April 7, 2020
Von Union Coop
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Erinnert ihr euch noch an den Verano Ácrata? Den Wein fĂŒr den langen Sommer der Anarchie? Nun ist sein Nachfolger, der Primervera Ácrata am Start. Jahrgang 2018, rot und rosĂ©, zu beziehen ĂŒber das Gemein & NĂŒtzlich – Vertriebskollektiv. Wie der Name bereits andeutet wird mit ihm einem – hierzulande – weniger bekannten Kapitel der spanischen Geschichte gedacht: dem Streik La Canadiense.

La Canadiense –
Als in Barcelona das Licht ausging

Was im Februar 1919
als SolidaritÀtsstreik bei einem Energieunternehmen in Barcelona
begann, sollte sich schnell zu einem Generalstreik in ganz Katalonien
ausweiten und letztlich zu einem der grĂ¶ĂŸten Erfolge der spanischen
Arbeiterbewegung werden.

Ausgangspunkt dieses Konflikts waren zwei Kontrahenten, die beide 1910 erstmals in Katalonien auf der BildflÀche erschienen. Auf der einen Seite der Konzern Barcelona Traction, Light and Power Company, Limited, aufgrund des kanadischen Firmensitzes als La Canadiense bekannt. Auf der anderen Seite die Confederación Nacional del Trabajo, die legendÀre anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT.

La
Canadiense
hatte in den 1910er Jahren die Energieversorgung
Kataloniens mithilfe der Wasserkraft – der weißen Kohle –
revolutioniert. Als wichtigster Stromversorger bildete das
Unternehmen nicht nur das RĂŒckgrat der aufstrebenden Industrie,
sondern versorgte von seinem Hauptsitz in der Avenida del Paralel
die gesamte Metropole Barcelona mit seinen damals 700 000
Einwohnern mit ElektrizitÀt. Noch heute ragen die drei alten
Schornsteine der Fabrik ĂŒber das einstige Arbeiterviertel und sind
lĂ€ngst zum Symbol fĂŒr eine der heftigsten
Klassenauseinandersetzungen der spanischen Geschichte geworden.

Gleicher
Lohn fĂŒr gleiche Arbeit

Am 5 Februar 1919
traten einige BeschÀftigte aus der Verwaltung des Stromversorgers in
einen Streik. Hintergrund war die Entlassung von 8 Kollegen, die
gegen LohnkĂŒrzungen protestiert hatten. Schon damals versuchte das
Management, sowohl in Barcelona wie in den Kraftwerken in den
PyrenÀen feste
ArbeitsvertrÀge zu befristen und die betroffenen Arbeiter schlechter
zu bezahlen. Die Streikenden forderten gleichen Lohn fĂŒr gleiche
Arbeit und die Wiedereinstellung der Entlassenen. Das Management
reagierte unnachgiebig auf den Protest und ließ die Streikenden von
der Polizei rÀumen.

Dieser Konflikt traf
auf eine ohnehin unzufriedene Arbeiterschaft, die in den Kriegsjahren
bluten musste, wÀhrend die Unternehmen satte Profite einfuhren. Er
traf aber ebenso auf eine Arbeiterschaft mit neuem Selbstbewusstsein.
Die revolutionÀre Gewerkschaft CNT hatte nach dem Krieg einen
enormen Zulauf. Allein in Katalonien hatte die junge Organisation zu
diesem Zeitpunkt mehr als 400 0000 Mitglieder. Die etablierte
sozialistische, auf Reformen ausgerichtete Gewerkschaft UGT geriet
erstmals ins Hintertreffen. Auch die revolutionÀren Erhebungen in
ganz Europa, insbesondere die Russische Revolution, blieben nicht
ohne Wirkung.

Kurz zuvor hatte die
CNT ihre Struktur von Berufs- auf BranchenverbÀnde umgestellt, was
zudem ein Grund dafĂŒr war, dass sich die SolidaritĂ€t mit den
Streikenden von »La
Canadiense« schnell
ausweitete.
Innerhalb weniger Tage
breitete sich der Streik auf andere Abteilungen und dann auf die
gesamte Branche aus. Andere Industrien
solidarisierten sich. Zu Höchstzeiten lagen 70% der katalanischen
Wirtschaft lahm.

Am
8. Februar weitete sich der Streik auf das gesamte Unternehmen aus.
Am 17. Februar traten die
Arbeiter in der
fĂŒr Katalonien
vorherrschenden Textilindustrie
in den Streik. Am 21. Februar
schlossen sich die Belegschaften der ĂŒbrigen Stromversorger dem
Streik an. »Alle
Maschinen und Stromkabel wurden abgetrennt und alle Dienste waren
gelÀhmt«, schrieb
das Institut fĂŒr Sozialreformen (IMS)
in einem zeitgenössischen
Bericht. Ihnen
folgten am 26. Februar die Belegschaften der Gas- und Wasserversorger
und am
7. MĂ€rz die Eisenbahner.
Entsprechend wurden die Forderungen offensiver: Lohnerhöhungen,
EinfĂŒhrung des Achtstundentages, halbtags frei an Samstagen,
Abschaffung der Akkordarbeit, volle Auszahlung des Wochenlohns bei
AusfÀllen nach UnfÀllen und Verbot der Kinderarbeit.

