November 22, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Hier ein weiterer Text der sich in der Kritik mit der Postmoderne ausĂŒbt. Die Übersetzung ist von uns. Dieser Text wurde anfangs der 2000er Jahre veröffentlicht. Daher sollte berĂŒcksichtigt werden dass er sich vor allem rund um Negris und Hardts BĂŒcher auseinanersetzt.


Notizen ĂŒber den Wunsch und die Notwendigkeit, die Postmoderne in Brand zu stecken
 (oder wie auch immer diese beschissene Welt, in der ich lebe, heißen mag).

Herausgeber: Taller de investigaciones subversivas U.H.P. (UHP − ÂĄUnĂ­os Hermanxs Psiquiatrizadxs en la guerra contra la mercancĂ­a! – Vereinigt euch psychiatrierte BrĂŒder und Schwestern im Krieg gegen die Ware!)

„Sie wollten uns verdummen, aber
 sie haben versagt! Wir haben etwas anderes gespĂŒrt. Es wird Stress geben!“ Die aufgeweckten der Berufschule fĂŒr Elektronik. Frankreich 1986

Es ist zweifelsohne sĂŒĂŸlich1 von Postmoderne zu sprechen, und wir wissen, dass viele Menschen von diesem unwichtigen Wort nicht genug bekommen können: UniversitĂ€tsprofessoren, Studenten, professionelle Intellektuelle, kleine revolutionĂ€re Gurus
 es scheint, dass sich der Terminus gut anfĂŒhlt, dass er ein gewisses Maß an Respekt ausstrahlt. Unsererseits, ohne zu glauben, dass die Texte ĂŒber die Postmoderne von besonderer Bedeutung/Tragweite sind (in der Tat schĂ€rfen sie grĂ¶ĂŸtenteils Kritiken, die weit in die Vergangenheit zurĂŒckreichen, und passen sie an neue Kontexte an), denken wir, dass sie Konzepte und Beschreibungen verwenden, die heute bei der Ausarbeitung einer revolutionĂ€ren Theorie und Praxis verwendet werden können und sollten. Deshalb haben wir uns entschlossen, ihnen einen Gebrauchswert zu geben, weil wir glauben, dass sie fĂŒr die Analyse der Transformationen von Kapital und Staat nĂŒtzlich sind. Aber Vorsicht, wir wollen nicht, dass diese Analyse dazu beitrĂ€gt, dass wir mit klareren Vorstellungen ins Bett gehen und unser Ego noch ein bisschen fotorealistischer wird (wie viel wir gelesen haben, wie klug wir sind
), wie es die ĂŒbliche Praxis all dieser selbsternannten „Köpfe“2 des Protests ist, die sich hier tummeln. Unsere theoretische Analyse impliziert ohne Konzessionen eine Praxis: Wir streben eine intime Kenntnis der RealitĂ€t an, in der wir leben (sterben), um sie anzugreifen und zu beseitigen, um so zum Aufbau einer Welt ĂŒberzugehen, in der wir ĂŒber unsere eigenen Existenzbedingungen entscheiden können.

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Nehmen wir also zunĂ€chst einmal an, dass die Achse, um die sich die postmoderne Gesellschaft dreht, nicht mehr wie in der Moderne die Produktion ist, sondern die Kommunikation (im eingeschrĂ€nkten Sinne der InformationsĂŒbertragung) und die Geschwindigkeit, mit der diese stattfinden kann. Der Übergang3 von einem Gesellschaftstyp zu einem anderen findet statt, wenn es nicht mehr möglich ist, von Geschichte als etwas Einheitlichem zu sprechen, wenn die Ereignisse nicht mehr um ein bestimmtes Zentrum herum angeordnet sind. Das Narrativ, das den Raum mit dem Westen (oder sogar einer bestimmten Vorstellung vom Westen, wenn man so will) als einzigem Bezugspunkt organisiert hat, und die Zeit, die auf einer linearen Vorstellung von einheitlicher Geschichte beruht, wird zerrissen
 die TotalitĂ€t weicht der Fragmentierung, der Auflösung der Zentren.

Diese Aufmerksamkeit fĂŒr das PhĂ€nomen der Zerstreuung, fĂŒr den Abschied von der Hegelschen Geschichte im Hinblick auf ein erkennbares Endziel und die damit einhergehende Auflösung der modernen LegitimitĂ€ten sind die Obsessionen der Denker, die von Postmoderne sprechen.

