April 11, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Erst dann, wenn nichts von dir ausgesagt und du nur genannt wirst, wirst du anerkannt als du. Solange etwas von dir ausgesagt wird, wirst du nur als dieses Etwas (Mensch, Geist, Christ u.s.f.) anerkannt.

– Max Stirner (Parerga, Kritiken, Repliken, 1986)

Es ist amĂŒsant, wie oft Menschen IdentitĂ€t mit IndividualitĂ€t verwechseln. IdentitĂ€t geht auf ein lateinisches Wort zurĂŒck, das „Gleichheit“ bedeutet. Und Gleichheit impliziert die Existenz von etwas, mit dem ich gleich sein kann.

Es ist sicherlich möglich, sich Individuen als identische Atome vorzustellen, die aufeinander prallen – Marxist:innen gehen gerne davon aus, dass es das ist, wovon Individualist:innen sprechen – aber selbst Atome werden erst dann identisch, wenn du oder ich sie als Atome auffassen und ihnen eine IdentitĂ€t geben. Die Atomisierung ist ein Prozess, der seine Grundlage in der Leugnung meiner einzigartigen IndividualitĂ€t hat, und die Identifizierung spielt in diesem Prozess eine Rolle.

Stirner bezeichnete dich und mich, d. h. jedes Individuum, das in diesem Moment leibhaftig ist, als „der Einzige“. In Parerga, Kritiken, Repliken erklĂ€rt er, dass dies nur ein Name ist, mehr nicht. Um zu sprechen, um zu schreiben, musste er einen Namen verwenden. Aber, so schrieb er, „der Einzige 
 hat keinen Inhalt; er ist Unbestimmtheit in sich selbst 
“ Ihm einen Inhalt zu geben, bevor ich es in meiner Welt auslebe, bevor du es in deiner Welt auslebst, bedeutet, ihm eine IdentitĂ€t, eine Gleichheit zu geben, ihn als einzigartig zu zerstören. Dem Einzigartigen einen begrifflichen Inhalt zu geben, bedeutet, ihn ad absurdum zu fĂŒhren.

Aber selbst als Einzigartiger bin ich gezwungen, mich mit IdentitĂ€t auseinanderzusetzen. Es gibt die BanalitĂ€ten, dass ich mich ausweisen muss, wenn ich zum Beispiel eine Kneipe betrete, wenn ich einen Scheck einlöse oder von der Polizei angehalten werde. In jedem dieser FĂ€lle ist jemand mit einer gewissen rechtlichen Befugnis ausgestattet, um sicherzustellen, dass ich so bin, wie es die Regeln verlangen. Bin ich derselbe wie derjenige, der alt genug ist, um zu trinken? Bin ich dieselbe wie diejenige, die berechtigt ist, den Scheck einzulösen? Bin ich derselbe wie eine Person, gegen die kein Haftbefehl vorliegt? Jede dieser IdentitĂ€ten sind Konzepte, denen ich gerecht werden soll. Und wenn ich versage, muss ich die Konsequenzen tragen. Aber in Wirklichkeit ist niemand jemals das Selbe wie irgendeines dieser Dinge. Selbst wenn ich jede dieser Anforderungen erfĂŒllen kann, um das zu bekommen, was ich will (ein paar Drinks, etwas benötigtes Geld, etwas Abstand von den Schweinen), bin ich keines dieser Dinge. Und diejenigen, die mir diese Tests auferlegen, sind meine Feinde, da sie meinem einzigartigen Selbst Abstraktionen auferlegen und eine KonformitĂ€t mit ihren Regeln und einer sozialen Forderung nach persönlicher Konsistenz erzwingen. Sie versuchen, meine Eigenheit und damit meine Einzigartigkeit auszuhöhlen.

