Dezember 1, 2021
Von Contraste
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Lösungen des Pflegenotstands werden in der BRD seit den 1960er-Jahren regelmĂ€ĂŸig angemahnt. Es wird ein vielfĂ€ltiges BĂŒndel an GrĂŒnden genannt: der demographische Wandel, schlechte Arbeitsbedingungen im Pflegebereich, unterdurchschnittliche GehĂ€lter, der Einfluss von Zeitarbeitsfirmen, der Trend zur stationĂ€ren Pflege und dass mehr und mehr Angehörige ihre PflegetĂ€tigkeit einstellen. Im Schwerpunkt der diesmaligen CONTRASTE geht es um die kollektive, gemeinschaftlich organisierte Nachbarschaftshilfe – oft als Seniorengenossenschaften bezeichnet. Sie können als ein wichtiger Baustein zur Abfederung des Pflegenotstands gesehen werden.

Burghard Flieger, Redaktion Genossenschaften

Nachbarschaftshilfe ist eine »eigentlich« wenig formalisierte Form sozialer Gemeinschaften zur BewĂ€ltigung von individuellen oder gemeinschaftlichen BedĂŒrfnissen, Notlagen und Krisen. »Eigentlich« wird hier betont, da Anforderungen und Umsetzungen und damit Formalisierung, wenn sie in irgendeiner Weise vergĂŒtet werden, zunehmend in die »FĂ€nge der BĂŒrokratiemonster« geraten. Dennoch gehören genossenschaftlich organisierte Nachbarschaftshilfen zum bunten Mosaik der Abmilderung des Pflegenotstands. Sie erleichtern FachkrĂ€ften durch die Übernahme pflegeergĂ€nzender Aufgaben, durch SolidaritĂ€t und durch preisgĂŒnstige Leistungen, ihrer KerntĂ€tigkeit nachzugehen.

Im Mittelpunkt des Schwerpunkts stehen genossenschaftliche Beispiele aus Baden-WĂŒrttemberg wie die BĂŒrgergenossenschaft Neuweiler, die SAGES eG in Freiburg sowie die BĂŒrgerSozialGenossenschaft Biberach und die BĂŒrger fĂŒr BĂŒrger eG in Niedereschach. Alle verfolgen das Anliegen, den Menschen zu helfen, möglichst lange in ihren eigenen vier WĂ€nden wohnen zu bleiben. In ihren AusprĂ€gungen unterscheiden sie sich dennoch erheblich, indem sie beispielsweise Tagespflege, Digitalisierung, Rund um die Uhr-Versorgung oder Aufbau von Wohnprojekten in das umgesetzte Konzept integrieren.

Eingerahmt sind die Einzeldarstellungen in eine wissenschaftliche Verortung von Mitarbeitern des »Seminar fĂŒr Genossenschaftswesen der UniversitĂ€t zu Köln«. Diese sehen in dem genossenschaftlichen Selbsthilfeansatz eine Gestaltung »von unten«, die aus den spontanen KrĂ€ften der Gesellschaft heraus erfolgt. Dies wird veranschaulicht durch Nils Adolph, der in seiner Untersuchung zu Strukturen und Arbeitsweisen von zehn Nachbarschaftshilfen in Freiburg drei Typen unterscheidet: informelle und formalisierte sowie kommerzialisierte Nachbarschaftshilfen. In letzteren werden, wie bei allen beschriebenen Genossenschaften, die ehrenamtlich geleisteten Dienste professionell vermittelt und mit Krankenkassen abgerechnet. Deren Aufwand, Reichweite, aber auch StabilitĂ€t gewinnt dadurch erheblich.

Am Ende des Schwerpunkts geht es um verschiedene UnterstĂŒtzungsstrukturen fĂŒr Nachbarschaftshilfen, zum Beispiel Fördermittel zur Beratung und Weiterentwicklung, wie sie in Baden-WĂŒrttemberg ĂŒber die Allianz fĂŒr Beteiligung e.V. vergleichsweise unbĂŒrokratisch zur VerfĂŒgung stehen. Dagegen geht es beim Netzwerk Nachbarschaftshilfe vor allem um die Organisation hilfreicher und teilweise notwendiger Qualifizierungen. Beim Ausblick wird der Aufbau einer regionalen SekundĂ€rgenossenschaft als »Vision« fĂŒr eine Bedeutungserweiterung der genossenschaftlichen Nachbarschaftshilfen zu einem vierten Standbein der Altersvorsorge skizziert – eine Idee, die bisher noch weit ĂŒber den jetzigen Entwicklungsstand der Nachbarschaftshilfen hinausweist.

Titelbild: In der Form eines Pixi-Heftes stellt die Genossenschaft SAGES das Thema Helfende und Hilfenehmende dar. Bilder aus dem Heft illustrieren unseren Schwerpunkt. Zeichnung: SAGES eG


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Quelle: Contraste.org