August 11, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Via RoarMag

Im Jahr 2014 wurde Michael Brown von einem Cop in Ferguson, Missouri, erschossen und löste damit Massenproteste aus. Obwohl die Polizei von Ferguson nur 53 Cops zĂ€hlte, glich ihre Reaktion „dem Einsatz einer Armee in einem Miniatur-Kriegsgebiet“. Blendgranaten, TrĂ€nengas, Gummigeschosse und Schlagstöcke wurden von Cops, die gepanzerte Fahrzeuge fuhren und automatische Gewehre trugen, auf die ĂŒberwiegend jungen, afroamerikanischen Demonstrierenden abgefeuert. PolizeischarfschĂŒtzen richteten ihre Waffen auf die Menge. Journalist_innen wurden verhaftet und „wie feindliche KĂ€mpfende behandelt“.

Die Ereignisse in Ferguson zeigen, dass Militarismus und Krieg nicht mehr dem Bild von zwei gegnerischen Armeen entsprechen, die auf einem Schlachtfeld aufgereiht sind und in einem Ereignis mit einem klaren Anfang und Ende (Niederlage, bei der der Gewinner alles nimmt) aufeinander losgehen. Krieg ist — und war schon immer — viel durchdringender und komplexer als das, aufgebaut auf Prozessen des Militarismus und der Militarisierung, die jeden Tag auf vielfĂ€ltige Weise von normalen Menschen auf der ganzen Welt erlebt werden; Kriege werden auf unseren Straßen, gegen unsere Gemeinschaften gefĂŒhrt.

Militarismus ist verwurzelt in und definiert durch die Normen und Werte der traditionellen staatlichen und militĂ€rischen Strukturen, die darauf ausgelegt sind, Kriege zu fĂŒhren. Er ist gekennzeichnet durch Hierarchie, Disziplin, Gehorsam, Ordnung, Aggression und Hyper-MĂ€nnlichkeit. Eine militarisierte Institution ist eine, die sowohl die offene AusĂŒbung von Gewalt, als auch die Kultur und die Werte, die sie rechtfertigen, angenommen hat. Militarismus ist daher nicht auf die StreitkrĂ€fte beschrĂ€nkt, da andere Institutionen wie Polizei und Grenzschutz seine Werte und Praktiken ĂŒbernehmen.

Der Militarismus, der die militarisierten PolizeikrĂ€fte aufrechterhĂ€lt, ist ein Problem fĂŒr alle. Dies zu akzeptieren bedeutet, dass viel mehr von uns „Antimilitarist_innen“ sind, als wir vielleicht denken. Feminist_innen haben lange argumentiert, dass das „Persönliche politisch ist“ — dass alles ein feministisches Thema ist. Ich wĂŒrde Ă€hnlich argumentieren, dass „Antimilitarismus“ weit ĂŒber die traditionellen „Anti-Kriegs“-Bewegungen hinaus praktiziert werden muss und einer der Eckpfeiler aller Volksbewegungen werden muss.

WAS IST MILITARISIERTE POLIZEIARBEIT?

Die „Typologie der Gewalt“ des Soziologen Johan Galtung ist ein nĂŒtzliches Modell, um die Beziehung zwischen physischer Gewalt und ihren strukturellen und kulturellen Bedingungen zu verstehen. Galtung verwendet das Bild eines Eisbergs; direkte, physische Gewalt befindet sich oberhalb der WasseroberflĂ€che, wĂ€hrend sich unter der OberflĂ€che strukturelle Gewalt befindet, die Systeme und Strukturen einschließt, die rassistisch oder sexistisch sind oder in irgendeiner Form Menschen als weniger als vollwertig behandeln.

