MĂ€rz 5, 2021
Von Nachrichten Aus Nord-Neukölln
277 ansichten


Angesichts bevorstehender Polizeiaktionen gegen das Hausprojekt Rigaer 94 haben Nachbar*innen eine SolidaritÀtserklÀrung verfasst:

Wir sind Nachbar*innen des Hausprojekts Rigaer 94. Wir wohnen in diesem Kiez unterschiedlich
lange. Einige von uns sind hier groß geworden, andere wohnen hier seit 30 Jahren, wieder andere sind vor 6 Jahren hergezogen und weitere wohnen in umliegenden Bezirken. Wir alle verbinden mit den anliegenden Projekten des Dorfplatz ein lebendiges, vielfĂ€ltiges, lebenswertes Wohnumfeld in Berlin. Wir sind erschĂŒttert ĂŒber die unaufhörliche Welle der staatlichen Repression. In den letzten Monaten ist viel passiert im Kiez: Maria B. wurde in ihrer eigenen Wohnung von Polizist*innen ermordet. Das Ermittlungsverfahren gegen die TĂ€ter*innen wurde drei Wochen spĂ€ter eingestellt.

Das anarcha-queer-feministische Hausprojekt Liebig 34 wurde unter massiver Polizeigewalt
gerĂ€umt. Im Vorfeld sowie danach wurden andauernde grundlose Polizeikontrollen der Anwohner*innen durchgefĂŒhrt, dabei Taschen durchsucht, polizeiliche Maßnahmen wegen bemalten Pappkartons ergriffen und Bußgelder angedroht, wegen Sitzens auf der Straße oder Anstehen vor dem SpĂ€ti mit Protestschildern in der Hand. Unfassbar viel Repression erlitten Supporter*innen in der Nacht vor der RĂ€umung. Zudem wurden vor Kurzem in der wahrscheinlich kĂ€ltesten Woche des Jahres eiskalt wohnungslose Menschen aus ihrem lange bestehenden Camp an der Rummelsburger Bucht gerĂ€umt. Dies geschah ohne VorankĂŒndigung, ohne Dolmetscher*innen, mitten in einer -15 °C kalten Nacht und mit der Auflage nur das Nötigste mitnehmen zu dĂŒrfen.

Weitere AnkĂŒndigungen zu RĂ€umungsandrohungen stehen bevor, so z. B. in der Rummelsburger Bucht fĂŒr ein weiteres Haus in der in der Hauptstr., dem Wagenplatz Mollies und dem Klub. Ganz unmittelbar sind weitere Nachbar*innen in der Rigaer Straße vom Rauswurf bedroht, nĂ€mlich die Bewohner*innen und Nutzer*innen des Hausprojekts 94. In der nĂ€chsten Woche soll mit Vorwand des Brandschutzes eine Besichtigung des Hauses erzwungen werden. Im Sommer fand bereits ein Gutachten statt, woraufhin sĂ€mtliche MĂ€ngel behoben wurden. Obwohl das Haus Bereitschaft signalisiert hat, den Brandschutz erneut ĂŒberprĂŒfen zu lassen und somit eine*n Brandschutzgutachter*in Willkommen zu heißen, wird mit einem großen Polizeiaufgebot gedroht, welche gemeinsam mit der begutachtenden Person das Haus betreten solle. ZusĂ€tzlich werden mehrere Straßen rund um die R94 mit Halteverbotsschildern fĂŒr den Zeitraum 10-13.3. ausgestattet.

Rigaer94 verteidigen
Uns erinnert das sehr stark an die rote Zone, die als Polizeitaktik bei HausrĂ€umungen gilt. Wozu dieser Aufriss, wenn es doch „nur“ um die BrandschutzprĂŒfung geht? Es ist haarspalterisch, dass hier der Brandschutz, der laut Verordnungen unserem Schutz dienen soll, als Vorwand genommen wird, um mit Staatsgewalt u. a. in Form von Polizei das Interesse eines Investors durchzusetzen.Mal wieder ist es der EigentĂŒmer, dessen Kapital/ Profitgier geschĂŒtzt wird und nicht das Recht auf Wohnen.