Eine der grundlegenden Transformationen, die sich in diesem Übergang vollziehen, ist die des Wissens: WĂ€hrend in der Moderne das Wissen mit der Bildung des Subjekts verbunden ist, ist es in der Postmoderne nur noch ein weiteres Angebot innerhalb der vom Markt angebotenen konsumfertigen Produkte. Da die postmoderne Gesellschaft, wie gesagt, die Gesellschaft der Kommunikation ist, wird auch das Wissen nach den Parametern dieses Prozesses definiert, in dem der Tauschwert vorherrscht. Außerhalb des vorherigen historischen Stadiums, und mit der absoluten Vorherrschaft der Pragmatik (was bedeutet, dass die LegitimitĂ€t einer Aktion ausschließlich durch die von ihr hervorgerufenen Wirkungen gegeben ist, d.h. durch das, was in der gekĂŒnstelten Sprache 4 der Meister als PerformativitĂ€t bezeichnet wurde), wird das Wissen als die wichtigste Kraft der Macht konstituiert, als ein Instrument der Kontrolle der Umwelt und der Beziehungen zwischen Individuen oder Gruppen innerhalb des Systems. Dies ist die grundlegende Idee, bei der wir beibehalten werden


Da eine desinteressierte und horizontale Kommunikation (diejenige, fĂŒr die es zu kĂ€mpfen gilt und die eine notwendige Bedingung fĂŒr die Beendigung der Entfremdung ist) in einer performativen Gesellschaft nicht existieren kann, funktionieren die Beziehungen zwischen den Menschen schließlich so, dass hinter jeder ausgestrahlten Botschaft ein bestimmter Spielzug steht, wobei das bestimmende VerhĂ€ltnis zwischen den verschiedenen Spielern der Wettbewerb ist. Die SpielzĂŒge sind Strategien, um zu gewinnen, die Spieler sind lediglich Konkurrenten, und die kommunikativen Akte – kurz gesagt – sind lediglich nur pragmatische Akte. Worauf es wirklich ankommt, ist die Wirksamkeit einer jeden Aktion
 wenn man etwas ist, dann wegen des Gewinns, den es bringt, und nicht wegen des VergnĂŒgens, es zu sein. In diesem Kontext interessiert uns vor allem die Tatsache, dass sich die Technologie als das Modell der maximalen Effizienz, als funktionales Paradigma der vom System vertretenen Werte erweist; das vorherrschende Wissen ist ein angewandtes und fachliches Wissen, das Waren (im weitesten Sinne des Terminus und nicht nur unter BerĂŒcksichtigung von Artefakten) entsprechend ihrer BetriebsfĂ€higkeit konstruiert. Dieses Wissen ist völlig losgelöst vom alltĂ€glichen Leben, es ist uns fremd (A.d.Ü., im Sinne der Entfremdung), und es annulliert jene FĂ€higkeit, die die Arbeiter der Vergangenheit besaßen, um von ihrem eigenen Handwerk aus die Möglichkeit der Selbstverwaltung des gesamten Lebens zu erahnen; kurz gesagt, das Wissen, mit dem wir konfrontiert sind, ermöglicht die Spaltung der Gesellschaft in jene die entscheiden und jene die ausfĂŒhren, eine feine Nuance des ewigen VerhĂ€ltnisses zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten: derjenige, der etwas tut, ist demjenigen unterstellt, der im Besitz des Wissens ist. Das Eisen und das Blut lösten Empörung und AufstĂ€nde aus; die InformationsbetĂ€ubung, das ĂŒbermĂ€ĂŸig ausgestattete Elend oder die graue Routine des BĂŒroangestellten lassen einen profitablen, von Zombies bewohnten Planeten entstehen.

Das hier beschriebene VerhĂ€ltnis zwischen den Klassen (denn die Welt hat sich nicht in dem Sinne verĂ€ndert, dass man glauben könnte, sie seien verschwunden, obwohl es offensichtlich ist, dass sie nicht mehr die gleichen Formen wie gestern verwenden) bricht die Kontingenz der Aktion, gibt vor, dass die Notwendigkeit sie beherrscht, und stellt sie schließlich der Fabrikation gleich. Die Technik setzt sich durch: Die Aktion besteht darin, etwas auf die effizienteste und rentabelste Weise herzustellen. In dem Maße, in dem Wissen und Handeln zunehmend voneinander getrennt werden, dominiert das Wirksame, nicht mehr das „Ich denke“, sondern das „Ich kann“.