Kulturelle Gewalt schafft die Bedingungen fĂŒr sowohl direkte als auch strukturelle Gewalt. Kulturelle Gewalt findet sich in unseren Geschichten und Mythen und den Werten und Normen, die sie verkörpern. Sie verewigt, verschleiert oder erhĂ€lt die verschiedenen Formen von Gewalt aufrecht, die Menschen weltweit erfahren — von Vorstellungen wie „arme Menschen sind faul“ bis hin zu „unsere Polizei muss in der Lage sein, sich selbst zu schĂŒtzen.“

In Galtungs Modell kann Militarismus als kulturelle Gewalt gesehen werden; als Ausdruck der Werte und Normen, die die Militarisierung in der Ausbildung, den Kommandostrukturen, der Entscheidungsfindung und auf den Straßen verewigen. Er ist, wie die feministische Wissenschaftlerin Cynthia Enloe argumentiert, um ein „Paket von Ideen“ herum aufgebaut, die „uns die Vorstellung einimpfen, dass die Welt ein gefĂ€hrlicher Ort ist, dass es natĂŒrlich diejenigen gibt, die beschĂŒtzt werden mĂŒssen und umgekehrt diejenigen, die beschĂŒtzen mĂŒssen.“ Diese Kategorien markieren klare Trennlinien zwischen schutzbedĂŒrftigen Gruppen — der „in“-Gruppe — und denen, die eine Bedrohung darstellen — der „out“-Gruppe.

Die Militarisierung geht ĂŒber die Praktiken bestimmter Polizeieinheiten, AusrĂŒstungen und Waffen, spezifische Taktiken zur Kontrolle von Menschenmengen oder schwer gepanzerte Fahrzeuge hinaus und verlĂ€uft tiefer. Sie beinhaltet die zugrundeliegenden kulturellen Annahmen, die diese Gewalt unterstĂŒtzen und aufrechterhalten, die Narrative, die sie „normal“ oder akzeptabel erscheinen lassen. Militarismus ist auch tief in soziale Unterteilungen eingebettet, wobei Gruppen aufgrund ihrer ethnischen IdentitĂ€t, NationalitĂ€t, Klasse, ihres religiösen Glaubens, ihres Geschlechts oder ihrer SexualitĂ€t ins Visier genommen werden, oder weil sie den Status Quo herausfordern. Das liegt daran, dass die Rolle der Polizei letztendlich darin besteht, den Staat und seine wirtschaftlichen Interessen zu schĂŒtzen.

WĂ€hrend die Art dieses Militarismus kontextspezifisch ist, sind die PolizeikrĂ€fte, die wir heute sehen, in einer langen Geschichte von Gewalt, UnterdrĂŒckung und sogar Genozid verwurzelt. In den USA sind die PolizeikrĂ€fte aus paramilitĂ€rischen Sklav_innenpatrouillen hervorgegangen. Die Metropolitan Police in London wurde nach dem Vorbild des MilitĂ€rs aufgebaut und aus diesem rekrutiert. Sie stĂŒtzte sich stark auf die Erfahrungen ihres GrĂŒnders Robert Peel in Irland, bevor sie in anderen britischen Kolonien repliziert wurde.

Es ist eine Geschichte, die andauert. First Nation Gruppen in Kanada zum Beispiel, die heute gewaltfrei ihre Territorien gegen extraktivistische Projekte verteidigen, werden immer wieder von der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) angegriffen, einer Einheit, die ihre Wurzeln in kolonialistischer Gewalt hat.

Wie der Akademiker Mark Neocleous in seinem Buch A Critical Theory of Police Power beschreibt, ist es ein Mythos, dass dieser Prozess neu ist oder „einen Bruch mit einer Vergangenheit darstellt, in der Polizei- und MilitĂ€rgewalt klarer definiert und kategorisch getrennt waren.“ Die Beziehung zwischen Polizei und MilitĂ€r war schon immer tief mit dem Kolonialismus, der Errichtung und Aufrechterhaltung von Nationalstaaten und dem Schutz des Kapitals verwoben. Diese Prozesse und Beziehungen entwickeln sich auch stĂ€ndig weiter. Zum Beispiel gab es im Apartheid-SĂŒdafrika „kaum einen Unterschied zwischen der Armee und der Polizei.“ Trotz der Versuche nach der Apartheid, die Polizei zu entmilitarisieren, indem sie beispielsweise ihr Rangsystem von dem des MilitĂ€rs Ă€nderte, hat sich der sĂŒdafrikanische Polizeidienst seither wieder in Richtung eines paramilitĂ€rischen Ansatzes bewegt, zum Beispiel bei der Überwachung von Protesten.

