meine ich die medizinische Verwendung, wie sie innerhalb des modernen Selbstbewusstseins verstanden wird. Impfungen, komplizierte Operationen oder andere medizinische Verfahren. Sie findet außerdem innerhalb einer vielgestaltigen hierarchisierten Kultur statt – Ärzte unterschiedlicher Spezialisierungen, Krankenpfleger*innen, Krankenpfleger-Assistent*innen, usw.

Vergleiche das mit der Medizin in prĂ€-zivilisierten Kulturen. Diese Form war eine Schnittmenge aus den Gefilden sozialer ZusammenhĂ€nge, wie religiösen Praktiken und Friedensstiftung, der Ethnobotanik und anderem bioregionalem Wissen, ebenso wie der »tatsĂ€chlicher medizinischer Verwendung«. Medizinische Praktiken variierten natĂŒrlich zwischen den Kulturen. Sie mag in den HĂ€nden von MedizinmĂ€nnern, HexenĂ€rztinnen, Schaman*innen und anderen spirituellen AnfĂŒhrer*innen gelegen haben oder von der grĂ¶ĂŸeren Gemeinschaft praktiziert worden sein. Einige Kulturen mögen einen stĂ€rkeren Akzent auf Zeremonien und Magie gelegt haben, weil sie Krankheit als Geist-verbunden betrachtet haben. Andere mögen weniger religiöse Pflanzen- und KrĂ€uterpraktiken genutzt haben.

Psychiatrie ist ungeachtet vieler scheinbarer Vorteile darauf fixiert, Menschen zu »reparieren«, damit sie fĂ€hig sind zu arbeiten. Psychiater*innen sind wie Mechaniker*innen oder Techniker*innen, die Maschinen reparieren, damit die Fabrik weiter funktionieren kann. Manche argumentieren sogar, dass sie [die Psychiatrie] keine Form der Medizin im eigentlichen Sinne sei, sondern eine soziale Institution, die sich unter dem Deckmantel der modernen Medizin versteckt und ihre Glorifizierung fĂŒr ihre eigenen Zwecke nutzt.

Persönlich war ich, und bin es noch immer, eine lebhafte Person. Mir wurde in der ersten Klasse ADHS diagnostiziert und Medikamente verabreicht. Auch wenn ich zu jung war, um mich heute noch an die Details zu erinnern, war ich von dieser Diagnose wirklich verletzt und sie hat noch immer anhaltende Auswirkungen auf mich. Viele haben Àhnliche Geschichten und Erfahrungen.

Um eine*n bestimmte*n anti-technologischen Denker*in zu zitieren: »Das Konzept von â€șGeisteskrankheitâ€č ist in unserer Gesellschaft grĂ¶ĂŸtenteils durch den Grad definiert, in dem sich ein Individuum im Einklang mit den Anforderungen des Systems verhĂ€lt und das ohne Anzeichen von Stress zu zeigen tut.«

Wie andere argumentiert haben und ich selbst weiter oben ist die zivilisierte Medizin und vielleicht jegliche Wissenschaft nichts als ein Trend in Richtung der Anpassung der Individuen an die BedĂŒrfnisse der Zivilisation selbst. Wo endet das? Erfindungen wie CRISPR verstehen sich selbst als die Lösung erblicher Anlagen von Krankheit, aber wir können ihnen nicht aufrichtig zugestehen, dass sie nur zu diesem Zweck verwendet werden und nicht fĂŒr rassistische oder faschistische Zwecke. Es fĂ€llt einer nicht schwer, sich vorzustellen, was FĂŒhrer wie Hitler mit einer solchen Entwicklung anstellen wĂŒrden.

TatsĂ€chlich drĂ€nge ich UnterstĂŒtzer*innen der Psychiatrie und Psychologie dazu, ihren Einsatz im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er und 40er Jahren zu erkunden. Das Programm wurde »Gesetz zur VerhĂŒtung erbkranken Nachwuchses« genannt. Es zielte auf diejenigen mit oder die Kinder derer mit diagnostizierter geistiger ZurĂŒckgebliebenheit, Schizophrenie oder sogar Alkoholismus ab. Die Aktion T4 war der systematische eugenische Massenmord derer in psychiatrischen KrankenhĂ€usern. Zwischen 270.000 und 300.000 starben. Genutzt wurden Methoden wie Gaskammern, die die Grundlage fĂŒr den Holocaust bildeten.

Ähnliche Praktiken existierten auch außerhalb Deutschlands, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im frĂŒhen 19. Jahrhundert. Henry G. Goddard, amerikanischer Psychologe und Eugeniker, war einer der vielen, die darĂŒber diskutierten, wie man mit den »untauglichen« oder »schwachsinnigen« umgehen solle. FĂŒr ihn war eine Segregation die vorrangige politische Maßnahme, um eine Mischung »schlechter« Gene zu vermeiden. Andere auf diesem Gebiet argumentierten fĂŒr Immigrationsstopps, sogar Vernichtungen. Oft hatten verarmte Frauen das höchste Risiko, fĂŒr »untauglich« befunden zu werden.

Ich werde nicht lĂŒgen und vorgeben, dass einige prĂ€-zivilisierte Kulturen nicht auch kranke oder behinderte Menschen missbrauchten, verstießen oder anderweitig missachteten. Mein Punkt ist, ans Licht zu bringen, dass die moderne Medizin einer der vielen Versuche ist, die zahlreichen WidersprĂŒche der modernen Gesellschaft zu lösen, oftmals diejenigen, die widersprĂŒchlich zwischen unserer Evolution und unserer derzeitigen Umgebung sind. Ich vertrete zudem keine idealistische RĂŒckkehr zum palĂ€olithischen Leben. Es ist absolut vorstellbar, dass eine zukĂŒnftige Medizin eine Synthese vergangener und gegenwĂ€rtiger Methoden bildet.

Ich kann ebensowenig irgendwelche gesicherten Vorteile der Medizin und Wissenschaft in unserem Zeitalter leugnen, aber Anarchist*innen wĂŒrden genausowenig die amerikanische Polizei auf Basis dessen akzeptieren, dass sie auch Gutes tun, wenn sie Vergewaltiger*innen fangen. Sie greifen die Polizei an, weil sie zunĂ€chst das System als Ganzes erzwingen und darauffolgendes oder bloß damit einhergehendes »Gutes« ein zweitrangiges Anliegen ist. Die moderne Medizin ist eine Ă€hnliche Institution.


Artxmis Graham Thoreau in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim MaschinenstĂŒrmer Distro.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org