In der so genannten Postmoderne ist die Technik als System autonom geworden und folgt in ihrer Entwicklung ihren eigenen Gesetzen. Insofern die PerformativitĂ€t ihr SchlĂŒsselelement ist, handelt es sich um ein System, das von vornherein feststeht und dessen Fortschritte völlig determiniert sind
 Immer wieder widerspricht die Geschichte jenen, die den befreienden Charakter der Technologie verkĂŒnden wollten und wollen: Weit davon entfernt, eine emanzipatorische Funktion zu erfĂŒllen, war sie dafĂŒr verantwortlich, die Menschheit unter ihren Geboten der Effizienz und RentabilitĂ€t zu unterwerfen. Die Tatsache, dass die technologische Entwicklung Werkzeuge hervorbringt, die in Befreiungsprozessen eingesetzt werden können, bedeutet noch lange nicht, dass diese Entwicklung auch die Zerstörung des Systems ermöglicht, das sie hervorgebracht hat. Die verschiedenen technologischen Entwicklungen der letzten 70 Jahre haben die Mechanismen der Ausbeutung und der Herrschaft neu definiert und optimiert. Die Analyse dieser Entwicklungen wird innerhalb des sozialen Konflikts unverzichtbar, die Wege der Konfrontation werden – zum Beispiel – berĂŒcksichtigen mĂŒssen, dass die stĂ€ndigen technologischen Fortschritte nicht mehr so sehr auf die einfache Verrechnung von GĂŒtern abzielen, sondern auf die Entwicklung von Mitteln zur sozialen Kontrolle und immateriellen Produktion, die die (immer vermutete, aber bisher verheerende) unbegrenzte Expansion des Kapitals ermöglichen. Wir leben in einem stĂ€ndigen, versĂŒĂŸten Ausnahmezustand.

Auch wenn es sich hier um nichts anderes als den historischen Kampf zwischen den Habenden und den Habenichtsen handelt, mĂŒssen wir die heutige RealitĂ€t berĂŒcksichtigen, dass sich die herrschenden Klassen nicht mehr so sehr durch den Besitz von Produktionsmitteln und großen Mengen an GĂŒtern definieren, sondern durch den Besitz von Spezialwissen, das es ihnen ermöglicht, am Funktionieren der Macht teilzuhaben. Dieses technologische Wissen arbeitet an der Reduzierung der realen Verstehenskraft der Ausgebeuteten (die Ausgeschlossenen, die ja von diesem Wissen ausgeschlossen sind), an der Schaffung eines operativen Individuums, das weiß, was es innerhalb des ihm vom Kapital vorgegebenen Rahmens zu tun hat, das aber nicht darĂŒber hinaus versteht, das zu wenig ĂŒber sich selbst weiß, um sich selbst zu verstehen. 
 das heißt: es arbeitet fĂŒr die Perfektion des Spektakels, fĂŒr eine verfĂ€lschte Gesellschaft, die auf Bildern aufgebaut ist und in der die Unterwerfung des Menschen durch Befriedigungen erreicht wird, die nur banale und verzerrte Spiegelungen der wahren Befriedigung eines Lebens sind, das von keiner AutoritĂ€t beherrscht wird. Andererseits haben die Auswirkungen des ungezĂŒgelten Missbrauchs der technologischen Entwicklung durch die Herrschenden offensichtliche und katastrophale Folgen fĂŒr den menschlichen Habitat. Wir sind daher der Ansicht, dass beide Merkmale dieses Wissens, sowohl sein Beitrag zur Entfremdung als auch seine brutale AusplĂŒnderung des gesamten Planeten, nicht nur Folgen seines „Missbrauchs“ sind, sondern wesentliche Bestandteile der Definition des technologischen Systems. Deshalb glauben wir nicht an seine Wiederverwertung und schon gar nicht an sein Erlösungspotenzial.

Machen wir uns also nichts vor, die Logik des Systems kann nicht durch seine eigenen Produkte bekĂ€mpft werden. Technologische Innovationen allein werden nicht die Krise der westlichen Kultur bedeuten, sondern eher ihre Konsolidierung oder sogar die Vernichtung des Planeten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint der Cyborg nicht das Ticket aus dem postmodernen Alptraum gewesen zu sein – wie einige Denker verteidigt haben -, die Vorhersage hat ĂŒbersehen, dass die bestehende Technologie ihre eigene Sprache hat, und dass diese – unabhĂ€ngig davon, ob es revolutionĂ€re Subjekte waren, die sie nutzten – so konfiguriert wurde, dass sie der Macht, von der sie ausging, so viele Vorteile (A.d.Ü., im Sinne eines Gewinnes) wie möglich brachte. Aus diesem Grund: Weil es im Reich der Pragmatik und der Effizienz keine Unschuld gibt, ist die Behauptung, dass das technologische Potenzial der eigentliche Auslöser fĂŒr den Untergang des Ganzen und seiner HomogenitĂ€t sein wird, ein Akt enthusiastischer Ignoranz
 Diejenigen, die im antikapitalistischen Kampf all ihre Hoffnungen in die Maschinen setzen, ignorieren, dass die postmoderne Welt (weil sie nach den Parametern definiert ist, die wir zu erklĂ€ren versucht haben) niemals eine Macht entfesseln wĂŒrde, die an sich ihre eigene Zerstörung bewirken könnte.

