Februar 13, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Unter Syndikalismus verstehen wir die wirtschaftliche Vereinigung der Hand- und Kopfarbeiter auf der Basis einer föderalistischen Organisationsform, die sowohl auf die praktischen Tagesforderungen als auch auf die Erringung einer besseren Zukunft eingestellt ist.

Kraft ihrer wirtschaftlichen und moralischen SolidaritÀt versuchen die syndikalistischen Arbeiter ihre allgemeine Lage innerhalb der heutigen Gesellschaft nach jeder Richtung hin besser zu gestalten, und zwar durch alle Kampfmittel der direkten Aktion, die der Augenblick erheischt.

Das vornehmste Ziel der Syndikalisten aber ist die Überwindung der kapitalistischen Staats- und Wirtschaftsordnung und die Reorganisation der Gesellschaft auf der Basis des freiheitlichen Sozialismus. – Die Syndikalisten sind der Meinung, daß der Grund und Boden, die Produktionsinstrumente und die Arbeitsprodukte Eigentum der Gesamtheit sein und von den Produzenten selbst verwaltet werden mĂŒssen. Aus diesem Grunde erscheint ihnen das Heranziehen der Arbeiter zu diesem Zweck als die wichtigste Arbeit der sozialistischen Erziehung.

Im Gegensatz zu den sogenannten sozialistischen Arbeiterparteien der verschiedenen Richtungen, welche sich die Eroberung der politischen Macht zum Ziele setzen, verwerfen die Syndikalisten jede Form des Staates und seiner zahlreichen Institutionen, da sie den Standpunkt vertreten, daß der Staat nie etwas anderes war und nie etwas anderes sein kann als der politische Gewaltapparat der besitzenden Klassen, der diesen die wirtschaftliche Ausbeutung der breiten Massen des werktĂ€tigen Volkes sichert.

Ebenso sind die Syndikalisten prinzipielle Gegner jeder Kirche, in der sie lediglich eine Institution fĂŒr die geistige Bevormundung und Verdammung des arbeitenden Volkes sehen, um willige Ausbeutungsobjekte fĂŒr den Unternehmer und loyale Untertanen fĂŒr den Staat heranzuzĂŒchten.

Die Syndikalisten bekĂ€mpfen jede Form des Militarismus, in dem sie eine furchtbare Gefahr fĂŒr das leibliche und geistige Wohl des Volkes erblicken und der in der Wirklichkeit nur eine Waffe in den HĂ€nden der herrschenden Klassen gegen die Arbeiterklasse ist, um die Macht der Besitzenden ĂŒber die große Mehrheit des Volkes aufrechtzuhalten und gegen Empörungen der UnterdrĂŒckten zu schĂŒtzen. Aus demselben Grunde sind sie unversöhnliche Gegner jeden Krieges. FĂŒr die Arbeiter aller LĂ€nder liegt kein Interesse vor, sich gegenseitig abzuschlachten, und es ist lediglich ihre Unwissenheit, die sie veranlaßt in den Krieg zu ziehen, der stets nur daß Ergebnis der InteressengegensĂ€tze zwischen, den Kapitalistengruppen der verschiedenen Staaten ist. Die Syndikalisten sind Gegner der nationalen LĂŒge hinter deren schillerndem Gewande sich stets der nackte Egoismus der besitzenden Klassen verbirgt. Indem sie das Recht der freien Entwicklung fĂŒr jedes Volk und fĂŒr jede Gruppe im Volke prinzipiell anerkennen, so lange sie dem Wohle der Gesamtheit nicht zum Schaden gereicht, sind sie Internationalisten und Vertreter einer allgemeinen VerbrĂŒderung der Völker.

Die Syndikalisten bekĂ€mpfen jedes vom Staate oder von der Kirche sanktionierte Erziehungssystem, das letzten Endes nur den Zweck verfolgt, den Geist der Jugend zu schablonisieren und in bestimmte Formen zu pressen, damit sie sich spĂ€ter um so williger dem System der politischen UnterdrĂŒckung und wirtschaftlichen Ausbeutung der breiten Massen durch eine kleine privilegierte Minderheit unterwirft. Sie sind der Meinung, daß sich die organisierte Arbeiterklasse die Schule fĂŒr ihre Kinder aus eigener Initiative schaffen muß, und unterstĂŒtzen jeden Versuch, der darauf hinzielt, dem Staate und der Kirche das Monopol der Erziehung zu entreißen. Nur auf diese Weise wird es möglich sein, eine wahrhaft freie Schule ins Leben zu rufen, die dem Kinde nicht nur die kollektiven SchĂ€tze des menschlichen Wissens erschließt und vermittelt, sondern es auch in derselben Zeit zu eigenen Betrachtungen anregt und seine SelbstĂ€ndigkeit und Charakterentwicklung in jeder Weise fördert.

Es ist die Aufgabe des Syndikalistischen Frauenbundes, die Frau mit diesen Bestrebungen bekannt zu machen und hauptsĂ€chlich in den Kreisen jener Frauen zu wirken, die nicht direkt in der Industrie beschĂ€ftigt sind. Die Frau soll nicht bloß LebensgefĂ€hrtin des Mannes sein, sondern ihm auch MitkĂ€mpferin und Gesinnungsgenossin werden, da sie genau denselben unwĂŒrdigen Lebensbedingungen unterworfen ist wie er. Dabei ist nicht zu vergessen, daß die Frau ein nicht zu unterschĂ€tzender Faktor im Wirtschaftskampfe sein kann besonders soweit KĂ€mpfe in jenen Industrien in Frage kommen, deren TĂ€tigkeit auf den Bedarf der breiten Massen eingestellt ist. WĂ€hrend der Mann im Betriebe und in der Fabrik als Produzent seine Interessen vertritt und dieselben nötigenfalls mit der Waffe des Streiks verteidigen muß, kann ihm die Frau eine wirksame StĂŒtze sein, indem sie ihn als Konsumentin mit der Waffe des Boykotts in seinen KĂ€mpfen, die auch die ihrigen sind, zu Hilfe kommt. Der Streik erweist sich ohnedies mehr und mehr als ein ungenĂŒgendes Mittel, das durch andere Mittel ergĂ€nzt werden muß, um auch fernerhin als wirksamste Waffe der Arbeiter bestehen zu können, und die ganze wirtschaftliche Entwicklung unserer Zeit drĂ€ngt mit aller Macht auf eine engere Verbindung der Produzenten und Konsumenten hin, in der die Frau eine große Rolle zu spielen berufen ist. Wenn es erst dahin kommt, daß die Frau auch auf diesem Gebiete ihr Wörtchen mitzusprechen hat, dĂŒrfte sich wohl manches ganz anders gestalten.

