Juni 1, 2021
Von Contraste
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Neulich schickte mir jemand zur UnterstĂŒtzung seiner vom Mainstream abweichenden Meinung die öffentliche Äußerung eines Richters. EINES Richters. Ich recherchierte im Internet: In Deutschland gibt es zurzeit ca. 20.000 aktive Richter. Wenn jemand also zwei davon findet, die die eigene Meinung unterstĂŒtzen, dann kommen auf jeden von ihnen noch 10.000 andere, die wahrscheinlich anderer Meinung sind oder sich nicht Ă€ußern.

Unsere Kolumne: Blick vom MaulwurfshĂŒgel – Illustration: Eva Sempere

Normalisten wundert das nicht: Nachdem der Mathematiker Gauß Anfang des 19. Jahrhunderts mit seiner Glockenkurve die Normalverteilung populĂ€r machte, sind Abweichungen links und rechts normal. Sie werden statistisch als Ausreißer neutralisiert. Wer sich auf einzelne MeinungsĂ€ußerungen beziehen möchte, tut gut daran, sich auf die unglaubliche Wucht der NormalitĂ€t und Durchschnittlichkeit des Restes der Welt zu besinnen.

Schon 1996 veröffentlichte JĂŒrgen Link einen großen »Versuch ĂŒber den Normalismus«. Normalismus ist nicht mit NormativitĂ€t zu verwechseln. Normen gibt und gab es in allen Gesellschaftsformationen – wahrscheinlich viel strenger als heute; aber NormalitĂ€t als statistische HĂ€ufigkeit und ReferenzgrĂ¶ĂŸe fĂŒr politische Entscheidungen und gesellschaftliche Konzepte erst in der Neuzeit.

In der Ausnahme-Situation von Corona hat Sehnsucht nach NormalitĂ€t gerade Hochkonjunktur. FĂŒr viele geht es darum, so schnell wie möglich zum alten Zustand zurĂŒckzukehren – also so zu leben, wie es vor der Pandemie der Fall war. Andere gehen davon aus, dass die alte NormalitĂ€t niemals zurĂŒckkehren wird, sondern dass die restriktiven Maßnahmen so viel ErschĂŒtterung ausgelöst haben, dass eine neue NormalitĂ€t erforderlich wird. Eine Normaltemperatur lĂ€sst sich thermostatisch regeln. Normalverdiener*innen sind solche, die das bekommen, was alle anderen mit derselben Qualifikation auch verdienen. NormalitĂ€t ist also keine qualitative Aussage. Und der Slogan »ZurĂŒck zur NormalitĂ€t!« ist eigentlich der Tiefpunkt der Fantasielosigkeit und politischen Kapitulation.

Viele »Querdenker« befĂŒrchten eine »neue Weltordnung« im negativen Sinn – ich finde, dass wir diese mit dem Kapitalismus schon haben und wĂŒnsche mir eine bessere. Aber leider ist eine grundlegende Systemkritik fĂŒr das normale Empfinden anscheinend unĂŒberwindlich negativ konnotiert.

Gerhard Schröder soll als Kanzler gesagt haben: »Wer Utopien hat, soll zum Psychiater gehen!« Das heißt: Der Utopist fĂ€llt aus der psychischen NormalitĂ€t – er leidet unter einer Störung.

Auf technischem Gebiet werden KontinuitĂ€tsbrĂŒche jederzeit erwartet im Vertrauen auf die KreativitĂ€t und AktivitĂ€t der Menschen. Aber was können wir fĂŒr eine neue gesellschaftliche NormalitĂ€t tun, ohne uns von der suggestiven Übermacht der NormalitĂ€tsglocke und von statistischen Durchschnittszahlen lĂ€hmen zu lassen?

Bleibt wohl nur die mĂŒhsame intellektuelle Auseinandersetzung, der Versuch, die NormalitĂ€tskurve durch inhaltliche Argumentation zu verschieben. Dieses Projekt kann sich nur auf eine qualifizierte Gesellschaftsanalyse und Kapitalismus-Kritik stĂŒtzen und muss Zukunftsmodelle anbieten, die Lust darauf machen.

Uli Frank




Quelle: Contraste.org