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Vor einem Anwerbeladen: „Ja, sagt er, er habe den Job. Auf Nachfrage fügt er hinzu, dass er schon mal bei Amazon gearbeitet habe, aber sein Vertrag zunächst nicht verlängert worden sei. Ich beglückwünsche ihn zu seinem Erfolg, aber er verzieht das Gesicht: »Ach komm, Amazon, das ist wie das Gefängnis. Genauso gut hättest du mir jetzt gratulieren können, dass ich in den Knast komme.«“[1]Grenzen aus Glas, S. 8.

Refugees@work und multiple Prekarität

Vorarbeiter, die andere Mitarbeiter:innen schubsen; entsetzliche Wohnsituationen; Afrikaner:innen, die als letzte in die Pause geschickt werden; Arbeiterinnen, die stets die schlechter bezahlten Jobs bekommen; die Hölle der abgeschlachteten Tiere in Akkord; schlechte Einarbeitungen, die zu Verstümmelungen führen … Die Arbeitsbedingungen in Deutschland sind für Migrant:innen nicht besser als in weniger industrialisierten Ländern. Es ist, als ob Deutschland in zwei Welten geteilt wäre. Die zweite liegt hinter einer Glaswand, durch die zu selten geguckt wird.

Zur Situation migrantischer Arbeiter:innen fanden im Rahmen der Studie Refugees@Work von 2017 bis 2021 zahlreiche Befragungen statt. Die Forscher:innen des Soziologischen Instituts Göttingen untersuchten Betriebe, in denen die Mehrheit der Arbeiter:innen keinen deutschen Pass hat und viele von ihnen erst seit kurzem in Deutschland sind. Neben der Krankenpflege, Gebäudereinigung und Metall- und Elektroindustrie legten sie den Hauptfokus auf die extrem expandierenden Branchen der Fleischindustrie und Amazon mit dem Online-Versandhandel. Der Soziologe Peter Birke führte zusammen mit zahlreichen Mitwirkenden über 150 Gespräche – vor allem mit Arbeiter:innen und Familienangehörigen, Menschen aus Betriebsräten, aber auch Manager:innen der Betriebe, Mitarbeiter:innen von Jobcentern und Gewerkschaftler:innen. Die Ergebnisse stellt er in Grenzen aus Glas. Arbeit, Rassismus und Kämpfe der Migration in Deutschland vor.

In der Arbeitsforschung fehlt häufig die Untersuchung der zahlreichen Umstände, die die Prekarität der Arbeitsbedingungen ermöglichen. Wegweisend dürfte Grenzen aus Glas durch den Ansatz sein, die „außerbetrieblichen“ Rahmenbedingungen ebenso in den Fokus zu nehmen. Eine Vielzahl an Faktoren erschafft eine, wie Birke es nennt, multiple Prekarität:

Es braucht eine ganze Logistik: Anwerbebüros in Bukarest, Leute, die die Fahrt mit Kleinbussen zur Grenze organisieren, den Übertritt an der Grenze, ob legal oder nicht, Vier- bis Achtbettzimmer in einer alten Kaserne, Unterkünfte für Geflüchtete, Sozialarbeiter*innen und Jobcenter, die die »Arbeitsmarktintegration« fördern.[2]Ebd., S. 42.

Die gesellschaftlichen Diskurse und daraus resultierenden Gesetze bringt Birke treffend auf den Punkt und führt vor Augen, wie seit dem Sommer 2016 und den daraus resultierenden Integrationsgesetzen 2016 das Aufenthaltsgesetz immer stärker mit einer Erwerbsarbeit verknüpft wurde. Zwar sind wir alle frei, unsere Arbeitskraft zu verkaufen, doch in wie weit ist diese Freiheit eine Farce, wenn der unsichere Aufenthalt zum „Damoklesschwert der Abschiebung zur Dauerbedrohung“[3]Ebd., S. 40. wird?

