Dezember 10, 2020
Von Indymedia
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Umverteilung nach Oben

Abstand zu anderen halten und zu Hause bleiben zu können, ist ein Privileg, das Vielen von dieser Gesellschaft entzogen wird: in den KnĂ€sten, Kliniken, Schulen und Fabriken gibt es kaum die Möglichkeit dazu. Obdachlose können nicht zu Hause bleiben, weil sie keins haben. Oft ist es in Zeiten der Pandemie das gehobenere Gesellschaftssegment, das daheim bleibt zum Arbeiten und weiter Geld verdient. Aktuell ist der grĂ¶ĂŸte Teil der LohnabhĂ€ngigen beispielsweise in der Gastronomie und im Tourismusbereich zu Hause und sind durch die oft beschissenen AnstellungsverhĂ€ltnisse nicht mal berechtigt, Arbeitslosengeld zu beziehen und paradoxerweise zu einem guten Teil dadurch auch nicht krankenversichert. Verschiedene Statistiken, die sich mit den ökonomischen RealitĂ€ten bezĂŒglich der Coronakrise auseinandersetzen, kommen alle zu dem selben Schluss: dass es etliche Gewinner*innen gibt – diejenigen, die schon zuvor mehr als genug hatten, gehen mit jedem Tag reicher aus der Krise hervor. Unterschiede im Einkommen haben sich schon immer auf die LebensqualitĂ€t und die Lebenserwartung niedergeschlagen, das ist eine Binsenweisheit. Warum sollte sich das auf einen Schlag im Jahr 2020 geĂ€ndert haben – wo sich doch die politischen und wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse kontinuierlich zuspitzen?

Einzige Lösung: Impfung?

Die einzige Lösung, die uns der Staat und die Wissenschaft fĂŒr den Umgang mit der Pandemie anbieten, ist zu warten bis ein Impfstoff auf dem Markt ist und dann den grĂ¶ĂŸten Teil der Bevölkerung zu impfen. Dabei steht sich der demokratische Staat nach den eigenen Prinzipien zum Teil selbst im Weg. Denn nachdem laut Gesetz ja „Alle gleich seien“, hĂ€tten auch Alle den gleichen Anspruch auf eine Impfdosis, die das Leben retten soll. Nun wurde allerdings heftig diskutiert, wer zuerst geimpft werden soll. Wenig ĂŒberraschend soll damit zuallererst mit der „kritischen Infrastruktur“ begonnen werden, die unumgĂ€nglich fĂŒr das weitere Funktionieren dieser Gesellschaft ist: Ärzt*innen und generell Gesundheitspersonal, Polizei und staatliche Strukturen, usw. Oder eben auch jene, die das nötige Kleingeld haben – auch wenn das zumindest keine offen ausgesprochene Wahrheit ist. Aber so funktioniert diese Welt eben. Ich finde dazu vor allem ein aktuelles Zitat eines Politikers aus Deutschland sehr aussagekrĂ€ftig und lasse es daher fĂŒr sich selbst sprechen: „Wir verteilen Lebenschancen mit den Impfdosen und die sind eben begrenzt“. Wie alles andere auch wird im Kapitalismus Gesundheit und Krankheit zu einer Ware umgewandelt, die verkauft werden kann. Angenommen, die erste Knappheit des Impfstoffs ist ĂŒberwunden. Um in dieser Logik einen wirksamen Schutz gegen das Virus zu erlangen, mĂŒssen große Teile (der Großteil) der Bevölkerung geimpft werden, was die viel zitierte „HerdenimmunitĂ€t“ zur Folge haben soll. Dagegen gibt es bereits jetzt Widerstand aus der Bevölkerung aufgrund unterschiedlicher Faktoren. Einerseits ist da eine große allgemeine Skepsis gegenĂŒber Impfungen, die in den aktuellen allseits bekannten Debatten um die „Impfpflicht“ natĂŒrlich genĂ€hrt werden und zum Teil sicher auch verschwörungstheoretische Elemente beinhaltet. Andererseits gibt es natĂŒrlich auch medizinische Bedenken gegen einen Impfstoff, der durch ein Eilverfahren auf den Markt geworfen werden soll und zu dem es keine Langzeitstudien gibt – und zu dem wenig bis nichts ĂŒber Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und andere SchĂ€digungen bekannt ist. Normalerweise braucht ein Impfstoff durchschnittlich etwa zehn Jahre an Tests und Untersuchungen, um schlussendlich auf dem Markt zugelassen zu werden und so die Langzeitfolgen bestimmen zu können. In diesem Fall soll das nun innerhalb eines knappen Jahren nach Auftreten des Virus geschehen. Die Skepsis ist also nicht unbedingt unbegrĂŒndet. Wie auch immer: es werden sich nicht Alle freiwillig impfen lassen und damit ist in gewisser Weise auch das staatliche Monopol auf den „richtigen“ Umgang mit der Pandemie bedroht, was sich auch schon an der – sagen wir ĂŒberschaubaren – Beteiligung an den Massentests im Moment ausdrĂŒckt.

