Februar 20, 2021
Von Emrawi
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Diese Frage knĂŒpft an die allbekannte Parole „die AuslĂ€nder nehmen uns die ArbeitsplĂ€tze weg“ an. In dieser stecken bereits mehrere Verdrehungen, zu denen etwas gesagt werden sollte.

ArbeitsplĂ€tze wegnehmen: Wenn jemand „deinen“ Arbeitsplatz wegnehmen könnte, dann wĂŒrde das ja bedeuten, dass er dir gehört hat. Das trifft die Sache aber nicht. Unternehmen entscheiden, wann wer eingestellt und entlassen wird. [1] Das Kriterium dafĂŒr ist die ökonomische Brauchbarkeit der ArbeitskrĂ€fte: Die ArbeitsplĂ€tze gibt es nur, wenn es sich fĂŒr eine Kapitalist*in lohnt, LohnabhĂ€ngige fĂŒr den Unternehmensprofit arbeiten zu lassen. Wenn es um den Unternehmensprofit geht, dann ist auch eingeschlossen, dass die Arbeit möglichst wenig kosten darf, der Lohn also niedrig sein muss, und möglichst viel Ertrag bringen soll, also möglichst lange und intensiv gearbeitet werden muss. Deswegen ist der „Besitz“ eines Arbeitsplatzes auch kein Zuckerschlecken.

uns: Mit dem „uns“ sind „wir Deutschen“/”wir Österreicher*innen”/”wir Schweizer*innen”/… gemeint. Sonst könnten Menschen ja auch auf den Gedanken kommen, dass die Zwanzig- bis DreißigjĂ€hrigen oder Menschen mit SchuhgrĂ¶ĂŸe 42 „uns“ die ArbeitsplĂ€tze wegnehmen. Wenn Rechten unter allen möglichen Konkurrent*innen aber vor allem bei den AuslĂ€nder*innen auffĂ€llt, dass deren Konkurrenz ihnen schadet, dann ist fĂŒr sie klar: „Die“ gehören nicht dazu.

Mit Letzterem haben sie sogar in gewisser Weise recht: AuslĂ€nder*innen haben nicht die gleichen Rechte wie Deutsche. Sie dĂŒrfen sich nur durch staatliche Erlaubnis den Unternehmen anbieten. [2] Von Staat und Kapital in Beschlag genommen zu werden, ist aber erstens kein GlĂŒcksfall und zweitens kein deutsches Vorrecht. Der Staat entscheidet nach seinen Kriterien, wann er wie viele AuslĂ€nder*innen ins Land lĂ€sst. Da kann er – wie z.B. ab Mitte der 1950er Jahre mit den sogenannten „Gastarbeiter*innen“ – durchaus auf den Gedanken kommen, dass es zu wenig Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gibt, weswegen die Löhne zu hoch sind. Dann werden AuslĂ€nder*innen aktiv angeworben, um die inlĂ€ndischen Löhne zu drĂŒcken. [3] Auch hier sind es nicht „die AuslĂ€nder*innen“, die etwas wegnehmen, sondern ein ganz anderer Akteur, der viel mehr Macht hat als irgendwelche AuslĂ€nder*innen jemals haben können.

Nun zu dem guten Bild der „deutschen Gemeinschaft“: Diese „Gemeinschaft“ (das „wir“) besteht erstens aus lauter Konkurrent*innen, z.B. in der Schule und natĂŒrlich auf der Arbeit. Wo Konkurrenz herrscht, gibt es auch notwendigerweise Verlierer*innen, die sich dann beim Jobcenter anstellen mĂŒssen. Macht es da wirklich einen Unterschied, ob eine AuslĂ€nder*in oder eine andere Deutsche den Job bekommt, auf den mensch sich beworben hatte? [4] Zweitens sind ĂŒberall in der Gesellschaft GegensĂ€tze eingerichtet. Am Beispiel des Arbeitsplatzes: Dort schmĂ€lert – wie oben festgestellt – der Lohn der Arbeitnehmer*in den Gewinn der Arbeitgeber*in. So merkt man dem Arbeitsplatz auch sehr deutlich an, dass er zur Bereicherung des Unternehmens eingerichtet ist und nicht, damit LohnabhĂ€ngige ein gut versorgtes und angenehmes Leben haben. Obwohl die Unternehmerin so deutsch ist wie ihre Angestellten, hat sie nicht die gleichen Interessen. Auch bei Mietverhandlungen mit einer deutschen Vermieterin zeigen sich schnell die gegensĂ€tzlichen Ziele. Ein positiver Bezug zu dieser „Gemeinschaft“ ist also wirklich fehl am Platz. Statt einer Identifikation mit „uns Deutschen“, wĂ€re es sinnvoller, darauf zu schauen, mit wem mensch gemeinsame Interessen hat.

die AuslĂ€nder*innen: „Die AuslĂ€nder*innen“ werden in der oben genannten Parole zu TĂ€ter*innen erklĂ€rt. Das sind sie aber nicht. Ob sie hier ĂŒberhaupt ArbeitsplĂ€tze suchen dĂŒrfen, ist nicht ihre Entscheidung. [5] Und ob eine AuslĂ€nder*in den Arbeitsplatz bekommt, den eine Deutsche gerne hĂ€tte, hat auch nicht die AuslĂ€nder*in in der Hand, sondern das einstellende Unternehmen. Die AuslĂ€nder*innen sind also wie alle anderen Arbeitssuchenden nur Manövriermasse unternehmerischer Entscheidungen.

Mit der Aussage soll oft betont werden, dass die AuslÀnder*innen nicht zu Deutschland gehören. Sie sollen nicht an der Konkurrenz um (meist miese) ArbeitsplÀtze beteiligt werden. Damit wird die soziale Frage, die sich angesichts von Arbeitslosigkeit und schÀbigen Jobs stellt, in eine nationale verwandelt. Statt die Ursachen von der systemisch angelegten Misere anzugehen, wird das Bild einer rein deutschen Konkurrenzgesellschaft als Ideal verbreitet.

Nachtrag: Keine gute Kritik an dieser rechten These wĂ€re es ĂŒbrigens, wenn der Hinweis kĂ€me: „Wir können doch froh sein, dass die AuslĂ€nder*innen die Jobs machen, die Deutsche nicht machen wollen“. [6] Ebenso wenig ĂŒberzeugend ist die Aussage: „Die AuslĂ€nder*innen schaffen doch auch ArbeitsplĂ€tze! (Und sind gut fĂŒr Deutschland)“. Beide Argumente beinhalten die Vorstellung, dass AuslĂ€nder*innen (nur) willkommen sind, sofern diese Deutschland nutzen. Im Umkehrschluss wird die Argumentation nichtig, wenn AuslĂ€nder*innen wirtschaftlich mal nicht gebraucht werden. Das ist erstens eine sehr konjunkturabhĂ€ngige Kritik. Zweitens wird damit auch nicht der verkehrte Gedanke einer Gemeinschaft von „uns Deutschen“ kritisiert, der ĂŒber alle GegensĂ€tze zwischen den qua Pass als „deutsch“ einsortierten Menschen hinweggeht. Und diesem Gedanken entspringt die ganze AuslĂ€nderfeindlichkeit ja erst. [7]




Quelle: Emrawi.org