173 ansichten


Dieser Text beginnt wie vielleicht viele andere aus dem letzten Jahr mit einer einfachen Feststellung: Meine Kopfschmerzen begannen plötzlich. Das schreckliche an der Situation: Ich sitze in einem GroßraumbĂŒro. Der Raum ist geschlossen; erst seit wenigen Tagen wird darauf geachtet, ĂŒberhaupt einmal pro Stunde zu lĂŒften. Wenn ich wirklich Corona habe, ist die Gefahr da, dass ich nach sieben Stunden des Aufhaltens im geschlossenem Raum ĂŒber zehn Menschen angesteckt haben könnte. Ich lohnarbeite in einem Call Center. AbtrennungssĂ€ulen teilen die einzelnen ArbeitsplĂ€tze, die Luft kann trotzdem zirkulieren. WĂ€hrend wir an unseren PlĂ€tzen sitzen und telefonieren, tragen wir aus technischen GrĂŒnden keine Masken.

Dies war die Vorgeschichte. Ich ĂŒberspringe, wie es sich anfĂŒhlte, als mein Schnelltest positiv war; welche Ängste ich hatte; dass ich die letzten fĂŒnf Minuten von der fĂŒnfzehnminĂŒtigen Wartezeit bis zur Auswertung des Schnelltests weiter lohnarbeiten musste, obwohl bereits offensichtlich war, dass der Schnelltest positiv war. Ich komme zu meinem PCR-Test. Die ausfĂŒhrende Ärztin lĂ€chelt mich durch ihre zig Lagen an Schutzkleidung an. Sie hat glatte, blonde Haare. Ich kann nicht sehen, wie sie unter ihrem blauen Einwegkittel gekleidet ist. Ihr ordentliches Haar und ihrem Jobstatus zu urteilen nach, vermutlich wohlhabend und bĂŒrgerlich. Vermutlich verdient sie mindestens und hoffentlich das dreifache von meinem Gehalt.

Da sie mir nicht wortlos ein StĂ€bchen so tief in meinen Rachen rammen möchte, dass ich kurz vor dem Übergeben bin, unterhĂ€lt sie sich ein bisschen mit mir. Sie fragt mich, wo ich meinen Schnelltest gemacht habe. Ich sage: Im GroßraumbĂŒro. Sie fragt mich, was ich arbeite. Ich sage: Ich bin Call-Center-Agentin. Die Frau erblasst, ihre Mundwinkel neigen sich nach unten und sie sagt nichts mehr.
Ich saß still auf meinem Stuhl im Testzentrum und fragte mich, ob sie keine Call-Center mag. Erst spĂ€ter ist mir eingefallen, dass eine Person, die ihre Gesundheit im Kampf gegen eine Epidemie riskiert, nicht erfreut sein kann, wenn sie hört, dass der am einfachsten nach Hause zu verlagernde Job weiterhin in einem GroßraumbĂŒro stattfindet. Vielleicht hat sie sich gefragt, wie diese Situation eines verkackten Scheißhaufens in Deutschland passieren konnte. Ich tue es auf jeden Fall seit meiner Erkrankung jeden Tag.

Der Fall durchs Loch im System

Die Firma, in der ich lohnarbeite, hat mir nie angeboten im Home Office zu lohnarbeiten. Ich hĂ€tte es gerne getan, weil ich die Situation als unvernĂŒnftig empfand. Zugegebenermaßen habe ich erst zu spĂ€t selbst nachgefragt – ironischer Weise drei Tage bevor Corona bei mir festgestellt wurde. Eine Weile lang verbot ich mir, darĂŒber nachzudenken. Unterbewusst war mir klar: Eigentlich kann ich es moralisch nicht mit mir vereinbaren fĂŒr eine Firma zu arbeiten, der meine Gesundheit und der Schutz von Älteren oder Menschen mit Vorerkrankungen egal ist. Das große Problem ist nur, dass mir meine Arbeit dort Spaß macht und ich mir nicht vorstellen kann, je ein Unternehmen mit entspannteren Kolleg:innen und besser funktionierendem Betriebsrat zu finden.

