216 ansichten


Seit Anfang Oktober 2021 unterstĂŒtzt eine anarcho-syndikalistische Gruppe GeflĂŒchtete an der polnisch-weißrussichen Grenze. Über die Situation im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland sprach fĂŒr die Direkte Aktion Magda Schröer mit den vor Ort anwesenden Aktivist:innen.

Könnt ihr sagen, wie es angefangen hat? Warum hat sich plötzlich eine so große Menge an Menschen dafĂŒr entschieden, ĂŒber die polnisch-weißrussische Grenze in die EuropĂ€ische Union zu gelangen?

Diese Möglichkeit ergab sich Anfang September 2021. Die EuropĂ€ische Union verhĂ€ngte teilweise Wirtschaftssanktionen gegen Weißrussland, weil PrĂ€sident Lukaschenko die demokratischen GrundsĂ€tze nicht respektiert. Die EU war ein wichtiger Wirtschaftspartner fĂŒr das Regime in Minsk, und diese Sanktionen haben die Wirtschaft des Landes stark belastet. Lukaschenko zog jedoch ein Ass aus dem Ärmel, nĂ€mlich die FlĂŒchtenden. Er eröffnete FremdenverkehrsbĂŒros in mehreren kriegsgebeutelten LĂ€ndern und schaffte gleichzeitig die Visumspflicht fĂŒr deren Bewohner:innen ab. Dies fĂŒhrte dazu, dass Tausende von Menschen unter dem Vorwand, das Land besuchen zu wollen, nach Weißrussland kamen und sich dann zur polnischen Grenze begaben. Die GeflĂŒchteten wurden daher fĂŒr Lukaschenko zu einem wichtigen Verhandlungsobjekt in den WirtschaftsgesprĂ€chen mit der EU.

Wie hat die polnische Regierung in den ersten Septembertagen auf diese neue Migrationsroute reagiert?

Auf die denkbar schlechteste Art und Weise. Leider hat Polens konservative Regierung die GeflĂŒchteten von Anfang an als eine Bedrohung fĂŒr das Land und die EU dargestellt. In den staatlichen Medien wurden die GeflĂŒchteten als aggressive, krankheitsĂŒbertragende gewöhnliche Wirtschaftsmigrant:innen dargestellt. Die Nachrichten im Staatsfernsehen begannen immer mit Momentaufnahmen aus verschiedenen europĂ€ischen LĂ€ndern, in denen GeflĂŒchtete Übergriffe und Vergewaltigungen begangen haben sollen. Diese Propaganda war so perfide, dass in einem Beitrag Ausschnitte aus einem Spielfilm verwendet wurden, in dem Araber eine Bank ausrauben, wobei behauptet wurde, es handele sich um Aufnahmen einer versteckten Kamera. Bei einer anderen Gelegenheit organisierte die Regierung eine Pressekonferenz, deren Hauptbestandteil eine Sim-Karte fĂŒr ein Telefon war, das angeblich im Wald gefunden wurde und Bilder von Tierpornografie und terroristischen Handlungen enthielt. Nach ein paar Tagen stellte sich heraus, dass diese Bilder aus einem pornografischen Film stammten, der seit Jahren im Internet kursierte. Auf diese Weise wurde „der GeflĂŒchtete” zu einem Zoophilen und Terroristen gemacht.

Wie hat die Öffentlichkeit diese Propaganda aufgenommen und was denkt sie ĂŒber GeflĂŒchtete in Polen?

Leider hat sich die Haltung der Polen gegenĂŒber GeflĂŒchteten in den letzten Jahren stark verschlechtert. Schuld daran sind alle politischen Richtungen, die im besten Fall zu diesem Thema geschwiegen und im schlimmsten Fall diese Menschen als den Teufel in Person dargestellt haben. Der Anteil derjenigen, die der Meinung sind, dass KriegsgeflĂŒchtete in Polen bleiben dĂŒrfen, ist also systematisch gesunken. Derzeit sind nur 31 Prozent der Meinung, dass unser Land solchen Menschen die Einreise in sein Hoheitsgebiet gestatten sollte.

Was haben die polnischen Behörden getan, als dieser „Tourismus” ĂŒber die Grenze begann?

