April 22, 2020
Von Anarchist Black Cross Rhineland
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Wir dokumentieren hier AuszĂŒge aus dem Tagebuch von Andreas Krebs, das er uns schon vor ca. 2 Wochen zugeschickt hat. Wir haben manche SĂ€tze aufgrund der besseren Lesbarkeit bzw. um staatliche Repression nicht noch weiter anzuziehen ein klein wenig verĂ€ndert.

Aktuell ist Andreas seit einigen Tagen im Krankenhaus. Es geht ihm gesundheitlich so schlecht, dass der Knast ihn sogar in den Hausarrest schicken möchte, worĂŒber aber aktuell noch juristisch entschieden werden muss. Im Krankenhaus wird er nun erstmals operiert. Wenn die OP glĂŒckt, sind seine Aussichten auf ein Überleben trotz Krebs halbwegs ok. Wenn nicht, dann geben ihm die ÄrztInnen noch ca. 3 Wochen.

Andreas lĂ€sst allen liebe GrĂŒĂŸe ausrichten. Er ist ein KĂ€mpfer und hat sich trotz seines Gesundheitszustands rege in unterschiedlichen Rollen an den Revolten im Knast beteiligt.

Wir fordern die sofortige Freilassung von Andreas und ein Ende der Repression gegen seine Person.

Bitte schreibt ihm weiterhin Briefe, diese geben ihm sehr viel Kraft.

ABC Wien, 12. April 2020

Dienstag, den 10. Marz 2020

Die Nachrichten ĂŒberschlagen sich in ganz Italien. Die Beamten tragen nun Gesichtsschutz und sind dazu veranlasst worden, auch Handschuhe zu tragen. Mittlerweile sind ĂŒber vierzig Haftanstalten in ganz Italien an den Revolten beteiligt und ĂŒber zwanzig Gefangene dadurch ums Leben gekommen. Sechs Gefangene durch Eigenverschulden, in dem sie die Anstaltsapotheke plĂŒnderten und sich versehentlich eine Überdosis Methadon gaben, und die anderen Gefangenen kamen durch die Staatsmacht ums Leben. So wurden einige Gefangene durch SchĂŒsse durch die staatliche Eingreiftruppe getötet. Sollte es auch hier zum Eingreifen der Polizei kommen hilft es recht wenig, sich auf den Bauch zu legen und die HĂ€nde hinter dem Kopf zu verschrĂ€nken. Denn sie nehmen keinerlei RĂŒcksicht auf Unbeteiligte und schlagen alle Gefangenen zusammen. Wenn es soweit kommt, so hoffe ich, dass es nicht ganz so heftig wird.

Sechzig Gefangenen ist bereits durch die Revolte die Flucht gelungen und bis jetzt hat man noch keinen ergriffen. Die ruhigste Abteilung ist derzeit noch die UniversitĂ€tsstation, doch durch die ganzen Maßnahmen wird es sicher nicht bei dieser Ruhe bleiben, und ich hörte dies auch heute durch das Belauschen von GesprĂ€chen unter den Beamten.

Bis in die spĂ€ten Mitternachtsstunden hört man das Geschrei aus den anderen HĂ€usern der Altri Sicureza und teilweise sogar bis in die frĂŒhen Morgenstunden. Da nun jeder Gefangene derzeit nur die Möglichkeit der Videotelefonie, also Skype, hat, anstelle seines Besuches jede Woche, ist die Nachfrage so groß und die KapazitĂ€t der Anstalt so ĂŒberlastet, sowohl Personal als auch von den Internetleitungen und GerĂ€tschaften, dass jeder Gefangene nur zwanzig Minuten Besuch ĂŒber das Internet machen kann.

Das heißt also, anstelle der normalen Stunde pro Woche, ist der Besuch auf zwanzig Minuten gekĂŒrzt, damit auch jeder Gefangene drankommt, und die Anstalt es sonst nicht schaffen wĂŒrde und nicht fĂŒr eine so große Anzahl an Inhaftierten ausgestattet ist. Wie weit das Ganze noch geht, ist kaum abzusehen, doch bin ich sehr schockiert ĂŒber diese krassen ZustĂ€nde, wie sie gerade zu spĂŒren sind.