Wir behaupten, daß durch die Einwirkung der Frauenwelt nicht nur große Verbesserungen der materiellen Lebensbedingungen im eigenen Lande erzielt werden können, sondern daß die Wirkung dieser KĂ€mpfe auch von der Arbeiterklasse des Auslandes wohltuend empfunden werden dĂŒrfte, der wir auf Grund unserer Geldentwertung zu einer wirtschaftlichen Geißel geworden sind.

Wenn sich die Arbeiter z. B. weigern wĂŒrden Produkte nach dem Ausland zu verschieben, die im eigenen Lande gebraucht werden und die infolge der Verschiebungspolitik zu ungeheuerlichen Preisen verkauft werden, und wenn die Frauen ihrerseits eine solche Bewegung durch einen organisierten Boykott der Konsumenten wirksam unterstĂŒtzen wĂŒrden, so wĂŒrde wohl sehr schnell manche Änderung in der heutigen unertrĂ€glichen Lage eintreten.

Die gegenwĂ€rtige Situation fordert ganz andere Methoden im praktischen Tageskampfe, und der Kampf gegen die unertrĂ€glichen Wucherpreise dĂŒrfte wohl in der Zukunft eine grĂ¶ĂŸere Rolle spielen als die fortwĂ€hrende Erhöhung der Löhne, die gewöhnlich schon am nĂ€chsten Tage durch neue Preiserhöhungen wieder illusorisch wird.

– Hier gilt es, tatkrĂ€ftig einzugreifen und gerade auf diesem Gebiete könnte die Frau ein dankbares Feld fĂŒr ihre TĂ€tigkeit finden, um im Dienste der Gesamtinteressen des Volkes zu wirken.

– Die Unwissenheit und die Stumpfsinnigkeit, die den Geist der Massen noch immer in Banden schlĂ€gt, hat sie bewogen, wĂ€hrend der Zeit des ungelegen Krieges die furchtbarsten Entbehrungen auf sich zu nehmen, es wĂ€re daher schon an der Zeit, fĂŒr die Sache der eigenen Befreiung etwas Opferwilligkeit an den Tag zu legen.

Damit dieser Geist im Volke Wurzel finde, auf daß die Menschheit endlich aus tausendjĂ€hriger Sklaverei erlöst werde, dazu sollen auch die syndikalistischen FrauenbĂŒnde ihr Scherflein mit beitragen.

Über die Emanzipation der Frau ist schon viel gesprochen und noch mehr geschrieben worden. Man hat die Frage von jeder Seite untersucht und ventiliert und ist zu allen möglichen und unmöglichen SchlĂŒssen gelangt. Nicht nur der Arzt, der Physiologe und der Soziologe haben sich mit diesem Problem beschĂ€ftigt. auch die Kunst und Literatur hat sich seiner bemĂ€chtigt und man kann wohl sagen, daß es gerade hier einen breiten Platz gefunden hat.

Die große geistige Bewegung in Europa, die mit der Periode der großen französischen Revolution, ganz besonders aber mit der gewaltigen UmwĂ€lzung unseres gesamten Wirtschaftslebens im Beginn des vorigen Jahrhunderts einsetzte, rĂŒckte auch das Problem der Frauenemanzipation in den Vordergrund unserer Betrachtungen, aber nur wenige kĂŒhne Denker fanden den moralischen Mut, die letzten Konsequenzen ihrer gewonnenen Erkenntnis zu ziehen.

Und diese wenigen mutigen MĂ€nner und Frauen hatten den ganzen Troß der Spießer gegen sich, die sich bedroht fĂŒhlten durch das kĂŒhne Vorgehen der neuen “WeltumstĂŒrzler”, deren zersetzende Kritik sogar vor dem Heiligtum der Familie nicht Halt machte.

Ibsen und andere hatten laut und unerschrocken verkĂŒndet, daß die Befreiung der Frau an der Familie scheitern mĂŒsse, wenn nicht der Mann seiner bisherigen Stellung der Frau gegenĂŒber einer grĂŒndlichen Korrektur unterziehen wĂŒrde. FĂŒr die Spießer und Dummköpfe war das allerdings ein ungeheuerlicher Frevel dem sie in ihrer kleinen Niedertracht die unlautersten Motive unterschoben.

Und doch wurden diese “Frevler” von den tiefsten GefĂŒhlen der Ethik und Menschlichkeit geleitet, als sie sich anschickten, der von Staat und Kirche heiliggesprochenen Institution der Familie die heuchlerische Maske vom Gesicht zu reißen, um sie der Welt in ihrer wahren Gestalt bloßzustellen.

Ibsen geißelte die bestehende Familie bis aufs Blut und suchte die Welt zu ĂŒberzeugen, daß ohne die geistige Befreiung des Weibes ein wahrhaftes Zusammenleben zwischen Mann und Frau ĂŒberhaupt undenkbar sei Man erkannte, daß die Emanzipation der Frau nicht bloß eine Frage fĂŒr das Weib, sondern auch eine Frage fĂŒr das Kind, fĂŒr den Mann, fĂŒr die ganze Menschheit sei und daß die Lösung dieser Frage nicht mehr umgangen werden konnte.

Wie kommt es nun, daß die grobe Bedeutung dieser Frage gerade von der Mehrzahl der Frauen, die doch das meiste Interesse daran haben sollten, bisher ein wenigsten erkannt wurde? Diese sonderbare Erscheinung hat schon so manche beschĂ€ftigt, aber nur wenige konnten sich darĂŒber klar werden, trotz aller BemĂŒhungen, der Sache auf den Grund zu kommen.

Die einen behaupten, daß die Frau ĂŒberhaupt nicht frei werden kann, solange sie mit der Familie verbunden ist, andere wieder gehen nicht ganz so weit, sondern sehen in der KĂŒchensklaverei der Frau den Grund dieser GleichgĂŒltigkeit. Sie sind der Meinung, daß der enge Kreis der Hauswirtschaft, an den die Frau gefesselt ist, in ihr kein besonderes Interesse fĂŒr andere Fragen aufkommen lĂ€ĂŸt.

