Juni 3, 2022
Von Paradox-A
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Inflation, Preissteigerung, kapitalistische Verwertungsprobleme, ZukunftsĂ€ngste – in der deutschen Gesellschaft rumort es untergrĂŒndig. Was jetzt inflationĂ€r vor sich geht – nĂ€mlich die tendenzielle Verarmung weiterer sozialer Klassen – ist den sĂŒdeuropĂ€ischen LĂ€ndern schon vor zehn Jahren in der Finanz- und Wirtschaftskrise oktroyiert worden. Um die GlaubwĂŒrdigkeit der gegenwĂ€rtigen Staats- und Regierungsform zu erhalten, werden gönnerhaft einige Brotkrumen vom Tisch der Herrschenden an die Bevölkerung verteilt. Die Patrizier werfen sozusagen ein paar MĂŒnzen in die Meute und jene danken es ihnen mit speichelleckendem Gehorsam. Denn wer nimmt, der muss bisweilen auch schenken.

Doch zu viel des Guten soll es nicht sein. Wie der Mafiaboss willkĂŒrlich im Armenviertel den MĂŒttern Geldscheine in die HĂ€nde drĂŒcken – das finden rechts-konservative Zeitgenoss*innen völlig okay. Problematisch wird es aber, wenn sich daraus eine dauerhafte Anspruchshaltung des Pöbels entwickelt und festsetzt, weil möglicherweise doch immer mehr Leute blicken, dass die Geldgeschenke nicht die Preissteigerung ausgleichen, nicht die ZukunftsĂ€ngste nehmen und letztendlich vom von ihnen erwirtschafteten Reichtum abgeschöpft werden. Mit anderen Worten schlagen die Alarmglocken, wenn das Gespenst des Sozialismus am Horizont aufzieht – oder auch nur an die Wand gemalt wird.

Hierbei geht es um die Frage der Verteilung von Macht, Geld und Privilegien. Das ist klar. Doch auch die ideologische Ebene ist nicht zu vernachlĂ€ssigen – unterschwellig panisch werden Konservative dann, wenn es in Richtung systemischer VerĂ€nderungen geht. Wer von den Konservativen (und das schließt viele Personen in sogenannten sozialdemokratischen Parteien ein) nicht völlig verblendet lebt und nicht andererseits direkt reaktionĂ€r wird, wie die neuen Faschisten, kann sich nicht der Tatsache verweigern, dass die staatlich-kapitalistische Gegenwartsgesellschaft in einer massiven multiplen Krise steckt. Von ökologischer Zerstörung, Patriarchat und Grenzregime rede ich hier noch nicht mal
 Selbst wenn die ErklĂ€rungsansĂ€tze und LösungsvorschlĂ€ge dafĂŒr stark variieren, bleibt die bohrende Gewissheit, dass es im Sinne der Bestandswahrung von Privileg und „Ordnung“ struktureller VerĂ€nderungen bedarf.

Und mehr oder weniger progressive Akteur*innen fordern ihn deswegen auch: Den sozial-ökologischen Umbau, die Great Transformation – ganz im Sinne der Erneuerung des kapitalistischen Staates unter sich verĂ€ndernden Verwertungsbedingungen des 21. Jahrhunderts. Die Endlichkeit von natĂŒrlichen Ressourcen soll angerechnet und einberechnet werden. Demokratische sollen Grundrechte erhalten, weiter entwickelt und weiter verbreitet werden. DarĂŒber hinaus soll der Sozialstaat modernisiert werden und erhalten bleiben, denn jedes Kind weiß, dass zu große gesellschaftliche Spaltungen letztendlich zur Misere fĂŒhren.

DafĂŒr soll – so könnte man meinen – das 9-Euro-Ticket ein Anfang sein. Als Stopfung der durch die Inflation löchrig gewordenen Geldbeutel. Anreiz fĂŒr eine notwendige Verkehrswende gegenĂŒber der verfestigten Auto-kratie. Und schließlich auch das GefĂŒhl, sich mit den MitbĂŒrger*innen nach einer langen Phase der Distanz wieder verbunden zu fĂŒhlen, indem man sich in ĂŒbervolle ZĂŒge quetscht und im Schweiße der Anderen wieder Volk werden kann. Immerhin gibt es den ganzen Reisespaß nicht umsonst (im doppelten Wortsinn) als „Deutschlandtarif“. Statt dass die Regierung wirklich Geld in die Hand nimmt und nachhaltig in die Infrastruktur investiert, also auch bei der Subvention der Auto-kratie Abstriche macht, schafft sie Anreize dafĂŒr, dass die Konsument*innen es langfristig regeln sollen. Ob die Bahn als Verkehrsmittel damit langfristig wieder attraktiver wird oder gar das Gegenteil eintritt – wir werden nach dem Sommer sehen.