Was mich betrifft, so war ich heute bei der, schon wieder, neuen Ärztin. Die andere war gerade mal etwas ĂŒber eine Woche hier und schon ist sie wieder weg. Die neue Ärztin ist nun doch sichtlich besorgter und veranlasst nun alles Weitere. FĂŒr die notwendige Biopsie stehe ich auf einer Warteliste, und es werden nun weitere Tests mit Medikamenten gemacht, nachdem endlich in meiner Krankenakte festgehalten wurde, dass ich eine MedikamentenunvertrĂ€glichkeit habe. Schön will ich nichts reden, denn so viele Ärzte versprachen endlich tĂ€tig zu werden und kaum einer hat es wirklich eingehalten. Also heißt es weiter abwarten, wie es weitergeht und ob nun wirklich etwas gemacht wird oder das auch nur leere Versprechungen waren. Komisch, dass man am ersten Dezember, als ich wegen des Suizides im Krankenhaus war, einen Tumor festgestellt hat, und man hier erst weitersehen und weitere Tests machen möchte.

Ganz komisch und richtig dubios das Ganze!

Man merkt hier eine extreme Anspannung, sowohl unter den Gefangenen als auch unter den Pflegern, die ja mittlerweile auch so aussehen. MerkwĂŒrdig und irgendwie gespenstisch, wenn man plötzlich die Beamten mit Mund- und Handschutz sieht. Aber, und auch das musste ich heute beobachten, halten sich nicht alle Beamten daran und viele ignorieren den Mund- und Handschutz. FĂŒr mich handeln sie hier schon grob fahrlĂ€ssig, denn schließlich ist dies vom Ministerium mittlerweile so vorgegeben. Wenn also ein Gefangener Infiziert ist, dann nur durch das Anstaltspersonal, anders kann er sich unmöglich angesteckt haben.

WĂ€hrend ich diese Zeilen gerade schreibe, schießt mir durch den Kopf, wie sehr sich nun alle von meinen Lieben draußen Sorgen machen, wenn sie die Nachrichten hören, was gerade in Italien los ist und quasi schon der Ausnahmezustand herrscht. In den Nachrichten wird von der Roten Zone gesprochen. Nun das trifft jetzt aktuell auf ganz Italien zu.

Ich befinde mich gerade in irgendeinem schlechten Horrorfilm!
Mittwoch, der 11. Marz 2020

Heute musste ich wieder ackern bis fast zum Umfallen, das heißt, dass ich alle Bereiche, die Beamte anfassen, desinfiziert habe zum Schutz fĂŒr uns alle. Gestern Abend durfte ich um ca. 21 Uhr noch zu Hause bei Jutta mit einem genehmigten Zusatztelefonat anrufen, was jedem Gefangenen zugesprochen wurde, damit man seine Angehörigen ĂŒber die aktuelle Situation auf dem Laufenden hĂ€lt und sie beruhigt.
Donnerstag, der 12. Marz 2020

Oh was fĂŒr ein Tag, einfach unertrĂ€glich und noch dazu, dass ich nicht einmal diese Videotelefonie machen konnte. Die Internetverbindung ist so schlecht hier, dass man mich einfach vor einen Monitor setzte und ich eine Stunde meinen Besuch vor einen leeren Monitor verbrachte, ohne dass ich Jutta sah oder sprechen konnte. Ich bin danach so ausgeflippt, dass man mich erst einmal beruhigen musste. Was fĂŒr eine miese Schweinerei!!!!!!! Bin total niedergeschlagen und weiß gerade nicht weiter!