Mit Sicherheit wird das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche auch in diese Richtung angewandt werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zukĂŒnftig Bereiche geben wird, in die man ohne Impfnachweis gar nicht eintreten darf (KrankenhĂ€user, bestimmte Betriebe, Flugzeuge, FernzĂŒge, …). Auch wird bereits ĂŒber bestimmte Einreisebestimmungen in Staaten diskutiert, Ă€hnlich wie es aktuell mit den EinreisebeschrĂ€nkungen aufgrund der Fallzahlen gehandhabt wird. Noch ist das (meiste davon) Zukunftsmusik, sicher ist aber, dass „Anreize“ geschaffen werden sollen, sich „freiwillig“ impfen zu lassen, wenn es denn unter Zwang nicht gehen sollte. Und das kann eben von einem Jobangebot (oder -verlust) mit besserem Verdienst ĂŒber die Möglichkeit zu reisen bis hin zu bestimmten Freizeitmöglichkeiten reichen, welche ohne Impfung nicht mehr möglich sein könnten.

Wirtschaftsnationalismus

Bereits wĂ€hrend des ersten Lockdowns im April 2020 hat sich das neue/alte Gesicht der Wirtschaft offenbart: Die Knappheit steigert den Preis. Damals ging es Ă€hnlich wie heute um den vor allem in LĂ€ndern wie Österreich und Italien enorm wichtigen Faktor Tourismus. Und in der jetzigen Diskussion um den Wintertourismus und die Öffnung der Skigebiete sieht es Ă€hnlich aus: die Staaten „bekriegen“ sich gegenseitig auf wirtschaftlicher Basis durch immer neue EinreisebeschrĂ€nkungen und QuarantĂ€neregeln, die es Tourist*innen aus den NachbarlĂ€ndern faktisch unmöglich machen, einzureisen oder ohne grĂ¶ĂŸere Probleme wieder auszureisen. Es geht natĂŒrlich nach wie vor um den Standortvorteil der einzelnen LĂ€nder und darum, möglichst lange auszuharren und durchzuhalten, damit die Anderen vorher wirtschaftliche Einbußen haben und man selbst nachher finanziell besser dasteht und gegenĂŒber den Anderen noch ein Ass im Ärmel hat. All das war von Anfang an von teils nationalistischen Kampagnen begleitet, die zum „shoppen daheim“ und zum Geldausgeben fĂŒr die „eigene“ Wirtschaft aufgerufen haben. Begleitet von Populismus und Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft von Seiten der Politik. Alles nichts neues. Dabei handelt es sich lediglich um die nĂ€chste logische Konsequenz, die sich daraus ableitet, wie diese Wirtschaftsordnung funktioniert und die Gesellschaft strukturiert ist. Auch die sowohl nationalen als auch globalen KlassenverhĂ€ltnisse haben sich nicht grundsĂ€tzlich verĂ€ndert, es lĂ€sst sich lediglich eine weitere VerschĂ€rfung beobachten (die Schere zwischen Arm und Reich, globaler Norden und globaler SĂŒden, Produktion vs. Dienstleistungen, 
), die auch nicht ĂŒberraschend ist.

