September 14, 2021
Von Indymedia
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Das nordrhein-westfĂ€lische Ministerium fĂŒr Arbeit, Gesundheit und Soziales hat am 24. August seinen jĂ€hrlichen Kurzbericht, ĂŒber die Entwicklung der Wohnungslosigkeit im Lande und in seinen Kommunen veröffentlicht. Demnach hat es in Köln von 2019 auf 2020 einen Anstieg um weitere 1.000 wohnungslose Menschen gegeben. Lediglich die Internetzeitung report-K hat dies ausfĂŒhrlich aufgegriffen. Das heißt den Ratsfraktionen und der Verwaltung Fragen geschickt, wie man der Entwicklung der Wohnungslosigkeit in der Stadt begegnen will, und die Antworten auf seiner Webseite veröffentlicht. Weitere und konkretere Reaktionen, Veröffentlichungen sind weder von den KanĂ€len anderer örtlicher Medien, geschweige denn den Ratsfraktionen und -gruppen demokratischer Parteien bekannt. Wie will man aussagekrĂ€ftiger nach außen tragen dass das Schicksal obdach- und wohnungsloser Menschen in der Stadt niemanden interessiert?

Die Debatte “Die Innenstadt kippt”, angestoßen durch eine gemeinsame Pressemitteilung (vom 10. August) des BĂŒrgerverein Kölner Eigelstein, des Stadtmarketing Köln, der Interessengemeinschaft ABC und des BezirksbĂŒrgermeister der Innenstadt, fand in den Mainstream Medien mehr Aufmerksamkeit, und dominiert die öffentliche Wahrnehmung von Drogenkonsumierenden und Obdachlosen im öffentlichen Raum. Am Eigelstein, der Schildergasse, dem Neumarkt, dem Chlodwigplatz, der Deutzer Freiheit, unter anderem. Auch wenn betont wird das es nicht um die VerdrĂ€ngung der Menschen von den PlĂ€tzen in der Innenstadt geht, kann man bei genauerer Auseinandersetzung damit diesen Eindruck bekommen. Verschiedene Interessengemeinschaften haben Konflikte (aus deren Sicht) benannt. Man schlĂ€gt Lösungen vor, oder stellt Forderungen an die Verwaltung, wie man (aus der Sicht der Initiativen) den Problemen begegnen soll. Dabei will man verschiedene Akteure bei der gemeinsamen Suche nach Lösungen mit ins Boot holen. Die Obdachlosen als Expert*innen in eigener Sache bleiben, schon wieder, außen vor. Man redet, schon wieder, ĂŒber sie, statt mit ihnen.

Bevor es weitergeht, eine kleine Exkursion in die Kommunalpolitik. Mindestens die folgenden politischem Gremien befassen sich unter anderem mit den Themen Obdach- und Wohnungslosigkeit. Der Ausschuss, Soziales, Seniorinnen und Senioren. Die Stadtarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenpolitik, mit ihren Untergremien Beirat und Fachgruppe Wohnungslosenhilfe. Wer darin vertreten ist? Vertreter*innen der Verwaltung. Vertreter*innen der freien TrĂ€ger von Angeboten und Einrichtungen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe. Vertreter*innen der Ratsfraktionen und -gruppen. Wer nicht darin vertreten ist? Obdach- und Wohnungslose als Expert*innen in eigener Sache. ZurĂŒck zur kippenden Innenstadt.

Die Interessengemeinschaften haben in ihrer Pressemitteilung am 10. August insgesamt sieben Forderungen an die Verwaltung der Stadt gestellt. Unter anderem fordern sie mehr Ehrgeiz, das Problem ganzheitlich anzugehen. Als sichtbares Zeichen dafĂŒr einen Ă€mterĂŒbergreifenden Projektleiter Obdachlosigkeit, der “den Hut aufhat” und die BemĂŒhungen der Stadtverwaltung koordiniert, inklusive der Recherche nach “best practice” Beispielen in anderen StĂ€dten.Auch die WDR Lokalzeit aus Köln hat das Thema aufgegriffen und am 18. August darĂŒber berichtet. Dort hatte man auch den Sozialdezernenten der Stadt, Dr. Harald Rau zu Gast. Der im StudiogesprĂ€ch unter anderem davon sprach, dass man ein Programm zur Identifizierung mit besonderem Handlungsbedarf einrichten wolle.