Die wahre Subversion besteht in der Suche nach der un-vorhersehbaren Zukunft in einer Zeit, in der versucht wird, alles vorherzusehen, es besteht darin, genau das zu finden, was sich der Programmierung durch ihre Maschinen entzieht. In diesem Krieg gegen die TotalitĂ€t werden wir all jenen Materialien einen Gebrauchswert geben, die sich fĂŒr unseren Angriff auf den Himmel eignen
 aber wir werden nicht in die Fehler der Vergangenheit verfallen, und deshalb werden wir kein Mittel sakralisieren, das wir uns aneignen (weder Benzin und Feuer, noch freie Radios, noch Besetzungen, noch Informatik
), nur so werden wir kein neues Ghetto errichten, aus dem wir – dank der Blindheit, die wir immer wieder in der Illusion akzeptiert haben – nicht mehr herauskommen. Indem wir strategisch nicht von einem SchlĂŒsselelement abhĂ€ngig sind, sondern mit allen spielen können, werden wir stĂ€rker und unsere Angriffsmöglichkeiten vervielfachen sich. Andererseits werden wir gegen die Spezialisierung innerhalb von uns selbst bekĂ€mpfen, da wir unsere offensiven KapazitĂ€ten nicht in die HĂ€nde irgendeines Technikers geben werden. Die Notwendigkeit, eine Strategie zu finden, an der es uns offensichtlich seit vielen Jahren mangelt, bedeutet, dass wir unsere eigene Konzeption von Konflikten neu formulieren mĂŒssen; es bedeutet, dass wir uns anstrengen, uns mit der RealitĂ€t auseinandersetzen, ĂŒber jeden ihrer ZusammenhĂ€nge nachdenken und aufhören, uns kopfĂŒber hinter Slogans und Bewegungen zu stĂŒrzen, die nur in ein paar Schlagzeilen in den Nachrichten, die wir vor dem Schlafengehen genießen, konsumiert werden. Ohne so weit zu gehen, zu behaupten, dass wir vor dem Niedergang der Revolte stehen – wie es bereits jemand getan hat -, können wir feststellen, dass der Umfang dieser (A.d.Ü., Revolte) wenig mit den Demonstrationen und Ausschreitungen zu tun hat, die in den letzten Jahren in verschiedenen europĂ€ischen und nordamerikanischen StĂ€dten anlĂ€sslich der verschiedenen Gipfeltreffen des IWF, der Weltbank oder der EU stattgefunden haben (obwohl die massive Zerstörung von Waren, die die wilden Demonstranten anrichteten, unser schönstes LĂ€cheln hervorruft); die Leichtigkeit, mit der verschiedene Fraktionen (von der Linken, die immer eine kleine Auferstehung nach jeder kleinsten Infragestellung des Kapitals zu haben scheint, bis hin zu den Medien selbst) die meisten der jĂŒngsten Ereignisse aufgegriffen haben, lĂ€sst uns denken, dass es an der Zeit ist, zu klĂ€ren, was wir Antikapitalisten wollen. Was vorerst keineswegs einen punktuellen Konflikt bedeuten kann – der bei den Gipfeltreffen sowohl zeitlich als auch rĂ€umlich stattfindet -, sondern die Entwicklung einer alltĂ€glichen Konfrontation mit der Macht in jeder ihrer Erscheinungsformen. Erscheinungsformen, deren Entlarvung – wenn ĂŒberhaupt, dann immer komplizierter – eine unserer Hauptaufgaben ist.