Über das Grenzgebiet (ein 10 km breiter Streifen) wurde sehr schnell der Ausnahmezustand verhĂ€ngt, und die Ein- und Ausreise wurde verboten. Dies machte die Arbeit von Journalist:innen und Hilfsorganisationen, die sich natĂŒrlich auch nicht in das Gebiet begeben dĂŒrfen, unmöglich. Die GeflĂŒchteten sind damit völlig schutzlos und sich selbst ĂŒberlassen. Sie wurden der Möglichkeit beraubt, einen Antrag auf Aufenthalt in Polen zu stellen. Auf diese Weise haben die Behörden gegen alle internationalen Vereinbarungen und das in Polen geltende Recht verstoßen. Eine große Armee- und Polizeitruppen wurden im Grenzgebiet eingesetzt, um die GeflĂŒchteten abzufangen und durch den Stacheldraht zu werfen, der sofort ĂŒber die Grenze zu Belarus gespannt wurde. Als die Weißrussen solche Menschen fanden, schlossen sie sie zu grĂ¶ĂŸeren Gruppen zusammen und drĂ€ngten sie auf die polnische Seite zurĂŒck. Dieses merkwĂŒrdige Pingpong fĂŒhrte zum Tod vieler Menschen, die an KĂ€lte und Erschöpfung starben.

Menschen halten die Hilfspakete in der Hand_2
Foto/A.S.

Sind die GeflĂŒchteten also zu Geiseln der politischen Spielchen geworden?

Ganz genau. Sobald sie die Grenze auf der weißrussischen Seite erreichten, wurden sie ihres Geldes beraubt und sehr oft geschlagen. Dann wurden sie nachts auf die polnische Seite gedrĂ€ngt, wo sie versuchten, die Notstandszone zu passieren, wo sie von den polnischen Diensten aufgegriffen und dann in Lastwagen zur Grenze transportiert wurden, wo sie sehr oft buchstĂ€blich ĂŒber die DrahtzĂ€une geworfen wurden. Einige von ihnen mussten diese Strecke mehr als ein Dutzend Mal zurĂŒcklegen. Keine der beiden Seiten wollte ihnen helfen oder ihnen Essen oder Wasser geben. Unter ihnen befanden sich viele Kinder, Ă€ltere Menschen und ganze Familien, die vor verschiedenen bewaffneten Konflikten in ihren HeimatlĂ€ndern flohen.

Nun, wer sind diese GeflĂŒchtete und aus welchen LĂ€ndern kommen sie?

FĂŒr viele von ihnen war dieser Weg die einzige Möglichkeit, aus einem Land zu fliehen, in dem sie mit dem Tod bedroht waren. Unter ihnen ĂŒberwiegen Jemeniten, Syrer, Kurden, Afghanen und Kongolesen. Überall herrscht Krieg, und ein Billigflug nach Minsk schien wie ein Lotterielos.

Ein Schicksal, das fĂŒr viele von ihnen wohl doch nicht glĂŒcklich war?

Ganz genau. GeplĂŒndert, hungrig, frierend, niemanden kĂŒmmert es. Einige von ihnen verbrachten vier Wochen im Wald und ernĂ€hrten sich nur von dem, was sie auf den angrenzenden Feldern fanden, oder tranken Wasser aus BĂ€chen und PfĂŒtzen. Einem Großteil von ihnen gelang es, telefonisch Kontakt zu ihren Familien im Westen aufzunehmen oder sich mit Schmugglern zu arrangieren, und sie wurden nachts aus der Zone gebracht. Anschließend reisten sie nach Deutschland, Frankreich oder in andere EU-LĂ€nder. Viele von ihnen starben jedoch, und wir werden wahrscheinlich nie erfahren, wie viele es waren, da das Grenzgebiet dicht mit WĂ€ldern und SĂŒmpfen bewachsen ist. Die GrenzschĂŒtzer selbst sagen, dass die Leichen ĂŒber den Winter von Tieren „gesĂ€ubert” werden sollen.

Wie haben sich die Pol:innen verhalten, als sie dieses enorme Leid sahen?

Ganz unterschiedlich. Die große Mehrheit der Bevölkerung unterstĂŒtzt die von Anti-Migranten-Propaganda durchdrungene Grenzpolitik der Regierung. Es fanden und finden jedoch zahlreiche Demonstrationen statt, die ein Ende dieser unmenschlichen Situation und die Aufnahme von GeflĂŒchteten fordern. Außerdem wurden rund ein Dutzend FreiwilligenstĂŒtzpunkte eingerichtet, um entlang des NotstandsgĂŒrtels zu helfen.

Ist es möglich, unter solchen Bedingungen Menschen zu helfen?