Grenzen

Nationalstaatsgrenzen waren auch vor dieser Pandemie bereits recht willkĂŒrlich gezogen und sind eben von den Staaten umkĂ€mpftes Territorium. Im Moment zeigt sich einmal mehr, was tatsĂ€chliche Reisefreiheit genießt: das Kapital und seine Waren. FĂŒr Menschen gibt es wie immer Begrenzungen und EinschrĂ€nkungen bezĂŒglich des Übertritts einer Grenze. Sei dies durch das Fehlen eines bestimmten Passes, durch (rassistisch) motivierte Grenzkontrollen oder eben nun durch die Einreise aus einem „Risikogebiet“. Auch wenn die Konsequenzen durchaus unterschiedlich (hart) sein können, erleben nun doch zum ersten Mal ganze Generationen von „EU-BĂŒrger*innen“ zum ersten Mal in ihrem Leben eine gewissen EinschrĂ€nkung ihrer „BĂŒrger*innenrechte“ und das verunsichert natĂŒrlich Viele. Dass Viren (ĂŒbrigens genauso wenig wie nukleare Strahlung, Treibhausgase, Biowaffen, 
) wohl kaum an willkĂŒrlichen Grenze stehen bleiben, brauche ich nicht zu betonen. Die Staaten kontrollieren lediglich weiterhin „ihr“ Territorium und verschĂ€rfen eben im Moment das Regime. Das ist eben eine der wenigen Möglichkeiten, die Staaten haben: die Ein- und Ausreise zu ĂŒberwachen. Ändern wird das in dieser Hinsicht freilich nichts.

Anstatt nun den logischen Schritt zu machen, Grenzen als solche und damit die staatlichen Befugnisse generell in Frage zu stellen, versuchen die „BĂŒrger*innen“ ihre „Rechte“ geltend zu machen und sich oft auch gegenĂŒber Anderen weiter abzugrenzen, die es noch beschissener erwischt haben (GeflĂŒchtete). Dieses soziale PhĂ€nomen trĂ€gt weiter zu der AbwĂ€rtsspirale bei und treibt jene „BĂŒrger*innen“ zu Scharen in die ideologischen HĂ€nde von AutoritĂ€ren jeglicher Art.

Der staatliche Umgang: AufstandsbekÀmpfung & Befriedung

Was wir seit dem Beginn der Pandemie und aller damit verbundenen Konsequenzen vor einem knappen Jahr erleben, kann auf medizinischer Ebene lediglich als totales Versagen des Staates beschrieben werden.

Durch die weiter voranschreitende Rationalisierung (und dadurch oft Privatisierung) von Angelegenheiten der öffentlichen Hand wie beispielsweise im Pflegebereich, in den KrankenhĂ€usern und in der Verwaltung wurde die letzten Jahrzehnte immer mehr eingespart und dadurch wichtige Infrastruktur (wie die vielgerĂŒhmten „Intensivbetten“) systematisch weggespart. Diese fehlen natĂŒrlich jetzt. Man könnte sagen, dass das die generelle Entwicklung der letzten Jahrzehnte war, aber auch wenn wir uns lediglich die Entwicklung seit dem ersten Lockdown im MĂ€rz/April 2020 bis heute ansehen, haben alle staatlichen Strukturen versagt (mit Ausnahme des scheinbar perfekt funktionierenden Repressionsapperats). In den mehr als 7 Monaten zwischen beiden Lockdowns hat es der Staat nicht einmal ansatzweise geschafft, mehr Geld, mehr Krankenhausbetten, mehr Rettungs- und Pflegepersonal usw. zur BekĂ€mpfung der Pandemie zur VerfĂŒgung zu stellen. Er hat es weitestgehend nicht geschafft, neue Konzepte zum damit verbundenen Umgang zu entwickeln. Man denke dabei nur an das Chaos des Schulunterrichts oder die fehlenden Konzepte bezĂŒglich der Lohnarbeit. All das wurde und wird nach wie vor auf die nĂ€chst tiefere Ebene abgewĂ€lzt, also vom Gesundheitsamt zu den einzelnen Ressorts, vom Krankenhausleiter an das Personal. All das funktioniert aktuell nur durch die massive kostenlose Mehrarbeit, die Arbeiter*innen jeglicher Branchen leisten (ĂŒbrigens eines der Merkmale dieser patriarchalen Gesellschaft, die nur durch – oft „weibliche“ – kostenlose Arbeit lĂ€uft).

Die einzigen nennenswerten enormen Ausgaben, die von Seiten des Staates gemacht wurden, waren Investitionen in die Aufrechterhaltung der direkten oder indirekten Ordnung: Polizei, massiver Einsatz des Bundesheeres fĂŒr „Contact Tracing“ usw., teilweise soziale Befriedung/Abwenden der Ă€rgsten finanziellen Not durch Einmalzahlungen und Sondertöpfe, riesige Werbe- und Imagekampagnen fĂŒr die herrschende Regierung, 
 Und nach mehr als 8 Monaten werden nun als „Gesundheitssofortmaßnahme“ FFP2-Schutzmasken an Hochrisikopersonen ĂŒber 65 Jahren verschickt. Na herzlichen Dank!

