Mai 5, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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quelle: emrawi.org

Einige erste Gedanken zu MAYDAY-Demonstration in Wien 2021. Wir hoffen auf eine Debatte um die Geschehnisse, um gemeinsam zu verstehen was vorgefallen ist und um zu besprechen wie wir mit solchen Situationen in Zukunft umgehen können.

Gestern waren wir auf der Straße um an der Mayday-Demonstration teilzunehmen. Unter dem Titel „Kapitalismus ist die Krise! Soziale KĂ€mpfe verbinden!“ ist es einem großen BĂŒndnis aus verschiedensten Gruppierungen, Strukturen und Strömungen gelungen eine durchaus beachtliche Demonstration auf die Beine zu stellen. AngefĂŒhrt von einem feministischen „WE CARE FOR REVOLUTION“-Block folgten anarchosyndikalistische Gewerkschaften, autonome, antifaschistische und anarchistische Gruppierungen und Personen sowie soziale, Anti-Abschiebe- und Bildungs-Initiativen. Über drei Stunden lang zog die Demonstration ausgehend vom Bahnhof Ottakring zum Sigmund-Freud-Park, wo eine Abschlusskundgebung stattfand. Bis zum Ende der Demonstration verlief alles ruhig, es kam zu keinen uns bekannten ZwischenfĂ€llen und die Demonstration wurde von hunderten Leuten aus Fenstern und TĂŒren freudig empfangen.

Im Sigmund-Freud-Park angekommen wurde nach kurzer Zeit von einem BaugerĂŒst vor der Votivkirche ein „Uni besetzten! Oida*e“-Banner gehisst, was bei der versammelten Kundgebung Jubel, bei der Polizei den ersten Einsatz des Tages auslöste. Um die Aktivist*innen beim Herabsteigen festnehmen zu können, zog die Polizei im Votivpark einen Kette um den Bauzaun vor der Votivkirche. Da jedoch innerhalb kĂŒrzester Zeit einige hunderte Demonstrant*innen zu Hilfe eilten, war die Aufmerksamkeit der Polizei so sehr abgelenkt, dass die Aktivist*innen erfolgreich fliehen konnten. Eine sehr erfreuliche, erfolgreiche und spontane Aktion! Zwischen den heran eilenden Polizeieinheiten und Demonstrant*innen kam es jedoch direkt zu Konfrontationen und ersten brutalen Festnahmen, welche von immer mehr Demonstrant*innen und Polizeieinheiten aufgelöst, bzw. abgesichert werden wollte. Der erste Überraschungsmoment konnte leider nicht fĂŒr eine erfolgreiche Befreiungsaktion genutzt werden, die anwesenden Demoteilnehmer*innen waren hierfĂŒr nicht entschlossen genug und zu schwach organisiert. Sicherlich kann das in diesem spontanen Moment schwer kritisiert werden, spĂ€ter jedoch mehr hierzu.

Im selben Moment, wie es zu anfĂ€nglichen Auseinandersetzungen kam, wurde von einem anwesenden Faschisten unmittelbar vor den Augen der Polizei Pfeffer in die Menge der Mayday-Demonstrant*innen gesprĂŒht. Der Angriff wurde zwar unmittelbar sehr entschlossen zurĂŒckgeschlagen, jedoch konnte der Faschist zwischen den Reihen der Polizei hindurch Deckung finden. Über eine Festnahme der Person ist derweil nichts bekannt, im Internet wird berichtet er wĂ€re kurzzeitig festgehalten worden. Staat und Nazis Hand in Hand.