Das ist sehr schwierig. Wenn mensch die Zone nicht betritt, ist eine solche Hilfeleistung theoretisch legal. Sie wird jedoch sehr erschwert, und die Personen, die sie anbieten, werden schikaniert. Die Standhaftigkeit dieser Menschen ist jedoch sehr groß, und seit mehr als drei Monaten retten sie tĂ€glich eine ganze Reihe von Menschen vor UnterkĂŒhlung und geben ihnen zu essen. Entlang der Zone (da die medizinischen Dienste nicht in die Zone einfahren dĂŒrfen) gibt es SanitĂ€ter, deren Reifen aufgeschlitzt oder deren Autos mehrfach beschĂ€digt wurden.

eissrussischen-polnischen Grenze machen Gefluechtete eine Pause
Foto/A.S.

Das, was ihr sagt, klingt schrecklich. Wie halten die Leute das aus?

Das erinnert an die Jagd auf Juden wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. Die Armee spĂŒrt diese Menschen mit Hunden, Drohnen und WĂ€rmebildgerĂ€ten auf. Sie sind nicht nur körperlich extrem erschöpft, sondern auch geistig nicht fit. Die Freiwilligen trafen sehr oft auf Menschen, die ĂŒber Selbstmord nachdachten oder völlig apathisch waren und zu denen nur sehr wenig Kontakt bestand. Das ist sehr schlecht fĂŒr Kinder, die die ganze Situation nicht verstehen und den Wald nachts beĂ€ngstigend genug finden.

Könnt ihr von einzelnen FÀllen erzÀhlen, die besonders in Erinnerung geblieben sind?

Es gibt viele solcher VorfĂ€lle. Wir erhielten einen Notruf von einer Frau, die sich mit ihrem zweijĂ€hrigen Kind verlaufen hatte, als sie auf der Flucht die grĂŒne Grenze ĂŒberquerte. Sie hatte mehrere Stunden lang nach ihm gesucht. Als wir ankamen, hörten wir es weinen, aber im nĂ€chtlichen Wald ist es sehr schwierig, die Quelle des GerĂ€uschs zu lokalisieren, und wir konnten es nicht finden. Wir haben auch zweimal einer Frau geholfen, die im Wald eine Fehlgeburt hatte. Praktisch jeden Tag begegnen wir Menschen, die sich in einem sehr schlechten körperlichen und geistigen Zustand befinden. Jeder dieser Menschen hat in seinem eigenen Land die Hölle durchgemacht und dann an dieser Grenze.

Gibt es jetzt, wo die Temperaturen unter den Nullpunkt sinken, weniger von diesen Menschen?

Minsk hat seinen Teil der Visafreiheit zurĂŒckgezogen, und Polen hat mit dem Bau einer Mauer begonnen, was zur Folge hat, dass weit weniger Menschen auf die polnische Seite wechseln. Es gibt immer noch viele Menschen in der Zone, die vor einiger Zeit die Grenze ĂŒberschritten haben. Aufgrund der KĂ€lte werden immer mehr Menschen mit schweren UnterkĂŒhlungserscheinungen gefunden. In diesem Fall werden sie in ein Krankenhaus gebracht, wo sie von der Polizei ĂŒberwacht werden, und nach zwei Tagen werden sie in GefĂ€ngniszellen gepackt und ĂŒber die Grenze zurĂŒckgeschickt.

Wie lange kann diese Situation noch bestehen?

Ich denke, dass diese Welle jetzt aufgrund des Mauerbaus und des kalten Wetters zurĂŒckgehen könnte. Diese Strecke wird jedoch im FrĂŒhjahr wieder befahren werden. Trotz der schrecklichen Dinge, die hier geschehen, ist es eine viel schnellere Route als die anderen. Wenn mensch sich entscheidet, aus einem vom Krieg zerrĂŒtteten Land zu fliehen, ist er bereit, das Risiko einzugehen, weil ihm dort ohnehin der Tod erwartet.

Danke fĂŒr das GesprĂ€ch!

Spendenaufruf

Wir sind eine Gruppe von Aktivist:innen aus Polen, die seit Anfang Oktober 2021 Menschen in der FlĂŒchtlingskrise an der polnisch-weißrussischen Grenze helfen. Wir brauchen dringend Geld fĂŒr den Kauf lebensrettender Pakete: Winterjacken, Schuhe, Hose, RucksĂ€cke, Energieriegel, NĂŒsse, Konserven, Wasser, Thermoskanne, Powerbanks, SIM-Karten, Telefone.

Ihr könnt unsere Arbeit mit den Spenden unterstĂŒtzen: pomagam.pl

Bitte nicht mehr als 4.000 Zloty (ca. 860 Euro) auf einmal einzahlen.

Bilder/A.S.




Quelle: Direkteaktion.org