GEWALT UND KONFLIKT

Wenn wir mit Konflikten konfrontiert werden, reagieren wir Menschen auf verschiedene Weise und wĂ€hlen oft Lösungen, die Gewalt vermeiden. Wir sind sehr gut darin, zu verhandeln, zu kommunizieren, zu kooperieren und natĂŒrlich auch, uns denen zu unterwerfen, die mĂ€chtiger sind als wir. Gewalt in unserer Gesellschaft ist allgegenwĂ€rtig; sie wird jeden Tag von Opfern von Verbrechen oder hĂ€uslicher Gewalt und mehr erlebt. Aber die systemische Art und Weise, wie Armeen und militarisierte Polizeieinheiten den Einsatz von ĂŒberwĂ€ltigender Gewalt planen und vorbereiten, ist spezifisch und einzigartig.

Ein Kernbeispiel fĂŒr militarisierte Polizeiarbeit ist die UnterdrĂŒckung von Protest und Dissens. Soziale Bewegungen kommen durch Lobbyarbeit, Proteste oder direkte Aktionen in Konflikt mit den Behörden. Die Behörden reagieren auf diese Konflikte auf unterschiedliche Art und Weise, wobei sie manchmal zu militarisierten Optionen greifen. Diese Gewalt wird geplant, trainiert, wiederholt geprobt und oft auf eine kalkulierte Art und Weise ausgeĂŒbt, die darauf abzielt, den wahrgenommenen Feind oder die Bedrohung zu desorientieren, zu ĂŒberwĂ€ltigen oder zu eliminieren.

Durch die Linse des Militarismus hört der Konflikt auf, etwas zu sein, das VerÀnderung und Transformation vorantreibt; er wird zu einer Bedrohung, die neutralisiert werden muss und die Individuen und Gruppen, die den Konflikt vorantreiben, werden zu Feinden, Àhnlich wie eine fremde, eindringende Armee. Gewalt dieser Art beruht auf der Befehlsgehorsamkeit der TÀter_innen, der Entmenschlichung der Opfer und einer gesteigerten Wahrnehmung von Bedrohung.

Die Erfahrungen der Demokratiebewegung in Hongkong dienen als ein besonders extremes Beispiel. WĂ€hrend in Hongkong diese Taktiken von einer extrem autoritĂ€ren Regierung angewandt wurden, haben wir Ă€hnliche Beispiele von Polizeigewalt gegen Aktivist_innen auf der ganzen Welt gesehen — in Chile, Frankreich, Deutschland, Indonesien, Myanmar, SĂŒdafrika, SĂŒdkorea und den USA, um nur einige zu nennen.

TRAINING

Die Polizeiausbildung ist ein wesentlicher Mechanismus der Militarisierung, da jedes Jahr PolizeikrĂ€fte weltweit vom MilitĂ€r ausgebildet werden. Tausende von US-Cops wurden vom israelischen MilitĂ€r in Taktiken zur Kontrolle von Menschenmengen, Gewaltanwendung und Überwachung geschult.

