Juni 14, 2021
Von InfoRiot
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Bildung ist fĂŒr Fereshta Hussain der SchlĂŒssel. Der SchlĂŒssel zum Ankommen, der SchlĂŒssel zum Weiterkommen. So lebt sie ihr eigenes Leben und diese Botschaft will sie weitertragen. Vor einigen Wochen wurde die 39-JĂ€hrige als Nachfolgerin von Maria Pohle zur neuen Vorsitzenden des Potsdamer Migrantenbeirats gewĂ€hlt. 

Das Gremium berĂ€t die Stadtverordnetenversammlung und die AusschĂŒsse in Integrations- und Migrationsfragen. „Ich will zeigen, dass ich auch als Frau gebildet bin, mich integriert habe“, sagt Hussain selbstbewusst. Sie will damit auch gegen Vorurteile ankĂ€mpfen, dass Migranten oder GeflĂŒchtete sich nicht beteiligen. „Ich will Vorbild sein fĂŒr andere Menschen mit Fluchthintergrund und Vorbild fĂŒr andere Frauen.“

Fereshta Hussain kam im Jahr 2000 mit ihren Eltern und ihren beiden Geschwistern aus Afghanistan nach Potsdam. Eine junge Frau, gerade 18, in einem Haushalt, fĂŒr den Bildung immer wichtig gewesen war – und die unter den Taliban vier Jahre lang nicht zur Schule gehen durfte. Die immer nur zu Hause war, so erzĂ€hlt sie es, unterrichtet von der Mutter. Und dann die Flucht – und die Ankunft in Deutschland. „Ich habe mich endlich frei gefĂŒhlt, endlich sicher. Und ich war sehr neugierig“, so beschreibt Fereshta Hussain ihr Ich von damals, vor mehr als 20 Jahren.

„Potsdam ist meine Stadt“

Sich im deutschen Bildungssystem zurecht zu finden, war anfangs nicht leicht. „Damals gab es noch nicht so viele Beratungsangebote. Ich hatte noch kein Deutsch gelernt, sondern bin direkt in die Steuben-Gesamtschule gegangen“, erzĂ€hlt Hussain. „Mein Lehrer hat sich super gekĂŒmmert, ich habe dort gute Erfahrungen gemacht.“ Mittlerweile fĂŒhlt sie sich in Potsdam zu Hause. „Das ist meine Stadt, die schönste, die ich kenne“, sagt sie im virtuellem GesprĂ€ch vor dem digitalen Hintergrund von Schloss Sanssouci.

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Sie fand ihren Weg durch das Bildungssystem und gab sich nicht zufrieden mit dem Erreichten. Nach dem Schulabschluss begann sie eine Ausbildung als Sozialpflegeassistentin, eine weitere als Erzieherin – und holte parallel dazu in einer Abendschule das Abitur nach. „Ich wollte mir möglichst viele TĂŒren öffnen“, sagt die dynamische Frau, die eine jugendliche Energie ausstrahlt. So sattelte sie einen Bachelor und einen Master im Bereich PĂ€dagogik drauf. 

Sie entdeckte den Themenbereich Migration und Integration fĂŒr sich, schrieb eine Abschlussarbeit zum Thema. Derzeit arbeitet Hussain als Koordinatorin fĂŒr Willkommenskultur im SOS-Familienzentrum in Berlin-Hellersdorf. Als wĂ€re das nicht genug, ist sie parallel in zwei verschiedenen MasterstudiengĂ€ngen in Potsdam und Berlin eingeschrieben. „Es interessiert mich einfach“, antwortet sie lachend auf die Frage, wie das alles gleichzeitig geht. Vielleicht will sie noch eine Promotion anschließen.

Im Krieg geboren, im Krieg gestorben

Damit Bildung funktioniert, davon ist Hussain ĂŒberzeugt, mĂŒsse man die Menschen dort abholen, wo sie stehen. „Wer in Afghanistan lebt, wird im Krieg geboren, wĂ€chst im Krieg auf und stirbt im Krieg“, sagt sie. Oft hĂ€tten die GeflĂŒchteten nur wenig Vorkenntnisse. „Aber durch Nachmittagsprogramme in den wichtigen FĂ€chern kann viel nachgeholt werden“, glaubt sie. Eine Investition in die Zukunft, sagt sie: WĂŒrden die Kinder frĂŒh gefördert, gebe es spĂ€ter weniger Arbeitslosigkeit und KriminalitĂ€t.

Als ihre Aufgabe sieht sie auch der Einsatz gegen Alltagsrassismus in Potsdam. „Eine junge Frau hat mir erzĂ€hlt, dass sie keinen Ausbildungsplatz bekommen hat, weil sie ein Kopftuch trĂ€gt“, berichtet Hussain. Da sei viel Kommunikation nötig, auf beiden Seiten.

„Offenes Herz, offenes Ohr“

Fereshta Hussain hatte schon 2019 fĂŒr den Migrantenbeirat kandidiert, war aber nicht gewĂ€hlt worden. Jetzt kam sie ĂŒber die Warteliste in das Gremium und ließ sich gleich als Vorsitzende aufstellen. Ihre Mitstreiter sehen darin kein Problem. „Fereshta Hussain engagiert sich schon lange fĂŒr geflĂŒchtete Frauen, sie kennt die Themen sehr gut und macht lösungsorientierte VorschlĂ€ge“, lobt Jala El Jazairi, Mitglied im Migrantenbeirat. Sie hofft auf die Netzwerk-FĂ€higkeit Hussains, um noch enger mit anderen Organisationen in Brandenburg zu kooperieren. 

Ein weiterer Vorzug, so El Jazairi: „Fereshta hat ein offenes Herz und immer ein offenes Ohr.“ Einen Vorteil fĂŒr ihr neues Ehrenamt sieht Potsdams Integrationsbeauftrage Magdolna Grasnick auch in Hussains eigener Fluchterfahrung. So könne sie „aus ihrer hauptamtlichen Profession und aus ihrer persönlichen Integrationsleistung schöpfen“.

„Ich will den Menschen zeigen, dass man alles erreichen kann, aber man muss dafĂŒr kĂ€mpfen“, sagt Hussain. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf Frauen und MĂŒttern. Denn: MĂŒtter erziehen die Kinder, so die Argumentation, vermitteln Werte und Kultur. 

„Ich habe in Potsdam immer wieder junge Frauen mit kleinen Kindern getroffen, die der Bildung jahrelang fern bleiben“, sagt Hussain. Sie bekĂ€men das erste Kind mit 18 oder 20, oft folge auf die erste Elternzeit eine weitere. „Ich habe mit MĂŒttern Ende 20 gesprochen, die weinten, und mir sagte, sie hĂ€tten diese Jahre verloren und nichts gelernt.“ 

Hussain will sich auch als Vorsitzende des Migrantenbeirats fĂŒr diese Frauen einsetzen. „Es ist wichtig, die MĂŒtter fĂŒr Deutschkurse zu aktivieren – das geht auch in der Elternzeit“, sagt Hussain. Hinweise könnten beispielsweise das Jugendamt oder das Jobcenter geben. Denn die Rolle der Frauen sei zentral, so Hussain: „Integration muss bei den MĂŒttern passieren.“




Quelle: Inforiot.de