Durch den Buschfunk habe ich erst nach und nach herausgefunden, wieso es meinem Betrieb so schwer fĂ€llt, uns das Home Office anzubieten. Wie viel die technisches Ausstattung fĂŒr’s Arbeiten zu Hause kostet, ist flexibel. Auf der Website einer Firma, die sich auf die Produktion solcher Technik spezialisiert hat, fand ich Angebote zwischen 500 und 1.500 Euro pro Mitarbeiter:in. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so erscheint, gibt meine Firma ihr Bestes, immerhin so viele Mitarbeiter:innen wie möglich ins Home Office zu schicken. Dabei verwendet sie sehr schlechte Technik, ĂŒber die sich dauerhaft beschwert wird, die sogar noch unter den 500 Euro liegt – dafĂŒr jedoch mehr Menschen vom GroßraumbĂŒro befreit. Unsere Firma hat durch die Pandemie weniger AuftrĂ€ge und dadurch finanzielle Probleme. Als ich dies hörte, war ich zuerst zutiefst entsetzt, weil ich durch das offensichtliche Fehlen staatlicher Förderungen des Home Office fĂŒr unsere nicht-wohlhabende Firma dachte, dass der Staat allgemein keine Förderung des Home Office fĂŒr nicht-wohlhabende Firmen anbietet. Dies wĂ€re ja sogar kapitalistisch gedacht totaler Nonsense – keine 500 Euro auszugeben fĂŒr den Schutz von Arbeiter:innenleben, die im besten Fall jung sind und noch so viele Steuern zahlen könnten 


Wie ich spĂ€ter herausfand, gibt es diese Förderung doch. Nur ist unsere Firma eine der wenigen, die durch eine LĂŒcke im System fĂ€llt. Unser Umsatz liegt knapp ĂŒber der Förderungsgrenze. Allerdings wird dabei nicht bedacht, dass unser Call Center monatlich hohe Zinssummen zahlen muss, die aufgenommen wurden, um die Pandemie zu ĂŒberstehen. Ohne Pleite zu gehen, kann es sich meine Firma nicht leisten, uns alle ins Home Office zu schicken. Pech gehabt!

Ist das Leben von Menschen in Ministerien und Behörden mehr wert?

Sollte das Thema nun fĂŒr mich erledigt sein mit dem Wissen, dass unsere Firma eine LĂŒcke im System war, weil die Gesetzte der Bundesregierung aus im Ansatz nachvollziehbaren Unvermögen nicht detailliert genug sind fĂŒr SonderfĂ€lle? Dass unsere Form von Demokratie eine bessere gesellschaftliche Form als andere ist, aber trotzdem MinderheitenunterdrĂŒckung bedeutet, ist ja nichts Neues. So „einfach“ ist es jedoch trotzdem nicht. Laut Recherche des Beratungs- und IT-Dienstleister ChannelPartner gab die Bundesregierung im Jahr 2020 nur zwischen MĂ€rz und September 93,5 Millionen Euro fĂŒr die Home-Office-Ausstattung von Mitarbeiter:innen in Ministerien und Behörden aus. Somit wurde pro verbeamteter Person fĂŒr das Home Office im Durchschnitt rund 2.300 Euro ausgegeben.[1]ChannelPartner: Was darf ein Arbeitsplatz im Homeoffice kosten?. 04.06.2021. Online unter: https://www.channelpartner.de/a/was-darf-ein-arbeitsplatz-im-homeoffice-kosten,3338469 Die Zahlen habe ich nicht nachgeprĂŒft. Eventuell variieren sie geringfĂŒgig, reprĂ€sentieren jedoch ein relativ aussagekrĂ€ftiges Bild davon, wie die RealitĂ€t aussieht. Weiterhin sind, da 93,5 Millionen Euro nicht die genauste Angabe ist, Rundungsfehler zu beachten. Wenn beinah 100 Millionen Euro fĂŒr’s Home Office zur VerfĂŒgung stehen und diese gerecht und spartanisch verteilt worden wĂ€ren mit einer 500-Euro-Ausstattung pro Loharbeiter:in, hĂ€tten rund 187.000 statt 40.652 Menschen mit dem selben Geld versorgt werden können. Das wĂ€ren rund 146.000 Menschen mehr gewesen – das 4,6-fache an Arbeiter:innen.