Es sind dies die bitteren Erfahrungen von Frauen, die lange Jahre als VorkÀmpferinnen der Frauenemanzipation tÀtig waren und in ihrem kampfreichen Leben immer wieder denselben Schwierigkeiten begegnet sind.

Es ist nun kein Zweifel, das der weitaus schwerste Teil des Familienjoches auf der Frau lastet, und das auch die KĂŒche gerade keine Institution ist, die große geistige Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten hĂ€tte. Allein wir mĂŒssen die Dinge nehmen wie sie sind und mĂŒssen uns schon damit abfinden, die Frau in ihrem Verstecke aufzusuchen, um ihr dort die nötige AufklĂ€rung zu bringen.

Diese Arbeit muß getan werden und soll unsere heiligste Aufgabe sein. Gewiß, die Aufgabe ist keineswegs leicht und angenehm, aber desto energischer muß sie aufgenommen und durchgesetzt werden, da wir zu der Überzeugung gekommen sind, daß die Notwendigkeit, die Frau fĂŒr unsere Sache zu gewinnen, alle Bedenken ĂŒberwiegen sollte.

Um die Frau fĂŒr die Frage ihrer Befreiung zu interessieren, um ihr die Notwendigkeit ihrer geistigen Entwicklung fĂŒhlbar zu machen, mĂŒssen wir zunĂ€chst die Ursache ihrer RĂŒckstĂ€ndigkeit zu erfassen versuchen. Die Erfahrung hat uns bewiesen. daß die schönsten und feurigsten Appelle an das GefĂŒhl der Frau bisher zu keinem großen Ergebnis gefĂŒhrt haben. Wir mĂŒssen daher versuchen, ob es nicht noch andere Wege gibt, dem VerstĂ€ndnis der Frau nĂ€her zu kommen.

“Ja, wenn die Frau bloß denken wĂŒrde”, sagte mir einst ein guter Kamerad, aber sie denkt zu wenig und vielleicht gar nicht”. – Nun ich bin der Meinung, daß die Frau zuviel denkt, viel zu viel. Aber ihr ganzes Denken dreht sich fortgesetzt um die trivialsten Kleinigkeiten, so daß ihr Gehirn davon verbraucht und erschöpft wird.

Ihr ganzes Leben wird ausgefĂŒllt mit einer Unmenge banaler Dinge, die aber unter den heutigen VerhĂ€ltnissen kaum zu umgehen sind. Da die ganze FĂŒhrung der Hauswirtschaft fast ausschließlich auf ihr lastet, und ihr die Mittel in den meisten FĂ€llen Ă€ußerst knapp zugemessen sind – ich spreche natĂŒrlich von den Frauen der Arbeiterklasse -, so ist sie stets gezwungen, mit jedem Pfennig die letzten Spekulationen zu machen.

Unter diesen UmstĂ€nden ist es denn nur allzu begreiflich, daß ihr wenig Zeit bleibt, ihren Geist auf andere Dinge zu konzentrieren, ja daß sogar bei vielen Frauen ĂŒberhaupt keinerlei BedĂŒrfnis fĂŒr eine geistige Entwicklung vorhanden ist.

Wir wissen z. B., daß die sogenannte Arbeitsteilung in der modernen Großindustrie auf den Geist des Arbeiters einen sehr fatalen Einfluß hat und ihn mehr und mehr zum Automaten degradiert. Bei der proletarischen Hausfrau bemerken wir eine Ă€hnliche Erscheinung, die jedoch einer ganz entgegengesetzten Ursache entspringt. Sie wird zum Automaten durch ihre Vielseitigkeit.

Allerdings handelt es sich in ihrem Falle nicht um eine Vielseitigkeit., die geistig anregend wirken kann, sondern um eine Vielseitigkeit, die sich aus lauter Kleinigkeiten zusammensetzt wie sie in der heutigen Form der proletarischen Hauswirtschaft leider nicht zu umgehen sind. So lange hier kein Wandel geschaffen werden kann, werden unsere BemĂŒhungen zur geistigen Hebung der Frau immer nur bescheidene Erfolge erzielen können.

Wir haben lĂ€ngst begriffen, daß, wenn der Arbeiter zehn, zwölf oder vierzehn Stunden an seine Arbeit geschmiedet ist, er unmöglich die nötige Energie fĂŒr seine geistige Entwicklung aufbringen kann. Aus diesem Grunde spielt die VerkĂŒrzung der Arbeitszeit in der modernen Arbeiterbewegung eine so hervorragende Rolle, und ich möchte behaupten, daß neben den KĂ€mpfen fĂŒr die Anerkennung der menschlichen WĂŒrde des Arbeiters, die VerkĂŒrzung der Arbeitszeit bis heute das bedeutendste Ergebnis der internationalen Arbeiterbewegung gewesen ist.

Wer aber dachte je daran, die Arbeitszeit der Frau im Haushalt zu beschrĂ€nken, damit auch sie in der Lage sei, an ihrer geistigen Ausbildung wirken zu können? Und doch muß auch auf diesem Gebiete eine Änderung eintreten, denn es ist ein Unding, daß eine HĂ€lfte der Menschheit auf unabsehbare Zeit hinaus an jeder geistigen Entwicklung verhindert bleiben soll.

In anderen LĂ€ndern, wie z. B. Amerika, wo die Frau allerdings viel höhere AnsprĂŒche an das Leben stellt als hier in Deutschland, haben schon lange bedeutende Reformen im Haushalt stattgefunden und finden solche immer noch statt, welche die Arbeit der Hausfrau in jeder Weise erleichtert haben.

Ich erinnere nur an die EinfĂŒhrung von Zentralheizungen auf breitester Basis, von Waschmaschinen und elektrischen Trockenapparaten, von Staubaufsaugern, Badegelegenheiten im Hause usw., alles Dinge, welche in Amerika bereits großen Teilen der proletarischen Bevölkerung dienstbar gemacht worden sind, und die dem Kenner die Ă€ußerst primitive Stufe des proletarischen Haushalts in Deutschland desto peinlicher fĂŒhlbar machen.

