Juni 30, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Timo BĂŒchner
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 196 – Mai | Juni 2022

#Wandern

In Teilen der politischen Rechten manifestiert sich seit ein paar Jahren neben Kampfsport, Demonstrationen und Konzerten ein weiterer Bestandteil in deren Lebenswelt: Wandern. Doch was fĂŒr die meisten Menschen eher eine Auszeit aus dem stressigen Alltag bedeutet, ist fĂŒr die Kamerad*innen ein Mittel zum StĂ€hlen von Körper und Geist.

Antifa Magazin der rechte rand
Der sogenannte Tollensemarsch 2020 in Neubrandenburg ist ein 35-40 km langer Marsch um den Tollensesee.
© Lisa Krug

Die Schweizer Kameradschaft »Junge Tat« veröffentlichte Anfang November 2021 ein Kurzvideo ĂŒber ihre Wanderung im Kanton Glarus. In entsprechender AtmosphĂ€re beginnt das Video mit den Worten: »Wandern, eine Tradition tief verankert in unserem Kulturraum. Das Erklimmen eines Berges, das Streben nach einem Ziel, die Freude am Prozess, also am Wandern selbst, die Freude an der Tat selbst.« Das Wandern wird als Teil der nationalen IdentitĂ€t und Kultur begriffen. AnknĂŒpfungspunkte finden sich an die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik, an den »Wandervogel« aus dem spĂ€ten 19. Jahrhundert, an die »BĂŒndische Jugend«, eine völkische Jugendbewegung aus dem frĂŒhen 20. Jahrhundert, bis an die »Hitlerjugend« des Nationalsozialismus. Nicht umsonst nutzte die Kameradschaft »Werra Elbflorenz« (s. drr Nr. 193) das Hashtag »WandernBleibtDeutsch« anlĂ€sslich ihres Wandertags im August vergangenen Jahres in der SĂ€chsischen Schweiz zur Werbung.

Parteien, Kameradschaften und JugendbĂŒnde
Unter den Organisationen, die Wanderungen anbieten und durchfĂŒhren, sind drei Typen zu beobachten. Bei Parteien und deren Jugendorganisationen wie der »Alternative fĂŒr Deutschland« und der dazugehörigen »Jungen Alternative«, der »Nationaldemokratischen Partei Deutschlands« mit ihren »Jungen Nationalisten« oder »Der III. Weg« mit der »AG Körper & Geist« und der »NationalrevolutionĂ€ren Jugend« ist es Bestandteil des parteipolitischen Aktivismus. So will »Der III. Weg« in diesem September nun zum dritten Mal seine jĂ€hrliche »Wanderung der Vögte« vom »StĂŒtzpunkt Vogtland« aus veranstalten.

Bei der zweiten Gruppe handelt es sich vorwiegend um die junge Generation der Neonazis. Sie sind meist mĂ€nnlich, gewaltaffin und zwischen 16 und 30 Jahre alt. Beispiele sind »Werra Elbflorenz« aus Sachsen, die »Junge Tat« aus der Schweiz, die inzwischen aufgelöste »Junge Revolution« aus Baden-WĂŒrttemberg und ThĂŒringen sowie die verbotene Gruppe »Aktionsblog« aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie haben neben Kampfsport das Wandern in den politischen Alltag integriert. Die Kameradschaften verschmelzen die Ideologie des Nationalsozialismus mit dem Vokabular der »IdentitĂ€ren«, wobei der biologistische IdentitĂ€ts- und Kulturbegriff im Mittelpunkt steht.
Die extrem rechte Kameradschaft »Werra Elbflorenz« wurde von ehemaligen Mitgliedern der »IdentitĂ€ren Bewegung Dresden« gegrĂŒndet. AnlĂ€sslich ihrer GrĂŒndung fĂŒhrte sie ein Kampfsporttraining und eine Wanderung in der SĂ€chsischen Schweiz durch. Mitte 2020 besuchte »Werra Elbflorenz« die Neonazi-Kameradschaft »Aktionsblog« (bzw. »Nationale Sozialisten Rostock«) in Mecklenburg-Vorpommern zu einem »Wochenende im Sinne der Gemeinschaft«, wie es in den einschlĂ€gigen Telegram-KanĂ€len hieß. Stolz berichtete ein Neonazi des »Aktionsblogs« im Interview mit der extrem rechten Zeitschrift »NS Heute«: »Gemeinsam haben wir (
) das Wochenende mit zwei Sporteinheiten und einer Wanderung an der Ostsee verbracht, alkoholfrei und bei einer komplett veganen Versorgung von uns allen.«

