November 27, 2020
Von Anarchist Black Cross Wien
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quelle: hat uns per mail erreicht, Link zum Bericht zur Repression

Wie es ist, festgenommen zu werden, oder: Zwei Geschichten einer beschissenen Nacht

  Teil 1

“Halt Stopp, stehen bleiben, Polizei!” Ich erstarre, brauch zwei Sekunden, bis ich reagiere. Fluchtversuch, vergeblich


Ich werde in eine Hecke geschmissen, Handschellen werden mir angelegt. Der Bulle schwafelt irgendwas und betont dann das Wort: „ANARCHISTEN“

Was ist passiert? Ich war mit meiner engsten GefĂ€hrtin durch die menschenleere Straßen spaziert, nachts, es herrschen Ausgangssperren. Irgendwie wurden wir mit Graffiti in Verbindung gebracht. ZufĂ€lligerweise hatte ich drei Dosen in meinem Rucksack. Das reicht den Bullen, um mich wegen dringlichen Tatverdachts festzunehmen.

Meine GefĂ€hrtin konnte vorerst entkommen. Nachdem ich von den Bullen um Auto gezerrt worden bin und „eingepackt“ wurde, setzte sich das Auto nicht sofort in Bewegung. Stattdessen beginnen sie hastig eine Funkfahnung nach meiner Companera. Ich mach mir Sorgen, dass die Bullen meine GefĂ€hrtin doch noch fassen und wĂŒnsche mir nichts mehr, als dass sie entkommt. Ich merke, dass mindestens drei bis vier Bullenkarren meiner Genossin folgen. Ham die nix Besseres zu tun? In einer besseren Welt mĂŒssten wir uns nicht mit Bullen herumschlagen, ach, wie wĂ€r das schön. Schlussendlich schaffen es die Cops, meine GefĂ€hrtin zu fangen. Als sich ein zweites Bullenauto nĂ€hert, schau ich besorgt aus dem Fenster und erkenne auf der RĂŒckbank meine Companera. Ich fĂŒhle mich noch mehr gelĂ€hmt als vorher.

Taxi in die nĂ€chste Polizeiinspektion. Auf dem Weg noch ein Anhalter, ein weiteres Graffti mit politischer Aussage. Der Bulle steigt aus und macht ein Foto. Mir ist klar, dass uns jetzt wahrscheinlich jedes politische Graffti der letzten Zeit vorgeworfen wird. Im Auto entschuldigt sich der Bulle ironisch fĂŒr die brachiale Festnahme. Ich hĂ€tte ja entkommen können. Schön wĂ€rs, dann mĂŒsste ich jetzt auch nicht diesen Text schreiben.

Wir werden in zwei unterschiedliche RĂ€ume gebracht. Der Bulle fragt mich nach meinem Namen. Vorerst nenne ich ihn nicht. Auch verweigere ich alles andere. Ich muss an meinen kommenden Prozess denken, der bald ist, nicht wegen dem, sondern wegen was anderem. Ich habe Angst, muss ich jetzt bald wirklich ins GefĂ€ngnis? Irgendwann beschließe ich, meinen Namen zu nennen, ich will weg, nicht permanent an eine drohende Haftstrafe denken. Im Nachhinein fĂŒhle ich mich schlecht, habe ja grad den Bullen die Arbeit erleichtert.

Ich werde vernommen, mir werden Bilder von Graffits gezeigt, ich werde gefragt, ob ich was damit zu tun habe. Ich verweigere die Aussage und die Unterschrift. Stille, ich beobachte den Bullen beim Schreiben am Laptop. Irgendwann Schichtwechsel, ein Rambo Bulle betritt den Raum, ich kenn ihn schon von frĂŒher.

Die Bullen versuchen mich dazu bringen, den Namen meiner GefĂ€hrtin zu nennen. „Niemals!“, antworte ich. Meine GefĂ€hrtin wurde inzwischen wo anders hingebracht. Ich solle meine Companera anrufen, meine Genossin dazu bringen, den Namen zu nennen. Auch das lehne ich ab, in welcher Welt leben Bullen, dass sie glauben, dass ich sowas machen wĂŒrde?