Angesichts der Tatsache, dass heute nicht die Argumentation, die ĂŒberzeugt, sondern die Macht, die funktioniert, legitim ist, irren wir uns nicht, wenn wir behaupten, dass diejenigen, die den Dialog und den Konsens in unserer Zeit verteidigen, sich geirrt haben. Die Gesellschaft, zu der wir gelangt sind, ist nicht das Ergebnis der Dialog- und ArgumentationsfĂ€higkeit von Frauen und MĂ€nnern, und ebenso wenig wird ihr Ende durch diese FĂ€higkeit herbeigefĂŒhrt. Der heutige Konsens ergibt sich aus der Funktionsweise des kapitalistischen Rahmens, er wird nicht akzeptiert, weil er ĂŒberdacht und fĂŒr „gut“ befunden wurde, sondern weil die Gesetze des Systems, in dem er entstanden ist, ihn funktionieren lassen, ohne dass er in Frage gestellt werden kann. Der Vormarsch und die Konsolidierung des Orwell’schen Alptraums findet seine deutlichste BestĂ€tigung in der Art und Weise, wie die kapitalistischen Medien und ihre Propaganda eingesetzt werden, um zu bekrĂ€ftigen, dass mit dem Fall der Mauer 1984 (A.d.Ü., gemeint ist eine dystopische Darstellung einer Gesellschaft) niemals sein wird. Als ob es sich um eine Jugendliebe handeln wĂŒrde, ist es heute schon 1984, und doch ist es weniger als morgen. Die Demokratie, der absolute und unbestreitbare Wert der postindustriellen Gesellschaften, ist nichts anderes als das Ergebnis der Dynamik des Marktes und der Lösungen, die gewĂ€hlt werden, um seine BedĂŒrfnisse zu befriedigen (die erste davon ist die StabilitĂ€t, was die unausweichliche UnterdrĂŒckung der proletarischen Bedrohung impliziert). So funktioniert die merkantile Pragmatik: Das Gleichgewicht entsteht durch die Beseitigung von Unterschieden, und je homogener die Elemente sind, aus denen die Gesellschaft besteht, desto besser funktioniert sie.

Eine revolutionĂ€re Theorie und Praxis muss die Welt, mit der sie konfrontiert ist, verstehen, um ihre WidersprĂŒche in die Luft sprengen zu können und Situationen zu schaffen, die ihre Vernichtung ermöglichen. Wir leben inmitten einer krampfhaften Zirkulation an Bildern, in der es nichts zu sehen gibt, wir leben in einem System, das weniger dank des Mehrwerts der Ware als dank des Ă€sthetischen Mehrwerts des Zeichens funktioniert. Die RealitĂ€t ist ein Hin und Her von Darstellungen, die den Menschen zur reinsten Apathie zu verdammen scheinen, die ihn hypnotisieren und gleichzeitig verstĂŒmmeln, die es ihm unmöglich machen, seine eigene Autonomie zu entwickeln. Unsere Absicht kann keine andere sein, um es zu schaffen, Konflikte auszulösen, die die Möglichkeit eröffnen, außerhalb all dieser bereits etablierten Codes zu kommunizieren, innerhalb der bestehenden sozialen Organisation eine Masse von WĂŒnschen zu propagieren, die sie selbst nicht zu befriedigen vermag. Diese Idee ist nicht neu, aber sie wird schon lange nicht mehr praktiziert und scheint sogar in Vergessenheit geraten zu sein
 was nicht verwunderlich ist, wenn wir mit dem RĂŒcken zu uns selbst existieren und unser GedĂ€chtnis stagniert.

Daher scheint es uns klar zu sein, dass die Welt, die wir zerstören wollen, nicht mehr unter ihren eigenen Begriffen betrachtet werden darf. Diejenigen, die nach so vielen erlittenen SchlĂ€gen immer noch so weitermachen, können dies nur aus zwei GrĂŒnden tun: Entweder versuchen sie, in der sozialen Organisation aufzusteigen und dank ihres Status als Protestierende ein gewisses Privileg zu erlangen (und wir alle wissen sehr gut, auf welcher Seite sie stehen und was sie verdienen), oder es handelt sich um einen Ignoranten der die grundlegende PrĂ€misse der Revolution nicht kennt: Die Macht spricht (A.d.Ü., in Form eines Dialoges) nur mit ihren BesitztĂŒmern.