Barcelona:
Eine
Stadt in den HĂ€nden der Arbeiter

Barcelona
lag lahm. Nicht nur die Strom-, Wasser und Gasversorgung, auch der
öffentliche Verkehr, Banken, große
GeschÀfte, Kinos und Theater
wurden bestreikt. Selbst die LeuchtturmwÀrter
schlossen sich dem Streik an. Die
Angst hatte offensichtlich
das Lager gewechselt. So berichtet einer der StreikfĂŒhrer, Ángel
Pestaña, in seinen Memoiren:
»Es
gab manche, die ihre TĂŒren mit Matratzen, StĂŒhlen und allem
möglichen verbarrikadierten, weil sie Angst hatten, dass wir
RevolutionĂ€re die HĂ€user stĂŒrmen, rauben und plĂŒndern wĂŒrden.«

Auch
die Regierung wurde nervös. Die Wiederherstellung der »Ordnung«
schien das oberste Gebot. Der MinisterprÀsident Graf
de Romanones hatte bereits
seinen RĂŒcktritt angekĂŒndigt, sobald diese wieder hergestellt sei.
Am 9. MĂ€rz erließ die
Regierung einen Erlass, der alle
Streikenden zum MilitĂ€r einberief – unter Androhung mehrjĂ€hriger
Haftstrafen. Am 14. MĂ€rz
folgte die Ausrufung des
Ausnahmezustand, um eine
Ausweitung des Streiks auf ganz Spanien zu verhindern.

Beide
VorstĂ¶ĂŸe konnten den Streik jedoch nicht brechen. Die
Zeitungen, die ebenfalls gewerkschaftlich organisiert waren,
praktizierten die censura
roja
(Rote Zensur),
verschleppten oder verweigerten den Abdruck der
Regierungsdekrete.
Mit ein Grund dafĂŒr, dass
die meisten Streikenden ihrer Einberufung nicht nachkamen. Aber
entscheidender war das Wissen um die eigne Macht.

Die
Regierung knickt ein

Zwar
wurden 3000 Streikende festgesetzt,
allerdings blieb der Regierung nichts weiter ĂŒbrig, als auf
Verhandlungen einzugehen – und ZugestĂ€ndnisse zu machen. Bereits
am 11. MÀrz wurde das Renteneintrittsalter durch königlichen Erlass
auf 65 Jahre verkĂŒrzt.
Zwischen dem 15. und 17. MĂ€rz
fanden schließlich
Verhandlungen mit dem
Streikkomitee statt. Auf
einer Versammlung in der Stierkampfarena Las Arenas
sprach sich der bekannteste
StreikfĂŒhrer
Salvador Seguí – Spitname:
El
noi del sucre

(Der
Zuckerjunge) – fĂŒr die Annahme der Verhandlungsergebnisse aus.
Trotz Kritik
vom radikaleren FlĂŒgel der CNT beschlossen die mehr als 20 000
versammelten Mitglieder die Wiederaufnahme
der Arbeit am 20. MĂ€rz.

Nach
44 Tagen Streik
gelang,
neben der Entlassung von
tausenden Inhaftierten,
EntschĂ€digungen fĂŒr die
wÀhrend des Streiks entgangenen Löhne,
generelle Lohnerhöhungen,
Lohnfortzahlung bei
ArbeitsunfÀllen und der
Anerkennung der Gewerkschaft, vor allem die erstmalige Durchsetzung
des 8-Stunden-Tages
in Europa – bestĂ€tigt
durch ein Regierungsdekret vom
3. April 1919, das bis heute
Bestand hat und selbst unter
dem Franco-Regime (1939-1977)
nicht rĂŒckgĂ€ngig gemacht wurde.

Die
Reaktion

Der
Konflikt lÀutete eine Phase verschÀrfter KlassenkÀmpfe in Spanien
ein, die letztlich in der Sozialen Revolution von 1936 mĂŒndete.
Weder die folgende
MilitÀr-Diktatur
Primo de Riveras (1923-1930), in
der die CNT verboten wurde, noch
die
GrĂŒndung
der
Zweiten
Republik (1931) war in der Lage, die sozialen Konflikte zu befrieden.
In
den Jahren
bis zur MilitÀrdiktatur
gehörten
bewaffnete Auseinandersetzungen und AnschlÀge zum Alltag in
Barcelona. Hunderte fielen dem zum
Opfer,
darunter
auch der
StreikfĂŒhrer Salvador
SeguĂ­.

Die
Unternehmer, denen die Zentral-Regierung in diesem Konflikt
zu nachgiebig auftrat, schlossen sich umgehend
nach dem Streik zu
einem einheitlichen Verband zusammen und suchten den Schulterschluss
mit dem MilitÀr. Sie waren
nicht bereit, die Niederlage zu akzeptieren, und
versuchten ihre Interessen
mit allen Mitteln durchzusetzen.

Bereits
wenige Tage nach
Wiederaufnahme der Arbeit, musste
die CNT erneut zu einem
dreiwöchigen Generalstreik aufrufen,
um 5 in Haft verbliebene Genossen freizupressen. Dieser blieb
allerdings erfolglos,
ebenso wie der Versuch der Unternehmer
im Dezember 1919, die Arbeiter durch mehrmonatige Aussperrungen
dazu zu zwingen, ihre CNT-Ausweise abzugeben.

Schon
vor dem Streik hatten die Unternehmer begonnen, paramilitÀrische
Einheiten aufzubauen
– die sogenannten
Pistelleros, die
gezielt Jagd auf CNT-Mitglieder machten. Als
Antwort darauf bildeten sich in
den Reihen der CNT militante
Aktions-Gruppen.
Die wohl bekannteste darunter
war
Los Solidarios um das
sogenannte Schwarze Kleeblatt
Bonaventura Durruti,
Francisco Ascaso und Juan GarcĂ­a Oliver. Alle
drei wurden zu zentralen Figuren in
den Auseinandersetzungen der
folgenden Jahren.
Ebenso
wie in der kommenden Sozialen Revolution von 1936.

Hansi Oostinga




Quelle: Union-coop.org