April 27, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 192 Seiten, 18,50 Euro, ISBN 978-3-462-05509-2

Eigentlich wollte die Jurastudentin Louise mit ihrem Freund Jo zusammenziehen. Doch nachdem sie ihre Wohnung gekĂŒndigt hat, verkĂŒndet dieser, sich nun doch nicht so fest binden zu wollen. Deshalb sieht Louise keine andere Möglichkeit, als in das Palais der österreichischen BundesprĂ€sidentin zu ziehen. Die BundesprĂ€sidentin gehört einer rechtsextremen Partei an und ist im Übrigen Louises Mutter. Louise lebt in einer permanenten Revolte gegen diese. Aus Protest gegen die neun Windhunde ihrer Mutter schafft sie sich einen Mops an, den sie Marx nennt. Zusammen mit ihrer besten Freundin Lilli, die sich gerne feministische Videos auf YouTube ansieht, recherchiert Louise Menschenrechtsverbrechen des chinesischen Staates. Teetrinkend hĂ€ngen sie die Texte ĂŒber die elegante Tapete des sogenannten China-Zimmers im Palais – auch wenn „die Proletin“, wie Lilli von Louises Mutter genannt wird, eigentlich Hausverbot hat. Die BundesprĂ€sidentin möchte Louise mit Ferdi, dem Trainer ihrer Windhunde, verkuppeln. Als dieser ihr seinen Schmiss zeigt, antwortet Louise: „Mensur ist Menstruationsneid“. Stattdessen vergnĂŒgt sie sich lieber mit Theodor Thies, in Kurzform TT, den sie auf einem Jagdausflug kennenlernt, zu dem ihre Mutter sie mitgenommen hat. Gemeinsam betrinken sie sich, plĂŒndern den Waffenschrank und werfen alle Gewehre in den Pool. Als am nĂ€chsten Morgen eine Jagdteilnehmerin entsetzt aufschreit, brĂŒllt Louise, was denn das Problem sei, ob die Dame noch nie nackte Menschen gesehen habe. Louise, die im Plattenbau aufgewachsen ist, lebt ein privilegiertes Leben, das aus einer Aufeinanderfolge von Verabredungen besteht. Abwechselnd trinkt sie irgendwo einen Spritzer, frĂŒhstĂŒckt in KaffeehĂ€usern und konsumiert diverse Drogen. WĂ€hrend sie noch unentschlossen ist, ob sie auf eine Demo gegen ihre Mutter gehen soll, verbringt Louise einen Abend auf einer Semestereröffnungsfeier der juristischen FakultĂ€t. Dort lernt sie die sportliche Sef kennen, die lange Monologe ĂŒber die „pseudobedeutungsvolle Aussagekraft“ von Handtaschen hĂ€lt. Mit Sef entdeckt Louise ihr Interesse an Frauen. WĂ€hrenddessen ist die Sache mit Jo, der seine Dreistigkeit und seinen Egoismus intellektuell verpackt, noch immer nicht ganz beendet. Dieser schlĂ€gt Louise vor, sie solle eine Reisegruppe auf Bali leiten: „Die Highlights Balis aus feministisch-passiver Sicht in neun Tagen. Bisschen Kritik, aber eigentlich geht‘s schon darum, WohlfĂŒhlatmosphĂ€re auf Instagram zu verbreiten“. Auch TT hĂ€lt Louise immer wieder den Spiegel vor und kritisiert die unreflektierte Haltung, mit der sie ihre Privilegien genießt. Schlafen definiert sie als Protest gegen den Kapitalismus, und wenn sie nackt in der Sonne liegend Mangosaft mit Wodka trinkt, meint sie, gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers zu rebellieren. Hin und wieder ĂŒberlegt sie mit Lilli, Jo und TT, wie sie den anstehenden Wiener Opernball fĂŒr die Inszenierung einer Kunstaktion gegen die BundesprĂ€sidentin nutzen kann. Doch bislang fehlt ihnen noch ein Konzept. Louises jĂŒngere Schwester Yara lebt hingegen ihre ganz eigene Form von Protest. Sie verbringt einen großen Teil ihrer Tage in UnterwĂ€sche auf dem Bett ihres abgedunkelten Zimmers. Dessen Einrichtung ist ihrem frĂŒheren Zimmer aus dem Plattenbau nachempfunden. Eigentlich mag Yara „MĂ€nner, die, aus welchen GrĂŒnden auch immer, traurig schauten und Gras hatten“. Trotzdem hat sie Angst, ausgerechnet vom Hundetrainer Ferdi schwanger zu sein. Und das ist nur eines ihrer vielen Geheimnisse
 Louises Geschichte ist vollgepackt mit Drogen, viel Alkohol, intellektuellen Texten, Kunst, großer sexueller FreizĂŒgigkeit, jeder Menge Situationskomik und absurden Dialogen, die allesamt in einer totalen Befreiung zu mĂŒnden scheinen – letztlich aber nur eine durchaus intelligente und kreative junge Frau zeigen, die sich selbst zwischen zu vielen Möglichkeiten verliert. Der sprachliche Grundton des DebĂŒt-Romans ist eine faszinierende Mischung aus Wiener Mundart, Umgangssprache und politischen Parolen, die der ErzĂ€hlung GlaubwĂŒrdigkeit und Lebendigkeit verleiht.




Quelle: Graswurzel.net