August 2, 2022
Von Indymedia
208 ansichten

Manzanas trat 1941 in das Allgemeine Polizeikorps ein und wurde Inspektor in Irun. Von dort wechselte er zur “Politisch-Sozialen Brigade“ von Gipuzkoa, Francos politischer Polizei, deren Leiter er schließlich wurde. WĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs arbeitete er aktiv mit der deutschen Gestapo zusammen, wĂ€hrend der Nazi-Besatzung von Frankreich half er bei der Verhaftung von JĂŒdinnen und Juden, die ĂŒber die Grenze nach SĂŒdfrankreich zu fliehen versuchten.

Im Juli 1964 wurde er mit dem Polizei-Verdienstkreuz mit roter Plakette ausgezeichnet, seine Akte enthielt rund fĂŒnfzig Belobigungen fĂŒr seine polizeilichen TĂ€tigkeiten. Viele der politischen Gefangenen verschiedener Ideologien, die ihm in die HĂ€nde fielen, waren sich einig, dass er ein Ă€ußerst brutaler Folterer war. Diese schmutzige Polizeiarbeit machte ihn in den Augen der Opposition zum Hauptvertreter der Repression der Franco-Diktatur in Gipuzkoa und im Baskenland.

Opferliste

Eine vollstĂ€ndige Liste seiner Opfer gibt es nicht, aber es ist bekannt, dass die folgenden Personen von ihm gefoltert wurden: MarĂ­a Mercedes Ancheta, Joxe Mari Quesada, Marcelo Usabiaga, JosĂ© Miguel Calvo Zapata, JosĂ© Ignacio Huertas Miguel, VĂ­ctor Lecumberri, Roberto CĂĄmara, JesĂșs MarĂ­a Cordero Garmendia, JerĂłnimo Gallina, Pedro Barroso Segovia, Javier Lapeira MartĂ­nez, Regino GonzĂĄlez Moro, Jorge GonzĂĄlez SuĂĄrez, Francisco Parra, Gaspar Álvarez Lucio, Manuel Mico Bartomeu, NicolĂĄs Txopitea Paradizabal, Esteban Huerga Guerrero, Victoria Castan del Val, Mario Onaindia Natxiondo, Jone Dorrondoso, RamĂłn Rubial, Timoteo Plaza, Amanci Conde, Juan Agirre, Auspicio Ruiz, MarĂ­a Villar, Carmen Villar, Luis MartĂ­n Santos, JosĂ© Luis LĂłpez de Lacalle, Xabier Apaolaza, Ildefonso Pontxo Agirre, JosĂ© RamĂłn Recalde, Julen Madariaga, Rafa Albizu, MarĂ­a JesĂșs Muñoz, FĂ©lix Arrieta und Juan JosĂ© Sainz. Eine illustre Liste von ETA-GrĂŒndern, Sozialdemokrat*innen, Kommunisten und Republikaner*innen.

In der offiziellen Geschichtsschreibung heißt es, dass die ETA-FĂŒhrung beschloss, ihn innerhalb der sogenannten “Operation Sagarra” (Apfel auf Baskisch) zu ermorden. Dabei handelte es sich um das erste geplante Attentat der 1959 gegen die faschistische Diktatur gegrĂŒndete Organisation. Das Attentat wurde in der Presse folgendermaßen beschrieben: Am 2. August 1968 warteten drei ETA-Mitglieder vor Manzanas Haus in Irun, einer Villa namens Villa Arana, auf ihn. Als er eintraf, wurde auf ihn geschossen, er wurde bis zu sieben Kugeln getroffen. Seine Frau und seine Tochter waren Zeuginnen der Tat. FĂŒr das BegrĂ€bnis wurde von den franquistischen Behörden in Irun eine große Zeremonie organisiert, an der zahlreiche Behörden, die ProvinzfĂŒhrung der falangistischen Bewegung (Movimiento) und faschistische Sympathisanten teilnahmen.