Aber wir können nichts dagegen machen und sind dem allen schutzlos ausgeliefert.
Freitag, der 13. Marz 2020

Scheissdrecksladen! Mittlerweile sind auch Gefangene mit dem Virus Infiziert und wurden von Beamten angesteckt. Die Sache scheint kein Ende zu nehmen, und alle sind in grĂ¶ĂŸter Panik. Aber wenn ich die Beamten so sehe, dann schĂŒttle ich nur den Kopf, denn nur wenige halten sich daran und tragen die ganze Zeit wĂ€hrend ihrer Schicht einen mickrigen Mundschutz, der immerhin besser als gar nichts ist. Aber auch das hilft recht wenig, wenn ich sehe, dass sie dafĂŒr keine Handschuhe tragen. Die einen tragen Mundschutz, aber keine Handschuhe, die anderen wiederrum tragen Handschuhe, aber dafĂŒr keinen Mundschutz. Ganz andere tragen vielleicht beides, aber ziehen den Mundschutz dauernd zur Seite, damit sie genĂŒsslich rauchen können und den Rauch schön krĂ€ftig aus den Lungen ins Freie blasen.

Es widerspricht sich einfach alles!

Nun sind alle Gefangenen, die arbeiten gehen und Beamte in ihrer NĂ€he haben, am ĂŒberlegen, ob sie nicht die Arbeit einstellen, damit sie so auf diese MissstĂ€nde hinweisen und auch vermeiden angesteckt zu werden, und dies dann auf der Station an andere Mitgefangene weitergeben. Denn obwohl die Beamten bzw. alle darauf hingewiesen wurden, dass sie zum Schutz der Gefangenen einen Mund- und Handschutz tragen mĂŒssen, halten sie sich nicht immer daran. Sobald sie unten in der Zentrale herumlaufen, wo ebenfalls Gefangene – unter anderem ich – sind, höre ich, wie die Beamten herum motzen wegen dem lĂ€stigen Tragens des Mundschutzes und sich diesen einfach abnehmen. Gefangene haben schon Psychosen deswegen und gehen den arbeitenden Gefangenen, die mit den Beamten in nĂ€heren Kontakt kommen, aus dem Weg. Andere sitzen beim Essen und haben schon im Bauch ein regelrechtes Unwohlsein.

Es sind gestern einige aus der Haftanstalt aus Foggia nach Secondigliano verlegt worden, die an einer Revolte beteiligt gewesen waren. Dementsprechend sind die Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. So habe ich gesehen, wo sie untergebracht wurden, in absoluter Einzelhaft mit rundum Überwachung in den HĂ€usern von Altri Sicureza. Denn ich musste gestern einen Gefangenen, der entlassen wurde, zur Kammer begleiten, und ich half ihm beim Tragen seiner Sachen. Und da die Kammer genau bei den verschĂ€rften ÜberwachungshĂ€usern ist, habe ich also alles mitbekommen und konnte hören, was die Beamten gesprochen haben. So darf auch nicht jeder Beamte den Bereich betreten, wo die von der Revolte untergebracht wurden. Aber auch unsere Jungs, die auf die Barrikaden gingen, sind mittlerweile zerschlagen und verlegt worden. Doch das war noch nicht alles und der nĂ€chste Aufstand, gerade durch die nun infizierten toten Gefangenen, ist schon vorprogrammiert. Ein einziger kleiner Funke genĂŒgt, und dann geht die nĂ€chste Post erst richtig ab. Das Schlimme ist nur, dass die Gefangenen sich dann nicht nur auf das Anstaltspersonal und den Staat an sich konzentrieren, sondern den Aufstand auch fĂŒr private Zwecke nutzen und einige Rechnungen, sprich Vendetta, mit anderen Mitgefangenen begleichen. Und so töten sie sich auch untereinander.

Zum Telefonieren: Nun mĂŒssen wir fast eine Woche warten, bis wir uns wieder hören dĂŒrfen und vielleicht auch sehen, wenn es diesmal mit der Verbindung bei Skype funktionieren sollte. Es ist eine einzige Qual, dass wir ihnen so ausgeliefert und auf das wenige Telefonieren von gerade mal zehn Minuten angewiesen sind. Dazu diese weite Entfernung von 1800 Kilometer, ein wirklich absoluter Alptraum! Wie gerne wĂ€re ich jetzt bei meiner Frau. Sie ist mein einziger Halt im Leben, gibt mir Kraft und Energie, um weiter zu machen, diese ganze Scheiße durchzustehen!