Jenseits des großen Baches hat man eben eingesehen, dass technische Verbesserungen im Haushalte nicht weniger wichtig und notwendig sind als in der Fabrik und WerkstĂ€tte. Was der Proletarierfrau in Deutschland noch immer als Utopie erscheint, ist fĂŒr viele ihrer Klassengenossinnen in Amerika bereits Wirklichkeit geworden.

Vor fĂŒnfzig Jahren wer es eine Utopie, von einem achtstĂŒndigen Arbeitstag zu trĂ€umen, wie es heute noch eine Utopie ist, von einer BeschrĂ€nkung der Arbeitszeit im proletarischen Haushalt zu trĂ€umen. Aber Utopien werden erfunden, um verwirklicht zu werden, und so lange der Wunsch nach einer Verbesserung der Lebensbedingungen nicht besteht, ist an eine Änderung der Dinge ĂŒberhaupt nicht zu denken.

Eng verbunden mit der Frage wegen einer Entlastung der proletarischen Frau im Haushalt ist eine andere Frage von noch grĂ¶ĂŸerer Wichtigkeit. Wir sprechen jetzt von dem Kindersegen ohne Ende, der besonders in den Proletarierfamilien Deutschlands zu Hause ist, und der die Frau in eine lebenslĂ€ngliche Sklavin verwandelt. Reformen im Haushalt, wie wir sie vorher angedeutet haben, lassen sich nicht mit einem Male durchfĂŒhren.

Man kann sie anstreben und das BedĂŒrfnis fĂŒr ihre Notwendigkeit in der Frau erwecken. Aber auf dem Gebiete der unbeschrĂ€nkten Volksvermehrung ist ein sofortiges Eingreifen möglich und durchfĂŒhrbar. Es ist wahrlich schon die höchste Zeit daß die Frau aufhört, die Rolle einer gewöhnlichen GebĂ€rmaschine zu spielen, welche die Vermehrung ihrer Familie dem Zufall anheim stellt.

Ein Kind sollte nur dann das Licht der Welt erblicken, wenn das BedĂŒrfnis der Eltern dafĂŒr vorhanden ist und die materiellen Bedingungen fĂŒr eine gesunde und menschenwĂŒrdige Entwicklung gegeben sind. Wie die Dinge aber heute stehen, bedeutet die Geburt jedes neuen Kindes in der Proletarierfamilie eine grĂ¶ĂŸere EinschrĂ€nkung der notwendigsten LebensbedĂŒrfnisse und sehr oft bitteres Elend und langsames Dahinsiechen sĂ€mtlicher Familienmitglieder.

Eine Vermehrung der Familie ist nun einmal nicht verbunden mit einer automatischen VergrĂ¶ĂŸerung des proletarischen Einkommens, so daß jeder Bissen, der dem neuen und in den meisten FĂ€llen unwillkommenen Gast gegeben werden muß, den Übrigen Familiensprossen von ihrem Leben abgezogen wird. Daß den besitzenden Klassen ein solcher Zustand der Dinge ganz erwĂŒnscht ist, ist leicht begreiflich.

Je mehr die Kraft des Proletariers im tĂ€glichen Kampfe ums Dasein zermĂŒrbt und aufgebraucht wird, desto weniger kommt er in Versuchung, sich gegen das Joch, das ihm auferlegt wurde, zu empören, desto mehr ist er zur stumpfsinnigen Ertragung seines Elends gezwungen. Große Proletarierfamilien bedeuten fĂŒr den Unternehmer billiges Ausbeutungsmaterial und weniger Risiko in den unvermeidlichen WirtschaftskĂ€mpfen zwischen Kapitel und Arbeit – fĂŒr den Staat willkommenes Kanonenfutter im Falle eines Krieges.

Der proletarischen Frau aber wird ihre Fruchtbarkeit zum doppelten VerhĂ€ngnis. Nicht nur, daß sie ihre Sorge um das tĂ€gliche Brot fortgesetzt vermehrt und die Existenz der Familie schwieriger gestaltet, wird sie selbst auch ein Opfer körperlicher Erschöpfung und aller möglichen Krankheiten, die an ihrem Leben zehren und sie vor der Zeit verwelken lassen.

Daß ein Weib, dessen ganzes Leben sich nur von einer Schwangerschaft zur anderen bewegt, fĂŒr jede geistige Entwicklung verloren ist, ist nur allzu begreiflich. Und leider befinden sich Millionen von Proletarierfrauen in dieser furchtbaren Lage.

– Es ist daher eine der wichtigsten Aufgaben des Syndikalistischen Frauenbundes, in dieser Hinsicht die nötige AufklĂ€rung unter die Frauen zu tragen und damit eines der schwersten Hindernisse, die sich ihrer Befreiung entgegenstemmen zu beseitigen. Diejenige, die aus sogenannten “Ă€sthetischen” GrĂŒnden eine solche AufklĂ€rung verpönen, sind reaktionĂ€r veranlagte Menschen, welche die ganze Schauerlichkeit des proletarischen Elends ĂŒberhaupt nicht erfaßt haben.

Es ist hier nicht der Platz, auf den Ursprung und das Wesen der Familie nĂ€her einzugehen, obwohl nicht verkannt werden soll, daß sich nur allzu oft hinter ihren engen WĂ€nden die furchtbarsten Tragödien abspielen, die fĂŒr alle Teile – Mann, Frau und Kinder – gleich entsetzlich sind. Aber ein großer Teil all des hĂ€ĂŸlichen und Kleinlichen, das heute in so vielen Familien eine so hervorragende und wenig rĂŒhmliche Rolle spielt, könnte verschwinden, wenn die Frau auf einer höheren Stufe geistiger Entwicklung stĂ€nde.

Die Familie ist kein kĂŒnstliches Gebilde, das willkĂŒrlich ins Leben gerufen wurde und stets dieselben Formen trug. Sie hat in verschiedenen Zeiten und Zonen verschiedene Gestalt angenommen, und auch ihre heutige Form wird nicht dieselbe bleiben, sie wird sich weiter entwickeln und zusammen mit der wirtschaftlichen und sozialen VerĂ€nderungen und mit den ethischen und geistigen BedĂŒrfnissen der Menschen entsprechende Gestaltungen annehmen.