Zusätzlich dramatisch wird diese Frage in Anbetracht der Gefährdung der eigenen Gesundheit durch die Lohnarbeit. Als die Studie begann, die unter anderem Befragungen bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück durchführte, hätten die Forscher:innen nicht mit den Geschehnissen des Frühlings 2020 rechnen können. Über 6.000 Corona-Infizierte in dem Betrieb brachten endlich das Thema der schlechten Arbeitsbedingungen und Unterkünfte in die öffentliche Diskussion. Grenzen aus Glas gibt im dritten Teil einen umfassenden Einblick in die Veränderungen seit der Pandemie: die anfängliche Angst, die Ausweitung der Arbeitszeiten, die Weigerung des Managements seit der Maskenpflicht mehr nötige Atempausen zu bezahlen und auch in die Kämpfe und Protestformen.

Eigenmächtige Arbeitskämpfe

Besonders aussagekräftig in dem Buch ist die erwähnte Diskussion um den Begriff der Arbeiter:innen als Sklav:innen. Birke ordnet sich einer kritischen Haltung zu, da das Wort oft eine Konnotation der Passivität beinhaltet und die Zustände als unveränderlich wahrnimmt. Seine entgegenstehende Haltung durchzieht das gesamte Werk, das gespickt ist mit den Beschreibungen zahlreicher Arbeiter:innenkämpfe. Diese machen das Werk für alle Gewerkschafter:innen extrem lehrreich. Das Buch zeigt einmal mehr, dass gewerkschaftlicher Kampf transnational gedacht werden sollte. Da die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in Deutschland extrem schlecht sind, reisen mittlerweile viele Arbeiter:innen weiter in die Niederlande oder Dänemark. „Manchmal scheint es fast, als wären die Leute nicht gekommen, um zu bleiben, sondern sie gehen, um zu bleiben.“ [4]Ebd., S. 340.

Anschaulich wird die wissenschaftliche Arbeit neben dem gut lesbaren Schreibstil von Birke durch die Zitate der befragten Arbeiter:innen, wie von Herrn Jakob zum Thema der Exit-Option:

Letzte Woche haben so 20 das Band angehalten. Polen und Albaner, weil sie es einfach nicht mehr ausgehalten haben. Es waren auch sechs Rumänen dabei. Sie hatten 12-Stunden-Schichten. Und sie sind einfach nicht mehr gekommen. Dolmetscherin: Das habe ich auch von (Betrieb X) gehört, da haben sie auch das Band angehalten und die Arbeitszeiten sind dann kürzer gemacht worden. Befragter: […] Die Chefs sind dann hinterhergerannt, bitte, bitte, bitte, wollte ihr nicht zurück. (Alle lachen.) Aber die Polen und die Albaner waren schon weg. Nur wir Rumänen sind mal wieder zurückgekommen.[5]Ebd., S. 286.

Leider ist dieser Exit vor allem für Menschen mit Familie keine Möglichkeit. Birke stellt weiterhin die Ausführung der Proteste innerhalb der Sprachgruppen fest. Für größere Veränderungen bräuchte es mehr Organisation der Menschen untereinander. Immer wieder überlegt Birke, wie dies geschaffen werden kann und diskutiert die Rolle der Gewerkschaften und die Aussicht auf Verbesserung durch neue Gesetze. Damit wirkliche Veränderungen erreicht werden, brauche es zudem einen Kampf, der die verschiedenen Lebensbereiche der Arbeiter:innen miteinbezieht, also neben besseren Arbeitsbedingungen auch einen Kampf im Aufenthaltsrecht und für bessere Wohnungen. Eine umfassende Herausforderung. Doch das es so nicht weitergehen kann, steht außer Frage. Die Verbesserungen, die in der Fleischindustrie in einer Welle gewerkschaftlicher Organisierung nach dem Zweiten Weltkrieg erwirkt wurden, sind mittlerweile kaum noch spürbar. „Hierzulande sind wir, wie in den USA, fast wieder auf dem Stand von 1905.[6]Ebd., S. 366.

Grenzen aus Glas. Arbeit, Rassismus und Kämpfe der Migration in Deutschland. Wien, Berlin: Mandelbaum, 400 S.
Wer das Buch kaufen möchte, kann dies hier tun.

Bildnachweis: Rechte bei der DA




Quelle: Direkteaktion.org