DarĂŒber hinaus ist jede herrschende Gesellschaftsordnung nur darauf ausgerichtet, Individuen in Bezug auf kategorische IdentitĂ€ten zu bearbeiten: Rasse, Geschlecht, NationalitĂ€t, SexualitĂ€t usw. Obwohl dies alles Fiktionen sind, beeinflussen sie Menschen körperlich und geistig. Diese Kategorien dienten als Rechtfertigung fĂŒr die Versklavung von Individuen, den Ausschluss von Individuen, die EinschrĂ€nkung von Individuen, das Schlagen und Töten von Individuen usw., bis zum Gehtnichtmehr. Es macht Sinn, dass diejenigen, die auf der Grundlage solcher kategorischer IdentitĂ€ten Missbrauch erfahren haben, sich zusammenschließen, um gegen diesen Missbrauch und diejenigen, die ihn begangen haben, zu kĂ€mpfen. Was fĂŒr mich keinen Sinn ergibt, ist, dass die Meisten von denen, die sich zu diesem Zweck vereinigen, ihre Einheit nicht auf den gemeinsamen Wunsch grĂŒnden, den Missbrauch auszurotten, sondern auf der kategorische IdentitĂ€t, die dazu diente, diesen Missbrauch zu rechtfertigen. In anderen Worten: Sie entscheiden sich dafĂŒr, sich nicht als Feinde einer Ordnung zusammenzuschließen, die sie zerstören wollen, sondern als Opfer einer Ordnung, von der sie Anerkennung und Gerechtigkeit wollen. Eine soziale Ordnung kann nur Kategorien anerkennen, nicht einzigartige Individuen. Gerechtigkeit kann sich nur mit dem befassen, was gemessen und abgewĂ€gt werden kann, d.h. was verglichen und gleichgesetzt werden kann. IdentitĂ€t, Gleichheit, Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind verschiedene Ausdrucksformen fĂŒr das BedĂŒrfnis nach sozialer Anerkennung und Gerechtigkeit. Ich als Egoist, der sich seiner Einzigartigkeit bewusst ist, reagiere anders, nĂ€mlich als Feind, der die kategorische IdentitĂ€t und diejenigen, die von ihr profitieren, sofort zerstören will, so wie ich sie hier und jetzt erlebe. Wenn ich mich mit anderen verbĂŒnde, dann mit denen, deren Ziele und KrĂ€fte meine eigenen verstĂ€rken. Nicht IdentitĂ€tspolitik, sondern die Zerstörung von IdentitĂ€t und Politik, zugunsten meiner selbst und meiner Vereinigungen. Aber ich bin kein Moralist. Ich kann durchaus einen Nutzen fĂŒr die IdentitĂ€t in gewisser Weise finden, auch wenn ich erkenne, dass sie immer eine LĂŒge ist. TatsĂ€chlich verwende ich IdentitĂ€t immer dann, wenn ich „Ich“ sage. In diesem Wort identifiziere ich mich hier und jetzt, mein unmittelbares konkretes Selbst, mit meiner Vorstellung von mir in der Vergangenheit. In meiner Einzigartigkeit (d.h. so wie ich hier und jetzt konkret existiere) bin ich nicht das Selbe, aber ich entscheide mich dafĂŒr, mich damit zu vereinen, sogar in dem Maße, dass ich mich damit identifiziere, weil es mir eine bedeutende StĂ€rke in der Beziehung zu meiner Welt und in der Interaktion mit anderen verleiht, so wie die Identifizierung anderer mit den vergangenen Formen dieser anderen, denen ich begegnet bin, diese StĂ€rke verstĂ€rkt. Hier kann die IdentitĂ€t also zu meinem Werkzeug werden. Aber auch hier spreche ich nicht von kategorischer IdentitĂ€t, sondern von persönlicher IdentitĂ€t, von Gleichsetzungen, die ich fĂŒr mich selbst mache, wohl wissend, dass sie nichts weiter sind als begriffliche Werkzeuge zu meinem Gebrauch, zur Steigerung meines Selbstgenusses. Wenn ich sie fĂŒr mich selbst halte, mache ich mir etwas vor.