Irgendwann werde ich entlassen. Ich weiß nicht, wo meine GefĂ€hrtin ist. Ich will meine Companera nicht alleine lassen, doch wo ist sie? Ich bin ĂŒberfordert, suche Unterschlupf und beginne zu weinen
. Repression wird mich niemals brechen, aber es macht doch was mit mir. Irgendwann schlafe ich ein.

Als ich wieder aufwache, muss ich zu allererst an meine GefĂ€hrtin denken, die wahrscheinlich immer noch nicht freigelassen wurde. Was tun? Ich bin immer noch ĂŒberfordert, versuche klar zu denken, aber das ist irgendwie grad echt nicht möglich. Ich versuche mich zu beruhigen, brauche fast zwei Stunden dafĂŒr. Irgendwann hole ich mit Rat von einem GefĂ€hrten, der sich dann bereit erklĂ€rt, sich mit mir auf die Suche nach der gefangenen Companera zu machen. Als wir los wollen, bekomme ich eine Nachricht, ich werde dringend gebraucht. In der Hoffnung, dass meine GefĂ€hrtin wieder freigelassen wurde, mach ich mich auf den Weg zum Treffpunkt.

Als ich ankomme, merke ich, dass meine Genossin nicht da ist, dafĂŒr aber mehrere andere Genoss:innen, die sich gerade fragen, wo sich die gefangene GefĂ€hrtin gerade befindet. Es entsteht eine super Dynamik, wir fahren zum PAZ und fragen nach. Doch es kam die Antwort, ohne den Namen meiner GefĂ€hrtin keine Auskunft, wie lange sie noch gefangen gehalten wird. Ich will den Namen nicht nennen, weil ich nicht weiß, ob die Cops den schon wissen oder nicht.

Wenige Zeit spĂ€ter kommt die Info, dass bei meiner GefĂ€hrtin gerade eine Hausdurchsuchung stattfindet, in den ersten Minuten ohne Anwesenheit eines anderen Menschen. Jetzt ist klar: Die Cops wissen jetzt auch den Namen meiner GefĂ€hrtin. Genossinnen machen sich auf den Weg, um die Mitbewohnerin meiner GefĂ€hrtin zu unterstĂŒtzen. Gleichzeitig trudeln immer mehr Genoss:innen ein, um solidarisch vor dem PAZ zu warten.

Kurz nach acht Uhr abends wurde meine GefĂ€hrtin entlassen. Super Uhrzeit fĂŒr die Bullen, genug Zeit um alle solidarisch vor dem PAZ wartenden Genoss:innen und mir noch eine Anzeige wegen Missachtung der nĂ€chtlichen Ausgangssperren aufzubrummen.

Teil 2

Zwei Stamperl Schnaps sind eine Waffe. Jahre bevor sie unsere Nachbarin wurde, war mir Frau S in ihrer Funktion als Buskontrolleurin negativ aufgefallen. Seitdem wir im selben Haus wohnen, grĂŒĂŸe ich sie und ihre zwei winzigen Hunde allerdings freundlich, wenn wir einander im Stiegenhaus begegnen. Am Abend des 11.11.2020 bemerkte Frau S in ebenjenem Stiegenhaus eine Gruppe von etwa zehn MĂ€nnern, die im Begriff waren, in unsere Wohnung einzudringen. Zerrissene Jeans sollen sie getragen haben und Westen mit der Aufschrift „Polizei“. Sie wĂŒrden nur einen Brief zustellen, und zudem sei Faschingsbeginn, bruhaha, meinten sie zu Frau S. Ihre Schwiegermutter, offensichtlich professionell schaulustig, rief die Bullen: da seien verdĂ€chtige MĂ€nner in der Wohnung der Nachbarinnen. Die Versicherung der Cops, dass das alles seine Richtigkeit habe, konnte Frau S nicht so ganz ĂŒberzeugen. Die Bullen verschafften sich mit meinem SchlĂŒssel, den sie mir abgenommen hatten, Zutritt zu unserer Wohnung und begannen mit der Hausdurchsuchung. Offiziell ca. 20 Minuten, bevor meine Mitbewohnerin von der Arbeit nach Hause kam. Sie durchwĂŒhlten, beschlagnahmten und fotografierten. Meine Mitbewohnerin und zwei zu Hilfe gekommene Genossinnen fotografieren und dokumentierten zurĂŒck. Im Lauf des Überfalls standen zwei Stamperl Schnaps vor der TĂŒr – von Frau S, fĂŒr meine Mitbewohnerin, fĂŒr die Nerven.