Sie ist bis heute die wichtigste und fĂŒr das Einzelleben der Menschen die einflußreichste Institution gewesen und wird es zweifellos auf lange Zeit hinaus bleiben. Wohl die tiefsten EindrĂŒcke empfĂ€ngt der Mensch im Kreise der Familie, besonders in der Jugend, EindrĂŒcke, die seinem spĂ€teren Leben sehr oft eine entscheidende Richtung geben. Es sollte deshalb alles getan werden, diesem engen Kreise ein möglichst angenehmes und geistig ansprechendes GeprĂ€ge zu geben, in dem sich besonders das Kind wohlfĂŒhlen kann.

Aus dem Elternhause mĂŒĂŸte die Jugend die schönsten und reichsten Erinnerungen mitnehmen auf den Weg des Lebens, der sie spĂ€ter in allen KĂ€mpfen und FĂ€hrnissen wie ein warmer Lichtblick begleiten sollte. So sollte, so mĂŒĂŸte und so wird es sein, wenn Mann und Weib sich als freie und gleiche Menschen zusammenfinden und sich in wahrer Liebe und gegenseitiger Achtung zugetan sind.

Aber ein solcher Zustand des Zusammenlebens ist nur dann möglich, wenn beide Geschlechter gleichgestellt sind in allen ihren Beziehungen und die Frau nicht lĂ€nger als unmĂŒndiges und minderwertiges Wesen betrachtet wird. Nicht Frauenrechte fordern wir, sondern Menschenrechte, und diese wollen wir erkĂ€mpfen auf allen Gebieten des Lebens.

Es gab nur eine Periode in der Geschichte, in der man in der Frau den Menschen suchte. Dies geschah in der Zeit der urchristlichen Bewegung. Die Worte, die damals zu ihr gesprochen wurden, drangen tief hinein in die Frauenseele und weckten das Schönste und Edelste in ihr. Alle verborgenen GefĂŒhle und Empfindungen, die seit Jahrtausenden in ihr geschlummert hatten, kamen plötzlich zum Vorschein und fanden einen wunderbaren Ausdruck in ihr. Mit einem heiligen Ernst folgte sie dem Rufe, der an sie erging, und bewies damit, daß die Sklaverei der Jahrhunderte ihren Geist nicht gebrochen hatte.

Ein solcher Ruf ist uns auch heute wieder nötig, um das Herz der Frau mit Feuerzungen zu ergreifen und sie als KĂ€mpferin in unsere Reihen zu fĂŒhren. Das Urchristentum vermochte es, ihre Seele zu lösen, indem er an ihr Menschentum appellierte und sie als Gleichberechtigte dem Mann zur Seite stellte. Und als spĂ€ter die christliche Lehre in der Dogmatik der Kirche erdrosselt und das Weib als die Urmutter der SĂŒnde gebrandmarkt wurde, kĂ€mpfte die Frau noch lange Jahre fĂŒr ihre Menschenrechte.

Sie nahm einen hervorragenden Anteil in allen Bewegungen gegen die Kirche und starb als Ketzerin und Hexe auf den unzĂ€hligen Scheiterhaufen der Inquisition, nachdem sie vorher alle Martern der Folterkammer ertragen mußte. Erst als sich alle diese Bewegungen verblutet hatten und die Kirche als Siegerin auf der Walstatt blieb, erlag auch die Frau ihren Lockungen. In dem mystischen Halbdunkel der alten Dome wurde ihre Seele schwach und brĂŒchig.

Eine mĂŒde Resignation hatte sie ergriffen, und so wurde sie zur Dienerin der Kirche, die sich dieses Sieges am meisten freute. Denn die Frau, die in ihrer Hoffnungslosigkeit von dem trĂŒgerischen Ideal der Kirche erfaßt wurde, wurde eine ihrer gewaltigsten StĂŒtzen und ist es bis heute geblieben.

Wir sehen also, daß die Behauptung, daß die Frau fĂŒr eine große Bewegung wie den Sozialismus nicht zu gewinnen sei, ebenso grundlos ist, als ob man behaupten wollte, daß das Proletariat im allgemeinen kein VerstĂ€ndnis fĂŒr den Sozialismus habe.

Das Proletariat wird von den besitzenden Klossen seit Jahrhunderten in Unwissenheit und Sklaverei gehalten, so daß ihm zu seiner geistigen Ausbildung, besonders zum eigenen Denken wenig Zeit blieb, Menschen, die physisch ĂŒberangestrengt, dazu noch sehr oft unterernĂ€hrt und mit allen möglichen Sorgen beladen sind, haben wenig Möglichkeit, ĂŒber soziale Probleme ernsthaft nachzudenken.

Es ist nicht angeborene Dummheit und GedankentrĂ€gheit, wie so oft behauptet wird, welche den Arbeiter stumpf und gleichgĂŒltig machen, sondern in den meisten FĂ€llen der Mangel an Gelegenheit und der nötigen Muße. Und was hier von dem mĂ€nnlichen Proletariat gilt, das gilt noch in viel höherem Maße von der proletarischen Frau. Die ewigen VorwĂŒrfe, die der Frau tagtĂ€glich ĂŒber ihre Unwissenheit und Indifferenz gemacht werden, sind also kaum ein geeignetes Mittel, sie auf andere Bahnen zu lenken. Wir haben heute schon begriffen. daß die öden Schimpfereien mit denen blöde PrĂŒgelpĂ€dagogen der Jugend zusetzen, in der Regel gerade das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen sollten.

Indem man auf diese Weise menschliche WĂŒrde der Jugend mit FĂŒĂŸen trat, hat man ihr geistig und seelisch sehr viel geschadet und ihrer natĂŒrlichen Entwicklung Schranken gesetzt. Wir sind der Meinung, daß eine solche Methode in jeder Weise zu verwerfen ist, daß man nicht immer die schwachen Seiten des Menschen in den Vordergrund stellen soll, sondern mehr an das Gute, Edle und rein Menschliche in ihm appellieren muß, um seinen Willen zu stĂ€rken und seinen Mut zu beleben. HauptsĂ€chlich aber ist ein solches Verfahren der Frau gegenĂŒber notwendig, die schon ohnedies verschĂŒchtert ist, und deren Selbstvertrauen durch ihre lange Sklaverei schwer erschĂŒttert wurde.