KĂŒrzlich bin ich auf KommuniquĂ©s von Einzelpersonen (die offenbar in kleinen Gruppen agieren) gestoßen, die sich als Individualisten-Nihilisteninnen und Egoistinnen-Nihilisten bezeichnen und verschiedene Angriffe gegen die herrschende Ordnung fĂŒr sich in Anspruch nehmen. Jeder, der sich auflehnt und die Herrscherordnung fĂŒr sich selbst angreift, ist sicherlich meine Kameradin. Ich fĂŒhle eine Verbundenheit mit ihr, auch wenn ich nicht mit allen seinen Entscheidungen, wie er vorgeht, einverstanden bin. Aber ich frage mich, warum jemand, der fĂŒr sich selbst handelt, aus seinem eigenen Leben heraus, ĂŒberhaupt das BedĂŒrfnis verspĂŒrt, ihre Aktion fĂŒr sich zu beanspruchen, geschweige denn einen Gruppennamen zu verwenden, eine GruppenidentitĂ€t zu schaffen. Wenn ich mich entscheide, die herrschende Ordnung anzugreifen oder auf andere Weise gegen das Gesetz zu handeln, entspringt diese Entscheidung der Unmittelbarkeit meines Lebens hier und jetzt, und ich schulde niemandem eine ErklĂ€rung. Ich brauche auch nicht die Inspiration durch andere Handlungen, um mich zu bewegen. Es sind mein eigenes Leben und meine eigenen Möglichkeiten, die mich bewegen. Es ist wahr, dass eine rebellische Handlung den Rebellen mit Leidenschaft bewegen kann, so dass er ihre Wut und Freude ausdrĂŒcken möchte. Dann schreibt er vielleicht, um ihre Tat zu reklamieren, aber es gibt keine Notwendigkeit, dies zu tun, und birgt eine gehörige Menge Weisheit, dies nicht zu tun. Aber was ich dabei am meisten in Frage stelle, ist, dass Individuen, die eine Handlung auf diese Weise beanspruchen, eine IdentitĂ€t annehmen. Deshalb mĂŒssen sie sich Namen geben (und so schön und poetisch manche dieser Namen auch sind, sie bleiben Etiketten fĂŒr eine IdentitĂ€t). Das signierte KommuniquĂ© ersetzt die unmittelbare flĂŒchtige Bedeutung der Handlung fĂŒr die einzigartigen Individuen, die sie ausgefĂŒhrt haben, durch eine permanente Bedeutung, die die Handlung einem Publikum erklĂ€ren soll. Mit dauerhaften Bedeutungen kommen dauerhafte IdentitĂ€ten und die einzigartigen Individuen verschwinden in dieser kristallisierten Form. Ein einzigartiges Individuum, die fĂŒr sich selbst handelt, ist namenlos. Sie ist namenlos, weil seine Existenz zu unmittelbar und flĂŒchtig ist, als dass ein Name, der nicht völlig sinn- und gedankenleer ist, ihn beschreiben könnte. Wenn sie sich entscheidet, zu handeln, ist es fĂŒr sie sinnvoll, anonym zu handeln, ohne eine IdentitĂ€t. Wenn sie sich entscheidet, ĂŒber ihre Tat zu sprechen, sie zum Gegenstand von GesprĂ€chen oder Debatten zu machen oder andere wissen zu lassen, dass sie in ihrer Rebellion nicht allein sind, macht es fĂŒr sie Sinn, dies ebenfalls anonym zu tun. Es ist nicht schwer, herauszufinden wie. Das Individuum, das aus ihrer Einzigartigkeit heraus handelt, hat es nicht nötig, sich mit ihrer Handlung zu identifizieren, sie war in dem Moment, in dem sie es tat, vollstĂ€ndig in dieser Handlung. In jedem Fall sollten die vollen Implikationen des Behauptens der eigenen Handlungen Gegenstand einer fortlaufenden Debatte sein, ohne die SolidaritĂ€t und Verbundenheit zu schmĂ€lern, die man mit denen empfindet, die in ihrer Rebellion andere Entscheidungen treffen.

Bei der IdentitĂ€t geht es darum, zu definieren, was du bist. Wie ich schon sagte, gibt es Momente, in denen das Spiel mit solchen Definitionen Sinn machen (oder Freude bereiten) kann. Aber diese Definitionen, diese IdentitĂ€ten können niemals ich sein. Sie können jedoch zu GefĂ€ngnissen werden, die mich in die Zelle einer Rolle oder einer Reihe von Rollen einsperren. Und wenn ich kein Sklave sein will, muss ich diese Rollen ablehnen, außer als gelegentliche Masken, die ich aufsetzen kann, wenn es meinen Interessen dient. Wenn ich mich nicht an die Rollen anpasse, werde ich natĂŒrlich unberechenbar, ich werde flĂŒchtig, ich werde unverstĂ€ndlich fĂŒr die Institutionen und fĂŒr diejenigen, die ihre Welt auf institutionelle Weise betrachten. Stirner sagt in „Stirners Kritiker“, dass er „den Einzigen benennt und zugleich sagt, dass ‚Namen es nicht benennen’
“ Gerade als einzigartiges Individuum bin ich namenlos, gerade als solches habe ich keine IdentitĂ€t. Ich bin einfach ich selbst hier und jetzt.

Übersetzung von Libri Felis Nigrae

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Quelle: Schwarzerpfeil.de