WĂ€hrenddessen saß ich völlig ĂŒbernachtig in einer Zelle im Polizeianhaltezentrum Salzburg und ĂŒberlegte, ob es sich lohnte, die TĂŒr anzustarren, in der Hoffnung sie wĂŒrde sich gleich öffnen und ich in die „Freiheit“ entlassen werden, oder ob ich wirklich in die Justizvollzugsanstalt ĂŒberstellt werden wĂŒrde zwecks U-Haft, wobei das Anstarren der TĂŒr eine an SelbstschĂ€digung grenzende Sinnlosigkeit wĂ€re.

Die Nacht davor hatte ich nichts geschlafen. Gegen zwei Uhr frĂŒh waren der beste Companero und ich wĂ€hrend eines nĂ€chtlichen Spaziergangs einer ĂŒbereifrigen Bullenstreife aufgefallen und geschnappt worden. Außer uns war die Gegend menschenleer gewesen, es gab gerade eine nĂ€chtliche AusgangsbeschrĂ€nkung wegen COVID-19. Ausnahme: psychische und physische Erholung, FĂŒĂŸe vertreten. SpĂ€ter las ich im Bullenbericht, dass die Streife den Eindruck hatte, ein politisches Graffito, in dessen NĂ€he wir spazieren gingen, mĂŒsste noch ganz frisch sein, immerhin hatten sie den Stadtteil in dieser Nacht bereits „mehrfach bestreift“. Die Bullen stellen ihr Auto ab und schleichen uns in der Dunkelheit nach. Als wir sie bemerken, rennen wir zur psychischen und physischen Erholung davon. Mein Companero hat Pech und wird eingefangen, in eine Hecke geschmissen und mit Handschellen gefesselt. Ich entkomme und renne. Und renne. Finde mein Fahrrad und trete in die Pedale. Auf einer grĂ¶ĂŸeren Kreuzung dann nur ich und zwei Streifenwagen. Blaulicht, Weg abgeschnitten, gebremst, auch Pech gehabt. Einen Moment lang bin ich seltsam erleichtert – es hĂ€tte sich mies angefĂŒhlt davonzukommen, wĂ€hrend mein Kumpel von den Bullen entfĂŒhrt wurde, obwohl er sich gewĂŒnscht hĂ€tte, ich hĂ€tte es geschafft. Eine Crew Straßenarbeiter(_innen?) repariert eine Kreuzung weiter irgendwas unter blinkenden Lichtern und befreit mich nicht. Ich verweigere, was es zu verweigern gibt: Weder nenne ich meinen Namen, noch wirke ich an meiner Durchsuchung mit, noch willige ich ein, auf die Wachstube mitzufahren. Nichts könnt ihr haben, gar nichts. Bei der Durchsuchung an Ort und Stelle finden sie nichts bis auf einen SchlĂŒsselbund und eine Packung Zigaretten, ich bin sauber.

Mein Kumpel und ich werden getrennt auf die nĂ€chste Wachstube gefahren. Bei einem kurzen Zwischenstopp werfen wir uns von Auto zu Auto besorgte Blicke zu. Auf der Wachstube beginnt das Warten. In getrennten RĂ€umen festgehalten weigern wir uns weiter: auf keinen Fall wĂŒrden wir eine Aussage machen oder gar den Namen des/der Mitgefangenen nennen. Ich bin froh mich hinter dem Mund-Nasen-Schutz in diesem BĂŒro des Grauens zumindest ein bisschen unsichtbar machen zu können. Die Cops versuchen natĂŒrlich, mich zu fotografieren. Ich drehe mich weg, weigere mich. Irgendwann schaffen sie es wohl, mir die Maske wegzureißen und ein Foto zu machen, das sie dann zur Fahndung an alle Wachstuben in Österreich mailen. Warten, warten, warten auf der Strafbank unterm Neonlicht. Irgendwann muss ich aufs Klo. Eine Bullin geht mit, die TĂŒr bleibt einen Spalt offen.

