September 24, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Via Gabriel Kuhn / Counterpunch

Am 23. Juni errichtete eine Koalition aus SĂĄmi und Umweltaktivist_innen ein Protestcamp in Nussir, dem geplanten Standort einer gigantischen Kupfermine in SĂĄpmi, der traditionellen Heimat der SĂĄmi, den Indigenen Nordeuropas. Heute wird SĂĄpmi durch die Grenzen von vier Nationalstaaten geteilt: Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Keines dieser LĂ€nder fĂŒhrt VolkszĂ€hlungen durch, und verlĂ€ssliche Zahlen sind nur schwer zu bekommen. Der Gebrauch der samischen Sprache, die WĂ€hler_innenlisten der samischen Parlamente (es gibt in jedem Land eines) und die Selbstidentifikation sind wichtige Kriterien. Grob kann man von etwa 70.000 SĂĄmi in Norwegen, 20.000 in Schweden, 10.000 in Finnland und etwa 2000 in Russland sprechen. Aus historischen GrĂŒnden ist die russische Gemeinschaft am meisten isoliert.

Nussir liegt auf der „norwegischen Seite“ von SĂĄpmi in der NĂ€he der Stadt Hammerfest. Der Bergbau ist in SĂĄpmi schon seit Jahren ein kontroverses Thema. In Schweden entstand 2013 eine starke Protestbewegung, die sich gegen die PlĂ€ne zur Eröffnung einer Eisenerzmine in GĂĄllok wandte. Das Projekt ist zwar noch nicht vom Tisch, aber die Proteste haben die schwedische Regierung dazu veranlasst, das Projekt zu stoppen und eine neue Untersuchung zu versprechen. Dies war ein Teilsieg. Das Gleiche kann ĂŒber die Proteste in Nussir gesagt werden. Aufgrund des Protestcamps und der Aktivist_innen, die sich an die Maschinen gekettet haben, ist die Arbeit auf der Baustelle bisher unmöglich gewesen. Noch wichtiger ist, dass das Unternehmen, das die Produktion der Mine kaufen sollte, Aurubis, der zweitgrĂ¶ĂŸte Kupferproduzent der Welt, die „AbsichtserklĂ€rung“ mit Nussir ASA im August 2020 aufgrund von Bedenken hinsichtlich der „sozialen Unternehmensverantwortung“ gekĂŒndigt hat. Ob Nussir ASA nach diesem prominenten RĂŒckzug neue Investoren finden kann, bleibt abzuwarten.

Der Bergbau ist nicht das einzige Problem, das die Kontrolle der SĂĄmi ĂŒber ihr traditionelles Land und ihre Lebensgrundlage, vor allem die Rentierzucht und den Fischfang, bedroht. Windparks werden in einem Gebiet errichtet, das viele immer noch als „unbewohntes Gebiet“ bezeichnen, und die Turbinen machen die Rentierzucht in einem Umkreis von vielen Kilometern unmöglich. Wasserkraftwerke sind bereits ĂŒber ganz SĂĄpmi verstreut. Das vermeintlich „unbewohnte Gebiet“ wird auch fĂŒr militĂ€rische Übungen, Autotests und zunehmend fĂŒr Geoengineering-Versuche genutzt. In Finnland wĂŒrde eine geplante „Arktisbahn“ durch traditionelle Rentierweiden fĂŒhren. Entlang des Flusses Deatnu, der auf einer LĂ€nge von mehr als 250 Kilometern die Grenze zwischen Norwegen und Finnland markiert, begĂŒnstigt das Fischereigesetz die Interessen der nicht-sĂĄmischen HĂŒttenbesitzenden gegenĂŒber denen der traditionellen samischen Lachsfischenden. In Schweden bedroht der Kahlschlag des staatlichen Holzunternehmens Sveaskog die Existenz der WaldsĂĄmi und ihrer Rentierherden. Die Regierungen Schwedens und Finnlands weigern sich nach wie vor, das Übereinkommen ĂŒber Indigene und in StĂ€mmen lebende Völker der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO 169) zu unterzeichnen, wĂ€hrend die norwegische Regierung die Versprechen des Finnmark-Gesetzes von 2005 nicht einlöst, mit dem das Landeigentum in der Provinz Finnmark formell an die Mehrheit der samischen Bevölkerung ĂŒbertragen wurde.

Es ist interessant, dass viele der genannten Entwicklungsprojekte mit „grĂŒner Energie“ und „Nachhaltigkeit“ begrĂŒndet werden. Das geplante Bergwerk in Nussir wird als „das erste vollstĂ€ndig elektrifizierte Bergwerk der Welt mit null CO2-Emissionen“ gepriesen. Wasserkraft und Windkraft werden als nachhaltige Alternativen zu fossilen Brennstoffen gepriesen. Eisenbahnen als umweltfreundliche Transportmittel. Sogar Geoengineering soll, so die BefĂŒrwortenden, dazu beitragen, die Zukunft unseres Planeten zu sichern. Die Ironie, dass in SĂĄpmi eine Kultur, die sich seit Jahrtausenden als nachhaltig erwiesen hat, dadurch bedroht wird, scheint an diesen Verfechter_innen des unternehmerischen Umweltschutzes vorbeizugehen.

In SĂĄpmi sprechen die Menschen zunehmend von einem „grĂŒnen Kolonialismus“. In einer Rede gegen Bergbauprojekte erklĂ€rte Marie Persson Njajta im April 2019: „Wir mĂŒssen aufhören, mit umweltverschmutzenden Industrien zu liebĂ€ugeln und ihre Folgen und Kosten betrachten. Wir wollen keinen grĂŒnen Kolonialismus. Das Land der SĂĄmi darf nicht noch einmal ausgebeutet werden, weder fĂŒr Windkraft noch fĂŒr Metalle zur Herstellung von Elektroautos.“


Gabriel Kuhn ist der Autor von Liberating Sápmi: Indigenous Resistance in Europe’s Far North.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de