Ausnahmezustand

Das Regime reagierte auf Manzanas Ermordung mit der VerhĂ€ngung des Ausnahmezustands in Gipuzkoa fĂŒr drei Monate, der spĂ€ter um weitere drei Monate verlĂ€ngert wurde und sich mit dem am 24. Januar 1969 im ganzen spanischen Staat verhĂ€ngten Ausnahmezustand ĂŒberschnitt. In dieser Zeit wurden die Artikel 14, 15 und 18 der franquistischen Gesetze ausgesetzt, in denen die Aufenthaltsfreiheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung und die Dauer eines Polizei-Gewahrsams geregelt waren. In der Folge nahm die diktatoriale Repression im Baskenland erheblich zu.

GegenĂŒber dem belgischen Fernsehen bekannte sich ETA öffentlich zu dem tödlichen Anschlag gegen Manzanas. Das damalige ETA-Mitglied Xabier Izko de la Iglesia wurde 1970 wĂ€hrend des Burgos-Prozesses (2) des Mordes an dem Nazi und Folterer beschuldigt, der bestritt hartnĂ€ckig, Manzanas getötet zu haben.

Kontroverse ĂŒber posthume Anerkennung

Im Januar 2001 verlieh die Regierung von MinisterprĂ€sident JosĂ© MarĂ­a Aznar dem Folterer, Nazikumpanen und ETA-Opfer MelitĂłn Manzanas posthum den Königlichen Orden fĂŒr zivile Anerkennung der Opfer des Terrorismus, in Anwendung des “Gesetzes 32/1999 vom 8. Oktober zur UnterstĂŒtzung der Opfer des Terrorismus“. Dieses Gesetz, das im spanischen Parlament einstimmig angenommen worden war, sieht in seinem vierten Artikel vor, dass diese Anerkennung ausnahmslos allen Opfern des Terrorismus auf deren eigenen Antrag oder auf Antrag ihrer Nachkommen gewĂ€hrt wird.

Die Entscheidung löste Proteste der Oppositions und der Gesellschaft aus, darunter Amnesty International, die Friedensinitiative Gesto por la Paz de Euskal Herria, das Madrider Friedensforum, die Gewerkschaften Comisiones Obreras (CCOO) und UniĂłn General de Trabajadores (UGT) sowie Izquierda Unida von der Kommunistischen Partei. Sie argumentierten, dass die “gerechte Anerkennung” der Opfer des Terrorismus nicht “um jeden Preis” erfolgen könne und dass der Orden bedeute, “einen bekannten Folterer und Putschisten, der zum Terror und zur UnterdrĂŒckung in den dunkelsten Jahren des spanischen Lebens im letzten Jahrhundert beigetragen hat, mit Ehren auszuzeichnen”. Das Parlament von Navarra verabschiedete ebenfalls eine Resolution gegen die Auszeichnung.

Nach der Verleihung dieser Medaille jedoch reformierte das spanische Parlament im Jahr 2002, auf Initiative der Baskischen Nationalistischen Partei (PNV) und gegen den alleinigen Widerstand der postfranquistischen Volkspartei (PP), das Gesetz zur SolidaritĂ€t mit den Opfern des Terrorismus. Der vierte Artikel wurde dahingehend geĂ€ndert, dass “sie auf keinen Fall an Personen verliehen werden darf, die in ihrer persönlichen oder beruflichen Laufbahn ein Verhalten an den Tag gelegt haben, das den in der Verfassung und in diesem Gesetz vertretenen Werten und den in internationalen VertrĂ€gen anerkannten Menschenrechten widerspricht”.

Im MĂ€rz 2003 wies die Verwaltungskammer des Obersten Gerichtshofs eine erste Klage der PNV gegen die Anerkennung von MelitĂłn Manzanas ab. Im Jahr 2008 wurde eine weitere Beschwerde der katalanischen Vereinigung zur Verteidigung der Menschenrechte abgewiesen. In beiden FĂ€llen lehnte der Gerichtshof die rĂŒckwirkende Anwendung des erneuerten Gesetzes ab und fĂŒhrte Argumente an, die sich auf den “Versöhnungsgedanken” beziehen, der dem spanischen Übergangsprozess zugrunde liegt.