Im Lauf der Nacht entscheidet sich mein Freund, seinen Namen zu nennen. Mich packen die Cops in ein Auto und fahren mich zur Kripo. Vor dem KripogebĂ€ude denke ich an Flucht, aber wohin? Auf die menschenleere Alpenstraße? In die Salzach? In einem oberen Stockwerk brennt Licht, dort wartet ein Clown in Zivil darauf, meine FingerabdrĂŒcke und DNA zu stehlen um meine IdentitĂ€t festzustellen. Am Weg nach oben erspĂ€he ich ein Klo, schlĂŒpfe hinein, TĂŒre zu, Schloss umgedreht, endlich in Ruhe pissen. Meine zwei Begleiter mĂŒssen warten und drohen mir danach etwas hilflos Gewalt an, sollte ich nicht an der geplanten „search only“ IdentitĂ€tsfeststellung mitwirken. SelbstverstĂ€ndlich weigere ich mich. Der Typ in Zivil belehrt die beiden, dass somit keine rechtliche Grundlage fĂŒr die ID-Behandlung vorliege. Er nimmt eine Tasche entgegen, in der sich eine Spraydose und eine Trinkflasche befinden sollen. „I moa du bist vom schwoazzn Block,“ schließt er scharfsinnig. Leise triumphierend ĂŒber die erfolgreiche Weigerung werde ich wieder ins Auto verfrachtet und ins PAZ gefahren. Auf dem Weg dorthin drohen mir die Cops, dass ich da jetzt tagelang nicht mehr rauskommen wĂŒrde. Durch die GlastĂŒr im wohlbekannten Gefangenenwarteraum des PAZ beobachte ich, wie den beiden nach und nach die GesichtszĂŒge entgleisen. Ein PAZ-Bulle rauft sich das schĂŒttere Haar. Das ist gut, denke ich. Nach 16 Minuten verlassen wir das PAZ wieder – die wollten mich dort nicht.

Also zurĂŒck auf die Wachstube, wieder Strafbank. Mein Genosse wurde mitterweile entlassen. Es ist noch mitten in der Nacht. Wenn sie mich jetzt rauslassen, geh ich ihn suchen.

Warten, warten, stundenlang. Die Vertreter der Staatsgewalt gehen derweil ihrer BĂŒroarbeit nach, schreiben ihre ideologisch verblendete Version der Geschehnisse auf, gemĂ€chlich, wie um mich zu quĂ€len. Um 7 Uhr, also fĂŒnf Stunden nach meiner Gefangennahme, ruft der Verfassungsschutz an und verrĂ€t den Cops meinen Namen. In der Zwischenzeit haben sie den Vorwurf von „SachbeschĂ€digung“ auf „schwere SachbeschĂ€digung“ upgegradet, 16 in einer Nacht werfen sie uns vor. Damit ist auch die rechtliche Grundlage fĂŒr alles Mögliche geschaffen. Jetzt haben sie meinen Namen, ĂŒberlege ich. Kombiniere: dann können sie mich ja auf freiem Fuß anzeigen. Ich stehe auf, ziehe meine Jacke an und verkĂŒnde im Brustton der Überzeugung, dass meine Anwesenheit ja jetzt nicht mehr nötig sei, und ich daher jetzt gehen wĂŒrde. Das finden die Cops gar nicht lustig, und die TĂŒr zur Außenwelt öffnet sich nicht. Einen Versuch ist es wert.