Diese Zahlen zu hören, ist fĂŒr mich ein Schlag ins Gesicht. Die staatliche Förderung hĂ€tte fĂŒr mehr Firmen angesetzt werden können, wenn nicht unnötig Tablets in die Popöchen von Beamt:innen gestopft worden wĂ€ren. Ich fĂŒhle mich als minderwertig vom deutschen Staat behandelt.

Außergewöhnliche Zeiten, keine außergewöhnlichen Maßnahmen

Wer zahlt fĂŒr das Home Office? Dass es nicht die arbeitende Person tun muss, die schon genug ausgebeutet wird, ist klar. Rechnung tragen mĂŒssen die Firmen oder wenn es diese nicht vermögen eine staatliche Hilfe. Dass dies in manchen FĂ€llen nicht funktioniert, wurde im letzten Absatz gezeigt. Doch auch hier ist die Geschichte vom staatlichen Versagen nicht zu Ende und dĂŒrfte fĂŒr die meisten nichts Neues sein.

Am 16. Dezember 2020 wurde beschlossen, den Einzelhandel zu schließen und die PrĂ€senzpflicht in Schulen aufzuheben. Waren das denn schon alle Maßnahmen, als Deutschland eine Durchschnitts-Sieben-Tage-Inzidenz von fast 200 aufwies?[2]corona-in-zahlen.de Kurz gesagt: Ja. Obwohl? Weiterhin wurde gesagt: „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden dringend gebeten zu prĂŒfen, ob die BetriebsstĂ€tten entweder durch Betriebsferien oder großzĂŒgige Home-Office-Lösungen vom 16. Dezember 2020 bis 10. Januar 2021 geschlossen werden können.“[3]https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/merkel-beschluss-weihnachten-1827396, Markierung ĂŒbernommen Wow, es wird darum gebeten 


Immerhin, seit dem 20. Januar gibt es eine neue Erweiterung der Corona-Arbeitsschutzverordnung, die besagt, dass alle Arbeitgeber:innen dazu verpflichtet sind, ihren Mitarbeiter:innen Home Office anzubieten, solange „keine zwingenden betriebsbedingten GrĂŒnde entgegenstehen.“[4]https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/buerokratieabbau/verordnung-zu-homeoffice-1841202 Aktuell wurde diese Verordnung bis zum 30. Juni verlĂ€ngert.[5]https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/verordnung-zu-homeoffice-1841120 Diese zweite Verordnung erscheint nun doch sinnvoll.

Doch wie sieht es in der Umsetzung aus?

Im NDR-Info-Corona-Update besprachen am 6. April Korinna Hennig und Sandra Ciesek Möglichkeiten, Kontaktreduktionen zu messen. Dabei wurde eine Studie der Humbolt-UniversitĂ€t vorgestellt, die im FrĂŒhling 2021 eine um 11 Prozent verringerte MobilitĂ€t im Vergleich zum Jahr 2019 vor der Pandemie feststellte. (Gearbeitet wurde mit Mobilfunkdaten.) Im FrĂŒhling 2020 war die MobilitĂ€t laut der Studie um 40 Prozent gesunken. Doch nicht nur hierzu, auch zur uhrzeitlichen Verteilung gibt die Studie Werte:

„Wenn man mal schaut, wie groß die MobilitĂ€t zwischen 22 Uhr und fĂŒnf Uhr ist, dann sind das insgesamt aufsummiert 7,4 Prozent der absoluten MobilitĂ€t. Die MobilitĂ€t ist natĂŒrlich am höchsten zwischen sieben und acht Uhr morgens, da liegt sie schon bei 6,4 Prozent, oder auch zwischen 15 und 16, 16 und 17 Uhr. Da ist sie ĂŒber sieben Prozent. Das sind so die typischen Stoßzeiten fĂŒr Pendler, also um zur Arbeit und zur Schule zu kommen und um wieder nach Hause zu kommen.“

Hmmm, fĂŒr mich scheint es recht offensichtlich, dass die effektivste Strategie im Kampf gegen die Pandemie wie im Lockdown vor einem Jahr das konsequentere Anbieten von Home Office gewesen wĂ€re. Hören denn zu wenige Bundestagsabgeordnete das NDR-Corona-Update? Mensch könnte meinen, dass es eine gute Idee wĂ€re, in einer Pandemie dieses oder andere Informationsmedien zu verwenden, als Politiker:in und mitverantwortliche Person fĂŒr ĂŒber 83 Millionen Menschen. Am 24. April, also 18 Tage nach Ausstrahlung der Folge, wurde die Ausgangssperrenregelung beschlossen und keine einzige weitere Maßnahme bezĂŒglich des Home Office.

