Mai 4, 2021
Von Autonomie Magazin
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Der intergalaktische Korrespondent der Prolos, Maximus Galakticus, befindet sich derzeit auf dem Planeten Terra Secondo. Von dort berichtet er uns ĂŒber die philosophische Entwicklung der Gesellschaft auf dem Planeten.


Die Gesetze der Gravitation sind auf unserem Planeten weitgehendst bekannt und anerkannt. Die ErdanziehungskrĂ€fte bewirken, dass wir uns nicht alle in den Weltraum verflĂŒchtigen und der Apfel meist nicht weit vom Stamm fĂ€llt. Sie ist der Grund, warum es fĂŒr uns ein „oben“ und ein „unten“ gibt.

Die Menschheit hat gelernt mit der Schwerkraft zu leben. Es gibt Sportarten mit dem Ziel durch Muskelkraft die Erdanziehung zeitweise zu ĂŒberwinden (Hochsprung) und FreizeitbeschĂ€ftigungen, die sich die Erdanziehung zunutze machen, indem man sich in schwindelnde Tiefen stĂŒrzt und der Aufprall durch ein Gummiseil verhindert wird (Bungee-Jumping).

Geeignete Körper die senkrecht „stehen“ (90°) sind statisch stabil, wenn nicht eine externe Kraft auf sie einwirkt. Körper die horizontal „liegen“ ebenfalls. Körper die eine Neigung aufweisen werden, je nach Neigungsgrad, immer instabiler. Ab einem gewissen Neigungsgrad fallen sie um. Schon ab einer geringen Abweichung von der Senkrechten beginnt die InstabilitĂ€t. Es ist also ein qualitativer Unterschied zwischen einem 90° Winkel und einer 89° Neigung, obwohl die QuantitĂ€t gering ist. Dasselbe gilt fĂŒr die Horizontale. Auf einer Ebene mit einem „GefĂ€lle“ von 0° wĂŒrde eine Kugel im Ruhezustand verharren. Ist das GefĂ€lle > 0 setzt sie sich in Bewegung (sofern sie ihre TrĂ€gheit ĂŒberwinden kann). Dasselbe gilt fĂŒr Wasser. Diese Tatsache macht man sich im Straßen-, Platz- und Wegebau zunutze. FlĂ€chen werden dort mit einem GefĂ€lle von mindesten 1,5° versehen, damit das Wasser abfließt. Es besteht also ebenfalls ein qualitativer Unterschied zwischen 0° und > 0°. Umgekehrt macht es keinen Sinn das GefĂ€lle zu steil einzubauen, weil die FlĂ€che sich dann nicht mehr zum Abstellen von Dingen eignet. Auch hier schlĂ€gt die QuantitĂ€t irgendwann in QualitĂ€t um. Diese Tatsache ist allen Bauschaffenden bewusst, weswegen MessgerĂ€te wie Wasserwaage, Winkelmesser oder Kreuzlinienlaser unerlĂ€ssliche Werkzeuge auf jeder Baustelle sind.

Aber auch der Alltagsmensch hat aus der Erfahrung heraus eine Kenntnis von diesen Gegebenheiten. In der Praxis macht es keinen Sinn wertvolle Vasen auf stark geneigten FlÀchen (SchrÀgen) abzustellen.

Ohne genaue Kenntnis der Newtonschen Physik, der Einsteinschen RelativitĂ€tstheorie oder gar der Quantenfeldtheorie ist es den meisten Menschen möglich die herrschenden Naturgesetze in ihren Auswirkungen in tauglicher Weise zu erkennen und tĂ€glich anzuwenden. Die praktische Erfahrung verfeinert sich durch theoretisches Wissen so, dass es der Menschheit heute möglich ist komplizierteste Konstruktionen zu errichten und unter Anwendung der Naturgesetze diese scheinbar zu ĂŒberwinden (stĂ€hlerne Flugzeuge kreuzen den Himmel).

Diese Tatsachen sind auf unserem schönen Planeten Erde relativ unbestritten, weil tÀglich gelebte Praxis.

