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Am 14.05.2021 luden einige Schwurbler*innen zuerst unter dem Motto “Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus” und spĂ€ter “Wider den Faschismus” zu einer Kundgebung auf dem Karlsruher Marktplatz ein. Es folgten etwa 30 selbsternannte Querdenker*innen dem Aufruf.
30 Antifaschist*innen versammelten sich, nicht um sich der „Querdenken“-Bewegung anzuschließen oder diese zu unterstĂŒtzen, sondern um dem Motto der Veranstaltung einen geeigneten Inhalt zu geben.

Ein zweiseitiger Flyer mit der Überschrift “Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus” wurde an die Kundgebungsteilnehmer*innen verteilt. Die selbsternannten Verteidiger*innen von Meinungsfreiheit und Verfassung sahen sich so provoziert und zeigten sich soweit verĂ€ngstigt vom geschriebenen Wort, dass sie sich gezwungen sahen, den angebotenen Schriftsatz entweder abzulehnen oder vor Wut schnaubend zu zerknĂŒllen.
Zur Überraschung aller Beteiligten applaudierten viele wiederrum, als ein Aktivist des anarchistischen Netzwerkes (ANIKA) das Open-Mic nutzte, um die Teilnehmer*innen mit dem Inhalt des Flyers zu konfontieren und stellten kommentierend fest, dass sie vieles Ă€hnlich sĂ€hen.

Wohl kaum!

Zuvor wurde sowohl der deutsche Faschismus als auch die damit zusammenhĂ€ngende Shoah von den Veranstalter*innen durch den billigen und völlig misslungenen Versuch, die staatlichen Maßnahmen zur BekĂ€mpfung der Covid-19 Pandemie mit Faschismus gleichzusetzen, relativiert. Eine echte BlĂŒte entfaltete der Veranstalter, als er nach einigen wirr zusammengesetzen WikipediaauszĂŒgen resĂŒmierte, die Definition von Faschismus sei individuell, da habe jede*r seine/ihre eigene! Diese öffentlich zur Schau getragene Verachtung von Wissenschaft und der Geschichtsrevisionismus, der dieser Darstellung innewohnt, war wohl der wahre Grund fĂŒr die Titelwahl.

Weiter gelang es, der Querdenkenbewegung, auf beachtenswerte Art und Weise sich selbst zu zerlegen, als im Anschluss das gewaltbereite AfD-Mitglied Ralph BĂŒhler ans Mikrofon gelassen wurde. BĂŒhler war in den letzten Jahren in mehrere gewalttĂ€tige Übergriffe gegen Aktivist*innen im Kampf um Klimagerechtigkeit und einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen verwickelt.
SchlagkrĂ€ftige Argumente liegen ihm genauso fern, wie das Abfeiern von NPD oder Bernd Höcke (AfD) gut zu Gesicht steht. Dem Anschwellen seiner Halsschlagader zufolge, war BĂŒhler nahe dem Überkochen und fĂŒhlte sich wieder in die Opferrolle gedrĂ€ngt, da auf der Kundgebung Parolen gerufen wurden, die seinem engen Weltbild nicht entsprechen.

Von Meinungsfreiheit keine Spur!

Wir als anarchistisches Netzwerk ließen natĂŒrlich die Chance nicht aus, BĂŒhler im Sinne einer transparenten Politik der Verantwortung aufzufordern, den Teilnehmer*innen von seinen Anzeigen wegen Körperverletzung zu erzĂ€hlen. Wie zu erwarten, ließ er die Chance saußen und schwurbelte wild vor sich hin.

Völlig zusammenhangslos driftete er vom Inzidenzwert zum angeblich vorbereiteten Bargeldverbot. SpÀter, im wilden Mix mit hocherregten weiteren Redner*innen, entstand ein wilder Ritt durch alte und neue Verschwörungsmythen. Von Bill Gates bis zur Erkenntnis, dass die Zahlen wÀhrend der Pandemie addiert seien, wurde nichts ausgelassen.

Ein engagierter Mensch im Vorbeilaufen, ließ sich die Chance nicht entgehen, im Sinne einer demokratischen Debattenkultur das Mikrofon zu nehmen und den Veranstaltenden vorzuwerfen, wie sie denn Behauptungen aufstellen könnten, fĂŒr welche sie keinerlei Belege angeben. Wiederum entstand ein wildes argumentatives Durcheinander. Die Querschwurbler*innen versuchten, den jungen Menschen wegen angeblicher Unwissenheit aufgrund seines Alters, auszuboten. BĂŒhler wollte ihm das Mikrofon gar nicht mehr zugĂ€nglich machen. Eine Teilnehmerin musste eingreifen und sich dafĂŒr einsetzen, dass der freiwillige Sprecher sprechen und fragen darf. Den Veranstaltern war dies offensichltich unrecht.

Eine weitere spannende Wendung, hin zur offenen Menschenverachtung, brachte eine hocherregte Rednerin namens Evy, als sie ankĂŒndigte: “Wenn jemand im Kindergarten mein Kind oder meine Enkel anfasst, dann bring ich die alle um.” Mordphantasien, als Meinung bei Querdenken anerkannt. Im weiteren Verlauf ihrer emotionalen Erregung, die sie selbst zu TrĂ€nen rĂŒhrte, stellte sie sich selbst u.a. mit ihren AusfĂŒhrungen ĂŒber sogenannte Morgellons, also WĂŒrmer, die ĂŒber die Masken und StĂ€bchen in den Menschen gefĂŒhrt werden, um dem Hirn zu schaden, bloß.