Die KontinuitĂ€t, mit der in Berlin RĂ€umungen, Entmietungen, Mieter*innen-Schikane durchgeboxt werden, ist eine radikale Form der Gentrifizierung und muss aufhören. Ihr(R2G) nehmt uns SchutzrĂ€ume fĂŒr FLINTA*, Wohnraum, KĂŒfas (KĂŒche fĂŒr alle), Kiezkneipen, Probe-, Sport- und Veranstaltungsorte, ohne auch nur ansatzweise die Auswirkungen auf die sozialen Strukturen in unseren Kiezen und der Stadt Berlin zu berĂŒcksichtigen oder noch schlimmer ihr nehmt den Ausverkauf der Kiezstrukturen sowie VerdrĂ€ngung von zig Menschen in Kauf.

Mit der Liebig 34 wurden bereits sehr wichtige RĂŒckzugsorte fĂŒr FLINTA* gerĂ€umt. Sie fĂŒllten eine Leerstelle in einem kapitalistischen, patriarchalen, diskriminierenden und rassistischen System. Auch die R94 steht als buntes Haus fĂŒr Freiheit derer, die in einer diskriminierenden Struktur/ Stadt der Reichen keinen Platz haben sollen. Die R94 ist Teil eines alternativen Berlins. Zu wichtigen Instanzen zĂ€hlt die KĂŒche fĂŒr alle ein Konzept, indem jeder Mensch eine warme Mahlzeit bekommt, all dies auf Spendenbasis oder kostenlos. Zudem bietet die Kadterschmiede VeranstaltungsrĂ€ume, offene Treffpunkte, die wir gern besuchen. Des Weiteren bietet die Keimzelle einen Ort fĂŒr Jugendliche, um sich zu treffen, zu organisieren und FreirĂ€ume zu gestalten. Da auch das seit 41 Jahren bestehende Jugendzentrum „Potse“ akut rĂ€umungsbedroht ist, dĂŒrfen wir nichtaufhören, fĂŒr solche FreirĂ€ume zu kĂ€mpfen. Gerade in Friedrichshain sind jene FreirĂ€ume fĂŒr Jung und Alt im großen Stil eingestampft worden. Daher ist es unbedingt notwendig, die R94 in ihrer mannigfaltigen PrĂ€senz zu unterstĂŒtzen. Die Rigaer 94 ist sowie alle weiteren Projekte ein Knotenpunkt der Nachbar*innenschaft, welcher Anwohner*innen vernetzt zusammenbringt und mit
Veranstaltungen und Einrichtungen wie Kadterschmiede und Keimzelle fĂŒr ein kulturelles Angebot sorgt.

Uns reicht es schon lange! Wir sind alle von diesem grotesken Vorgehen gegen die R94 betroffen, als Anwohner*innen und Nachbar*innen in Friedrichshain und ganz Berlin, nicht nur als Hausprojekt. Wir haben in der Vergangenheit auf unterschiedlichsten Wegen gezeigt, wie wichtig uns als Nachbar*innen alle Hausprojekte sind. Und wir werden nicht mĂŒde, auch weiterhin laut unseren Protest gegen Gentrifizierung zum Ausdruck zu bringen.

Lasst die Finger von der R94!
Keine RĂ€umungsversuche mehr!
Akzeptiert eine*n unabhĂ€ngige*n BrandschutzprĂŒfer*in!
Weg mit Spekulant*innen und Immobilienhaien aus unseren Kiezen!
Weg mit der Bullenrepression aus unseren Kiezen! Schluss mit den
Gefahrengebieten! Ihr wart noch nie „Freund und Helfer“!
Keine weiteren Polizeigewaltexzesse und Kriminalisierung!
Schluss mit dem rassistischen, sexistischen und klassistischen Profiling!
Wir wollen eine Stadt von unten! Unseren Kiez mit unseren Nachbar*innen!

Herzlichste und solidarische GrĂŒĂŸe von den Nachbar*innen der Rigaer 94

ErklÀrung der Rigaer94 zur Situation:
Rigaer94: Was kostet die Drecksbude eigentlich?

——-
Solikundgebung fĂŒr die bedrohte #Rigaer94 am 10.3. um 16 Uhr Potsdamer Platz 8

Solikundgebung Rigaer94




Quelle: Nk44.blogsport.de