Das Proletarierweib ahnt fast nicht mehr, daß auch in ihm verborgene Talente und FĂ€higkeiten schlummern, die nur geweckt und befruchtet werden mĂŒssen, um der Sache der Menschheit nutzbar gemacht zu werden. Nicht nur tadeln sollen wir, sondern auch ermuntern und aufrĂŒtteln. UnterstĂŒtzen sollen wir die Frau, geistig, moralisch, ihr den Weg zur Freiheit andeuten, den sie natĂŒrlich selber finden muß.

Wie kommen wir aber an die Frau heran, hauptsĂ€chlich en die Frau im Haus und in der Familie, um ihr den ersten Anstoß zu geben? Diese schwere Aufgabe mĂŒssen wir zu lösen versuchen. Es war schon schwer, an die Frauen, die in der Industrie beschĂ€ftigt sind, heranzukommen.

Diejenigen unter uns, die auf diesem Gebiete tĂ€tig gewesen sind, wissen, welch ungeheure Ausdauer, MĂŒhe und Geduld erforderlich waren, um den Frauen in den Fabriken und WerkstĂ€tten die Notwendigkeit der Organisation vor Augen zu fĂŒhren. Warum es so ungemein schwer wer und teilweise noch ist, an die Frau in der Industrie heranzukommen, die doch in vielen Beziehungen noch schlechter situiert und noch mehr versklavt war als die Frau im Hause, lĂ€ĂŸt sich nur dadurch erklĂ€ren, daß sie ihre Arbeit in der Fabrik als eine vorĂŒbergehende Etappe ihres Lebens ansah.

Sie war der Meinung, daß, sobald sie einen Mann gefunden, fĂŒr sie die soziale Frage gelöst sei und brachte infolgedessen den Organisationsbestrebungen kein sonderliches VerstĂ€ndnis entgegen.

Man kann das verstehen, obwohl die Berechnung durchaus falsch war, denn die Erfahrung hat uns gelehrt, daß die Ehe heutzutage nur noch in ganz seltenen FĂ€llen die wirtschaftliche Frage der Frau zu lösen imstande ist. Die verheiratete Proletarierin ist heute in den meisten FĂ€llen gezwungen, zu ihrer alten BeschĂ€ftigung zurĂŒckzukehren, um meistenteils unter immer schlimmeren Bedingungen zu arbeiten.

Erst im Laufe der Jahre fing die Frau an, ihre Lage besser zu begreifen und sich langsam ihrer gewerblichen Organisation anzuschließen. Aber sie bleibt gewöhnlich nur so lange in der Organisation bis sie einen Mann gefunden und sich verheiratet hat. Es bleibt uns also nichts anderes ĂŒbrig, als unsere Schwester, die in der Familie gelandete Frau, im Hause aufzusuchen, um sie mit unseren Ideen und Bestrebungen be- kannt zu machen und sie von der Notwendigkeit eines organisatorischen Zusammenschlusses zu ĂŒberzeugen.

Diese Aufgabe muß uns stets vor Augen schweben, denn sie bildet den wichtigsten Schritt unserer propagandistischen TĂ€tigkeit. Nicht nur als Produzentin gilt es, die Frau der Vereinigung zuzufĂŒhren, es gilt auch die Kraft der Frau als Konsumentin aktionsfĂ€hig zu machen, und das kann nur geschehen durch die Vereinigung der KrĂ€fte in der Organisation. Darin besteht die wichtigste und vornehmste Aufgabe des Syndikalistischen Frauenbundes.

Es gilt die Frauen des Hauses und der Familie organisatorisch zu erfassen und ihre geistige Entwicklung in jeder Weise zu fördern, damit sie endlich ihre menschenunwĂŒrdige Lage erkennen. und zum Bewußtsein ihrer selbst kommen. Die Arbeit, die unsere Organisation wĂ€hrend der drei Jahre ihres Bestehens geleistet hat, berechtigt uns zu der Hoffnung, daß wir wohl imstande sind, unserer großen Aufgabe gerecht zu werden, wenn wir mit unserer ganzen Energie an sie herantreten, um ihr Durchbruch zu verschaffen.

Gewiß, die Schwierigkeiten und Hindernisse, die unserer harren sind nicht gering, aber sie sind nicht unbesiegbar und können mit Geduld, ZĂ€higkeit und festem Willen wohl ĂŒberwunden werden. Wir dĂŒrfen nie vergessen, daß die Frau so lange ignoriert und als geistig minderwertig betrachtet und behandelt wurde, so daß wir plötzliche und ĂŒberraschende Erfolge unserer TĂ€tigkeit vorlĂ€ufig wohl kaum erwarten können.

Die unvermeidlichen Folgen einer tausendjĂ€hrigen Sklaverei können nicht mit einem Male ungeschehen gemacht werden. Ihre RĂŒckwirkungen werden sich wohl noch lange bemerkbar machen und jedenfalls mehr, als uns lieb sein dĂŒrfte. Wer in dieser Hinsicht etwas anderes erwartet, hat die ganze GrĂ¶ĂŸe des Problems nicht erfaßt, an ihm ist die große Tragödie des Weibes spurlos vorĂŒbergegangen.

Obwohl wir die Hindernisse, die sich unserer TĂ€tigkeit entgegenstemmen werden, durchaus nicht gering einschĂ€tzen dĂŒrfen, so muß dennoch die Wichtigkeit und die eiserne Notwendigkeit der Sache selbst stets im Mittelpunkt unseres Wirkens stehen. Die Frau ist heute in erster Linie die Erzieherin der Jugend, die in ihrer Eigenschaft als Mutter unverkennbar den grĂ¶ĂŸten Einfluß auf das Kind hat.

Hier berĂŒhren wir eines der grĂ¶ĂŸten Probleme unserer Zeit das gelöst werden muß um jeden Preis, wenn von einer Weiterentwicklung unserer Rasse ĂŒberhaupt noch geredet werden soll. So lange die Frau ihre Renaissance nicht erleben wird, kann von einer Renaissance der Menschheit ĂŒberhaupt nicht getrĂ€umt werden.