Polizeiausbilder wie David Grossman treiben in Workshops, Seminaren und Trainings eine „KriegermentalitĂ€t“ in die Polizeiarbeit, bei der den Teilnehmenden gesagt wird: „Wir. Sind. Im. Krieg
 Und ihr seid die Fronttruppen in diesem Krieg. Es gibt keine Eliteeinheit, die auftaucht, um euch den Arsch zu retten, wenn die Terroristen angreifen. Ihr seid die Delta Force. Ihr seid die Green Berets. Ihr seid der britische SAS. Könnt ihr das akzeptieren?“

Solches Training zielt darauf ab, eine Weltanschauung in eindeutigen BinaritĂ€ten zu verstĂ€rken — „wir gegen sie“, „Freund oder Feind“, „Feind oder VerbĂŒndeter“ — was ein Hauptmerkmal einer militarisierten Denkweise ist, die oft durch ein GefĂŒhl der Straffreiheit verstĂ€rkt wird. Diese Narrative verstĂ€rken die Wahrnehmung, dass Cops auf der Straße wie Soldat_innen auf einem Schlachtfeld sind, wo arme und marginalisierte Gemeinschaften sowie Menschen, die sich in Protest und Aktivismus engagieren, schnell die Rolle eines vorrĂŒckenden Feindes einnehmen.

Nationale und internationale staatliche Stellen und Regierungen spielen eine bedeutende Rolle bei der UnterstĂŒtzung der Militarisierung der PolizeikrĂ€fte. Zum Beispiel wurde das Jakarta Center for Law Enforcement Cooperation (JCLEC), das Polizeieinheiten zur VerfĂŒgung stellt, die an der gewaltsamen UnterdrĂŒckung der Menschen in West Papua beteiligt sind, von der indonesischen und australischen Polizei gegrĂŒndet und listet unter seinen Partnern die kanadische RCMP, das dĂ€nische Außenministerium und das britische Foreign and Commonwealth Office (FCO — jetzt Foreign, Commonwealth and Development Office) auf.

Doch diese transnationalen Polizeinetzwerke bieten auch wichtige Möglichkeiten fĂŒr SolidaritĂ€t. Die Kampagne Make West Papua Safe arbeitet mit Aktivist_innen weltweit zusammen, um auslĂ€ndische Regierungen fĂŒr ihre UnterstĂŒtzung der indonesischen Polizeigewalt zur Rechenschaft zu ziehen.

AUSRÜSTUNG

Eine 2017 durchgefĂŒhrte Studie zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen der Art der AusrĂŒstung von Cops und der Anzahl der Menschen, die sie töten. Die Autor_innen der Studie argumentieren, dass dies dem „Gesetz des Instruments“ Ă€hnelt — wenn das einzige Werkzeug, das du hast, ein Hammer ist, sieht alles wie ein Nagel aus. Wenn du die Art von AusrĂŒstung hast, die eine Armee benutzt, sieht alles wie die Art von Bedrohung aus, der die StreitkrĂ€fte in Kriegsgebieten ausgesetzt sind.

Ein weiteres wichtiges Merkmal der militarisierten Polizeiarbeit ist der Einsatz von „nicht-tödlichen“ Waffen, darunter Geschosse wie Gummi- und Plastikkugeln, Gummi- und Beanbag-Geschosse, chemische Waffen wie Pfefferspray und TrĂ€nengas und auf Fahrzeugen montierte Waffen wie Wasserwerfer. Es gibt einen wachsenden Markt fĂŒr solche Waffen, und die Unternehmen bieten eine wachsende Auswahl an Produkten an, um die Nachfrage zu befriedigen.