Die Lage neben der Kirche spitzte sich derweil immer weiter zu. Es kam zu brutalen Übergriffen mittels SchlĂ€gen, Tritten, Schlagstock und Pfeffer, sowie zu weiteren Festnahmen. Im Sigmund-Freud-Park an der Straße des Achten Mai sammelten sich derweil immer mehr solidarische Menschen, welche nicht direkt in die Auseinandersetzungen eingebunden waren. Als die Lage im Votivpark fĂŒr die anwesenden Personen immer schwieriger wurde, flĂŒchteten einige der Demonstrant*innen zurĂŒck in den Sigmund-Freud-Park, was die Polizei nicht daran hinderte unter Einsatz brutalster Gewalt durch die versammelte Gruppe der sich solidarisierenden Menschen zu brechen und Jagt auf einzelne Personen zu machen. Der RĂŒckzug der Fliehenden in die Abschlusskundgebung war jedoch nicht wirklich möglich. Überall fliehende Menschenmassen, am Boden sitzende und vereinzelt herumstehende Personen interessierten sich nicht, oder waren zu ĂŒberraschst und unvorbereitet dafĂŒr, dass die Polizei hier ĂŒber ein-/ zweihundert Meter im Vollsprint jagt auf Menschen macht. Es wĂ€re ein einfaches sich hier in den Weg zu stellen und der weglaufenden Person die Fluch zu ermöglichen. Damit zu rechnen, dass mitten in der Versammlung auf ein Mal hunderte durchdrehende Polizist*innen auftauchen ist vielleicht etwas zu viel verlangt, dennoch sollen wir uns darĂŒber austauschen.

Sicherlich haben nicht alle Menschen ein Interesse daran die Auseinandersetzung mit der Polizei zu suchen. Wir wĂŒrden sogar behaupten auf der gesamten gestrigen Mayday-Demonstration war die Aktionsbereitschaft sehr gering, es handelte sich um eine ruhige und keine militante Demonstration. Was jedoch allen demonstrierenden Menschen immer bewusst sein sollte – und dies wurde gestern auf die harte Tour einigen bewusst – ist, dass Militanz nicht notwendig die Form das Angriffs annehmen muss. Jede Demonstration muss in GrundzĂŒgen in der Lage sein sich selbst gegen gewalttĂ€tige Übergriffe zu schĂŒtzen, sei es von Seiten der FaschistInnen und RassistInnen oder der Polizei. Wir können, gerade dann, wenn wir „friedlich“ und „sicher“ mit Kindern und Familien demonstrieren wollen, nicht auf militanten Selbstschutz verzichten. Das sollte nach gestern allen klar sein. Auf dieser Erkenntnis aufbauen ergeben sich einige Schlussfolgerungen:
- Es ist absolut wichtig, dass alle Teilnehmer*innen auf einer Demonstration wach und bereit sind, im Falle eines wie auch immer gearteten Angriffs auf die Demonstrationen handeln zu können. Es gibt keine Polizei und keine Ordner*innen die uns schĂŒtzen, wir sind alle gemeinsam und solidarisch fĂŒr unseren gegenseitigen Schutz voll und ganz selbst verantwortlich.
- Das bedeutet auch, dass wir nicht einfach am Boden herum sitzen und warten, wĂ€hrend die Polizei Angriffe auf unsere Genoss*innen fĂ€hrt. Steht auf, bildet Ketten, zieht euch passend an, um euch und anderen das Untertauchen zu ermöglichen.
- Das bedeutet auch, dass wir uns so weit es geht, auch vor wenig aktivistischen Demonstrationen oder wenn wir selbst keine Aktionen planen, in Bezugsgruppen organisieren, welche wir dann spontan zum Leben erwecken, wenn es darum geht uns zu verteidigen. Die passende Kleidung und Erste-Hilfe-Material dabei zu haben schadet nie.
- Sich im Falle eines Angriffs zu verteidigen bedeutet nicht in der ersten Reihe zu stehen, fĂŒr diese finden sich meistens einige Leute. Viel wichtiger ist es die hinteren Reihen geschlossen zu halten, wenn der ersten Reihe das Pfeffer und die SchlĂ€ge den Atem rauben. Es muss möglich sein sich in die Versammlung zurĂŒck zu ziehen, ohne ĂŒber hunderte Meter von durchgedrehten Fascho-Cops gejagt, zusammengeschlagen und verhaftet zu werden. Bewahrt einen kĂŒhlen Kopf, hackt euch ein, rennt nicht sofort in Panik davon. So wie gestern darf das in Zukunft auf keinen Fall wieder ablaufen.
- Es bringt nichts erstaunt oder entsetzt darĂŒber zu sein, dass die Polizei ein Feind linker und insbesondere antikapitalistischer Demonstrationen ist. Ja, gestern wurden Kinder und ĂŒberhaupt viele Menschen massiv und völlig „sinnfrei“ durch den Polizeieinsatz in Gefahr gebracht. Je schneller wir jedoch akzeptieren, dass die Polizei (wie FaschistInnen) unser politischer Feind ist, der zur Not auch ĂŒber unsere Leichen geht, desto besser können wir uns bei nĂ€chsten Mal kollektiv selbst zur Wehr setzen.
- Im Internet finden sich tausende Videos von Auseinandersetzungen zwischen Demonstrationen und Polizei. Hierzulande es ist meist nicht ĂŒblich sich militant selbst schĂŒtzen zu mĂŒssen, daher ist die Erfahrung gering. Schaut euch an, wie in anderen Regionen der Welt Selbstschutz funktioniert, macht euch mit Situationen vertraut und schaut euch die brauchbaren Taktiken ab. Internationale SolidaritĂ€t bedeutet auch international voneinander zu lernen. Nicht ĂŒberall funktioniert alles gleich. Das meist muss aber auch nicht immer wieder und an jedem Ort aufs neue erfunden werden.
- Bildet Banden! Und Bezugsgruppen: Jede autonome und anarchistische Demonstration leben von Eigeninitiative. Niemensch wird euch Anweisungen geben oder eine strukturierte Ordnung herstellen. Das Chaos ist unser Prinzip! Traut euch aktiv zu werden, geht voran wenn ihr wollt, haltet euch zurĂŒck wenn ihr wollt, aber seid selbstbewusst bei der Sache. Verschafft euch einen Überblick ĂŒber die Lage, kommuniziert mit anderen, und tretet auf eigene Faust in Aktion.