Anders auf dem weit entfernten Planeten Terra Secondo, der mit unserm natĂŒrlich nicht das Geringste zu tun hat, obwohl dort weitgehendst die gleichen Naturgesetze herrschen. Dort hat sich schon in der FrĂŒhzeit der Zivilisation der dortigen Lebewesen die Religion des sogenannte Spitzoismus gebildet. Der Spitzoismus besagt im Kern, dass alles Hohe gut ist und alles Niedere schlecht. Ihr Gott, das höchste Wesen, lebt in allem was hoch ist. In den Bergen, hinter den Wolken, in den Wipfeln der BĂ€ume. Das verachtungswĂŒrdige „Niedrigste Wesen“ haust in den Wasserlöchern, den Höhlen, den GebirgstĂ€lern. Deshalb sind die, die in den Bergen wohnen, die Edlen und die, welche die Ebenen bevölkern, die Elenden. Weil die Edlen Gott nahe sind, sind sie zum Herrschen geboren und die Niederen sind da, um ihnen zu dienen. So war es jahrtausendelang Gesetz auf Terra Secondo.

Doch das Wissen um die Wirklichkeit der Dinge entwickelt sich auch auf dem Planeten Terra Secondo und man erkannte, dass in den Bergen, hinter den Wolken und in den Wipfeln der BĂ€ume kein Gott anzutreffen war. Die Geistesbewegung der sogenannte „Erkenntnis“ brachte die alte Ordnung ins Wanken und delegitimierte das alte Herrschaftssystem. Die Unteren (ein BĂŒndnis aus NiederlĂ€ndern und Angehörigen der Mittelgebirge), durch die Erkenntnis entfesselt, ĂŒbernahmen die Macht.

Doch das jahrtausendealte Denken war so leicht nicht zu besiegen. Das Denken, dass das Obere gut und das Untere schlecht ist, legte sein religiöses Gewandt ab und kleidete sich in eine „Wissenschaftlichkeit“ die als Theorie der Niveauismus bekannt wurden. Mit allerlei „wissenschaftlichen“ Taschenspielertricks versuchte der Niveauismus zu beweisen, dass die Bergvölker von Natur aus besser waren als die NiederlĂ€nder. Damit wurde weiter die Macht der Bergvölker und die Ausbeutung der NiederlĂ€nder begrĂŒndet.

Die Mittelgebirgler jedoch entwickelten eine eigene Ideologie, den Egoismus, die im individuellen Streben nach GlĂŒck und der hemmungslosen Ausbeutung der anderen die ErfĂŒllung des Lebens sah. (SpĂ€ter wurde diese weiterentwickelt zum Neoegoismus, mit der Option ganze Völker ins UnglĂŒck zu stĂŒrzen, wenn es nur zum eigenen Vorteil gereicht.) Dazu kam ihnen der Niveauismus grade recht um die NiederlĂ€nder zu deklassieren und, je nach Höhenniveau, nochmal zu spalten, denn selbst große Teile der NiederlĂ€nder hatten das Denken des Niveauismus verinnerlicht und blickten voller Verachtung auf diejenigen, die noch niedriger lebten als sie.

Dennoch war der Damm gebrochen. In den Niederlanden traten Denker und RevolutionÀre auf, welche die Theorie des Niveauismus widerlegten, die prinzipielle Gleichberechtigung aller Individuen proklamierten und die AnhÀnger des Niveauismus in arge BedrÀngnis brachten. Der Egalitarismus gewann immer mehr AnhÀnger in den unteren Massen.

Dem war mit plumpen Niveauismus und Egoismus nicht beizukommen.

Da die „Oberen 10.000“ nach wie vor die Macht ĂŒber die Bildungseinrichtungen hatten Ă€nderten sie ihre Taktik und nutzte scheinbar liberale philosophische und soziologische Modelle um die unteren Massen zu verwirren.

Dazu kam ihnen die Denkschule des Imaginationismus gerade recht. Der Imaginationismus besagt, dass die Welt als solche nur in unseren Gedanken Wirklichkeit wird, dass sich das Sein allein aus dem Bewusstsein ableitet. Den Begrifflichkeiten, und nicht den Dingen, allein Wahrheit zukommt. Sie stellten endlich die Welt von den FĂŒĂŸen auf den Kopf. Der Egosensualismus wiederum stellt das subjektive Empfinden ĂŒber die objektive Wahrheit. Nicht den Dingen an sich kommt Wirklichkeit zu, sondern wie wir sie empfinden. Die Möglichkeit die Wahrheit zu erkennen stellt der Vagismus grundsĂ€tzlich in Frage. Manche behaupten weiter, dass es eine objektive Wahrheit nicht gĂ€be.