Unsere Möglichkeiten zum Sieg liegen darin, unsere eigene Sprache und Logik ins Spiel zu bringen, einen Diskurs zu konstruieren, der sich wirklich als Gegenmacht und absolutes Anderssein zum totalisierenden Diskurs konfiguriert. Es kann keinen Dialog oder eine Transaktion zwischen den beiden geben, denn ohne Homologie gibt es keine Möglichkeit der Übersetzbarkeit. Das Ergebnis – wen auch immer es erschrecken mag – kann nur ein Zusammenstoß zwischen den rebellierenden Subjekten, die sich in dem von ihnen eingeleiteten Prozess der Selbstaufwertung wappnen, und der totalisierenden Arroganz der RealitĂ€t des Konsenses sein. Dieser Zusammenstoß kann nichts anderes bedeuten als Bruch, Zerteilung ohne die geringste Möglichkeit der Reform und Verbesserung
 das heißt: Gewalt, Sabotage, Poesie
 SubjektivitĂ€t, Bewegung, Kampf: die Benutzung der Differenz, der Fluchtweg, der uns erlaubt, diese konsensuelle RealitĂ€t zu verlassen.

Die Aktivierung des Dissenses bedeutet, mit den Ängsten einer Gesellschaft zu brechen, in der die Selbst-entfremdung zur Regel geworden ist: in dem Bewusstsein zu leben, dass wir in einen Krieg verwickelt sind, wird immer besser sein, als das Handwerk des Existierens auszuĂŒben, als in einer Zeit zu leben, deren Ende man sich nur wĂŒnschen kann. Wir wollen mit einem brennenden Ja auf die Frage antworten, die uns nicht mehr aus dem Kopf geht: Wird es wirklich ein Leben vor dem Tod geben? Angesichts der TotalitĂ€t können wir nur dann Wege der Befreiung und des VergnĂŒgens beschreiten, wenn wir grausam sind. Voran mit der Angeberei!

Wir kennen den modischen Diskurs (made in Italy), der die Notwendigkeit der Insurrektion vorschnell als „Metaphysik der Gewalt“ bezeichnet; gerade diejenigen, die am meisten an die KomplexitĂ€t der heutigen Gesellschaft appellieren, um die Notwendigkeit einer gewalttĂ€tigen Praxis zu negieren, scheinen die EinfĂ€ltigsten zu sein. 
 egal, wie viel die AnfĂŒhrer von Sozialforen und kostĂŒmierte Witzbolde schwatzen, oder egal, wie viele kluge Artikel intellektuelle Ruhmestaten vergangener Revolutionen schreiben – in einem ĂŒbermĂ€ĂŸigen Eifer, heute einen Protagonisten zu finden -, wir werden nicht in den Verzicht auf unsere eigenen Möglichkeiten und Potenzen fallen. Wir werden keinen radikalen Pazifismus, keine Gewaltlosigkeit der Zivilgesellschaft, keinen legalistischen Widerstand fĂŒr die totale Demokratie oder Ă€hnlichen Unsinn akzeptieren. Gewalt ist nichts, geschweige denn ein Etikett: sie ist etwas, das uns schon immer begleitet hat. Meistens zu erdulden, und manchmal zu praktizieren, als Verteidigung, als Angriff; sie entgeht von selbst den vorgeblichen moralischen und humanistischen Reden derer, die sich danach sehnen, die Revolte zu kanalisieren, wo immer sie auftritt. Weder Gott, noch das Gesetz, noch die Moral können einer historischen Tatsache widersprechen, die jederzeit nachweisbar ist: das menschliche Leben ist gewalttĂ€tig. Und es ist nicht in unseren Köpfen, zu diesem Zeitpunkt das Leben zu leugnen (wer macht dann Metaphysik
?), Gewalt ist etwas, das uns innewohnt (A.d.Ü., inhĂ€rent), und deshalb denken wir nicht daran, sie abzulehnen, genauso wenig wie wir den Gebrauch unseres Intellekts oder das Wenige, das von unserer angeschlagenen KreativitĂ€t ĂŒbrig geblieben ist, ablehnen. Das wĂ€re alles, was wir brĂ€uchten
 um uns immer mehr zu amputieren, um die kapitalistische VerstĂŒmmelung autonom zu reproduzieren (ist das die Autonomie, die so viele Globalisierungsgegner anstreben?). Wir beten die Gewalt nicht an, wir masturbieren nicht vor Gewehren und Bomben, und wir glauben auch nicht, dass irgendeine bewaffnete Bande kommen wird, um uns aus dieser traurigen Gegenwart zu retten.