Der Flash-Ball zum Beispiel wurde von PolizeikrĂ€ften in Frankreich gegen Bewegungen wie die Gilets Jaunes eingesetzt. Der Hersteller behauptet, dass diese Waffe die Stoppkraft — also die FĂ€higkeit einer Schusswaffe, ein Ziel zu stoppen — einer .38 Millimeter Handfeuerwaffe entspricht. Laut Laurent Thines, Neurochirurg und Chefarzt am Lehrkrankenhaus in Besançon, ist es, vom Flash-Ball getroffen zu werden, „als wĂŒrde man einen 20 Kilogramm schweren Betonblock aus einem Meter Höhe auf das Gesicht oder den Kopf geworfen bekommen.“

ZusĂ€tzlich zu den „nicht-tödlichen“ Waffen ist es ĂŒblich, dass Cops Waffen tragen, die identisch mit denen des MilitĂ€rs sind. Seit 1997 hat das US-Verteidigungsministerium im Rahmen des 1033-Programms mehr als 7,2 Milliarden Dollar an militĂ€rischer AusrĂŒstung an PolizeikrĂ€fte im ganzen Land ĂŒbertragen. Untersuchungen haben gezeigt, dass die PolizeikrĂ€fte, die diese AusrĂŒstung erhalten, gewalttĂ€tiger werden. Die AusrĂŒstung wird auch routinemĂ€ĂŸig auf der ganzen Welt gehandelt; es ist sehr ĂŒblich, dass Waffen, die in einem Land produziert wurden, von der Polizei in anderen LĂ€ndern verwendet werden. Zum Beispiel wurde dokumentiert, dass libanesische SicherheitskrĂ€fte eine breite Palette von Waffen benutzen, die von französischen Firmen hergestellt wurden.

SCHUTZ DER „IN“-GRUPPE VOR DER „OUT“-GRUPPE

Wie wir bereits erforscht haben, stehen militarisierte PolizeikrĂ€fte oft an der Trennlinie zwischen „in“- und „out“-Gruppen und halten Ungleichheiten und unterdrĂŒckerische Beziehungen aufrecht. Wir können davon ausgehen, dass der Klimazusammenbruch und die endemischen ökonomischen Ungleichheiten diese Trennungen in Zukunft noch stĂ€rker machen werden. Ein weiterer Faktor, der dazu beitrĂ€gt, sind die immer extremeren Methoden der Energiegewinnung, mit denen Staaten und private Unternehmen in neue Gebiete vordringen — sie graben tiefer, transportieren fossile Brennstoffe ĂŒber grĂ¶ĂŸere Entfernungen und zerstören mehr Umwelt, von der die Menschen fĂŒr ihr Überleben abhĂ€ngen.

Dies zeigt sich deutlich in Kanada, wo indigene Völker wie die Wet’suwet’en in Britisch Kolumbien sich gegen die Besetzung und Zerstörung ihres Landes durch Unternehmen wehren, die Mineralien abbauen oder ihr Land als Linie fĂŒr Gaspipelines nutzen wollen. Die Royal Canadian Mounted Police (RCMP), die 1873 als „North-West Mounted Police“ gegrĂŒndet wurde, nur sechs Jahre nach der GrĂŒndung Kanadas als Nationalstaat, hat eine einstweilige VerfĂŒgung der CoastalGaslink Pipeline durchgesetzt. Die RCMP hat wiederholt extraktivistische Projekte wie Pipelines und Wasserkraftwerke unterstĂŒtzt und wurde von indigenen Gemeinden mit „einer auslĂ€ndischen Besatzungsarmee“ verglichen.

Notizen aus einer Strategiesitzung der RCMP zeigen, dass Offiziere wĂ€hrend der Operation zur RĂ€umung der Gidimt’en-Straßensperre der Wet’suwet’en fĂŒr den Einsatz von „tödlicher Überwachung“ plĂ€dierten — was bedeutet, dass Offiziere eingesetzt wurden, die bereit waren, tödliche Gewalt anzuwenden. Die Razzia wurde von RCMP Offizieren durchgefĂŒhrt, die in MilitĂ€rkleidung gekleidet waren und Sturmgewehre trugen. 14 Menschen wurden verhaftet. Die Razzia löste eine riesige Welle direkter Aktionen in ganz Kanada und darĂŒber hinaus aus, mit Straßenprotesten und Aktivist_innen, die Eisenbahnlinien blockierten.

