Oktober 15, 2020
Von Graswurzel Revolution
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In “Contemporary Past” hat Regisseur Majchrzak junge Leute dabei begleitet, wie sie sich mit dem Massenmord der Deutschen an Juden und Sinti und Roma auseinandersetzen. Und mit den Diskriminierungen von heute. Dabei ist ein interessanter Dokumentarfilm entstanden.

Der Umgang des NS-Nachfolgestaates BRD mit den Opfern der Deutschen bis 1945 ist ein einziger Skandal. Erst 2002 wurde etwa das „Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus BeschĂ€ftigungen in einem Ghetto“ verabschiedet, seither können ehemalige Zwangsarbeiter in den NS-Ghettos fĂŒr ihre Zeiten als Zwangsarbeiter Renten beantragen, allerdings enthĂ€lt selbst dieses Gesetz noch hohe HĂŒrden. Kamil Majchrzak engagiert sich seit vielen Jahren, unter anderem in der Initiative „Ghetto-Renten Gerechtigkeit Jetzt!“ fĂŒr die EntschĂ€digung insbesondere von Sinti und Roma, die Opfer der nationalsozialistischen Deutschen geworden waren.

Jetzt hat Majchrzak einen Dokumentarfilm produziert, in dem er sich mit dem heutigen Umgang mit der Vernichtung von Menschen wĂ€hrend des Dritten Reiches beschĂ€ftigt. „Contemporary Past“ nĂ€hert sich dem Thema multiperspektivisch. Im Vordergrund stehen die Erfahrungen einer Gruppe von Teenagern aus Polen, RumĂ€nien und Deutschland, die in der GedenkstĂ€tte Buchenwald an einem Workshop teilnehmen. Dabei dĂŒrfen die Jugendlichen etwa archĂ€ologische Funde sĂ€ubern und stoßen auf Inschriften von Gefangenen, deren Geschichten sie spĂ€ter im Archiv der GedenkstĂ€tte recherchieren. Sie sind von der Tatsache, dass hinter den Namen echte Menschen mit Geschichten stecken, deren Hinterlassenschaften sie jetzt in der Hand halten, sichtlich beeindruckt. Majchrzak interessiert sich auch fĂŒr die Reflektionen der jungen Leute, die zwar zum grĂ¶ĂŸten Teil eher distanziert als aufgeregt auf die ihnen sich darbietenden GrĂ€uel der Vergangenheit reagieren, deren formulierte EinschĂ€tzungen und Hoffnungen zugleich aber durchaus vernĂŒnftig und empathisch sind.

Die sich selbst als „Zigeunerin“ bezeichnende Rita Prigmore, Überlebende einer Zwillingsforschungsstation der Deutschen, erzĂ€hlt von ihrem Kampf gegen die deutschen NS-Nachfolge-Behörden um eine EntschĂ€digung und stellt schließlich fest, Sinti und Roma wĂŒrden wohl „nie den Stand der richtigen Menschen” haben. Dass daran viel Wahres ist, zeigt „Contemporary Past“ nicht nur anhand der KĂ€mpfe der Opfer gegen die BRD-Behörden, sondern auch an einem Beispiel aus dem heutigen Polen, wo Sinti und Roma zum Teil harten Repressionen durch den Staat ausgesetzt sind und noch heute in bitterer Armut leben. Auch hier werden die EindrĂŒcke durch Betroffene vermittelt, die in kurzen Statements von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung berichten.

Regisseur Majchrzak kollagiert die verschiedenen Perspektiven zu einem RĂ€sonnement ĂŒber die fortwĂ€hrend fehlende Anerkennung von Sinti und Roma, ĂŒber den Umgang der heutigen Jugend mit Erinnerung und was die heute alten Opfer der deutschen Vernichtungsindustrie der jungen Generation zu sagen haben.

Der Film ist durchaus klug und sehenswert, in den besten Szenen beeindruckend und eindringlich, bleibt aber insgesamt etwas zu oberflĂ€chlich. Den KontinuitĂ€ten zwischen den Barbaren von einst, den vielen Nazis, die weiterhin eine wichtige Rolle spielten und die deutsche BĂŒrokratie teilweise nachhaltig prĂ€gten, geht er nicht nach. Majchrzak konstatiert, ohne wirklich nachzufragen.

Trotzdem ist der Film ein sehr guter Einstieg zum Beispiel fĂŒr Jugendliche, die sich mit dem Thema beschĂ€ftigen wollen.

Contemporary Past – Die Gegenwart der Vergangenheit – Dokumentarfilm – Deutschland, Polen, RumĂ€nien – Regie: Kamil Majchrzak – 61 Min. – Verleih: Les Funambules Filmproduktion

Dies ist ein Beitrag der Online-Redaktion. Schnupperabos der monatlichen Printausgabe zum Kennenlernen gibt es hier



Quelle: Graswurzel.net