Februar 14, 2021
Von Antifra
254 ansichten


Mo Asumang im Gespr√§ch mit der Auschwitz¬≠√ľber¬≠le¬≠ben¬≠den Esther Bejarano.

Mo Asumang wur¬≠de 1963 in Kas¬≠sel als Toch¬≠ter einer Deut¬≠schen und eines Gha¬≠na¬≠ers gebo¬≠ren. Sie wuchs bei ihrer Gro√ü¬≠mutter m√ľt¬≠ter¬≠li¬≠cher¬≠seits auf und fin¬≠det sp√§¬≠ter her¬≠aus, dass die¬≠se im Krieg als Schrei¬≠be¬≠rin bei der Waf¬≠fen-SS t√§tig war. Damit beginnt die Erz√§h¬≠lung, die Asumang 2014 als per¬≠s√∂n¬≠li¬≠che Rea¬≠li¬≠t√§t und eine Art auto-eth¬≠no¬≠gra¬≠phi¬≠schen Doku¬≠men¬≠tar¬≠film auf die Lein¬≠wand bringt. Es ist ihre eige¬≠ne Rei¬≠se, eine sym¬≠bol¬≠trun¬≠ke¬≠ne, die letzt¬≠end¬≠lich mehr Fra¬≠gen beant¬≠wor¬≠tet als sie sich zu Anfang stellt: Was sind Ari¬≠er und wo fin¬≠det man sie? 

Geduldig und mutig 

Mo Asumangs Film ist mutig. Hin und wie¬≠der erw√§hnt sie die Wun¬≠den des all¬≠t√§g¬≠li¬≠chen Ras¬≠sis¬≠mus und der erleb¬≠ten Gewalt, spa¬≠ziert durch Neo¬≠na¬≠zi-Pro¬≠tes¬≠te in Deutsch¬≠land und posiert schlie√ü¬≠lich mit erns¬≠ter Mie¬≠ne gar mit einem Ku-Klux-Klan-Mitglied. 

Sp√§¬≠tes¬≠tens nach¬≠dem die heu¬≠te 96-j√§h¬≠ri¬≠ge Auschwitz¬≠√ľber¬≠le¬≠ben¬≠de Esther Beja¬≠ra¬≠no sie fragt, was sie in der kame¬≠ra¬≠be¬≠glei¬≠te¬≠ten Begeg¬≠nung mit Neo¬≠na¬≠zis eigent¬≠lich sucht, wird klar, dass sich der Film auch mit der immer aktu¬≠el¬≠len Fra¬≠ge der Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung von Antirassist*innen besch√§f¬≠tigt: Sind es die Dis¬≠kri¬≠mi¬≠nier¬≠ten der Gesell¬≠schaft, die Struk¬≠tu¬≠ren der Ungleich¬≠wer¬≠tig¬≠keit sicht¬≠bar machen m√ľs¬≠sen? Wel¬≠chen Rah¬≠men setzt man, um Nazis zu ver¬≠ste¬≠hen? Und wel¬≠che Emo¬≠tio¬≠nen akzep¬≠tiert eine Gesell¬≠schaft √ľber¬≠haupt als Reak¬≠ti¬≠on auf all¬≠tags¬≠ras¬≠sis¬≠ti¬≠sche √Ąu√üe¬≠run¬≠gen und men¬≠schen¬≠feind¬≠li¬≠che Gewalt? Mo Asumangs Reak¬≠ti¬≠on ist ernst und gedul¬≠dig ‚ÄĒ zumin¬≠dest auf der Leinwand. 

Ein ‚ÄěFehler‚Äú

Auf der Spu¬≠ren¬≠su¬≠che nach Wur¬≠zeln ras¬≠sis¬≠ti¬≠scher Feind¬≠se¬≠lig¬≠keit in der NS-Zeit reist Asumang zu deut¬≠sche Nazi¬≠hoch¬≠bur¬≠gen, in die USA und in den Iran, dort, wo sie tat¬≠s√§ch¬≠lich Ari¬≠er trifft. Die Suche nach der Wahr¬≠heit √ľber die Ari¬≠er-Mar¬≠ke spricht dabei eine sel¬≠ten unter¬≠such¬≠te Fra¬≠ge an und bricht so mit einem wohl beh√ľ¬≠te¬≠ten Tabu. War¬≠um wohl wei√ü nie¬≠mand der ange¬≠spro¬≠che¬≠nen Passant*innen, was Ari¬≠er wirk¬≠lich sind? Asumang fin¬≠det kei¬≠ne Hin¬≠wei¬≠se auf Ari¬≠er in Deutsch¬≠land und stellt dar, wie das NS-Regime sich die Mar¬≠ke des Ari¬≠ers schlicht als Phan¬≠tas¬≠ma ange¬≠eig¬≠net hat. 

Die Idee, ras¬≠sis¬≠ti¬≠scher Hass und Gewalt beru¬≠he damit auf einem ‚Äď in den Wor¬≠ten des Films ‚Äď l√§cher¬≠li¬≠chen Irr¬≠tum, durch¬≠zieht den Film auch in einer popu¬≠l√§¬≠ren, wie¬≠der¬≠keh¬≠ren¬≠den Dar¬≠stel¬≠lung des ‚Äědum¬≠men Nazis‚Äú, der (sel¬≠ten: die) sei¬≠nen Hass nicht hin¬≠ter¬≠fragt und aus purer Dumm¬≠heit zu han¬≠deln scheint. Nazis, die nicht reden wol¬≠len oder den ‚ÄěPres¬≠se¬≠spre¬≠cher‚Äú ihrer Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on vorschicken. 