Ich werde wieder ins PAZ ĂŒberstellt, kriege ein Leintuch, einen Becher, eine ZahnbĂŒrste, zwei Packerl Duschgel ausgehĂ€ndigt und werde eingesperrt. Das Klo ist ein Loch im Boden, das Bettgestell hat schon einmal gebrannt, und alles klebt. Ich verlange Essen und versuche etwas zu schlafen: erst einmal zu KrĂ€ften kommen. Am Nachmittag werde ich aus dem DĂ€mmerschlaf gerissen und in einen Verhörraum gefĂŒhrt. Dort sitzen zwei Zivile: ein kleiner Drahtiger, dauernd den Schlapfen offen, und ein Kasten, offenbar zur EinschĂŒchterung. Ich verweigere die Aussage. Von meinem Recht auf einen Anruf mache ich natĂŒrlich Gebrauch: fuck, ich weiß nur eine einzige Nummer auswendig. Mein Bruder, ojeoje, den will ich da eigentlich nicht mit hineinziehen, aber das muss jetzt wohl sein. Er ist loyal und intelligent, der wird das schon schaukeln. Ich schaffe es, das Telefonat durchzusetzen ohne den Namen der angerufenen Person oder der zu verstĂ€ndigenden Person zu nennen. Das GesprĂ€ch wird allerdings recht schnell wegen Verdunkelungsgefahr unterbrochen, und ich vergesse zu sagen, dass die Bullen meinen Namen kennen. Verhör also. Humpty und Dumpty drohen mir mit allem möglichen. Ich wĂŒrde in Untersuchungshaft kommen. Wenn ich mich weigern wĂŒrde, FingerabdrĂŒcke und DNA abzugeben, wĂŒrde ich verletzt werden. Ich wĂŒrde dann eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung an Beamten bekommen. Sie wĂŒrden die Cobra holen, um mich zu fixieren (ich muss lachen). Dies das. Die Frage, ob ich sie freiwillig in meine Wohnung lassen wĂŒrde – natĂŒrlich nicht – geht in der Litanei irgendwie unter. Soll das die AnkĂŒndigung einer Hausdurchsuchung gewesen sein, frage ich mich viel spĂ€ter?

Wieder in der Zelle nach der erkennungsdienstlichen Behandlung befĂŒhle ich meine Stirn. Sie blutet ein bisschen.

Zum Zweck der ED-Behandlung rĂŒckte dann doch nicht die Cobra an; Humpty und Dumpty winken alles an Bullen, was grad am Gang herumsteht, in den ED-Behandlungsraum um mich gefĂ€hrliche Anarchistin zu bĂ€ndigen. Emma Goldman kommt kurz in meinen Gedanken auf Besuch, „mugshot“ heißt so ein Gefangenenfoto auf Englisch, auf ihrem schaut sie sehr finster. Ich werde hineingezerrt, unsanft auf den Sessel gedropped. Der kleine Raum ist voll mit moralisch zwielichtigen Gestalten in Uniform. Humpty und Dumpty dokumentieren mit der Handykamera. Es herrscht Totenstille. Alle warten angespannt, und ich habe das GefĂŒhl, ich sei die einzige, die weiß, was jetzt passieren wird. Ein GefĂŒhl der Macht in der Ohnmacht lĂ€sst mich die Arme nach hinten ĂŒber die Sessellehne hĂ€ngen, wie eine Boxerin in den Ringseilen. Ich leiste kalkulierten Widerstand: soweit, dass ich es ihnen nicht leicht mache, aber nicht soweit, dass sie mich ernsthaft körperlich verletzen. Es schmerzt mich, meine weltweit einzigartigen FingerabdrĂŒcke abgenommen zu kriegen. Ein kleiner Mann mit hasserfĂŒlltem Gesicht kratzt mir Spuren meiner DNA aus der Stirn, bis ich blute. GlĂŒckwunsch, ihr Arschlöcher.

Danach fĂŒhle ich mich ausgelaugt, und der Schlafmangel tut sein Übriges. Ich mache mir riesige Sorgen um meinen Genossen, immerhin hat er noch was anderes offen. Rauchen, dann schlafen. SpĂ€ter höre ich Gesang aus der benachbarten Schubhaftzelle. Was Religiöses? Mit dem Ohr hĂ€nge ich an der Wand: egal, endlich ein anderer Mensch. Bella Ciao singe ich zurĂŒck, dann noch die erste Strophe der Arbeiter_innen von Wien. Damit ist mein Repertoire erschöpft.