Wir verstehen nur die Forderung nach maximaler Effizienz beim Einsatz unserer KrĂ€fte, um dieses System zu zerstören. Es scheint uns nicht so schwer zu verstehen zu sein, und deshalb können wir die Diskussion ĂŒber die ZweckmĂ€ĂŸigkeit der einen oder anderen gewalttĂ€tigen Handlung in einem bestimmten Kontext akzeptieren, aber wir werden auf keinen Fall ĂŒber die Notwendigkeit von Gewalt an sich streiten; und noch viel weniger werden wir dies ĂŒber ethische Annahmen tun: von der PrĂ€misse auszugehen, dass Gewalt nicht ethisch ist, ist in der Tat eine grundlegende Dummheit. 
 das einzige ethische Projekt, das wir verstehen können, ist das der Beendigung der kapitalistischen Herrschaft; und es ist klar, dass die Herren der Welt mit unseren AnsprĂŒchen nicht einverstanden sein werden, also werden wir sie ihnen nicht vermitteln, indem wir ihnen im Voraus den Kopf hinhalten, damit sie ihn brechen.

Wie immer hat die Linke eine unheimliche FĂ€higkeit, ihre eigene Polizei zu schaffen.

Es ist wirklich an der Zeit, scharfe Unterschiede zu machen und ein fĂŒr alle Mal klarzustellen, wer fĂŒr die Zerstörung des Kapitalismus ist und wer nicht. Alle falschen Verleumder der bourgeoisen Zivilisation mĂŒssen entlarvt werden
. Coole (A.d.Ü., gemeint sind jene die allen gefallen wollen und daher unfĂ€hig fĂŒr Konflikte sind), UnterhĂ€ndler, Politikerlehrlinge, NGOler, Neosozialdemokraten, Feuerwehrleute (A.d.Ü., gemeint sind jene die KĂ€mpfe löschen anstatt sie zu verbreiten) 
 und wir werden es nicht tun, weil wir die revolutionĂ€re Wahrheit haben und denken, dass ihre „KĂ€mpfe“ ungĂŒltig sind, sondern weil wir sie direkt als teilnehmende und bewusste RĂ€dchen des miserablen Systems betrachten, gegen das wir kĂ€mpfen, oder was dasselbe ist: wir glauben nicht einmal, dass sie gegen etwas „kĂ€mpfen“. Wir sagen es unmissverstĂ€ndlich: sie sind unsere Feinde. Wer immer gesagt hat, dass PassivitĂ€t immer Anleitungen und Spezialisten braucht, hat Recht: wer ruft, dass es noch nicht Zeit fĂŒr eine Revolte ist, verrĂ€t uns im Voraus die Gesellschaft, fĂŒr die er wirklich arbeitet. Wir wissen, weil die Geschichte – die zeitlich entferntere und die jĂŒngere – uns klare Anzeichen dafĂŒr liefert, auf welcher Seite sie stehen, dass sie uns, wenn die Zeit gekommen ist und die Bedingungen gĂŒnstig sind (wenn sie klar sehen, womit sie davonkommen können), ohne den geringsten Skrupel uns an Richter, Journalisten und Polizisten verkaufen werden. Übertreiben wir? Machen Sie die Augen auf, sehr geehrte Herren
! und Sie werden all die sozialen KĂ€mpfer sehen können, die von den DĂ€chern herab die VorzĂŒge und das Gute des gewaltsamen und bewaffneten Kampfes weit weg in Zeit oder Raum (oder in Zeit und Raum gleichzeitig) kritisieren und die revolutionĂ€ren Praktiken anprangern, die in ihren eigenen StĂ€dten, in ihren eigenen Vierteln stattfinden, und so zwischen gewaltsamen und gewaltlosen, unschuldigen und schuldigen, legitimen und illegitimen Protesten unterscheiden. Sie sind die effizientesten Lakaien, sie gehen wirklich ĂŒber die Spezialisierung hinaus, und sie erfĂŒllen gleichzeitig die Funktion des Bullen, des Fernsehens, des Radios und der Presse
 sie sind diejenigen, die den Weg fĂŒr die Repression ebnen, und sie verdienen nur unsere Verachtung und unsere Wut, alles andere ist ĂŒberflĂŒssig.

Unsere KreativitĂ€t hat die schöne Aufgabe, alte Konflikte auszugraben und gleichzeitig neue aus dem Ärmel zu schĂŒtteln, und sie ist sich bewusst, dass sie, indem sie am Rande der postmodernen Pragmatik arbeitet, in der Tonart der IllegalitĂ€t geschrieben ist: wir akzeptieren bereitwillig die Tatsache, dass wir Kriminelle sind, und wir bereiten uns darauf vor, als solche zu handeln. Wir werden uns in keiner Weise auf die Farce der Selbstrechtfertigung einlassen, wir sind niemandem Rechenschaft ĂŒber unsere WĂŒnsche schuldig, wir sind uns bewusst, dass unser Kampf, solange er nicht rekuperierbar ist – was das beste Zeichen dafĂŒr ist und sein wird, dass wir auf dem richtigen Weg sind -, systematisch von der Justiz in all ihren Formen (Polizei, streng juristisch, Medien usw.) verfolgt werden wird.