Eine Frage von folgenschwerer Bedeutung ist bisher fast ganz außer acht gelassen worden, oder sie hat zum mindesten nicht die Beachtung gefunden, die sie ohne Zweifel verdient. Vor dem Kriege war die Frau lediglich ein passives Element im öffentlichen Leben. Allein in dieser Hinsicht ist eine große Änderung eingetreten. Nicht nur, daß sie wĂ€hrend des Krieges eine gewaltige Rolle gespielt hat, in dem sie selbst auf solchen Gebieten industrieller und beruflicher TĂ€tigkeit eingriff, die bisher zur unbestrittenen DomĂ€ne des Mannes gehörten – eine Erscheinung, die weder ihr noch der Menschheit im allgemeinen zum Heil gereichte -, sie ist seitdem auch ein nicht zu unterschĂ€tzender Faktor in der Politik geworden.

Die Revolutionen in Rußland und Mitteleuropa, die unvermeidlichen Ergebnisse des großen Völkermordens, brachten auch der Frau das sogenannte Wahlrecht, das solange das Ideal der bĂŒrgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegungen gewesen ist. Man hat des öfteren behauptet, daß der Frau, in Anbetracht ihrer großen Leistungen wĂ€hrend des Krieges, das Wahlrecht verliehen worden sei. Dem sei wie es wolle, jedenfalls wird dadurch die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß dieser Schachzug der Reaktion ausgezeichnete Dienste geleistet hat und in der Zukunft noch mehr leisten wird.

Das Wahlrecht hat die Frau keineswegs an die Revolution und ihre Errungenschaften geschmiedet, wie dies von sozialistischen Politikern so oft behauptet wurde; im Gegenteil, es hat sie in eine neue Welt des Trugs hineingefĂŒhrt der sie jeder wehrhaft revolutionĂ€ren Auffassung der Dinge entfremden muß.

Nicht nur, daß sie, die mit öffentlichen Angelegenheiten bisher wenig oder gar nichts zu tun hatte, durch ihre Unkenntnis und ihre anerzogene Unwissenheit letzten Endes nur der Sache der Reaktion nĂŒtzen wird, (die verschiedenen Wahlresultate, die z. B. hier in Deutschland wĂ€hrend der letzten Zeit erzielt wurden, sind ein deutlicher Beweis dafĂŒr), wird sie auch in derselben Zeit zu einem neuen und gewaltigen Hindernis in der Entwicklung der Arbeiterbewegung werden mĂŒssen, hauptsĂ€chlich hier in Deutschland.

Der alte Wahnglaube an das Erlösungsmittel der parlamentarischen TĂ€tigkeit, der gerade der deutschen Arbeiterschaft so sehr zum VerhĂ€ngnis geworden ist, und der nun nach langen und schmerzlichen Erfahrungen endlich anfing, in breiten Kreisen der Arbeiter seinen alten Nimbus zu verlieren, ist durch daß Frauenwahlrecht neu gestĂ€rkt worden.

Alle die bitteren Erfahrungen und EnttĂ€uschungen der Vergangenheit werden noch einmal gemacht weiden mĂŒssen, bis endlich auch die weibliche HĂ€lfte des Volkes sich von der Nutzlosigkeit und SchĂ€dlichkeit des Parlamentarismus fĂŒr die Sache der proletarischen Befreiung ĂŒberzeugt hat. Und gerade aus diesem Grunde ist unser Wirken von doppelter und dreifacher Bedeutung.

Das Weib, das solange ignoriert wurde, ist nun plötzlich eine viel umworbene Person geworden. Alle Parteien bemĂŒhen sich gewaltig um die Gunst der Frau, um ihre Stimme zu bekommen, und jedes Mittel ist ihnen gut genug, um diesen Zweck zu erreichen.

So wird sie von ihrem eigentlichen Ziele abgelenkt und in das trĂŒbe Fahrwasser der Politik gelotst, was letzten Endes nur dem Staate, der Kirche und dem Kapitalismus zum Vorteil gereichen muß. Die TrĂ€ger der Reaktion werden sich die Unwissenheit der Frauen dienstbar machen, sie werden unablĂ€ssig bestrebt sein, das materielle Elend des Proletariats, das ja der Frau am ersten und nachdrĂŒcklichsten fĂŒhlbar wird, fĂŒr ihre dunklen PlĂ€ne auszubeuten, um daraus politisches Kapital zu schlagen. So wird die politische Indifferenz der Frau zu einem mĂ€chtigen Faktor der nĂ€chsten Zukunft werden, der allen reaktionĂ€ren Maßnahmen des Parlaments die Sanktion des “Volkswillens” verleihen wird.

Und von der anderen Seite wird die grobe und fĂŒr das Proletariat so gefĂ€hrliche Illusion des Parlamentarismus als Mittel zur Befreiung der Arbeiterklasse auch weiterhin ihren unheilvollen Einfluß auf die Massen ausĂŒben.

Haben unsere mĂ€nnlichen Gesinnungsgenossen ĂŒber diese Frage schon ernstlich nachgedacht? Haben sie ihre unheilvolle Tragweite erkannt und die unvermeidlichen Konsequenzen derselben klar erfaßt? Mir scheint, daß dies nicht der Fall ist, denn hĂ€tte die große Mehrzahl unserer Kameraden den ganzen Ernst der gegenwĂ€rtigen Situation wirklich verstanden, so hĂ€tte die dreijĂ€hrige TĂ€tigkeit des Syndikalistischen Frauenbundes von weitaus besseren Resultaten begleitet sein mĂŒssen, als dies wirklich der Fall gewesen ist.

Ich will hier niemanden VorwĂŒrfe machen, denn die Zeit ist viel zu ernst, als daß wir uns gegenseitig befehden dĂŒrften, aber das eine muß gesagt werden: so lange unsere Genossen nicht versuchen werden, diese Frage in ihren letzten Konsequenzen zu erfassen, werden sie selbst mit verantwortlich sein fĂŒr alle unvermeidlichen Folgen des Übels das ĂŒber uns hereinbrechen wird. Die Organisation der Frau auf der Basis des Anarcho-Syndikalismus ist ebenso notwendig als die Organisation der mĂ€nnlichen Arbeiter auf derselben Grundlage. Deshalb mĂŒssen wir uns gegenseitig unterstĂŒtzen und in unserer TĂ€tigkeit Hand in Hand gehen.