Es macht den Ein¬≠druck, als g√§be es kei¬≠ne ande¬≠re Erkl√§¬≠rung des heu¬≠ti¬≠gen Ras¬≠sis¬≠mus als die ‚ÄěDumm¬≠heit‚Äú ‚Äď dabei ist auch die¬≠ses Nar¬≠ra¬≠tiv pro¬≠ble¬≠ma¬≠tisch: Es spielt ras¬≠sis¬≠ti¬≠sche Gewalt und All¬≠tags¬≠ras¬≠sis¬≠mus als all¬≠t√§g¬≠li¬≠ches ‚ÄěFehl¬≠ver¬≠hal¬≠ten‚Äú her¬≠un¬≠ter. Solch eine bana¬≠le Erkl√§¬≠rung f√ľr den Hass der Nazis ver¬≠hin¬≠dert ent¬≠schie¬≠den eine Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zung mit der men¬≠schen¬≠feind¬≠li¬≠chen geleb¬≠ten Theo¬≠rie der ver¬≠netz¬≠ten v√∂l¬≠ki¬≠schen und natio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠ti¬≠schen Gruppen. 

Anderthalbst√ľndiges Kofferpacken

Wer meint, rech¬≠te und neo¬≠na¬≠zis¬≠ti¬≠sche Ein¬≠stel¬≠lun¬≠gen st√ľn¬≠den im direk¬≠ten Zusam¬≠men¬≠hang mit dem Bil¬≠dungs¬≠ni¬≠veau, ver¬≠neint, dass rechts¬≠ex¬≠tre¬≠me Ideo¬≠lo¬≠gien in Bil¬≠dungs¬≠eli¬≠ten ste¬≠tig wei¬≠ter¬≠ent¬≠wi¬≠ckelt wer¬≠den. W√§h¬≠rend Asumangs Doku¬≠men¬≠ta¬≠ti¬≠on auf der einen Sei¬≠te Bil¬≠der von ‚Äědum¬≠men‚Äú Nazis zeigt, sucht sie auf der ande¬≠ren Sei¬≠te auch einen fr√ľ¬≠he¬≠ren Ku-Klux-Klan-F√ľh¬≠rer bei sei¬≠ner t√§g¬≠li¬≠chen ideo¬≠lo¬≠gie¬≠ge¬≠la¬≠de¬≠nen Radio¬≠sen¬≠dung auf. Dabei macht sie einen wich¬≠ti¬≠gen Wider¬≠spruch deut¬≠lich: Die Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zung mit Nazis l√§uft immer Gefahr, ihnen auch dann eine B√ľh¬≠ne zu ver¬≠schaf¬≠fen, wo sie sich ernst¬≠haft mit ihnen auseinandersetzt. 

‚ÄěDie Ari¬≠er‚Äú ‚Äď ein emp¬≠feh¬≠lens¬≠wer¬≠ter, muti¬≠ger Doku¬≠men¬≠tar¬≠film, der nicht nur von Nazis und Ras¬≠sis¬≠mus han¬≠delt ‚Äď son¬≠dern eine gan¬≠ze Rei¬≠he von Ideen und Fra¬≠gen √ľber den poli¬≠ti¬≠schen, gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen und media¬≠len Umgang mit Neo¬≠na¬≠zis greif¬≠bar macht und auch Kri¬≠tik dar¬≠an erm√∂g¬≠licht. Asumangs Doku¬≠men¬≠ta¬≠ti¬≠on wirkt daher eher wie ein andert¬≠halb¬≠st√ľn¬≠di¬≠ges Kof¬≠fer¬≠pa¬≠cken vor einer unab¬≠seh¬≠bar lan¬≠gen Rei¬≠se, die es bedeu¬≠tet, Nazis √ľber¬≠haupt ver¬≠ste¬≠hen zu wollen. 

Mehr Infos zu Die Ari­er auf der Film­web­site Mo Asumangs.

Der Film wird im Rah¬≠men der Rei¬≠he ‚ÄěFilm ab gegen Rechts¬≠ex¬≠tre¬≠mis¬≠mus‚Äú im Febru¬≠ar im ZDF gezeigt und ist dann in der Media¬≠thek abruf¬≠bar. Im Lau¬≠fe des Febru¬≠ar zeigt die Nach¬≠wuchs¬≠re¬≠dak¬≠ti¬≠on Das klei¬≠ne Fern¬≠se¬≠spiel vier Spielf¬≠i¬≠me wie¬≠der, ‚Äědie sich auf unter¬≠schied¬≠li¬≠che Art mit Rechts¬≠ex¬≠tre¬≠mis¬≠mus und Ras¬≠sis¬≠mus aus¬≠ein¬≠an¬≠der set¬≠zen‚Äú, hei√üt es in der Press¬≠in¬≠fo. Und: ‚ÄěDamit wol¬≠len wir auf die¬≠se sehr wich¬≠ti¬≠gen The¬≠men auf¬≠merk¬≠sam machen, die in die¬≠sen Zei¬≠ten nicht ver¬≠ges¬≠sen wer¬≠den d√ľrfen‚Äú.

Seit 7. Febru­ar 2021 kön­nen fol­gen­de Fil­me in der ZDF-Media­thek ange­schaut wer­den:
Wir sind jung. Wir sind stark., Spiel­film, Deutsch­land 2014
Leroy, Spiel­film, Deutsch­land 2007
Die Ari­er, Doku­men­tar­film, Deutschland/USA/Iran 2013
Krie¬≠ge¬≠rin, Spiel¬≠film, Deutsch¬≠land 2011




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de