»Junge Tat« wurde von ehemaligen Mitgliedern der »Eisenjugend« und der »Nationalen Jugend Schweiz« gegrĂŒndet und ist Teil der »Nationalen Aktionsfront«. Sie ist mit Neonazis der ehemaligen »Jungen Revolution« (bzw. »Nord WĂŒrttemberg Sturm«) vernetzt. An einer Wanderung beider Gruppen in den Schweizer Bergen im Juni 2021 nahmen rund 25 Menschen teil. Im Nachgang wurden ebenfalls via Telegram mehrere Fotos veröffentlicht und berichtet: »Der Schweiss rinnt die Stirn herunter, die Beine werden schwer, die Luft ist bei dir und deinen Kameraden knapp. Schritt fĂŒr Schritt erklimmt ihr den Berg. Diese Momente der Kameradschaft und des Kraftaufwandes, schmieden Zusammenhalt und stĂ€rken den Willen.« (alle Fehler im Original)
Wo hingegen bei den vorher genannten Typen das Wandern lediglich einen Teil der politischen Arbeit ausmacht, ist es bei der letzten Gruppe ein Arbeitsschwerpunkt: den traditionell völkischen Organisationen wie beispielsweise »Der Freibund« oder »Sturmvogel – Deutscher Jugendbund«. Sie stehen in direkter Linie mit der »Hitlerjugend«, »Wiking-Jugend« und »Heimattreuen Deutschen Jugend«. Das Augenmerk liegt dabei vorwiegend auf den Kleinsten, die schon frĂŒhzeitig in die nationale Volksgemeinschaft eingegliedert werden sollen. Bei Wanderungen im Rahmen der Fahrten und Lager sollen die Kinder hĂ€ufig kilometerlange, KrĂ€fte zehrende MĂ€rsche oft auch ĂŒber mehrere Tage zurĂŒcklegen. Dabei geht es darum, sie bei jeglichen Witterungsbedingungen abzuhĂ€rten und das Überleben in der Wildnis zu trainieren. Daneben gibt es neurechte Organisationen wie die »Deutschen Wanderfalken« und die »Wanderjugend Schwaben«, die aus dem Umfeld der IB stammen und im Zuge des Deplatformings entstanden sind.

Instagram-Storys vom Wanderausflug
Mit Ausnahme der Völkischen inszenieren die meisten Gruppen und Organisationen ihr Spektakel meist ĂŒberhöht mit Fotos und/oder Kurzvideos in den sozialen Netzwerken, vor allem auf Instagram und bei Telegram. Eindrucksvolle Bilder der Natur werden in der Regel mit ideologischen Botschaften und Parolen ergĂ€nzt – vergleichbar mit Inszenierungen der IB. Dabei soll vor allem das GemeinschaftsgefĂŒhl innerhalb der Gruppe geweckt werden, das immer wieder eine herausragende Rolle spielt. »Aktionsblog« schrieb am 28. Januar 2021 via Telegram: »Das GefĂŒhl in einer wachsenden Gemeinschaft aufzugehen, wird in unseren Reihen RealitĂ€t. Ein starker Bund wird zelebriert durch gemeinsame AktivitĂ€ten, fernab vom Alltag. Um nicht nur seine Heimat und sich selbst besser zu ergrĂŒnden, sondern auch denjenigen, mit dem man tagaus tagein fĂŒr die Wahrheit streitet.« Die Gemeinschaft, die im Kleinen erzeugt wird, wird auf das Große ĂŒbertragen. Unter dem Titel »Berliner JN startet mit der Wandersaison« schrieben die »Jungen Nationalisten« am 10. MĂ€rz 2022: »Gerade in den vergangenen zwei Jahren setzte der Staat auf Abschottung, Vereinsamung und Egoismus. (
) Gerade uns als Nationalisten ist Gemeinschaft wichtig – nicht umsonst wollen wir, dass unser Volk wieder nĂ€her zusammenrĂŒckt und setzen der aktuellen Ellenbogengesellschaft unsere Vorstellung einer Volksgemeinschaft entgegen.« An Bedeutung in der Social-Media-Community sollten diese dementsprechend nicht unterschĂ€tzt werden. Die Posts sollen Jugendliche ansprechen, die sich allzu oft nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe sehnen. Wie wichtig Plattformen wie Instagram als Instrument sind, um Jugendliche als Zielgruppe anzusprechen, hat nicht zuletzt die CORRECTIV-Reihe »Kein Filter fĂŒr Rechts« (2020) verdeutlicht. Möglicherweise wird demnĂ€chst auch TikTok zur Verbreitung und Propaganda eingesetzt.

Weg von der Popkultur
Ziel der inszenierten Naturerlebnisse sind die Schaffung einer Gegenkultur und die StĂ€rkung des Zusammenhalts. Das Wandern ist Ausdruck eines antagonistischen Weltbildes. Einerseits die liberale Moderne, die technisierte Globalisierung, der dekadente Hedonismus, die Â»ĂŒberfremdete« Großstadt. Andererseits das Anti-Moderne, NatĂŒrliche, UrsprĂŒngliche im LĂ€ndlichen, in den Bergen und im Wald. 2009 thematisierte die JN-Zeitschrift »Der Aktivist« die Frage, warum das Wandern unter deutschen Jugendlichen so unbeliebt ist. Die Antwort lautete, heutzutage sei der »Geist« des Volkes »mehr und mehr entartet«. Die Ursache der »Entfremdung« liege im Wandel der Ă€ußeren EinflĂŒsse: »natĂŒrlicher Raum, der Staat, die Politik und die Medien«. Diese EinflĂŒsse hĂ€tten sich »insbesondere mit der Hinwendung zur Demokratie und dem Kapitalismus prĂ€gnant gewandelt«. Die EinschĂ€tzung, die »deutsche Jugend« sei durch Drogen, Netflix & Co. verdorben, wird bis heute in sozialen Netzwerken verbreitet.




Quelle: Der-rechte-rand.de