MĂ€rz 1, 2021
Von Contraste
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»MenschenwĂŒrdiger Wohnraum, das Dach ĂŒberm Kopf, fĂŒr alle!« lautet einer der GrundsĂ€tze des MietshĂ€user Syndikats. Seit bald 30 Jahren schließen sich selbstorganisierte Hausprojekte in diesem Verbund zusammen, um dem privateigentĂŒmelnden Immobilienmarkt eine solidarische Perspektive entgegenzusetzen. Bereits 2003 widmete die CONTRASTE dem Syndikat einen Schwerpunkt. Und wo steht das MietshĂ€user Syndikat heute? Zeit fĂŒr einen neuen Blick in dieses vielfĂ€ltige Netzwerk!

Regine Beyss, Redaktion Kassel und Veit Wolfer, MietshÀuser Syndikat

1992 ist das MietshĂ€user Syndikat (MHS) aus dem bewegten HĂ€user- und Mietkampf um die Grether’sche Fabrik in Freiburg hervorgegangen. Die damals festgelegten GrundsĂ€tze bilden auch fast 30 Jahre spĂ€ter noch den Kern der Syndikatsidee: Gemeineigentum an Haus und Grund, bezahlbarer Wohnraum fĂŒr alle und die SolidaritĂ€t zwischen den selbstorganisierten Hausprojekten. Alle Syndikatsprojekte vereint der kollektive Wunsch nach einem Haus, in dem es sich selbstbestimmt leben oder arbeiten lĂ€sst, dem nicht irgendwann die ZwangsrĂ€umung oder Abrissbirne droht. Dass dies auch ohne Privateigentum an Immobilien möglich ist, zeigen die inzwischen 161 MHS-Projekte – Tendenz stark steigend.

Die gemeinsame Idee wird auf vielfĂ€ltige Weise vor Ort gelebt: Vom Kleinprojekt mit vier Menschen bis zu großen Wohnanlagen mit 275 Bewohner*innen oder rein gewerblich genutzten HĂ€usern. Hinzu kommen zwei Entwicklungen, die besonders in den grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten ins Auge fallen: Mehr Mieter*innengemeinschaften schließen sich zusammen – oft durch den drohenden Verkauf ihres Mietshauses alarmiert – und wenden sich an die Beratungsstrukturen des Syndikats, um ihr Haus kollektiv zu ĂŒbernehmen. Des Weiteren finden sich vermehrt Gruppen zusammen, die trotz der hohen Anfangsinvestition einen Neubau errichten wollen anstatt einen bröckelnden Altbau aufwendig zu sanieren. Mit der Syndikatstiftung hat das MHS zudem ein neues Werkzeug fĂŒr die Vergesellschaftung von Grund und Boden, mit dem es neuen Hausprojektgruppen zusĂ€tzlich finanziell unter die Arme greifen will.

Neben diesen konkreten Projekten engagiert sich das MietshĂ€user Syndikat in den letzten Jahren verstĂ€rkt auf politischer Ebene und setzt sich fĂŒr die Interessen des gemeinschaftlichen und selbstverwalteten Wohnens ein, beispielsweise indem es fĂŒr solidarwirtschaftliche Projekte Ausnahmen im Kleinanlegerschutzgesetz aushandelt oder dafĂŒr sorgt, dass das Syndikatsmodell gleichberechtigt neben Baugruppen oder Genossenschaften bei GrundstĂŒcksvergaben berĂŒcksichtigt wird. Lobbying fĂŒr eine Stadt fĂŒr alle.

Ungeachtet des starken Wachstums des Projektverbundes sind es nach wie vor die vielen Engagierten in den Hausprojekten, die das Syndikat mit Leben fĂŒllen und sich unentgeltlich fĂŒr die Ideen des Syndikats einsetzen. Bis heute gibt es im MHS nur eine halbe, bezahlte Stelle. Mit dem Wachstum wurden jedoch auch die Selbstverwaltungsstrukturen ausgebaut: dezentral organisierte, regionale Beratungen und Koordinationen ĂŒbernehmen heute grĂ¶ĂŸtenteils die Beratung neuer Hausprojekte vor Ort. DarĂŒber hinaus wird in Arbeitsgruppen Wissen ausgetauscht und themenbezogen diskutiert, wie sich das Syndikat weiterentwickeln kann.

»Expansion oder Zellzeitung: sind neunzehn (
) Haus-Projekte bereits zu viel? Oder nur die winzige Keimzelle eines großen solidarischen Zusammenhangs, der prinzipiell auch tausend MietshĂ€user in Selbst­organisation aufnehmen kann?« Die bereits 2003 in der CONTRASTE gestellte Frage ist auch heute noch unbeantwortet. Aber in den nĂ€chsten 30 Jahren bleibt genug Zeit, das herauszufinden.

Link: www.syndikat.org

Titelbild: Das 3HĂ€userProjekt in Freiburg im Sommer 2017: Die Banner am GerĂŒst machen deutlich, welche Ziele das MietshĂ€user Syndikat verfolgt. Foto: Frank Mayer


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Quelle: Contraste.org