Wenn man, die Interessengemeinschaften und die Verwaltung, den eingeschlagenen Weg weitergehen wird, und noch einen Runden Tisch bildet, und schon wieder, wie bereits erwĂ€hnt, ĂŒber die Obdach- und Wohnungslosen spricht, statt mit ihnen, wird man scheitern. Diese Pseudodebatten, diese MĂŒhe kann man sich sparen. Statt nachhaltiger Lösungen im Sinne der Menschen die auf den Straßen der Stadt leben, wieder nur bla bla bla, und, schon wieder, das Rad neu erfinden.

Dr. Rau Ă€ußert sich im StudiogesprĂ€ch mit der WDR Lokalzeit unter anderem dahingehend, dass es Menschen gibt, die gar keine Hilfe wollen und annehmen möchten. Leider hat die Moderation im Studio versĂ€umt nachzufragen warum dem so ist, beziehungsweise der Sozialdezernent ist leider nicht darauf eingegangen. Gerade deshalb ist es so wichtig das man die Betroffenen an entsprechenden Debatten teilhaben lĂ€sst. Wie will man Menschen die auf der Straße leben helfen, wenn man nicht die GrĂŒnde dafĂŒr weiß? Was wiederum nicht ganz stimmt, denn im Zeitraum Juni 2018 bis Mai 2019 haben Streetworker*innen Obdachlose im Auftrag der Stadt befragt. Die Ergebnisse sind der Sozialverwaltung, den freien TrĂ€gern, und den Ratsfraktionen bekannt. Das heißt, niemand aus Verwaltung und Politik kann sich damit rausreden nicht gewusst zu haben, warum die Menschen die Angebote und Hilfen, insbesondere Übernachtungen, ablehnen.

Mit den Menschen die auf der Straße leben reden, statt ĂŒber sie. Das wird zwar nicht von heute auf morgen alle Ursachen fĂŒr die Obdach- und Wohnungslosigkeit von Menschen bekĂ€mpfen. Jedoch ist es wahrscheinlich, wenn, was selbstverstĂ€ndlich sein sollte, man sich auf Augenhöhe mit den Obdachlosen bewegt, wenn man auf deren Bedarfe und WĂŒnsche eingeht, dass mehr Menschen fĂŒr die Angebote der Obdach- und Wohnungslosenhilfe empfĂ€nglich werden.

Einen ersten Schritt sollten die Kommunalpolitik und die Sozialverwaltung damit machen, dass sie die Anregungen, VerbesserungsvorschlĂ€ge und WĂŒnsche (erwĂ€hnt im Streetwork-Abschlussbericht Juni 2018 – Mai 2019) abarbeiten. Beziehungsweise das sie auf negativen Erfahrungen der Obdachlosen mit dem Regelhilfesystem und anderen Hilfen eingehen. Die entsprechenden Wortmeldungen der Menschen, die in Köln auf der Straße leben hierzu, sind aussagekrĂ€ftig und konkret. KĂŒnftig ausschließlich Unterbringung in Einzelzimmern. Doppelzimmer fĂŒr PĂ€rchen. Mehr UnterkĂŒnfte, wo Obdachlose ihre Hunde mitnehmen können, und diese nicht ĂŒber Nacht woanders abgeben mĂŒssen. Akzeptanz und UnterstĂŒtzung von alternativen Wohnformen. Beispielsweise durch Bereitstellung von GrundstĂŒcken durch die Stadt.