Und dennoch wird mit derartigen großflĂ€chigen Maßnahmen an Modellprojekten geschraubt, um die Zukunft anders zu gestalten. Dies jagt den Konservativen Angst ein. Und die ReaktionĂ€ren positionieren sich als konsequente Opposition zum „links-grĂŒn-liberal-versifften Mainstream“. Sprich, gegen eine halbwegs demokratische Gesellschaftsform. Daher greifen sie das Schlagwort vom „Great Reset“ auf, jenem Verschwörungsmythos, der fĂŒr sie analog zu dem des angeblich „großen Austauschs“ funktioniert. Das antisemitische Muster ist dabei stets dasselbe: Eine kleine, verborgene Elite erzböser Weltbeherrscher wĂŒrde die angebliche Krise dafĂŒr nutzen, ihre geheimen, bösartigen Machenschaften umzusetzen und jeglichen Widerstand von so rechtschaffenen Personen wie Trump, Putin, Bolsonaro oder Höcke im Keim zu ersticken.

Eigentlich völlig absurde, billige und auch durchschaubare Propaganda, könnte man meinen. Dass sie bedauerlicherweise bei ziemlich vielen Personen funktioniert, liegt nicht an ihrer post-faktischen Überzeugungskraft. Sondern vielmehr daran, dass das durch die bĂŒrgerliche Ideologie geformte Bewusstsein der Bevölkerung nach Möglichkeiten sucht, die emotionale Gewissheit zu kompensieren, dass es so insgesamt nicht weitergehen kann. Also dass eine grundlegende Transformation der bestehenden Gesellschaftsform unausweichlich und auch im Gange ist.

So dachte ich zunĂ€chst. Doch als ich gestern am Fahrkarten-Automaten stand und mir gleich alle drei 9-Euro-Tickets holte, wurde ich jĂ€h aus meinen pseudo-intellektuellen WelterklĂ€rungswolken gerissen. Denn – durch einen unglaublichen Zufall – wurde mir plötzlich folgendes bewusst: Drei Monate, drei 9-Euro-Tickets. Stellt man die drei Tickets auf den Kopf ergibt sich daraus eindeutig die 666, die bekannte Zahl des Tieres, also das weltweit anerkannte Zeichen dafĂŒr, dass das ganze Programm von der geheimen Weltelite eingerichtet worden sein muss. Das Gleiche ergibt sich, wenn wir die Tage der Monate zusammenzĂ€hlen: Juni hat 30, Juli und August haben 31 Tage. Macht 92 Tage vermeintlicher staatlicher Wohlfahrt und Kopfzerbrechen fĂŒr die Bahnmitarbeiter*innen. 9 mal 2 ist 18 und wiederum geteilt durch die 3 Monate macht 3 mal 6. Da haben wir es schon wieder! Also wer den Wink mit dem Zaunpfahl jetzt nicht gehört, der oder dem ist nicht mehr zu helfen. So eindeutig wie Satan auf unseren Ausweisen; so klar, dass wir das Offensichtliche gerade verkennen!

Deswegen bitte ich euch diese erschreckende Erkenntnis wo es nur geht zu verbreiten. Und wenn sie dann durch die Telegrammgruppen der pseudo-faschistischen Verschwörungsfreaks geistert, erinnert euch bitte daran, dass ich es war, der diesen Mythos erfunden hat. Heute ist Freitag der 3.6. Drei mal sechs, you know.

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Langweiliger Nachtrag: Im Grunde genommen sollte klar sein, dass die eigentliche Intention dahinter derartige Vorstellungen vor allem dazu dient, abseits sozialdemokratischer Reformprojekte die sich abzeichnende soziale Revolution zu diskreditieren und zu verhindern. Dass ist alles sehr unspektakulĂ€r. Gerade aus diesem Grund sollten wir aber den Standpunkt einnehmen, dass wir – und nicht irgendeine geheime Weltregierung – der Great Reset sind und sein wollen. Lasst uns fĂŒr etwas besseres als die bestehende Gesellschaftsform eintreten. FĂŒr den libertĂ€ren Sozialismus! Sylt ist bereit befeiert und in direkter Aktion vergesellschaftet zu werden!




Quelle: Paradox-a.de