Diese Ideen beseelen die sogenannte Supramodisten und ihre Kritik am Modismus, welcher tatsĂ€chlich eklatante Schattenseiten hatte und durch das Wirtschaftssystem des Egoismus zu einer Geisel aller Lebewesen auf Terra Secondo geworden ist. Diese Supramodisten geben sich superkritisch und antiautoritĂ€r indem sie „starre Ideologien“ ablehnen, „hierarchische Kategorien“ abbauen, „tradierte Verhaltensmuster hinterfragen“ und „Schubladendenken“ bekĂ€mpfen wollen. Sie fordern „Ambivalenz und Uneindeutigkeit“ in den „Überlegungen und Schlussfolgerungen“, wollen „ergebnis- und deutungsoffen“ arbeiten, „HandlungsspielrĂ€ume eröffnen“, zu einer „produktiven Verunsicherung“ beitragen und „verstören“. Dadurch ergĂ€ben sich „zahlreiche Konstellationen“ und „ermöglichen vielfĂ€ltiges, variables Handeln“. Verstörend mindestens.

All diese WorthĂŒlsen verströmen so viel liberalen Geist, dass sie von den jungen Studierenden begierig aufgesogen werden und alle sich beeilen in diesem Duktus Erlerntes nachzuplappern, um sich als weltoffener, kritischer Freigeist publikumswirksam zu produzieren.

Die Ideen des Imaginationismus und Egosensualismus verleiten die Blablaisten in ihrer Hybris zu der Behauptung, allein durch VerĂ€nderung der Sprache könne eine andere Wirklichkeit geschaffen werden. Alle „Kategorisierungen“ sind lediglich „konstruiert“ und können demnach auch wieder beliebig „dekonstruiert“ werden. FĂŒr die AnhĂ€nger des Vagismus sind alle Dinge nur „graduell“ verschieden. Die Möglichkeit des Umschlags von QuantitĂ€t in QualitĂ€t scheint sich ihnen nicht zu erschließen.

Allein in der VerĂ€nderung der Sprache sehen die Blablaisten das Allheilmittel zur VerĂ€nderung der VerhĂ€ltnisse. Das ist bequem, denn so muss man sich nicht mehr im aufreibenden Massenkampf abmĂŒhen und kann die Welt einfach von der Studierstube aus verbessern. Die „Oberen 10.000“ nahmen dies dankbar zu Kenntnis und ließen den Verfechtern dieser Lehren demzufolge auch gutdotierte LehrstĂŒhle an den neu entstehenden BildungsstĂ€tten zukommen. Von diesen sind jedoch viele eingestĂŒrzt, weil die fortschrittlichen Professoren im BĂŒndnis mit verbalradikalen Studierenden, ganz im Sinne des Vagismus, erfolgreich die Verwendung von Wasserwaagen beim Bau der LehrgebĂ€ude verhindert haben. „Die Wasserwaage ist ein Symbol von Zuschreibungen und konstruierten Eindeutigkeiten, die“, so ein KommuniquĂ©, „nicht zugelassen werden darf und aufs SchĂ€rfste bekĂ€mpft werden muss.“ Überhaupt seien die Worte „Waagrechte“ und „Senkrechte“ fortan geĂ€chtet, weil es eine „absolute“ Senkrechte oder Waagrechte nicht gĂ€be, sich viel mehr alles in der „relativen SchrĂ€ge“ befĂ€nde. Die Worte „oben“ und „unten“ als auch „hoch“ und „tief“ seien niveauistisch, letztlich seien alle „kategorischen Eindeutigkeiten“ sprachlich durch „mittele“ zu ersetzen, so die Flugschrift weiter. Was „oben“ und „unten“ sei könne jeder auf Terra Secondo Lebende individuell fĂŒr sich selber bestimmen. Der „Dualismus der Schwerkraft“, die auf Terra Secondo genauso wirksam ist wie auf der Erde, sei „nur konstruiert um die Höhenhierarchie zu naturalisieren und die UnterwerfungsverhĂ€ltnisse zu manifestieren.“ Alles sei nur eine Verschwörung „grauer, verfallender Gestalten“.