Zum Abschluss noch einige Worte zur gesellschaftlichen Situation in welcher wir uns befinden. „Der FrĂŒhling hat begonnen“, so lautet der zweite Teil der Überschrift. Damit soll gemeint sein, das im Moment eine alte Phase zu Ende geht und eine neue beginnt. Die Corona-Pandemie ist ein Einschnitt in die kapitalistische Gesellschaft, wie er seit Jahrzehnten nicht stattgefunden hat. Die alten Zeitrechnungen und Koordinatensysteme lassen sich nicht mehr eins zu eins auf die jetzige Zeit anwenden. Alte Handlungsmuster sind unbrauchbar geworden. Neue Dynamiken sind im entstehen. Wir waren alle ĂŒber ein Jahr kaum aktiv und wir können davon ausgehen, dass wir mit explosiver Energie in die Zukungt starten werden. Zum einen haben wir gestern bei MAYDAY schon gesehen, dass unsere Demonstration groß war, die Inhalte ernst und entschlossen. Die Georg Floyd Demo war vielleicht deutlich grĂ¶ĂŸer und deshalb ĂŒberraschender, auch dort konnten wir in gewisser Weise eine Ahnung davon bekommen welche Bewegungsenergie noch verborgen in uns liegt. Doch MAYDAY war dafĂŒr organisert, mit immens viel Inhalt beladen und daher umso erstaunlicher mit wie vielen Menschen wir auf der Straße waren. Wir wissen alle, dass uns gewaltige KĂ€mpfe bevorstehen. Um die Kosten der Krise und um die Zukunft dieser zukunftslosen Gesellschaft ĂŒberhaupt. Hier soll jedoch nicht genauer auf die inhaltliche Ausrichtung der kommenden KĂ€mpfe eingegangen werden, die Demonstration hat hier selbst den praktischen Maßstab festgelegt, es wird um vereinte, vielfĂ€ltige und solidarische KĂ€mpfe gehen. Die allgemeine kapitalistische Krise drĂŒckt sich in durch vielfĂ€ltige besondere Ausdrucksformen von Herrschaft und Krise aus. Hier soll es im Folgende viel eher um den Aspekt des Kampfes selbst gehen, denn dieser ist unvermeidlich und wir haben die SchĂ€rfe, mit welcher er ausgetragen wird, gestern an unseren eigenen Körper erfahren dĂŒrfen.