Um nicht falsch verstanden zu werden: wir erwarten uns nichts von diesem Staat, der ja doch nur seine eigenen Strukturen und die Wirtschaft schĂŒtzen will. Darauf werde ich hier nicht nĂ€her eingehen, ich denke unser VerhĂ€ltnis zum Staat hat sich in den vergangenen 5 Jahren seit Bestehen dieser Publikation allzu deutlich gezeigt. Dennoch will ich hier das Versagen der langsamen und bĂŒrokratischen staatlichen Systeme aufzeigen, um eine andere Perspektive darauf zu eröffnen. Denn die eigene UnfĂ€higkeit versucht der Staat durch brutale Repression gegen jegliches eigenverantwortliche Handeln von Anderen zu verschleiern. Und erstickt dabei alles Andere im Autoritarismus. In angsterfĂŒllten Zeiten versteht es der Staat stets sehr gut, (vermeintliche) Sicherheit zu verkaufen. Er zeigt sich somit als das, was er ist und immer war: der Garant zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Ordnung um jeden Preis. Und in diesem Sinne sind auch die meisten staatlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit dieser Pandemie zu sehen: als AufstandsbekĂ€mpfungsmaßnahmen.

Hier zeigt sich nun, was unsere sogenannten „Rechte“ und „Privilegien“ die ganze Zeit ĂŒber waren: ZugestĂ€ndnisse, die uns jederzeit entzogen werden können, wenn es die verĂ€nderten UmstĂ€nde erfordern. Und in vielen FĂ€llen mit wenig bzw. kaum wahrnehmbaren Reaktionen unsererseits. Plötzlich erfĂ€hrt eine ganze Generation, was es heißt, wenn die Grenzen wieder geschlossen werden und eine freie Reisebewegung nicht mehr möglich ist oder extrem erschwert wird. Was „frĂŒher“ nur denjenigen ohne (die richtigen) Papiere verwehrt wurde, ist lĂ€ngst zum Normalzustand fĂŒr Alle geworden. Die Möglichkeit, jederzeit einen halbwegs gut bezahlten Job zu bekommen, hat sich aufgrund der höchsten Arbeitslosigkeit in Österreich seit 1945 schlagartig verĂ€ndert – was vorher ebenfalls hauptsĂ€chlich fĂŒr Migrant*innen, Asylwerber*innen und nicht- oder schlechtqualifizierte Arbeiter*innen gegolten hat. Ebenso lichtet sich fĂŒr Viele zum ersten Mal in ihrem Leben der Schleier, der zuvor ĂŒber der brutalen RealitĂ€t der Ausbeutung gelegen hatte und nun fortgerissen wird. Unsere erwĂŒnschte Rolle in dieser Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, was wĂ€hrend eines Lockdowns erlaubt ist: zur Arbeit gehen, arbeiten, zum Supermarkt gehen, einkaufen und maximal einmal eine Runde um den Block zur physischen Erholung drehen. Arbeiten, Konsumieren, Sterben. Eine erstaunliche Parallele zum einstĂŒndigen Hofgang in den GefĂ€ngnissen. Durch diese „Offenbarung“ und den oben genannten Entzug von Privilegien verspĂŒren viele „BĂŒrger*innen“ eine unbestimmte Angst vor der Zukunft. Durch eine teils radikale Wandlung des Alltags (im negativen Sinne) in weniger als einem Jahr, haben Viele verstĂ€ndlicherweise das GefĂŒhl, dass der Boden unter den FĂŒĂŸen weggerissen wurde und wird.