Eigentlich sind die ganzen Probleme hier drinnen nichts, zu dem was die Angehörigen draußen durchmachen mĂŒssen. Draußen sind die wirklichen Probleme, in jeder Form, was wir Gefangene oft ganz vergessen. Wir denken immer, dass draußen alles so toll ist und sehen nur die Freiheit. Doch draußen musst du genauso hart und noch viel hĂ€rter fĂŒr alles kĂ€mpfen. Behörden, die Miete monatlich bezahlen zu können, Arbeiten, um sich ernĂ€hren zu können und und und und. Dazu vielleicht noch die Kinder, die man hat und ganz besonders, wenn sie noch klein sind. Hier drinnen musst du dich darum nicht kĂŒmmern. Obwohl es schon ein krasser Unterschied ist im Ausland in Haft zu sein, wo man wirklich glaubt sich in einem Dritte-Welt Staat zu befinden, als im eigenen Heimatland, wo man sich doch etwas mehr um die Gefangenen kĂŒmmert, als hier, wo man sich komplett selbst ĂŒberlassen ist und zusehen muss, wie man ĂŒberlebt.

Dann sind wir ja auch nicht mehr die JĂŒngsten und zunehmend merkt man das Alter und die KrĂ€fte, die an einem zehren. Es ist anders, als wenn man gerade mal 25 Jahre jung ist.

Werde mich heute zeitig von diesen Tag verabschieden und auf die Station gehen, Duschen, etwas Essen und dann ins Bett. Bin K.O. und zudem, wer weiß, was heute noch passiert. Denn es ist gerade wirklich alles möglich und offen. Die letzten zwei Tage ist es zwar ruhiger geworden, aber dabei wird es nicht lange bleiben und das Fass wird erneut ĂŒberlaufen.
Samstag, der 14. Marz 2020

Und wieder ein neuer Tag, diesmal kracht es gerade unter den Gefangenen gewaltig, und alle sind total angespannt. Kann kaum schreiben, so sehr nimmt mich dieser Zustand gerade mit. Irre und noch nie habe ich sowas erlebt. Es ist wie in einem Horrorfilm und draußen soll angeblich niemand auf der Straße zu sehen sein außer die Bullen. Es gibt sogar eine Verordnung, wo jeder ab 18 Uhr in seiner Wohnung bleiben muss, außer die, die arbeiten. Geöffnet haben nur der Supermarkt und die Apotheke, alles andere hat bis auf weiteres geschlossen. Kein Restaurant oder sonstiges GeschĂ€ft hat geöffnet. Die Beamten sind gereizt, und ich höre aus den GesprĂ€chen was draußen los ist und dass alles eher einer Geisterstadt gleichkommt. Und das macht sich auch hier innerhalb der Mauern sehr, sehr stark bemerkbar. Mit keinen ist es mehr auf meiner Station auszuhalten und ich wĂ€re ganz froh, wenn ich niemanden sehe und höre, selber isoliert bin. Brauche so dringend meine Ruhe und meinen persönlichen RĂŒckzugsort. Deswegen arbeite ich lieber wie ein Depp, als dass ich noch irgendjemanden ertragen muss! Komme mit mir selber nicht mehr klar und dazu die eigenen Sorgen, wie kann ich dann mit anderen auskommen. Wie kann ich anderes Gequatsche noch ertragen, wenn der eigene Kopf ĂŒberlagert ist mit Sorgen und Ängsten?!
Sonntag, der 15. Marz 2020

Was fĂŒr ein grausamer Zustand, es wird immer schlimmer unter uns allen!
Montag, der 16. Marz 2020

Und nun ist es also richtig passiert, es herrscht Ausnahmezustand. Seit sieben Uhr befinde ich mich wieder beim Arbeiten und habe nur noch ein Grinsen auf meinem Gesicht, weil hier alles drunter und drĂŒber geht.