Die Rebellion versteht die Aktion von den Antipoden der Postmoderne aus, nicht mehr die Aktion als Fabrikation, sondern die Aktion als die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, um unsere QualitĂ€t des Andersseins zu offenbaren. Wir fĂŒhlen uns von der Idee angezogen, die Welt als ein Spielbrett zu betrachten, auf dem wir die besten Spieler sein wollen, was der Ausdruck unseres Kampfes sein kann. Wir haben damit begonnen, die Regeln zu verstehen, die die ZĂŒge der Spieler-Konkurrenten bestimmen, und dann haben wir uns daran gemacht, selbst zu spielen
 wir legen unsere eigenen Strategien fest, die unseren eigenen Zielen entsprechen, und wir sehen, wie wir die Regeln umgehen können, auf die wir gestoßen sind, wenn wir das Spiel betreten. Wir sind uns bewusst, dass wir das Spiel gewinnen werden, wenn das Brett zerschlagen ist, und wir beginnen damit, indem wir unsere eigenen ZĂŒge/Bewegungen jenseits jedes Modells merkantiler Effizienz bestimmen: wir handeln aus VergnĂŒgen, einem VergnĂŒgen, das auf ein volles Leben voller Möglichkeiten hinweist. Wir wollen nicht mit dieser Gesellschaft kommunizieren, wir haben uns nichts mehr zu sagen, wir wollen sie verrecken sehen. Deshalb sind unsere Aktionen seine eigentliche Negation, sie können nicht innerhalb merkantiler Strukturen reorganisiert werden, sie können nicht vom Kapital als seine eigene Produktivkraft gestaltet werden. Unser Protest lĂ€sst sich nicht in eine Ware verwandeln, mit der man handeln oder verhandeln kann, sondern wir suchen lediglich die Befriedigung unserer ĂŒberzogenen Forderungen. Es handelt sich dabei um implizite menschliche BedĂŒrfnisse, die jedoch in eine falsche Gesellschaft integriert und dadurch verfĂ€lscht wurden. Wir haben sie erahnt und werden nicht aufhören, bis wir ein Leben gefunden haben, das ihnen gerecht wird.

In einer Welt, in der sich der Markt als einziger Schauplatz des Lebens behauptet, der Tauschwert der einzig mögliche Wert ist und somit die totale Identifikation zwischen Gesellschaft und Kapital eine vollendete Tatsache ist, kann die Revolution nur die endgĂŒltige Demontage des elenden und banalen Alltags, die totale Befreiung der unterdrĂŒckten Leidenschaften und WĂŒnsche bedeuten. Sich mit weniger zufrieden zu geben, kommt uns nicht in den Sinn, wir haben schon genug Elend erlebt


Wir werden nicht versuchen, alle Fragen zu beantworten, wir werden das Spiel spielen, sie alle offen zu lassen
 jetzt werden wir es tun: es geht darum, zu handeln, wenn alle warten, zu sagen, was der Feind nicht voraussehen kann, dort zu sein, wo er nicht auf uns wartet. Die revolutionĂ€re Aufgabe besteht heute in nichts mehr und nichts weniger als darin, die Schleier zu zerreißen, die die realen Bedingungen der Ausgebeuteten und der Ausgebeuteten verdecken, kurz gesagt, die Situation zu schaffen, die den dritten proletarischen Angriff auf die Klassengesellschaft möglich macht.


1A.d.Ü., im Originaltext ist die Rede von empalagoso was sĂŒĂŸlisch, schmalzig, aufdringlich und auch ĂŒppig. Dies kann auch auf Personen, wie auf alle möglichen Ereignissen angewendet werden.

2A.d.Ü., im Originaltext ist die Rede von cerebros, bedeutet wortwörtlich Hirne.

3A.d.Ü., im Originaltext ist die Rede von trĂĄnsito was auch Verkehr bedeutet. Inhaltlich soll der Übergang als was verstanden werden, welches wie der Verkehr, Durchfahrt, usw. ohne Halt durchlĂ€uft.

4A.d.Ü., im Originaltext ist die Rede von lenguaje rebuscado was fĂŒr eine Ausdrucksform steht die sehr unĂŒblich ist, fĂŒr die meisten Menschen nicht verstĂ€ndlich.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org