Überall, wo eine syndikalistische Organisation besteht, muß versucht werden, auch eine solche der Frauen ins Leben zu rufen, so daß die Sektionen des Syndikalistischen Frauenbundes das ganze Land wie mit einem Netz bedecken werden. Die Föderation der Frauen, die im Oktober 1921 auf der ersten syndikalistischen Frauenkonferenz in DĂŒsseldorf gegrĂŒndet wurde, muß ĂŒberall ausgebaut werden, auf daß uns in naher Zukunft eine gesunde und kampffĂ€hige Bewegung von MĂ€nnern und Frauen entstehe, die sich in ihrer TĂ€tigkeit gegenseitig ergĂ€nzen werden, zum Nutzen und Gedeihen unserer gemeinschaftlichen Sache.

Damit wir schneller ans Ziel gelangen mit unseren Bestrebungen, die Frau unserem Ideale zu gewinnen und sie als MitkĂ€mpferin in dem großen Ringen unserer Zeit heranzubilden, mĂŒssen wir versuchen, Mittel und Wege aufzufinden die dem besonderen Charakter unserer Aufgabe entsprechen und Rechnung tragen. Das NĂ€chstliegende wĂ€re, die VorschlĂ€ge, die auf der DĂŒsseldorfer Konferenz zur Debatte standen, so bald als möglich in die Tat umzusetzen.

Wo die Möglichkeit gegeben ist, rufe man kleine Frauenklubs ins Leben, angenehm und geschmackvoll eingerichtet und mit BĂŒchereien versehen, wo sich die Genossinnen jederzeit treffen können, um zu lesen oder um sich ĂŒber wichtige Fragen auszusprechen, und wohin sie auch nötigenfalls ihre Kinder mitbringen können. Auch gemeinsame Arbeitsstuben sind ein ausgezeichnetes Mittel fĂŒr diesen Zweck.

Dabei mĂŒĂŸte man versuchen, Bestrebungen gegenseitiger Hilfe in KrankheitsfĂ€llen usw. nach KrĂ€ften zu fördern um die einzelne Frau durch Freundschaftsbande fester mit ihrem neuen Kreis zu verbinden. Ebenso kommen Gruppen zur Förderung kĂŒnstlerischer oder Ă€hnlicher Bestrebungen in Betracht. Auch das EinkĂŒchenhaus soll an dieser Stelle noch erwĂ€hnt werden. Bei allen diesen Verbindungen und Gruppierungen kommt es uns hauptsĂ€chlich darauf an, die Frauen einander nĂ€her zu bringen, um auf diese Weise zwischen ihnen ein intimeres dauerhaftes kameradschaftliches VerhĂ€ltnis zu schaffen.

Hand in Hand mit diesen Versuchen praktischer Natur, muß dann unsere Erziehungsarbeit gehen, um vorhandene Talente und FĂ€higkeiten zur Entfaltung zu bringen und um den Geist der SelbststĂ€ndigkeit und die persönliche Initiative zwischen den Frauen nach KrĂ€ften zu fördern und zu entwickeln. Eine bestimmte Schablone lĂ€ĂŸt sich in allen diesen Dingen nicht aufstellen. Hier mĂŒssen die besonderen örtlichen VerhĂ€ltnisse und die Veranlagung der einzelnen entscheiden. Dabei ist natĂŒrlich ein Austausch ĂŒber die in den verschiedenen Gegenden gemachten Erfahrungen von allergrĂ¶ĂŸter Wichtigkeit, damit sie fruchtbringend im Interesse der Gesamtheit verwendet werden können.

Vergessen wir nie, daß wir in einer bitterernsten Periode leben, die in derselben Zeit nur als Übergangsperiode gewertet werden kann. Die Zeit der GleichgĂŒltigkeit und Apathie ist vorĂŒber und darf nicht wieder kommen. Wir sind in einer Periode intensivster TĂ€tigkeit eingetreten, die in der revolutionĂ€ren Situation unserer Zeit ihre Wurzel findet.

Lassen wir die jetzige Lage nicht ungenĂŒtzt vorĂŒber gehen, und machen wir uns mit dem Gedanken vertraut, dass es uns vielleicht noch beschieden sein wird, diese alte Gesellschaft, deren Geschichte mit dem Blut und den TrĂ€nen der Armen und Elenden geschrieben wurde, zu Grabe zu tragen, um auf ihren TrĂŒmmern eine Welt der Freiheit auf den unerschĂŒtterlichen Fundamenten der gemeinschaftlichen Arbeit und der gegenseitigen SolidaritĂ€t aufzubauen.

In diesem Sinne gilt es zu wirken und zu werben, um einer besseren Zukunft entgegen zu arbeiten. Zeigen wir, dass wir gewillt sind, nicht bloß von den FrĂŒchten der Vergangenheit zu zehren, sondern dass wir auch den Mut und die Begeisterung in uns fĂŒhlen, selbst mit Hand anzulegen, um das Rad der Zeit vorwĂ€rts zu treiben und einem neuen Werden die Tore zu öffnen.

Wohlan denn, Schwestern, jung oder alt, MĂ€dchen und Frauen, Hand- oder Kopfarbeiterinnen, kommt zu uns und schließt euch unserem Bund an, damit das große Werk der sozialen Befreiung seiner Vollendung entgegenschreite. Vereinigt euch mit uns, um uns und unseren Kindern eine schönere Zukunft zu erkĂ€mpfen, in welcher die Ausbeutung und Beherrschung der breiten Massen durch privilegierte MinoritĂ€ten eine Sache der Vergangenheit sein werden.

Sage keine von euch, dass sich nicht fĂ€hig sei, zu diesem grandiosen Werke etwas beitragen zu können. Jede von euch, aber auch jede, ohne Ausnahme, kann ihr Scherflein beisteuern zum gemeinschaftlichen Ziele. Nur wollen mĂŒssen wir. So wollen wir denn, auf dass unsere Kinder uns nicht den Vorwurf ins Antlitz schleudern mĂŒssen, dass wir als Sklaven gelebt und sie selber als Sklaven in die Welt gesetzt, damit auch sie mit dem Fluche der Knechtschaft beladen durchs Leben wandern.

Zeigen wir ihnen, dass wir das Joch, das uns auferlegt wurde, nicht freiwillig trugen und uns empörten gegen die Gewalt, die uns angetan wurde, um ihnen die Tore der Freiheit zu öffnen.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org