Ein weiteres Zitat aus dem Corona-Update, um meine These zu unterstĂŒtzen: Am 11. Mai sprach Korinna Hennig diesmal mit Christian Drosten ĂŒber den Vergleich mit anderen LĂ€ndern in Bezug auf frĂŒhere Öffnungen trotz höherer Fallzahlen am Beispiel der Niederlande. Ein großer Faktor dafĂŒr, dass sich unsere nordwestlichen Nachbar:innen frĂŒhere Öffnungen erlauben können, dĂŒrfte ein geringerer Teil an BeschĂ€ftigten im Industriesektor sein (in den Niederlanden 15 Prozent, wĂ€hrend es in Deutschland 27 Prozent sind). Denn dort lassen sich KontaktbeschrĂ€nkungen besonders schwer umsetzen. Doch auch das Home Office ist dort strikter geregelt:

„[Die Niederlande haben] gleichzeitig viel mehr Dienstleistung und in diesem Land eine strikte Home-Office-Regelung, die fast Gesetzeskraft hat, die also nicht so eine unverbindliche Empfehlungsgrundlage ist, sondern wo man erklĂ€ren muss, warum man in die Firma zur Arbeit geht, wenn man doch auch zu Hause arbeiten kann, wo der Arbeitgeber das auch belegen muss.“[6]Hrsg.: NDR Info: Coronavirus-Update, Folge 88 (Impfmission possible). Vom 11.05.2021. Online unter: https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript294.pdf

Fazit

Oder haben die Bundestagsabgeordneten doch den Podcast gehört und ihnen war die Wirtschaft schlicht und ergreifend wichtiger als der Schutz von Menschenleben (körperlich in Hinblick auf SARS-CoV-2, aber auch psychisch in Hinblick auf die GefĂŒhle von Isolation und Freiheitsverlust)?

Denn klar ist: Welches kapitalistisch strukturierte Unternehmen beginnt plötzlich damit, Tausende von Euros rauszuhauen fĂŒr den Schutz seiner Mitarbeiter:innen, nur weil die Bundesregierung es darum bittet? Und auch die Pflicht zum Anbieten des Home Office geht nicht weit genug, da sich anscheint trotzdem nicht genug daran gehalten wird. Wieso auch, wenn es anders als in den Niederlanden nicht ĂŒberprĂŒft wird und es genug Schlupflöcher gibt, um zu begrĂŒnden, dass das Vorhandensein von Arbeiter:innen in der Firma unerlĂ€sslich wĂ€re?

Als Anarchist:in bin ich fĂŒr eine Gesellschaft, die ohne von oben verordnete Verbote auskommt. Doch da wir nun einmal in der Scheiße stecken, hĂ€tte ich mir ein bisschen mehr Regulierung im Bereich Wirtschaft gewĂŒnscht. Denn dass eine neoliberale Politik nicht funktioniert, das war doch schon vor ihrer EinfĂŒhrung offensichtlich. Doch da ich Anarchist:in bin, darf auch dieser Satz nicht fehlen: Ich will nicht still sein, ich will schreien, sodass es alle hören und wissen, wie fatal beschissen die BeschlĂŒsse der Bundesregierung sind, dass sie krank machen und Leben gefĂ€hrden und dass wir an einer Gesellschaft arbeiten mĂŒssen, in der niemand zur Arbeit in einem GroßraumbĂŒro wĂ€hrend einer Pandemie gezwungen wird.

Foto: Ausgangsbild vom IDF (online ĂŒber Wikipedia abrufbar: https://he.m.wikipedia.org/wiki/%D7%A7%D7%95%D7%91%D7%A5:Ventilators_developed_by_IDF_Unit_81_and_Sheba_Medical_Center_for_corona_patients._III.jpeg),

Bearbeitung: TexthinzufĂŒgung durch anonyme Lohnarbeiterin, Copyright: CC




Quelle: Direkteaktion.org