Der Militarismus kĂ€mpft mit Unterschieden und Vielfalt, weil er an seiner Wurzel durch KonformitĂ€t und Ordnung definiert ist. Diejenigen, die nicht konform sind, werden schnell als Bedrohung — oder als potentielle Bedrohung — wahrgenommen, die es zu eliminieren gilt. Die Militarisierung nimmt also die Logik des Schlachtfeldes und ĂŒbertrĂ€gt sie auf die Straßen und Gemeinschaften. Mit diesem gesteigerten GefĂŒhl der Bedrohung ist es fĂŒr Cops wahrscheinlicher Situationen falsch zu deuten und schnell zu tödlicher Gewalt zu eskalieren; und all dies geschieht ausnahmslos entlang von tief verankerten Diskriminierungen.

NORMALISIERUNG

In New Statesman beschreibt der britische Politikjournalist Paul Mason eine Szene an einem Bahnhof in einer Großstadt:

Drei Cops der British Transport Police, die in einem CafĂ© Flat Whites bestellen, inmitten einer kurzen Pause wĂ€hrend einer wohl anstrengenden Schicht. Einer war mit einer Pistole bewaffnet und trug Kevlar, die anderen trugen Stichschutzwesten und sperrige taktische Kleidung. Alle waren mit Ohrstöpseln, Tasern, Pfeffersprays ausgestattet — und alle waren angespannt, scannten aufmerksam die belebte Straße, wĂ€hrend sie auf ihre GetrĂ€nke warteten. Traurigerweise sieht dieses Niveau der AusrĂŒstung, diese IntensitĂ€t und Militarisierung der Polizeiarbeit jetzt so normal aus, dass nur wenige in der Kaffeebar einen zweiten Blick auf sie warfen.

Was in dieser Szene von Bedeutung ist, ist nicht die AusrĂŒstung, sondern die Normalisierung der Militarisierung; sie ist zutiefst beunruhigend, weil sie nahelegt, dass die Öffentlichkeit diese Prozesse akzeptiert und vielleicht sogar duldet, wenn sie eigentlich konfrontiert und hinterfragt werden mĂŒssen.

Militarisierungsprozesse sind im Gange und durchdringen weiterhin unser Leben und den politischen Diskurs. In Großbritannien gab es in den 1960er und 1970er Jahren bedeutende Proteste, aber keine Riot Cops. Aber in den 1980er Jahren wurde der taktische Einsatzschild zur „ultimativen symbolischen Barriere zwischen den MĂ€chtigen und den Machtlosen“, wie Mason es ausdrĂŒckt, wĂ€hrend sich weltweit Riot-Policing in Richtung Aggression und Angriff durchsetzte.

Im Jahr 2006 wurden „temporĂ€re“ EinsĂ€tze des MilitĂ€rs in „Hilfsrollen“ zu einem festen Bestandteil des Lebens in Mexiko, wobei die StreitkrĂ€fte effektiv die Polizei ersetzen anstatt sie nur zu unterstĂŒtzen. Im Jahr 2018 kĂŒndigte PrĂ€sident LĂłpez Obrador eine neue 40.000 Mann starke, vom MilitĂ€r kontrollierte Nationalgarde an, die Mitte 2019 ihre Arbeit aufnahm. Die Garde ist eine hybride Truppe, die sich aus der MilitĂ€rpolizei, der Marinepolizei und der Bundespolizei zusammensetzt, die laut LĂłpez Obrador „militĂ€rische Disziplin“ zeigen soll.