AutoritÀre RattenfÀnger

Diese (emotionale) Situation nutzen die RattenfĂ€nger aller möglichen autoritĂ€ren Strömungen fĂŒr ihre Agendas und versuchen, die verunsicherten Leute in ihre Reihen zu rekrutieren oder zu drĂ€ngen. Ein ĂŒblicher Mechanismus, der historisch immer wieder beobachtbar war. Eine verunsicherte und verĂ€ngstigte Bevölkerung lĂ€sst sich viel leichter regieren und kontrollieren. Und in solchen „Extremsituationen“ lassen sich Leute auch viel leichter auf „extreme“ LösungsvorschlĂ€ge ein, die leider oft autoritĂ€rer Natur sind und damit der erwĂŒnschten Freiheit zuwider laufen. Rechte Gruppierung haben vom Beginn der Pandemie an versucht, einfache (und damit extrem vereinfachende) Lösungen fĂŒr die komplexe RealitĂ€t zu liefern, was ihnen auch mehr oder weniger gut gelungen ist. Ebenso sind Verschwörungstheorien nichts anderes, als der unzulĂ€ngliche Versuch, die RealitĂ€t „festzuhalten“ und sich selbst und anderen das UnverstĂ€ndliche verstĂ€ndlich zu machen. Solchen Theorien folgen vor allem diejenigen, welche auch vor der Pandemie keine besonders solide Analyse ihrer Umwelt aufgestellt haben – aus welchen GrĂŒnden auch immer. NatĂŒrlich gab es die letzten Monate auch fĂŒr uns Momente des Schocks, in denen sich die Ereignisse ĂŒberschlagen haben und man mit dem eigenen VerstĂ€ndnis der Situation nicht immer gleich „hinterher kommt“. Jedoch ĂŒberrascht uns kaum eine der staatlichen Maßnahmen, da wir bereits vor dem pandemischen Ausnahmezustand eine anti-staatliche Analyse hatten und klar Stellung bezogen haben.

Wie dem auch sei, auch die Linke in all ihren AusprĂ€gungen (auch die radikale) hat dem bisher nichts Interessantes hinzuzufĂŒgen, bzw. dem rechten Pendant entgegenzusetzen. Ein Teufelskreis, denn durch das Fehlen von „Antworten“ von Seiten der Linken werden sich noch mehr Leute der Rechten zuwenden, usw. Man kann den berechtigten, wachsenden Unmut eines Teils der Bevölkerung nicht – wie es die Linke tut – unbeachtet lassen und sich stattdessen darauf konzentrieren, gegen diejenigen zu demonstrieren, die diesen Unmut spĂŒren und auf die Straße gehen. NatĂŒrlich halte ich es nicht fĂŒr sinnvoll, gemeinsam mit organisierten Nazis, ReichsbĂŒrgern und Ă€hnlichem Gesindel die Straße zu teilen oder sich der FPÖ-Opposition anzuschließen, die jetzt eine neue Chance wittert. Jedoch wird es einer tieferen Analyse bedĂŒrfen und dem Aufzeigen eigener AnsĂ€tze, um mit der komplexen RealitĂ€t umzugehen. Und das BefĂŒrworten von staatlichen Repressalien gegenĂŒber diesen „Coronazis“ ist auch nur das was es ist: das BefĂŒrworten von staatlichen Repressalien. Auch wenn die Linke nun zum ersten Mal das GefĂŒhl hat, dass es „die richtigen getroffen hat“.

Klassenkampf von Unten

Wir sind Anarchist*innen. Das heißt wir kĂ€mpfen gegen jede Form der UnterdrĂŒckung und fĂŒr eine Welt, in der Alle ihr Leben frei leben können. Wir haben kein Programm, dass man wĂ€hlen kann und keine Petition, die man unterschreiben kann. Wir wollen nicht, dass die Leute unserer Fahne nachlaufen, denn wir haben keine. Was uns in der jetzigen Situation interessiert, ist vielmehr die Frage, ob es anti-autoritĂ€re Perspektiven schaffen können, in diesem gesellschaftlichen Gewirr klar Position zu beziehen und damit dem immer autoritĂ€rer werdenden Staat und den Rechten etwas wirkungsvolles entgegen zu setzen. Denn aktuell ist die „Fahrtrichtung“ dieser Gesellschaft nicht gerade berauschend in diesem Sinne. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Proteste gegen die Regierung und ihre Maßnahmen uninteressant fĂŒr uns sein sollten, weil auch Nazis & Co. gegen die Regierung protestieren. Man könnte sagen, dass Anarchist*innen „traditionell“ sehr gut bei jeder Form von Widerstand gegen die Regierung aufgehoben sind. Ich denke es kann also durchaus sinnvoll sein, zu den bereits stattfindenden Demos, usw. zu gehen und eigene Positionen zu verbreiten – auf welche Art auch immer. Dabei finde ich es wie bereits erwĂ€hnt wichtig, eigene antiautoritĂ€re Positionen herauszuarbeiten, um nicht in der Masse derer unterzugehen, mit denen man womöglich inhaltlich große Probleme hat. Oder um nicht von ihnen instrumentalisiert zu werden, ohne es womöglich ĂŒberhaupt zu bemerken. Dennoch ist meiner Meinung nach das Beste, was in der aktuellen Situation unternommen werden kann, eigene KĂ€mpfe zu entwickeln und zu verschĂ€rfen.