Derlei Flugschriften erreichten jedoch nie die unteren Ebenen. SĂ€tze wie: „Nur wenn in den Konstruktionsmechanismen der HöhenidentitĂ€t zugleich die Kontingenz dieser Konstruktion impliziert ist, ist der Gedanke der „Konstruiertheit“ per se nĂŒtzlich fĂŒr das politische Projekt, den Horizont möglicher Konfigurationen der HöhenidentitĂ€t zu erweitern.“, wurden selbst von den AnhĂ€ngern dieser Theorien selten gelesen, geschweige denn verstanden.

So kam es, dass auf Terra Secondo allen Widernissen zum Trotz, nach wie vor GebÀude mit der notwendigen Standfestigkeit entstanden.

Wenn die Begrifflichkeiten verschwĂ€nden, so der gutgemeinte Vorschlag der Blablaisten, verschwĂ€nden auch Niveauismus und Massenkampf, weil sie schlichtweg unaussprechlich geworden wĂ€ren. Der Erfolg der Kampagne war daran abzulesen, dass die Studierten und Bessergestellten von Terra Secondo schließlich nicht mehr wussten wo oben und unten war. Die unteren Massen jedoch drĂŒckte die Wirklichkeit der VerhĂ€ltnisse derart, dass sie sich keine Sekunde ihres beschissenen Lebens Illusionen ĂŒber ihre Lage machten. Auch die „Oberen 10.000“ vergaßen keinen Moment welche VerhĂ€ltnisse ihnen, ihre „ungeheure Leichtigkeit des Seins“ bescherte.

Ein gebĂ€udeherstellendes Wesen resĂŒmiert:

„Da hat man jahrelang Abgaben gezahlt, damit andere studieren können und dann muss man feststellen, dass die oben und unten nicht unterscheiden können.“

Dass auch vom Massenkampf nicht mehr zu sprechen war, begeisterte die „Oberen 10.000“ so, dass sie die Subventionen fĂŒr die Bildungseinrichtung, die derartige Gelehrigkeit an den Tag legten, noch einmal erhöhten.

Die Beschenkten hatten nun genug Muse sich ihrerseits mannigfaltige Euphemismen auszudenken „um die bestehenden schlechten VerhĂ€ltnisse zu verbessern“. Hatte jemand Schaden an Körper oder Geist, so war er einfach „anders talent“. Sozial Unterprivilegierte waren „Opfer von Massismus“. Den Übeln beizukommen wĂ€re mit „Konkurrenzgleichheit“ und „Dabeisein“ – in VerhĂ€ltnissen, die gleiche Chancen und allgemeines Teilhaben von vornherein ausschlossen (wegen Egoismus und so). Und die wichtigste Frage sowieso wĂ€re, wo man da „dabei ist“ und ob dies ĂŒberhaupt erstrebenswert ist. Aber Hauptsache „schönreden“.

Und wo von unten und oben nicht zu sprechen ist, da ist auch kein Massenkampf. Ganz im Sinne der „Oberen 10.000“ auf Terra Secondo (die man als solche sowieso nicht mehr benennen konnte, wg. „zu knapper Kritik“ und weil sowieso alle „mittele“ sind).

Und wenn es die AnhÀnger des Egalitarismus nicht schaffen die Nebelschwaden zu vertreiben, dann leben die Bewohner auf Terra Secondo hirntot weiter bis ans Ende ihrer Tage.

Zum GlĂŒck herrschen auf dem Planet Erde ganz andere VerhĂ€ltnisse. Dank der Gravitation wissen wir natĂŒrlich alle wo oben und unten ist.

Johanna:

Und es sind zwei Sprachen oben und unten

Und zwei Maße zu messen

Und was Menschengesicht trÀgt

Kennt sich nicht mehr. (
)

Die aber unten sind, werden unten gehalten

Damit die oben sind, oben bleiben.

Bertolt Brecht, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

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Quelle: Autonomie-magazin.org