Juni 22, 2021
Von Contraste
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Seit ĂŒber einem Jahr legen die Maßnahmen zum Schutz vor dem Corona-Virus das gesellschaftliche Leben lahm. Kunst und Kultur sind davon nicht ausgenommen. Im Gegenteil – Kunst und Kultur gelten als »nicht systemrelevant«. Theater, Kinos und KonzerthĂ€user mussten schließen, vor einem physischen Publikum kann schon lange kaum noch etwas dargeboten werden. Wie erging und ergeht es freischaffenden KĂŒnstler*innen in dieser Zeit? Ein Lagebericht.

Marlene Seibel, Redaktion LĂŒneburg

»Ich bin froh, wenn das Handy klingelt und ein Bestatter dran ist«, sagt Elmar Roetz (57), freischaffender Musiker aus Dömitz, mit hörbarem Zwiespalt in der Stimme. Er ist unter anderem als Organist auf Beerdigungen und Hochzeiten tĂ€tig, begleitet Gottesdienste auf der Orgel und hatte »vor Corona« die Leitung verschiedener Chöre in Mecklenburg und Niedersachsen inne. Seit der Pandemie sind fast alle seine Engagements weggefallen. »Am Anfang war es gar nicht so schlimm, weniger zu arbeiten«, sagt Roetz, »vor Corona war ich an meiner persönlichen Leistungsgrenze und da fĂŒhlte sich der Lockdown zuerst nach einer Möglichkeit zum Durchatmen an.« Inzwischen aber sei er »chronisch unterbeschĂ€ftigt«. »Die Zeit wird lang«, sagt er. Die musikalische Begleitung von Trauerfeiern ist fĂŒr ihn in dieser Zeit eine der wenigen sinnvollen TĂ€tigkeiten, die beruflich noch möglich sind.

FĂŒr Jazz-Pianist und Komponist Giotto Roussies (33) aus Köln birgt die aktuelle Zeit indes eine Chance, dem eigenen kĂŒnstlerischen Weg nĂ€her zu kommen. »Ich habe gerade die Freiheit, genau das zu tun, was ich tun möchte,« sagt er. Seit letztem Jahr erhĂ€lt er die Neustarthilfe vom Bund. Auch zwei Stipendien hat er bekommen. Das Geld ermöglicht ihm nun, Projekte zu realisieren, bei denen es nicht in erster Linie auf die Wirtschaftlichkeit ankommt: »Ich habe zum Beispiel ganz frei an der Zwölftonmusik forschen können«, sagt Roussies, etwas, das ihn schon lange gereizt habe. »Nun vertiefe ich mich in die Bereiche Musikproduktion und Gesang, mache kleine Filme und arbeite mich in neue Technologien ein.«

Vor der Pandemie verdiente Roussies sein Geld als Pianist in einer Pianobar am Kölner Flughafen, auch ĂŒber die GEMA erzielte er Einnahmen. »Die Pianobar hat inzwischen geschlossen«, sagt er. Ob sie je wieder öffnen wird, weiß er nicht. Auch Elmar Roetz kann nicht sagen, ob alle seine Chöre die Pandemie ĂŒberdauern. Einige Chöre zahlen Roetz weiterhin sein Honorar – obwohl keine Proben stattfinden können. »Doch irgendwann ist das Geld alle«, sagt Roetz. »Die Chöre finanzieren sich ĂŒber MitgliedsbeitrĂ€ge – und es besteht die Gefahr, dass Mitglieder austreten, weil eben keine Proben möglich sind.«

Roetz hatte im ersten Lockdown ebenfalls staatliche UnterstĂŒtzung beantragt, die sogenannte FrĂŒhjahrshilfe, die zur »LiquiditĂ€tsengpass-ÜberbrĂŒckung« fĂŒr freischaffende KĂŒnstler*innen ins Leben gerufen wurde. Die Antragsstellung sei unbĂŒrokratisch gewesen, sagt Roetz. »Nach zwei Wochen war das Geld da.« Vor Kurzem kam nun aber die Nachricht, dass Roetz die gewĂ€hrte Summe gegebenenfalls zurĂŒckzahlen mĂŒsse. »Ich habe bei der Beantragung konservativ kalkuliert und auch nicht die mögliche Höchstsumme von 9.000 Euro beantragt. Doch rĂŒckblickend waren die Formulierungen im Antragsformular nicht so eindeutig«. Jetzt werde geprĂŒft, ob er zu viel Geld erhalten habe, sagt Roetz. Die RĂŒckzahlung zum jetzigen Zeitpunkt wĂ€re eine zusĂ€tzliche Belastung.

Giotto Roussies sagt, er sei derzeit »gut beschĂ€ftigt«: FĂŒr seine Stipendien muss er Berichte ĂŒber seine Projekte abliefern, er setzt sich wöchentlich Ziele, was er schaffen möchte. Vieles hat er in den digitalen Raum verlagert: Er veröffentlicht seine Videos bei YouTube, streamt sein Klavierspiel auf Twitch und gab vor Kurzem sein erstes Livestream-Konzert – das Publikum vor dem Bildschirm live dabei. »Das hat sich angefĂŒhlt wie ein richtiges Konzert«, sagt er.

Und ich? Ende 2019 war ich von Berlin in ein kleines Dorf bei LĂŒneburg gezogen und gerade dabei, meine SelbststĂ€ndigkeit als bildende KĂŒnstlerin, Yogalehrerin und Heilerin auszubauen, als auch fĂŒr mich alle Engagements wegbrachen und Ausstellungen bis auf weiteres verschoben wurden. Zuerst wehrte ich mich noch innerlich, stellte dann aber doch den Antrag auf Grundsicherung. Ein komisches GefĂŒhl, hatte ich zuvor immer selbst fĂŒr meinen Lebensunterhalt sorgen können. Auch mir gab die Grundsicherung – gepaart mit meinen Ersparnissen – allerdings die Möglichkeit, mich auszuprobieren.

Ich versuchte es mit Online-Yoga, was aber nur mĂ€ĂŸig erfolgreich war und nur bedingt Spaß brachte. Der digitale und der analoge Raum sind im Yoga eben nicht dasselbe. Ich ĂŒbte mich in der Bildhauerei, stellte zweimal im Rahmen einer Schaufensterausstellung aus und organisierte mit meinem Partner im September eine Vernissage in unserem Haus. Und: Ich wurde schwanger. Anfang MĂ€rz wurde meine Tochter geboren. All das war nicht geplant – und vielleicht gerade deswegen umso bereichernder?

»Ich habe aufgehört, zu planen«, sagt Elmar Roetz mit Blick auf die aktuelle Situation. »Es ist eine Zeit, in der jede*r viel mehr auf sich selbst zurĂŒckgeworfen ist«, findet Giotto Roussies. Ich schaue in die Wiege neben mir und weiß: Nicht nur fĂŒr meine Tochter hat ein neues Leben begonnen.

Links:
Giottos Roussies auf YouTube: https://bit.ly/2Tm9o6v
www.marleneseibel.de

Titelbild: Zeit, neue Wege zu gehen: Giotto Roussies in seinem Video »Ist es so?« Foto: Giotto Roussies




Quelle: Contraste.org