Dazu ist es unerlĂ€sslich, die sich beinahe tĂ€glich verĂ€ndernden UmstĂ€nde durch eine klassenbewusste Perspektive zu betrachten und so zu analysieren, was hier von statten geht. Es stimmt natĂŒrlich, dass die (heilige, vermeintlich unantastbare) Wirtschaft direkt oder indirekt alle LohnabhĂ€ngigen „ernĂ€hrt“ und daher die LohnabhĂ€ngigen auch direkt oder indirekt vom Funktionieren dieser Wirtschaft abhĂ€ngig sind. Dies jedoch mit zunehmendem Ausmaß, da kaum noch etwas im modernen Leben – vor allem in StĂ€dten – ohne die direkten Konsequenzen einer hoch technologisierten Wirtschaft funktioniert. Man denke dabei an Versorgungsketten, AbhĂ€ngigkeit von Internet und ElektrizitĂ€t, um die einfachsten Alltagsdinge zu erledigen, usw. Ich denke, Details können wir uns hier sparen, ihr versteht was ich meine. Durch die erhöhte AbhĂ€ngigkeit wird uns sozusagen auch ein eigenes Interesse in die Schuhe geschoben, dass es der Wirtschaft gut gehen solle. Wo doch genau jener wirtschaftliche Druck unser Leben reguliert und uns die Luft raubt. Um ein wirklich freies Leben fĂŒhren zu können, mĂŒssen wir uns von dieser Wirtschaft lösen – schlussendlich heißt das natĂŒrlich, dass das kapitalistische System zerstört werden muss und noch tiefgreifender die Logik des Tauschens von Waren im Sinne der Steigerung des Profits. Und dazu mĂŒssen wir eigene Strukturen aufbauen, um uns mit dem nötigsten zu versorgen, uns gegenseitig zu unterstĂŒtzen und uns unabhĂ€ngiger von den staatlichen, gesellschaftlichen, technologischen Strukturen zu machen – soweit dies eben möglich ist. Wir haben also keinen „neuen“ Vorschlag, sondern lediglich das, was wir schon immer vertreten haben: Revolte, Sabotage und Subversion gegen alles was unser freies Leben behindert. Was uns dabei im Moment helfen kann sind einerseits der Aufbau (und die Pflege!) von rebellischen Beziehungen und Strukturen, in denen wir uns materiell, emotional und kĂ€mpferisch gegenseitig unterstĂŒtzen können. Und andererseits braucht es dazu einen Schuss Mut, um die Gebiete des Kampfes zu betreten, die vermeintlich oder tatsĂ€chlich von unseren Feinden dominiert werden.

Richtung Totalitarismus oder Richtung Freiheit?

Die neue (permanente) RealitĂ€t hat eine Wendung genommen: vom vermeintlichen Leben zum lediglichen Überleben um jeden Preis. DarĂŒber gibt es zweifellos großen Unmut. Eine der großen Fragen fĂŒr die Zukunft wird sein, ob sich dieser Unmut im Sinne der Herrschaft kanalisieren lĂ€sst oder sich in Richtung des chaotischen, dezentralen Kampfes fĂŒr Freiheit bewegen wird. Und darauf können wir Einfluss nehmen und mit unseren konfrontativen VorschlĂ€gen und Attacken unseren Teil dazu beitragen, den Kampf in eine interessantere Richtung zu schieben. Es ist dies eine Chance, die wir auf alle FĂ€lle nutzen sollten.

Was wir jetzt erleben ist eine Restrukturierung der kapitalistischen RealitĂ€t und dadurch die FortfĂŒhrung des brutalen Krieges zwischen dem Kapital und dem Leben. Und in Zeiten wie diesen, in denen die politischen Entwicklungen und der Alltag so verdammt lĂ€hmend wirken und wir oft genug das GefĂŒhl bekommen, wenig erreichen zu können, ist es enorm wichtig zu betonen: das Kapital lĂ€sst sich mit einfachen Mitteln ĂŒberall identifizieren und angreifen, wenn wir nur gewillt sind, es anzugreifen…Das hat sich durch die Pandemie in keinster Weise geĂ€ndert.

Anarchist*innen im Dezember 2020

https://revolte.blackblogs.org/

schreibt uns: revoltezeitung {Ă€t} riseup.net




Quelle: De.indymedia.org