Eine Offenkundige zur Schaustellung des Querfrontansatzes der neuen Rechten, wurde von einem Stuttgarter Querschwurbler beigetragen: Er rede mit Nazis, besuche AfD Veranstaltungen und fĂŒhle sich dort angenommen. Er trug einen Button mit tĂŒrkischer Nationalflagge als sofortiges Erkennungmerkmal seines Hangs zum Nationalismus. Er zeigte ein tiefes und fast schon kindlich naives UnverstĂ€ndnis fĂŒr die Haltung anwesender Antifaschist*innen, welche entsprechend der Losung: “Wer das Böse ohne Widerspruch hinnimmt, arbeitet in Wirklichkeit mit ihm zusammen,” (Martin L.K.) nicht mit ihm sprechen wollten. Dies nahm er wiederrum zum Anlass, sich als Opfer der herimaginierten einheitlichen “Antifa” zu stilisieren.

Auch BĂŒhler und Co verwiesen noch darauf, dass alle, die nicht in ihr Weltbild passen “Ihr fett weg bekommen”, wenn sie “an der Macht” seien. Als Quellenhinweis diente zwischenzeitlich ein Verlag der extremen Rechten.

Inhaltlich ergab sich vor allem ein Bild, das strukturellen Antisemitismus und steile Versuche des Reframing erkennen lÀsst:

StĂ€ndig ist jemand anders Schuld, irgendeine höhere Macht oder kleine Gruppe (bis hin zu einzelnen Personen), tragen die direkte Verantwortung fĂŒr die Situation der Querschwurbler*innen, welche sich kurz vor dem Faschismus, den es so nach eigener Auskunft gar nicht gibt, wĂ€hnen. Offenkundiger wurde die antisemitische Grundhaltung, als eine nicht nĂ€her benannte Macht, angeblich die Pandemie abschtlich entwickelt und losgetreten habe.

Bewusst spielen die Veranstalter*innen mit Begriffen wie Faschismus. Durch einen wilden und zusammenhanglosen Ritt durch Scheinargumente und Halbwahrheiten wird versucht zu relativieren und sich selbst als Opfer zu stilisieren.

Im Sinne des Querfrontansatzes der neuen Rechten, versuchen die Veranstalter*innen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu destabilisieren und alte rechte Theorien, wie die des Verschwörungslglaubens und die des Antisemitismus, anschlussfÀhig zu machen.

Als kreative und selbstorganisierte Antifaschist*innen nahmen wir die Einladung zur öffentlichen Ablehnung des Faschismus gerne an. Wie zu erwarten, trafen wir bei der Veranstaltung allerdings auf einen wilden Querschwurbler*innen-Mix und Inhalte, die vor allem die Relativierung des Faschismus durch eine Gleichsetzung mit der PandemiebekÀmpfung im Sinne hatten.

Wir halten es fĂŒr wichtig und im Sinne eines Antifaschismus auf allen Ebenen und mit allen Mitteln, öffentlich dagegenzusprechen und den vorgetragenen geistigen DĂŒnnschiss von Nationalisten und Antisemiten auf keinen Fall unkommentiert stehen zu lassen.

Wir stehen ein fĂŒr eine Welt frei von Faschismus und erklĂ€ren dem Krieg den Krieg. Selbstorganisiert und entgegen jeder autoriĂ€ren Formierung!

Querdenker ist eine Selbstbezeichnung der Aktiven auf der Kundgebung. Sowohl der Anmelder Philippe, als auch die Redner*innen Ralf BĂŒhler und Evy sind aktive Mitglieder der Chatgruppen von Coronarebellen Karlsruhe und Querdenken721. Ralf BĂŒhler ist AfD-Mitglied, begeisterter AnhĂ€nger von Björn Höcke und der NPD. Er beteiligte sich aktiv u.a. an den AktivitĂ€ten des rechtsextremen “FrauenbĂŒndnis Kandel” und der “Patriotic Opposition Europe”. 2019 war er an Übergriffen auf Aktivist*innen von Fridays for Future und einer Demonstration gegen Gewalt an Frauen beteiligt. Evy fĂ€llt, wie auf der Kundgebung, durch ihre emotionale Rede auf. Nach eigenem Bekunden beteiligt auch sie sich an AufmĂ€rschen des KandelbĂŒndnisses. Die hier besuchte Kundgebung wurde auf den Seiten von Querdenken 721 und den zugehörigen KanĂ€len beworben. Zudem wurde die Veranstaltung von Seiten eines Vereins mit dem Namen „Netzwerk Demokratie“ beworben, der aus dem Umfeld der Partei „Deutsche Mitte“, welche in der Vergangenheit durch Wahlplakate in AnknĂŒpfung an den historischen Nationalsozialismus aufgefallen ist.

2021_05_14_Querdenken_KA_Flyer_Nie_Wieder



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Quelle: Anika.noblogs.org