In den Medien

Auch in der vierteiligen Fernsehserie “La lĂ­nea invisible“ (Die unsichtbare Linie) aus dem Jahr 2020 unter der Regie von Mariano Barroso tritt MelitĂłn Manzanas in Erscheinung. Die Geschichte handelt von der Entscheidung von ETA, tödliche Attentate durchzufĂŒhren. Im Mittelpunkt des Plots steht Txabi Etxebarrieta, ein junger ETA-Aktivist und Stratege, sowie eine hypothetische Diskussion unter ETA-Aktivisten, ob dieser Schritt gemacht werden solle oder nicht. Etxebarrieta kam mit einem Genossen am 7. Juni 1968 bei Tolosa in eine Polizeikontrolle, bei einem Schusswechsel starb ein Zivilgardist. Am selben tag wurde Etxebarrieta gestellt und erschossen. Wie sich erst vor Kurzem ĂŒber die Einsicht des lange geheim gehaltenen Obduktionsberichts herausstellte, wurde er regelrecht exekutiert. Weil zwischen Extebarrietas Tod und dem Manzanas-Attentat nur wenige Wochen liegen (genau 56 Tage) wird gemutmaßt, dass das Attentat keine strategische Entscheidung von Seiten von ETA war, sondern eine simple Racheaktion. In der besagten Filmserie kommt Manzanas jedenfalls gut weg, als fĂŒrsorgender Familienvater und guter Polizist – eine Geschichtsrevision mehr.

Weißwaschen

Wer das zweifelhafte VergnĂŒgen hat, ins Kommissariat der Nationalpolizei in Bilbao zu kommen, findet in der Eingangshalle eine WĂŒrdigung fĂŒr MelitĂłn Manzanas. Dort werden Personalausweise ausgestellt und verlĂ€ngert, Migrant*innen mĂŒssen sich dort um Aufenthalts-Genehmigungen bemĂŒhen und dafĂŒr bei Regen und Schnee auf der Straße Schlange stehen. Manzanas steht auf einer in Marmor gemeißelten Liste der Opfer dieses Polizeikorps, das in seiner Geschichte Tausende von Personen (vor allem Bask*innen) gefoltert hat. In perfekter Übereinstimmung mit der beruflichen Praxis von Manzanas.

Immer mehr Stimmen in der spanischen Gesellschaft (in der baskischen ohnehin schon lĂ€nger) gelangen zur Feststellung, dass der sogenannte “demokratische Übergang“ nach Francos Tod 1975 gar keiner war; dass die alten Machtstrukturen lediglich einen neuen Anstrich erfuhren; dass der Franquismus nie aufgearbeitet wurde und weiter in Funktion ist. Der Tod von Manzanas 1968 wurde (wie wenige Jahre spĂ€ter der Tod des designierten Franco-Nachfolgers Carrero Blanco ebenfalls durch ETA) in vielen Kreisen der spanischen und vor allem der baskischen Gesellschaft gefeiert. Nicht offen, weil die Diktatur zwar angeschlagen, aber noch zu tödlichen SchlĂ€gen in der Lage war. Von dieser “heimlichen Freude“ wollen heute die wenigsten noch etwas wissen. Von jener Freude ĂŒber den Aktivismus der Untergrund-Organisation, die ĂŒberaus populĂ€r war, weil sie die brutale franquistische Diktatur in Frage stellte.

Solange Folterer wie Manzanas staatliche Ehren erfahren, und die Folteropfer von Guardia Civil und Nationalpolizei staatlich ignoriert werden, ist es politisch und moralisch richtig, die Übergangsphase von 1975 bis zum Verfassungsbeschluss (und alles was danach kam) als “Regime von 1978“ zu bezeichnen, als Fortsetzung der Diktatur mit neuen Hemden und Krawatten.

ANMERKUNGEN:

(1) MelitĂłn Manzanas, Wikipedia (LINK)

https://es.wikipedia.org/wiki/Melit%C3%B3n_Manzanas

(2) “Der Burgos-Prozess – Franco auf der Anklagebank“, Baskultur.Info, 2020-12-05 (LINK)

https://www.baskultur.info/aktuell/kalender/633-burgos-prozess




Quelle: De.indymedia.org