Überall auf der Welt erleben die Menschen Ă€hnliche Militarisierungsprozesse der PolizeikrĂ€fte, die neu definieren, was „normal“ ist. Diese Prozesse finden oft hinter den Kulissen statt, da die politischen FĂŒhrenden mehr Macht und Kontrolle fordern, um einige Teile ihrer Bevölkerung „sicher“ zu halten. Es ist von Natur aus schwierig, sie herauszufordern, da abweichende Stimmen von genau den Systemen, die sie herausfordern wollen, ins Visier genommen werden. Sobald diese Prozesse auf den PrĂŒfstand kommen, sehen wir sie als das, was sie sind: gewalttĂ€tig, unterdrĂŒckend und diskriminierend. NatĂŒrlich profitieren einige Teile der Gesellschaft von der Militarisierung — Vermögenswerte werden geschĂŒtzt, wĂ€hrend Ungleichheiten aufrechterhalten werden — wĂ€hrend sie fĂŒr andere einfach unsichtbar ist.

WIR SIND ALLE ANTIMILITARIST_INNEN

Unser Planet befindet sich an einem Scheideweg. Wir mĂŒssen krasse Entscheidungen treffen, da wir sowohl jetzt als auch in den kommenden Jahren komplexen ökologischen, sozialen und politischen Herausforderungen gegenĂŒberstehen. Einige Machthabende und Entscheidungstragende werden versuchen, die bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten, die durch zĂŒgellose wirtschaftliche Ungleichheit, Rassismus und andere Formen der strukturellen Diskriminierung und eine zerstörerische, ausbeuterische Nutzung der endlichen natĂŒrlichen Ressourcen gekennzeichnet ist. Die „Lösungen“, die fĂŒr diese Probleme angeboten werden, werden technisch und technologisch sein, nicht transformativ, und die Aufrechterhaltung dieses Status Quo wird eine zunehmende AbhĂ€ngigkeit von militarisierten und erzwungenen Grenzen zwischen den „Habenden“ und den „Nichthabenden“, den „In“- und den „Out“-Gruppen bedeuten.

Der Militarismus ist der Klebstoff, der die Gewalt untermauert, die Menschen auf der ganzen Welt durch die Polizei und die SicherheitskrĂ€fte angetan wird. Er wird weiterhin dieses gewalttĂ€tige, missbrĂ€uchliche und rassistische Policing unterstĂŒtzen, die einen unterdrĂŒckerischen und zerstörerischen Status Quo aufrechterhalten will. Es betrifft jeden von uns, also geht es auch jeden etwas an. Um diesen allgegenwĂ€rtigen Militarismus herauszufordern, mĂŒssen wir uns mit einer Reihe seiner Hauptmerkmale auseinandersetzen: die Art und Weise, wie extreme Gewalt als Antwort auf Konflikte bereitwillig angenommen wird; die Wahrnehmung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit als Bedrohung, die es zu unterdrĂŒcken oder zu eliminieren gilt; die Akzeptanz von Kontrolle, Disziplin, Hierarchie und ĂŒbertriebenem Patriotismus; und die Art und Weise, wie das Verhalten und die Einstellungen, die mit dem MilitĂ€r verbunden sind, zur Norm werden, an der alle anderen Verhaltensweisen und Einstellungen definiert und gemessen werden.

Wenn wir verstehen, dass der Militarismus ein wesentlicher StĂŒtzpfeiler ist, der einen Großteil der Ungerechtigkeiten und der Gewalt in der Welt aufrechterhĂ€lt, hört er schnell auf, ein „Problem“ zu sein, das nur von der Antikriegsbewegung betrachtet und herausgefordert werden kann, und wird zu etwas, das sich auf jeden auswirkt, der nach einer möglichst gerechten und gleichberechtigten Welt strebt.

Wir können auf die ökologischen und sozialen Krisen, denen sich die Menschheit und alle Lebensformen gegenĂŒbersehen, nur dann reagieren, wenn wir die Institutionen, die den Status Quo aufrechterhalten, entmilitarisieren, und zwar auf eine Art und Weise, die radikal transformativ ist. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, was das bedeuten könnte, aber es ist klar, dass eine transformierte Welt eine entmilitarisierte Welt sein wird.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de