Ich warte. KrĂŒmme mich vor Menstruationsschmerzen. Rauche noch eine. Ein paar Push-ups auf dem klebrigen Boden, danach gut HĂ€nde waschen. Checke nicht, dass gerade zehn Bullen die Wohnung durchsuchen, und meine Mitbewohnerin uns geistesgegenwĂ€rtig verteidigt. Weiß nicht, dass mein Bruder gerade herumtelefoniert, um mich zu befreien. Dass die GefĂ€hrt_innen sich draußen organisieren. Ich gehe davon aus, dass ich den Fußmarsch vom SĂŒden der Stadt nach wohin auch immer allein gehen werde, falls sie mich ĂŒberhaupt rauslassen. Komme ich wochenlang in die JVA? Lohnt es sich, die TĂŒre anzustarren? Es lohnt sich! Um 20 Uhr komme ich raus.

Vor dem PAZ warten Leute auf mich! Sie sind umringt von Uniformierten, ihre Ausweise werden gerade kontrolliert: drei Minuten Verstoß gegen die ab 20 Uhr gĂŒltige AusgangsbeschrĂ€nkung. Gemeinsam hauen wir ab.

Zuhause siehts viel weniger schlimm aus als gedacht. Hausdurchsuchung, das war immer meine große Angst. In meiner Vorstellung sah ich ausgekippte Topfpflanzenerde und aufgeschlitzte PlĂŒschtiere. Nichts dergleichen, aber sie haben mein Zeug durchwĂŒhlt, mein Handy gestohlen und andere Dinge mitgenommen.

Am nĂ€chsten Tag treten meine Mitbewohnerin und ich in Punkto Nachbar_innenschaft die Flucht nach vorne an und hĂ€ngen einen Zettel in Stiegenhaus. „Liebe Nachbarinnen und Nachbarn, Sie haben vielleicht mitbekommen, dass bei uns eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat. 
 völlig ĂŒberzogen 
 Vorwurf Graffiti 
 werden dagegen vorgehen 
 Danke fĂŒr Ihre Anteilnahme 
 Liebe GrĂŒĂŸe.“

Danach beginnt die Antirep-Arbeit. Zum GlĂŒck gibt es Genoss_innen, die uns dabei unterstĂŒtzen. Wegen einer Sekunde gschissn-gschmissn haben wir jetzt wochen- und monatelange Scheiße am Schuh kleben. Das ist wohl auch der Zweck von dem Ganzen, uns einzuschĂŒchtern und handlungsunfĂ€hig zu machen. Die Aufgabe von Bullen und Justiz ist es, Eigentum vor Kollektivierung zu schĂŒtzen und den kapitalistischen Status Quo aufrecht zu erhalten. Deswegen sind sie auch so heiß auf die Mietstreik-Tags, die schon wĂ€hrend des ersten Lockdown in Salzburg und weltweit auf den Mauern der StĂ€dte auftauchten. Ambivalent: Der Artikel ĂŒber unsere Festnahme in der Kronen Zeitung samt Foto von einem Mietstreik-Tag ist in gewisser Weise auch ein großformatiges Inserat. Darunter postete ein User: „Ich bin nicht links, aber da muss ich denen recht geben. Mietstreik gegen die horrenden Mietpreise wĂ€re mal wirklich ein Mittel die Behörden in die Knie zu zwingen.“

Ich schlafe in dieser Nacht wie ein Baby, obwohl ich weiß, dass die Bullen in meinem Zimmer alles angetatscht haben. DafĂŒr sehe ich draußen fĂŒr ein paar Tage an jeder Ecke Bullen, wo gar keine sind. Es gibt Schlimmeres. Mich kriegt ihr nicht klein. Uns kriegt ihr nicht klein. Solange wir zusammenhalten, kann uns nichts brechen. SolidaritĂ€t ist wirklich eine Waffe.

PS:

  • Zum Spazierengehen immer ausreichend Zigaretten, wichtige Medikamente und Tampons (im PAZ gibt’s nur Binden in Schlauchbootformat) mitnehmen
  • Ausreichend Songtexte, TurnĂŒbungen, etc. kennen, damit euch in der Zelle nicht fad wird
  • Telefonnummern auswendig lernen
  • ZimmertĂŒren mit Namen beschriften
  • Handy in einem anderen Zimmer aufbewahren, wenn ihr nicht daheim seid
  • Alle DatentrĂ€ger verschlĂŒsseln, keine Notizen rumliegen lassen
  • Alles verweigern, keine Aussage machen, nicht einschĂŒchtern lassen

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Quelle: Abc-wien.net