Erstens haben wir gesehen, dass wir durchaus in der Lage sind eine breite inhaltliche Bewegung zu formieren, wenn sich die fragmentierten sozialen Bewegungen zusammenschließen. Der Anlass war dieses Mal der 1. Mai. Wir sollten uns jedoch weiter daran orientieren und Kampfformen praktizieren, welche generell auf unsere vereinte StĂ€rke setzt. Wir mĂŒssen unsere „TeilbereichskĂ€mpfe“ in Form einer gemeinsam kĂ€mpfenden Bewegung durchsetzten. Die StĂ€rke der SolidaritĂ€t fĂŒr unsere je eigenen Anliegen nutzen, uns alle gemeinsam und gleichzeitig stĂ€rken. Wo Raum fĂŒr VielfĂ€ltiges, ist Platz fĂŒr kollektive Durchsetzungs- und Kampfkraft.

Zweitens stĂ¶ĂŸt die Durchsetzung von Befreiung spĂ€testens an den staatlichen HĂŒter*innen der Ordnung an eine gewaltsame Grenze. Es muss daher von allen Beteiligten ein Umgang mit der Problematik der Militanz gefunden werden. Es wird keine kĂ€mpfende Bewegung geben, wenn wir nicht eine neue Generation militanter KĂ€mpfe entwickeln können. Wie bereits erwĂ€hnt können wir hier viel von anderen internationalen KĂ€mpfen lernen und abschauen. Uns gegenseitig die Angst vor der Auseinandersetzung zu nehmen scheint uns in unseren Gefilden von besonderer Bedeutung zu sein.

Drittens mĂŒssen wir, da wir in vielen FĂ€llen der Polizei direkt unterlegen sein werden, auf radikale Formen soziale Aneignung setzten, welche nicht unmittelbar die Konfrontation suchen. Besetzungen können, mĂŒssen aber nicht militant verteidigt werden, Blockaden ebenso, Klima-Sabotage funktioniert am besten eh im Dunkel der Nacht. Die Bewegung des feministischen Streik stĂ¶ĂŸt ebenfalls in neue Richtungen von An- und Umeignung von Raum und Zeit vor. Die neue Arbeiter*innenbewegung wie sie weltweit in den Bereichen der Care- und Plattformökonomie entsteht ebenfalls. Usw.

Viertens sollten wir damit beginnen solidarische Strukturen aufzubauen, welche die befreite Gesellschaft, die Kommune oder die Anarchie, wie wir es auch immer nennen wollen, in immer breiteren Bereichen unserer alltĂ€glichen Re/Produktion hineintrĂ€gt. Wenn wir uns vor der Idee der Revolution als einmaligem Bruch mit der herrschenden Ordnung verabschieden, können wir beginnen die Wirksamkeit von Herrschaft in immer weiteren Teilen des Alltags durch direkte Aktionen und gegenseitige Hilfen zu bekĂ€mpfen. Solidarische Landwirtschaften und Ökonomien, Mieter*innen-Streiks, feministischer Streik, usw. sind allesamt direkte Mittel des Kampfes um die Grundlage fĂŒr – eine hoffentlich doch eines Tages eintretende – Revolution zu schaffen. Basisbewegung bedeutet kleine, selbstbestimmte aber immer radikale Schritte zu gehen. Nur so kann das Geflecht revolutionĂ€r-solidarischer Beziehungen wachsen, auf dessen Grundlage wir die Macht des Kapitals, des Staates, des Patriarchats und ĂŒberhaupt aller systemischen Herrschaft brechen können.

Kapitalismus ist die Krise! Soziale KĂ€mpfe verbinden!
Gemeinsam KĂ€mpfen! Gemeinsam KĂ€mpfen lernen!
FĂŒr eine Bewegung um die FortfĂŒhrung des MAYDAY an jedem Tag!

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Quelle: Abc-wien.net