Oktober 5, 2021
Von InfoRiot
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Interview | Shoa-Überlebender zu Prozess gegen Ex-Wachmann

“Mord ist Mord ist Mord”

06.10.21 | 15:13 Uhr

Richard Fagot ĂŒberlebte als Kind das KZ Sachsenhausen. Im Interview spricht der 85-JĂ€hrige ĂŒber die letzten Tage des Krieges – und darĂŒber, ob er den Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann fĂŒr gerechtfertigt hĂ€lt.

rbb: Herr Fagot, Sie waren neun Jahre alt, als Sie im April 1945 mit Ihrer Mutter und Schwester ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurden. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit und wie haben Sie die WachmÀnner erlebt?

Richard Fagot: In den letzten Tagen von Sachsenhausen habe ich die Möglichkeit gehabt, die “glorreichen” TĂ€tigkeiten der WachmĂ€nner zu beobachten. Das ist eine wenig ruhmvolle Zeit gewesen. Und in diesen Tagen war es ausnahmsweise und erstmalig zu vermuten gewesen, dass diese MĂ€nner auch menschliche Eigenschaften besaßen. Die Rote Armee nĂ€herte sich. Der Himmel war rot. Man hörte die Geschosse der Flaks und die WachmĂ€nner waren alle aufgeregt, nervös, liefen ĂŒbereilig herum, schrien sich gegenseitig an. Und sie wollten nur schleunigst weg.

Sie waren sehr darum bemĂŒht, auf keinen Einzigen aus den kĂŒmmerlichen Überresten des KZs zu verzichten und ausnahmslos alle HĂ€ftlinge mit auf dem Todesmarsch zu nehmen. Sie drohten, dass alle Baracken mit Sprengstoff unterminiert und in die Luft gesprengt wĂŒrden. Es solle also niemand versuchen, sich zu verstecken. Aber genau das taten wir.

Meine Mutter war völlig erschöpft und hatte keine Kraft mehr auf irgendeinen Marsch, geschweige denn einen Todesmarsch, zu gehen. Sie sagte, es wĂ€re ihr egal, wo sie sterben wĂŒrde, sie wĂŒrde sich nicht mehr vom Fleck rĂŒhren. Wir versteckten uns in einer leerstehenden Baracke unter Decken. Wir wurden nicht in die Luft gesprengt und am nĂ€chsten Tag war die Rote Armee da. Ich habe nur durch eine Reihe von glĂŒcklichen ZufĂ€llen ĂŒberlebt.

Seitdem sind 76 Jahre vergangen. Nun beginnt der Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann in Sachsenhausen. Er ist inzwischen 100 Jahre alt. Finden Sie es richtig, dass er vor Gericht gestellt wird?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Die kann ich nicht mit Ja oder Nein, mit Pro oder Contra beantworten. Mord ist Mord ist Mord – das lĂ€sst sich nicht wegwischen. Andererseits: Wo war die Justiz bis heute? Die Zeugen der Anklage werden die lĂ€ngst bekannten GrĂ€uel erzĂ€hlen. Und die, die daran nicht glauben wollen, werden weiterhin darauf beharren, dass alles gelogen sei und sich empört zeigen, dass man diese Materie ĂŒberhaupt berĂŒhrt. Auch die, die glauben, sind schon ermĂŒdet und stumpf geworden. Also genug damit.

Sehr viele werden Mitleid haben, mit einem gutmĂŒtigen Greis. Sie werden eher den netten Nachbarn von nebenan sehen, anstatt einen vielfachen Mörder. Welch einen erzieherischen Wert kann so ein Prozess nach ĂŒber 75 Jahren haben? Und was fĂŒr eine Strafe kann er schon bekommen? LebenslĂ€nglich? Ein Jahr? Der Verteidiger wird seine ekelerregenden Argumente vortragen.

Damit er sich nicht selbst lĂ€cherlich macht, wird er vielleicht nicht behaupten, dass der Angeklagte nichts gewusst habe. Hat der Angeklagte selbst auf den Auslöser gedrĂŒckt? Nee, höchstens zugeschaut. Nach den damals herrschenden Werten war er ein Held seines Vaterlandes. Allenfalls nur ein SchrĂ€ubchen im System. Was soll also der Zirkus? Vielleicht wĂ€re es zweckmĂ€ĂŸiger, die Ressourcen anderweitig zu verwenden. Zum Beispiel muss noch mehr versucht werden, in den Grund – und Mittelschulen aufzuklĂ€ren. Also ich selbst habe den Glauben an Erziehung und AufklĂ€rung noch nicht ganz verloren.

Können Sie sich vorstellen, dass jemand, der fast drei Jahre lang auf dem Wachturm stand, nichts mitbekommen hat von der industriellen Tötungsmaschinerie?

Das ist lĂ€cherlich. Das ist unmöglich. Jeder im Lager wusste, was vor sich geht. Und auch außerhalb des Lagers wusste man das. Nur die, die die Augen verschließen wollten, wussten nichts.

Was wĂŒrden Sie dem Angeklagten gerne sagen, oder was wĂŒrden Sie ihn fragen, wenn Sie ihm begegnen wĂŒrden?

Tja. Sie stellen mir immer schwierigere Fragen. Ich bin kein Jurist und ich bin auch nicht rachsĂŒchtig. Ich wĂŒrde ihm sagen, dass sie das Land Deutschland kaputt gemacht haben. Dass er und seine Gleichdenkenden Millionen von Menschen vernichtet haben. Nicht nur Juden, auch Russen, Polen, Menschen, die nicht ganz gesund waren. Das war alles gegen den humanistischen Gedanken. Was soll ich ihm sagen? Ich wĂŒrde ihm sagen, er solle sich schĂ€men!

Herr Fagot, wir danken Ihnen fĂŒr das GesprĂ€ch.

Das Interview fĂŒhrt Claudia Baradoy, rbb Kultur.

Sendung: rbb Kultur, 05.10.21




Quelle: Inforiot.de