Die Menschen draußen mĂŒssen beim Einkaufen sogar diszipliniert in der Reihe stehen und eineinhalb Meter Abstand zum nĂ€chsten einhalten. Ich bin ja gespannt, wie lange es dauert, bis es zu den ersten PlĂŒnderungen kommt.

Meine Mitgefangenen aus den ganzen Abteilungen haben stellenweise keine Ahnung was sich in der Zentrale und in dem BĂŒro des Inspektors abspielt, welch krasses Chaos eigentlich herrscht. Ich warte hier nur noch auf die erste richtige Geiselnahme, dann glaube ich, ist das Maß voll.
Dienstag, der 17. MĂ€rz 2020

Gestern war der Teufel los, und der Stationsbeamte trug den ganzen Tag keinen Gesichtsschutz, woraufhin die Gefangenen ihn am Gitter zur Rede stellten und ausflippten. Seine Antwort war total frech. Warum tragen die keinen Gesichtsschutz, sie könnten uns jederzeit anstecken, worauf er sagte: Warum? Wir haben doch keinen Karneval!

Darauf sind die Menschen ausgeflippt und schrien ganz laut, dass sie ihm etwas antun, wenn er so die Station betritt, und wir verweigern alle den Einschluss. Nach kurzer Zeit, als der Einschluss gewesen wÀre, kam ein anderer, höherer Beamter und war mit Gesichtsschutz und Handschuhen versehen und schloss uns ein. Der Beamte, der sich stÀndig weigerte, beobachtete ohne Gesichtsschutz, wie sein Kollege uns einsperrte.

Nun haben mich die Gefangenen auf Station gebeten, wenn ich um sieben Uhr zur Arbeit gehe, dass ich mit dem Brigadier spreche und ihm erzĂ€hle, was auf der UniversitĂ€tsabteilung los ist, und dass der fĂŒr die dritte und vierte Station zustĂ€ndige Beamte sich weigert, die Vorschriften einzuhalten. Sie wollen alle keinen Ärger, aber es genĂŒgt gerade ein Funke, und dann haben alle ein richtiges Problem. Um sieben Uhr ging ich morgens also zur Arbeit und sah auch schon, dass der Brigadier in seinem BĂŒro saß. Ich fragte ihn, ob er kurz Zeit hĂ€tte, und er sagte wie immer sehr höflich „Klar, setz dich.“ Dann schilderte ich ihn, was los gewesen ist, und er war entsetzt und auch empört darĂŒber, dass Stillschweigen ĂŒber den Vorfall herrscht und kein Vermerk gemacht wurde. Auf jeden Fall kam der Beamte dann zum Dienst, und der Brigadier zitierte ihn sofort in sein BĂŒro, wo auch gleich der Teufel los war und mehrere Beamte mit dazukamen. Ich hörte dann aber auch, dass ein Beamter fragte, wer sich denn beschwert hĂ€tte, und es der Deutsche gewesen ist. Der Brigadier sagte, nein, dass ich es nicht gewesen bin und danach kam der Brigadier zu mir und sagte, dass ich auf der Station ausrichten kann, dass dies nicht mehr vorkommt, und wenn sie ein Problem haben, sie sich jederzeit an ihn wenden können. Nun ist der Beamte auf der Station und trĂ€gt seinen Gesichtsschutz wie vorgeschrieben. Besser so, denn die Situation war gestern so heikel, dass Gefangenen ihn sogar durch das Gitter mit GegenstĂ€nden bewerfen wollten.

Ich richtete es den Jungs auf der Station aus, und sie waren sichtlich erleichtert, dass die Lage nicht ĂŒberschwappt. Draußen vor der Anstalt stehen um die 500 Bullen bereit, falls irgendetwas passiert. Abgestellt fĂŒr alle FĂ€lle.