Was sich auch Ă€ndern muss ist die Kommunikation mit den Menschen. Wenn man bei der Fachstelle Wohnen der Stadt Köln vorspricht, wegen der Zuweisung einer Unterkunft, oder bei einem AufnahmegesprĂ€ch fĂŒr einen Platz in einem Wohnheim eines freien TrĂ€gers, versuchen die Mitarbeiter*innen, beziehungsweise Sozialarbeiter*innen herauszufinden was die GrĂŒnde fĂŒr die eigene Obdach- und Wohnungslosigkeit sind. Dementsprechend bekommt man dann eine Unterkunft zugewiesen, oder einen Schlafplatz in einem Wohnheim. KĂŒnftig sollte es im ersten Schritt ausschließlich darum gehen das die Menschen eine Unterkunft, ein Dach ĂŒberm Kopf bekommen. AbhĂ€ngig davon ob sie alleine unterwegs sind, mit Freund*in, mit Hund. Man sollte sie zunĂ€chst ankommen lassen, und frĂŒhestens nach vier Wochen noch mal nachfragen ob sie weitere Beratung und UnterstĂŒtzung wĂŒnschen, und welche. Wenn Mensch von sich aus konkret den Wunsch Ă€ußert wo man Hilfe braucht, kann man natĂŒrlich direkt eine entsprechende Unterbringung vermitteln.

Einen wesentlichen Punkt in der Debatte haben die Interessengemeinschaft, der BezirksbĂŒrgermeister der Innenstadt, der Sozialdezernent und die Medien vergessen. Die Angebote von Einrichtungen mit Tagesaufenthalten in der Corona Pandemie. Diese mĂŒssen kritisch hinterfragt werden, denn sie sind dafĂŒr mitverantwortlich das Menschen sich auf der Straße aufhalten. Wo sonst, wenn sie nirgendwo hingehen können?

Dazu muss man folgendes wissen. Die Öffnungszeiten der Einrichtungen die einen Tagesaufenthalt sind unterschiedlich. Manche haben nur Wochentags auf. Manche nur am Wochenende. Manche die Woche ĂŒber ganztags. Manche nur zu bestimmen Zeiten. Manche nur Vormittags und Nachmittags. Die Angebote der Tagesaufenthalte können unterschiedlich sein. GrundsĂ€tzlich gilt fĂŒr alle, fĂŒr kleines Geld bekommt man was zum essen und zum trinken. Oft ist es aber so das die Menschen völlig mittellos sind, oder man sich mit Mitarbeiter*innen, Ehrenamtler*innen und Sozialarbeiter*innen in den Einrichtungen nicht richtig verstĂ€ndigen kann, der Sprachen wegen.

Insofern gibt es neben den bereits genannten Anregungen, VerbesserungsvorschlĂ€gen, WĂŒnschen der Obdachlosen, und der Auseinandersetzung mit den negativen Erfahrungen die sie in Einrichtungen gemacht haben, einen zweiten Punkt der PrioritĂ€t haben, und an dem die Verwaltung und die Politik arbeiten mĂŒssen. Ein Angebot in den Einrichtungen, dass sich am tatsĂ€chlichen Bedarf und den WĂŒnschen der betroffenen Menschen orientiert. Und nicht daran was die freien TrĂ€ger, die Verwaltung und die Politik denken zu glauben zu wissen was Obdachlose wollen.

Tagesaufenthaltmöglichkeiten in allen UnterkĂŒnften, auch in Notschlafstellen, beziehungsweise bei zusĂ€tzlichen Angeboten im Rahmen der stĂ€dtischen Winterhilfe. Das mĂŒssen Angebote sein wo die Menschen nicht erst von A nach B reisen mĂŒssen, um von ihrer Unterkunft zu einem Tagesaufenthalt zu gelangen. Auch muss es die Möglichkeit der Selbstversorgung geben, beispielsweise TeekĂŒche, Dusche, Möglichkeit WĂ€sche zu waschen. Bei den bestehenden Einrichtungen mit Tagesaufenthaltmöglichkeiten, beispielsweise (um im direkten Umfeld des Hauptbahnhof zu bleiben), mĂŒsste es so sein dass sie tĂ€glich offen sind, und ganztags. Auch hilfreich, wenn nicht nur in der Woche, sondern auch am Wochenende und Feiertags Sozialarbeiter*innen vor Ort sind.

Vor allem, eine AtmosphĂ€re schaffen wo die Menschen sich auch willkommen fĂŒhlen.




Quelle: De.indymedia.org