Ich versuche von den ganzen Ereignissen Abstand zu nehmen und arbeite oder schreibe diese Zeilen, um mich selbst abzulenken und nicht ĂŒber alles nachdenken zu mĂŒssen. Leider geht es gesundheitlich tĂ€glich schlechter und nun, nachdem ich mir vor Wochen die ZĂ€hne ziehen musste, habe ich gestern Abend festgestellt, dass die nĂ€chsten zwei rausmĂŒssen. Ich verstehe das nicht, denn sie sind eigentlich in gutem und gepflegtem Zustand. Mein Organismus spielt dermaßen verrĂŒckt, dass das sicher auch damit zu tun hat. Ich sehe immer schlechter und muss beim Lesen eine zweite Brille aufsetzen, so schlimm ist es mittlerweile. Auch die Wasserablagerungen in den Beinen habe ich fast tĂ€glich und sind beim nĂ€heren Hinsehen zu bemerken. Weiter tut mir der Bauchraum weh, genau da, wo die Nieren und die Prostata sitzt. Die Ärztin, die gerade da ist, hat ihren Ruf weg und zu der braucht man erst gar nicht gehen. Das ist dieses Person, die schon vor etwa zwei Wochen mal kurz abgelöst und durch eine andere Ärztin ersetzt wurde. Nun ist sie wieder da, und ich mache keinen Hehl daraus, was ich von ihr halte und alle Beamten stimmen mir da auch zu. Ich lebe tĂ€glich mit schon selbstverstĂ€ndlichen Schmerzen. SelbstverstĂ€ndlich deshalb, weil ja niemand etwas dagegen macht. Wie ich mittlerweile erfahren habe, hat der Tumor gestreut. Das ist die Quittung fĂŒr das lange warten mit einer AusfĂŒhrung ins Krankenhaus fĂŒr eine OP.

Durch diese Geschichte mit dem Virus sind alle AusfĂŒhrungen sowie auch die Anwaltsbesuche gesperrt. Niemand kommt hier rein oder raus. Auch kein Psychologe oder Psychiater darf hier rein, obwohl er einige Gefangene gibt, die darauf wirklich angewiesen sind. Aber leider hat man alles aus SicherheitsgrĂŒnden eingestellt. Das einzige was momentan gemacht wird, ist, dass an einige Gefangene großzĂŒgig Medikamente zur Ruhigstellung ausgeteilt werden. Man versucht alles, damit sich die Lage entspannt, jedoch denke ich, dass es so nicht funktionieren kann. Auch gerade weil ich erfahren habe, dass die Internetverbindung so schlecht ist, dass viele Gefangene keine Videotelefonie machen können. Das wird ein Riesen-Theater geben. Viele Gefangene haben heute Morgen um acht Uhr bereits die BĂŒros des Inspektors und des zustĂ€ndigen Beamten fĂŒr die Videotelefonie gestĂŒrmt, weil die Anstalt nicht mehr in der Lage ist, den Besuch fĂŒr jeden Gefangenen durchzufĂŒhren. Weder die KapazitĂ€ten noch die Verbindung funktionieren, und das heißt, dass die meisten Gefangenen richtig angespannt und gereizt sind. Ein sehr schlimmer Zustand gerade. Und dazu das Wissen, dass draußen 500 Bullen bereitstehen, im Falle einer Eskalation, macht die Sache noch schwieriger. Diese ganze Situation wird sich noch sehr lange ziehen, und ich bin mir sicher, dass das mit dem Virus und die Verbreitung der Bakterien noch schlimmer wird. Es wird sich nichts beruhigen, und der Zustand wird die nĂ€chsten Wochen anhalten. Heute hat man viele Gefangenen aus Poggioreale hierher verlegt, aus SicherheitsgrĂŒnden und Isolation, wie es heißt. Zwei Isolationszellen sind bereits mit BettwĂ€sche und so weiter von mir ausgestattet worden, da ich auch fĂŒr die Reinigung dieser Zellen zustĂ€ndig bin.

Wir warten also und vegetieren teilweise vor uns hin, und eine Verzweiflung macht sich in uns allen breit. Wir wissen nicht, wie es unseren Angehörigen draußen geht und umgekehrt genauso. Was bleibt, ist zu hoffen, dass es noch ein relativ gutes Ende nimmt. Obwohl ich es objektiv sehe und das Ganze noch in ein Ausmaß steigen wird, was wir nie erwartet hĂ€tten.



Quelle: Abcrhineland.blackblogs.org